
Eine Familie zu gründen und Kinder großzuziehen ist ein Menschenrecht. Dennoch wird Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigungen der Wunsch nach einem eigenen Kind noch immer häufiger abgesprochen als anderen. Zweifel an ihren Fähigkeiten, Vorurteile und fehlende Unterstützungsangebote prägen vielerorts noch immer den Blick auf Eltern mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Seit 20 Jahren setzt sich der Dortmunder Verein MOBILE mit der Begleiteten Elternschaft dafür ein, dass dieses Recht nicht nur auf dem Papier besteht, sondern im Alltag gelebt werden kann.
Was bedeutete begleitete Elternschaft?
Die Begleitete Elternschaft ist ein stationäres oder ambulantes Unterstützungsangebot für Eltern mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Ziel ist es, ihnen ein selbstbestimmtes Familienleben mit ihren Kindern zu ermöglichen und sie dort zu begleiten, wo sie Unterstützung benötigen.
In Dortmund bietet der gemeinnützige Verein MOBILE – Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V. seit 20 Jahren genau diese Unterstützung an. Der Verein setzt sich für die Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung ein und bietet verschiedene Unterstützungsangebote an, darunter die Begleitete Elternschaft für Familien.
Unter Begleiteter Elternschaft versteht MOBILE ein ambulantes Unterstützungsangebot, bei welchem die Familien in eigenen Wohnungen leben und mehrmals wöchentlich, je nach Bedarf, durch Mitarbeiter:innen von MOBILE unterstützt werden.
Finanziert wird die Hilfe über das Jugendamt. Alle sechs Monate wird gemeinsam mit der Familie überprüft, welche Ziele erreicht wurden und welche Unterstützung weiterhin notwendig ist. Zurzeit werden ungefähr 15 Familie von MOBILE betreut.
Unterstützung dort, wo der Familienalltag stattfindet
Wie diese Hilfe aussieht, richtet sich ganz nach den Bedürfnissen der Familien. „Die Arbeit ist super vielseitig und hängt immer total von den Bedarfen der Familien und auch vom Alter der Kinder ab“, erklärt Sozialarbeiterin Lina Jung, die seit zehn Jahren bei MOBILE arbeitet.

Bei Säuglingen stehen zunächst Versorgung und Pflege im Mittelpunkt, darunter auch Behördengänge sowie Arztbesuche. Später kommen Erziehungsfragen, die Vorbereitung auf den Kindergarten oder die Schule oder hinzu.
Gemeinsam werden Anträge ausgefüllt, Entwicklungsgespräche begleitet oder einfach Zeit mit den Kindern verbracht. „Wir gehen zusammen auf den Spielplatz, spielen zu Hause oder überlegen gemeinsam, wie Kinder gut gefördert werden können“, beschreibt Jung ihren Arbeitsalltag.
Häufig arbeiten zwei Fachkräfte mit einer Familie zusammen. Das erleichtert den fachlichen Austausch und gibt auch den Eltern verschiedene Ansprechpersonen. Dabei gehe es nicht darum, den Eltern Aufgaben abzunehmen, sondern sie zu befähigen, ihren Familienalltag eigenständig zu gestalten.
Eine kleine Familie im ganz normalen Alltagschaos
Eine dieser Familien ist die von Jenny. Die Begleitete Elternschaft war für sie schon vor der Geburt ihres Sohnes ein Begriff. Früh stand für sie fest, wenn sie Unterstützung braucht, dann möchte sie diese von MOBILE nutzen.
Nach der Geburt ihres Sohnes führte ihr Weg zunächst in eine Mutter-Kind-Einrichtung, eine Zeit, die sie heute als schwierig beschreibt. Eigentlich sollte auch der Vater des Kindes mit einziehen, doch dazu kam es nicht. Nach einem halben Jahr zog Jenny mit ihrem Sohn schließlich in eine eigene Wohnung.
Für sie war dieser Moment der schönste im ersten gemeinsamen Jahr: „Der Auszug nach Hause.“ Kurz darauf begann die Begleitung durch MOBILE. Heute lebt Jenny mit ihrem Partner, ihrem kleinen Sohn und ihrer erwachsenen Tochter als Familie in Dortmund.
Zwischen Unterstützung, Spielplatz und Kinderlachen
Mehrmals pro Woche kommen die Sozialarbeiterin Lina Jung und ihre Kollegin vorbei und unterstützen dort, wo es im Alltag gerade Fragen oder Herausforderungen gibt. Für Jenny ist dabei vor allem eines entscheidend. Der Umgang miteinander. „Bei MOBILE habe ich nur gute Erfahrungen gemacht“, erzählt sie.

Besonders schätzt sie, dass sie und ihre Familie respektvoll behandelt werden. „Ich habe noch nie erlebt, dass jemand schlechte Laune an uns ausgelassen hat.“ Nach den Erfahrungen in der Mutter-Kind-Einrichtung sei es für sie wichtig gewesen, Unterstützung zu bekommen, bei der sie sich ernst genommen fühlt.
Die Hilfe bedeutet für Jenny vor allem Sicherheit aber nicht, dass andere ihren Familienalltag übernehmen. Denn der sieht heute vor allem nach einem ganz normalen Leben mit einem Kleinkind aus: Wäsche waschen, kochen, putzen und gemeinsam Zeit verbringen.
Die schönsten Momente sind für sie die kleinen Augenblicke zwischendurch. Wenn ihr Sohn lacht oder wieder etwas Neues entdeckt. Und auch die Herausforderungen gehören dazu. Besonders das Wickeln bringt Jenny derzeit zum Lachen: „Er möchte am liebsten alles erkunden.“
Die stillen Vorurteile in der Gesellschaft
Auch wenn Jenny selbst kaum negative Erfahrungen gemacht hat, begegnen viele Eltern mit einer kognitiven Beeinträchtigung Vorurteilen. Diese seien häufig nicht offen ausgesprochen, sondern äußerten sich eher in einer grundsätzlichen Skepsis, berichtet Lina Jung.

„Da bestehen manchmal Bedenken, ob die Eltern das überhaupt schaffen können.“ Aus Gesprächen mit Familien wisse sie, dass ihnen ihr Kinderwunsch teilweise sogar aus dem persönlichen Umfeld ausgeredet worden sei.“
Gerade deshalb sei es wichtig, Eltern zunächst einmal Vertrauen entgegenzubringen. „Es ist wichtig, ihnen nicht von vornherein abzusprechen, dass sie diese Kompetenzen erlernen können“, sagt Jung. Oft bewirke schon dieses Zutrauen sehr viel. „Die Eltern merken dann: Da ist jemand, der daran glaubt, dass wir das schaffen können.“
Nicht jede Unterstützung führe zwangsläufig dazu, dass Familien dauerhaft ohne Hilfe auskommen. Manchmal reichten ambulante Angebote nicht aus und intensivere Hilfen würden notwendig. Dennoch sollte Familien nach Möglichkeit zunächst die Chance gegeben werden, ihren eigenen Weg zu gehen.
Ein Blick auf die neue Rechtslage und die Zukunft
MOBILE begleitet Familien mit Behinderung nun seit zwei Jahrzehnten auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe. In den vergangenen Jahren wurden die Rechte von Menschen mit Behinderung durch wichtige rechtliche Grundlagen gestärkt.
Die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz zielen darauf ab, Menschen mit Behinderung, auch als Eltern, eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Das Bundesteilhabegesetz legt fest, welche Unterstützungsleistungen Menschen mit Behinderung erhalten können und wie diese finanziert werden.
Trotz dieser rechtlichen Fortschritte sind entsprechende Angebote in der Praxis jedoch nicht flächendeckend verfügbar. Insbesondere im ländlichen Raum mangelt es an Unterstützungsstrukturen. Hinzu kommt, dass soziale Angebote zunehmend unter finanziellen Druck geraten, was die Situation zusätzlich erschwert.
Die Rolle der Gesellschaft und der Politik
Ulla Riesberg, die Teamleitung Begleitete Elternschaft und eine der Sprecher*innen der Bundesarbeitsgemeinschaft Begleitete Elternschaftsieht weiterhin großen Handlungsbedarf. Die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes verlaufe nach wie vor „sehr holperig“, vieles stagniere und Verhandlungen kämen kaum voran.

Sie wünsche sich deshalb nicht nur mehr politisches Engagement, sondern auch einen gesellschaftlichen Wandel. Mehr Inklusion, mehr Offenheit und ein größeres Bewusstsein für die Lebensrealität von Eltern mit Behinderung seien notwendig, um Vorurteile abzubauen.
Auch für Lina Jung ist deshalb klar, worauf es künftig ankommt: „Ich wünsche mir, dass das Angebot erhalten bleibt und noch viel mehr Familien erfahren, dass es diese Unterstützung überhaupt gibt.“
Vor allem dürfe diese Gruppe nicht aus dem Blick geraten. Denn die Geschichte von Jenny zeigt, worum es bei der Begleiteten Elternschaft letztlich geht: nicht darum, perfekte Eltern hervorzubringen, sondern Familien die Chance zu geben, ihren Alltag selbstbestimmt zu gestalten und das Menschenrecht auf Elternschaft mit Leben zu füllen.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

