Lust auf neue Perspektiven? „Unheimliche Verschiebungen“ sorgen in der City für Spannung

Urbane Künste Ruhr lädt zum künstlerischen Stadtrundgang ein

Aleksandra Domanovic irritiert mit ihrer Arbeit „Departures (hottest to coldest)“ die Menschen im Dortmunder Hauptbahnhof. Ihre Anzeigetafeln zeigen keine Abflugzeiten, sondern die jeweils aktuelle Temperatur in 200 Hauptstädten und regen zum Nachdenken über den Klimawandel an. UKR / Henning Rogge

Unter dem Motto „Unheimliche Verschiebungen“ kann man ab dem kommenden Wochenende (22. August) bei einem Rundgang Kunst an verschiedenen Orten der City entdecken. Ob Hauptbahnhof, Dietrich-Keuning-Haus, ehemaliger Optikerladen oder auch St. Petri – Perspektiven verschieben sich und Vertrautes erscheint in neuem Licht. Unheimlich gruselig ist die Ausstellung aber nicht.

Das Unheimliche als Grundstimmung der Gegenwart

Angesichts ökologischer, sozialer und politischer Wechselwirkungen in unserer Zeit, kann einem schon mulmig werden und so „könnte das Unheimliche als ein Zustand gelten, der die Grundstimmung der Gegenwart treffend charakterisiert“, findet Britta Peters, Künstlerische Leiterin Urbane Künste Ruhr. Gemeinsam mit Kuratorin Alisha Raissa Danscher hat sie eine Ausstellung konzipiert, die diesen Entwicklungen und Emotionen Rechnung trägt.

Orgelsound von Anushka Chkheidze erklingt in St. Petri. Auch die Gruppe Transsolar und Joanna Piotrowska stellen hier aus. UKR / Henning Rogge

An neun Orten in der Dortmunder Innenstadt haben sich internationale Künstler:innen mit Themen wie Klimawandel, Kriegsgeschehen, Machtfragen, Migrationsgeschichte oder auch der konkreten städtischen Umgebung auseinandergesetzt.

Skulpturen, Installationen und performative Arbeiten sind größtenteils für die Ausstellung neu entstanden: „Sie illustrieren die Themen aber nicht, die Künstler:innen reagieren frei darauf“, erklärt Danscher und „trotz der Schwere der Themen gibt es auch Schönheit und Hoffnung.“___STEADY_PAYWALL___

Von Dortmund Hauptbahnhof nach Kuwait um 42,5?

Einfach ist es sich nicht, wenn man den Hauptbahnhof ins Zentrum einer Ausstellung rückt, der zuletzt immer wieder negative Schlagzeilen machte. Soziale Problemlagen werden im Bahnhofsumfeld besonders spürbar, Wohnungslose suchen hier Zuflucht, Sicherheitskräfte patrouillieren – und nun Kunst?

Wegweiser durch die Stadt Lisa Łuczkowski

Für Britta Peters war genau dies spannend: „In Spitzenzeiten sind hier 130.000 Menschen am Tag, der Bahnhof ist wie eine eigene Stadt. Alles ist hier in Bewegung, er ist ein Ort des Transits und zugleich ein sozialer Ort.“

Mitten in der Halle, auf der Rückseite des Service Points, befindet sich das Kunstwerk „Departures (hottest to coldest)“ von Aleksandra Domanović. Eine Monitorwand, vergleichbar den Anzeigetafeln auf Flughäfen, präsentiert hier nicht die Abflugzeiten, sondern Klimadaten. Ein globales Ranking von 200 Hauptstädten, auf Basis der dort herrschenden Lufttemperaturen, das sich ständig aktualisiert

Bahnhofsmanager Jörg Seelmeyer gefällt es: „Das Thema Klimawandel ist uns wichtig, die Arbeit passt gut hier her und sorgt für Nachdenklichkeit. Die Menschen kommen darüber in Gespräch.“ Alle Mitarbeitenden sind informiert, denn bereits in den ersten Tagen nach dem Aufbau wurde das Personal in der Halle gefragt, seit wann man denn nun von Dortmund auch nach Kuwait käme. Offenbar trauen die Dortmunder:innen der Bahn hier vieles zu.

„Das entspricht unserer Idee von Kirche: offen und inspirierend“

Der Klimawandel ist auch ein Thema in St. Petri. Das Team von „Transsolar“ hat eine Skulptur aus alten Klimageräten mitten in die Kirche gesetzt. Gerade angesichts der letzten Hitzewellen wurde deutlich: kühle Orte sind begehrt, Klimageräte teuer – doch durch die Kühlung entsteht wiederum Abwärme. „Einfach cool“ heißt die Skulptur, aber so cool ist es eben nicht, wenn der eigene Komfort auf Kosten der Allgemeinheit geht.

Christel Schürmann ist Geschäftsführerin der Stadtkirche St. Petri in der Dortmunder Innenstadt. Polina Zatulko | Nordstadtblogger

Drei weitere spannende Arbeiten sind im Kirchenraum zu finden: Joanna Piotrowska zeigt großformatige und doch fragile Collagen, in denen sie Schwarz-Weiß Fotos mit Stoffen kombiniert, die sie auf Flohmärkten gefunden hat. Hier kann man Spuren suchen und zu Geschichten verbinden.

Auch Ziran Sha Pei wählt ungewöhnliche Materialien für die künstlerische Arbeit. Die Malerei auf ausrangierten Krankentragen weckt Assoziationen zwischen Not und Geborgenheit und sensibilisiert für die Fragilität des Lebens.

Und über allem schwebt der Klangteppich von Anushka Chkheidze. Sie hat Chorstimmen, Orgel und Elemente elektronischer Musik für „Polyphone Meters/Matters“ vereint und ist der Überzeugung: „Unsere Stimmen können zueinander finden, unabhängig von unserer Herkunft.“ 

Christel Schürmann, Pfarrerin von St. Petri, freut sich über die Zusammenarbeit mit Urbane Künste Ruhr: „Die Arbeiten hier sind sehr schön, das alles entspricht unserer Idee von Kirche: offen und inspirierend.“

Ehemaliger Optikerladen bietet neue Perspektiven

Dann führt der Weg in die Hansastraße. Neben den etablierten Kunstorten wie Hans C oder dem Stadtraum des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte, die auch alle Teil des Parcours sind, ist ein ehemaliges Optikergeschäft im Haus Nummer 26-28 neuer temporärer Kunstort geworden.  

Ellinor Aurora Aasgaard und Zayne Armstrong zeigen „The Factory“ (2026) in einem ehemaligen Optikerladen in der Hansastraße. UKR / Henning Rogge

Hier haben Ellinor Aurora Aasgaard und Zayne Armstrong „The Factory“ installiert, eine Art Kulissenmalerei, die in jede Hinsicht vorgeschoben ist, denn auch das ehemalige Ladenequipment ist weiterhin sichtbar.

Ihre Motive sind vom Mittelalter inspiriert, doch die Heiligen in ihren Nischen sind durch Transformer-Figuren ersetzt worden. Vielleicht ist es auch ein skurriles Fitness-Studio? Auf den Displays läuft Pilates-Training, aufblasbare Figuren im Raum werfen sich in Pose und fallen wieder in sich zusammen. Eine groteske Welt.

Erinnerungen und Träume verbinden sich auf der Brückstraße

Drei weitere Positionen sind im ehemaligen Optikerladen zu sehen – erwähnt sei hier vor allem der neue Film der Dortmunder Künstlerin Silke Schönfeld über die „Brückstraße“. Wieviele Erinnerungen verbinden sich mit dieser Straße, wieviele Ideen und Träume? Schönfeld weiß es, sie hat selbst im „Le Grand“ getanzt, bei Schwarze geshoppt und für den Film lange im Stadtarchiv recherchiert.

Silke Schoenfeld zeigt ihren Film „Brückstrasse“ im ehemaligen Optikerladen, Hansastraße 26-28 UKR / Henning Rogge

Ganz unterschiedliche Menschen kommen bei ihr zu Wort, sie alle haben versucht hier etwas zu gestalten, sei es mit einem Geschäft oder – wie Dortmunds ehemaliger Kulturdezernent Jörg Stüdemann – durch politische Entscheidungen: War es richtig das Konzerthaus hier anzusiedeln? 20 Minuten dauert der stimmungsvoll inszenierte Film und die Zeit sollte man sich unbedingt nehmen.

Überhaupt die Zeit – eigentlich braucht man einen halben Tag, denn an den Skulpturen P0-22 von Hans Ostapenko und MNPL (nahe Café Bernstein) sowie Neda Saeedis „Monument of Oblivion“ (Wiese vor der Bibliothek) sollte man nicht einfach vorbei hetzen und auch die Soundinstallation auf Etage 4 im Dortmunder U verdient es gehört zu werden.

Insgesamt sind 15 Positionen zu sehen und zu hören – ob es da überhaupt noch jemand auf die andere Seite des Bahnhofs schafft?

„Kein schöner Archiv“ lädt zum Zuhören ein

Auch ein Besuch in der Nordstadt wäre dringend zu empfehlen, denn Michael Annoff und Nuray Demir (Kein schöner Archiv) haben auf dem Vorplatz des Dietrich-Keuning-Hauses fünf Hörstationen installiert, die einen innehalten lassen.

Stimmen aus „Kein schoener Archiv“ erklingen an fünf Stationen am Dietrich-Keuning-Haus. UKR / Henning Rogge

Unter dem Titel „Negative Gemeinschaft“ haben sie Stimmen von Menschen gesammelt, die sich um Gemeinschaft bemühen und sie fragen: Wer gehört dazu? Wo ist mein Platz?

Ein Dortmunder Imam spricht, wir hören einem Musiker zu, der Bağlama (Saz) spielt und zwei Frauen erzählen, die 2015 hier im Keuning-Haus geholfen haben, als am Hauptbahnhof die Menschen aus Syrien ankamen.

Es geht um Hilfsbereitschaft, Bürokratie, Veränderungen der Gesellschaft und schließlich auch die Fragen einer neuen Generation. Am Eingang zur U-Bahn gibt die albanisch-deutsche Künstlerin Anna Ehrenstein mit liebevollem Sarkasmus die „Ghettoexpertin“ und fordert Räume, in denen man sich nicht länger erklären muss.

Die Mischung der Beiträge ist bemerkenswert, einfach und vielschichtig zugleich. Bleibt zu hoffen, dass viele Menschen hier stehen bleiben, zuhören, den Blick schweifen lassen und danach vielleicht anders hinsehen.

Künstler*innenhaus wird zum Labor für Bodenexperimente

Außerdem in der Nordstadt: „Tingling Earth – Schauer unter der Haut der Erde“. Das Künstler*innenhaus Dortmund ist ebenfalls Teil des Parcours und zeigt eine Art Ausstellung in der Ausstellung: „Wir teilen mit Urbane Künste Ruhr das Interesse an den Themen“, erklärt Jana Kerima Stolzer, aber in Sachen Konzept und Auswahl der Künstler:innen war das Team frei.

Eine Ausstellung in der Ausstellung zum Thema Boden präsentiert das Künstler*innenhaus Presse Künstler*innenhaus Dortmund

Um den Boden geht es hier, der unsere Lebensgrundlage ist und Lebensraum für zahlreiche Organismen. Das Künstler*innhaus wird zum Labor. Neben der Kunst liegt ein Schwerpunkt auf Workshopangeboten und auch der „Garten der 7000 Schmetterlinge“ macht mit.

Am Samstag, 22. August um 15 Uhr kann es losgehen. Dann findet auf dem Vorplatz von Sankt Petri die feierliche Eröffnung der Ausstellung mit Reden u.a. von Pfarrerin Christel Schürmann und Britta Peters statt. Hier am Infostand, aber auch an allen anderen Standorten, gibt es ein Booklet mit Lageplan und Infos zu den Künstler:innen. Bis zum 4.Oktober ist dann Zeit, die Kunst und die Stadt und alles Dazwischen zu entdecken.

Auf einen Blick

  • Unheimliche Verschiebungen. Eine Ausstellung rund um den Dortmunder Hauptbahnhof
  • Eröffnung 22. August um 15 Uhr auf dem Vorplatz von Sankt Petri
  • 22.8.2026 – 4.10.2026; Öffnungszeiten: Mittwoch – Sonntag, 11-18 Uhr
  • Der Besuch der Ausstellung ist kostenlos.
  • Begleitend zur Ausstellung findet ein vielfältiges Programm aus Performances, Talks, Konzert und Führungen statt. 
  • Mehr Infos, Flyer und Lageplan auf der Webseite von Urbane Künste Ruhr

 

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