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Einsatz für Biodiversität und Klimaschutz: Dortmunder Umweltamt schickt Open-Source-Saatgut an 250 Kommunen

Die Sunviva-Tomate ist aus frei nutzbarem Saatgut gezüchtet. Durch den massiven Einsatz von sterilem Hybrid-Saatgut ist die Artenvielfalt bedroht und die Landwirte geraten immer mehr in Abhängigkeit von Konzernen. Foto: Agrecol

Von Anna Lena Samborski

Der Begriff Open-Source-Software ist mittlerweile weit bekannt. Doch was hat es mit der Open-Source-Lizenz für eine Tomate auf sich? Und was hat sie mit den Themen Ernährungssouveränität und Klimafolgenanpassung zu tun? Hierzu informiert das Umweltamt der Stadt Dortmund seit zwei Jahren – und verbreitet das Saatgut der Open-Source Tomate „Sunviva“ in der Stadtgesellschaft. Doch auch über die Stadtgrenzen hinaus will das Umweltamt das Thema bekannt machen und startete nun zusammen mit dem Verein Kommunen für biologische Vielfalt e.V. eine bundesweite Aktion: Über 250 Kommunen erhielten nun ein Starterset mit Saatgut und Informationsmaterial per Post. Und auch Interessierte in Dortmund können weiterhin Saatgut beim Umweltamt erhalten.

Ein Großteil der gängigen Gemüsesorten mit „Sortenschutzrecht“ belegt

Fotos (2): Anna Lena Samborski

Vor zwei Jahren startete das Umweltamt der Stadt Dortmund das Projekt zur Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Dabei wurde das Saatgut der Open-Source-Tomate in der Stadtgesellschaft verbreitet – und so auf die Bedeutung der Artenvielfalt für die Ernährungssouveränität aufmerksam gemacht.

Um die Hintergründe zu verstehen, lohnt es sich einen Blick auf die gängigen Gemüsesorten aus dem Supermarkt zu werfen: Der größte Teil Obst und Gemüse, der in Europa angeboten wird, ist mit einem sogenannten „Sortenschutzrecht“ belegt – also sozusagen einem Pflanzenpatent.

Der Sortenschutz berechtigt lediglich die Inhaber*innen zu einer Vermehrung und zum Vertrieb des Saatguts bzw. zum Verkauf entsprechender Lizenzen. Die durchschnittliche Landwirtin oder der durchschnittliche Landwirt würde sich somit strafbar machen, wenn er oder sie neues Saatgut für das nächste Jahr aus den eigenen Früchten ziehen würde.

Saatgutmarkt wird von drei großen Chemiekonzernen kontrolliert

Mitarbeiter*innen des Umweltamtes bei der Ernte. Fotos (3): Karsten Wickern / Archiv

Dazu kommt, dass eine natürliche Vermehrung des Saatguts bei den meisten Sorten gar nicht mehr möglich ist. Denn es handelt sich in den überwiegenden Fällen um hybride Pflanzen: Bedingt durch Zuchtvorgänge bringen die Samen der Früchte keine vollwertige Pflanze im Sinne der Sorte mehr hervor.

Das zementiert weiter die Abhängigkeit der Landwirt*innen von den Inhaber*innen der Sortenschutzrechte: Jedes Jahr muss neues Saatgut kommerziell erworben werden. Eine Weiterentwicklung der Sorte durch Züchtung, um die Pflanzen zum Beispiel an die bestimmten Boden- oder (veränderte) Kimaverhältnisse anzupassen ist auch nicht mehr möglich.

Nicht wenig überraschend ist die Monopolbildung auf dem kommerziellen Saatgutmarkt: Drei große Chemiekonzerne kontrollieren nämlich 60 Prozent des Saatguthandels. Und die Artenvielfalt (Biodiversität) leidet unter diesem System. So sind seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts 90 Prozent (!) der Nutzpflanzen-Vielfalt verloren gegangen.

Saatgut als Allgemeingut: Initiative entwickelt Open-Source-Lizenz für Nutzpflanzen

Das Starterset mit Saatgut und Infomaterial erhielten über 250 Kommunen deutschlandweit.

Wollten es kleine Züchter*innen anders machen – und ihre Sorte zur freien Nutzung und Vermehrung des Saatguts als Gemeingut zur Verfügung stellen – war das bis vor einigen Jahren gar nicht so leicht. Denn es bestand immer die Gefahr durch die Anmeldung von Sortenschutzrechten durch Dritte.

In Anlehnung an das Konzept der Open-Source Software hat so die Initiative OpenSourceSeeds  aus Marburg 2017 eine Open-Source-Lizenz für Nutzpflanzen entwickelt. Diese Lizenz bekam auch die in Dortmund verwendete Tomatensorte „Sunviva“.

Die Open-Source-Lizenz schützt rechtlich die Sorte  vor Privatisierung und sichert langfristig die Bereitstellung als Allgemeingut. Die Samen dürfen vermehrt, verschenkt und verkauft werden – jedoch muss hierbei immer die Lizenzvereinbarung mitgegeben werden.

Solidarische Landwirtschaft „Kümper Heide“ vermehrte Saatgut in Dortmund

Eine Anpassung und Weiterentwicklung durch Zucht ist dabei ausdrücklich erlaubt  – die Weiterentwicklungen sind dabei ebenfalls automatisch durch die Open-Source-Lizenz geschützt.

In Dortmund arbeitet das Umweltamt mit der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) „Kümper Heide“ zusammen, die die Aussaat, Pflege, Ernte und Trocknung des Saatguts übernommen hat. Das Umweltamt bot außerdem in den letzten beiden Jahren mehrere Veranstaltungen zur Öffentlichkeitsarbeit an – und verteilte hierbei das Saatgut an die Teilnehmer*innen.

Außerdem gab es zum Beispiel eine Kooperation mit der Johann-Gutenberg-Realschule. Hier bauten die Schüler*innen die Tomate an, vermehrten sie und verteilten das Saatgut ebenfalls weiter. Über die Fortschritte im Projekt informieren die Schüler*innen außerdem auf einem eigenen Blog.

Über 250 Kommunen bundesweit erhielten Starterset vom Dortmunder Umweltamt

Das Dortmunder Umweltamt möchte nun über den Verein Kommunen für biologische Vielfalt e.V. das Thema Open-Source-Nutzpflanzen auch in andere Kommunen bringen. In dem Verein sind über 250 Kommunen organisiert, die sich für Biodiversität einsetzten möchten.

So sieht das fertige Saatgut aus.

Das Umweltamt hat die Dortmunder Erfolge mit dem Open-Source-Saatgut zunächst auf der Homepage des Vereins vorgestellt. Und hat nun in einem zweiten Schritt ein Starterset mit Saatgut und Informationsmaterial an alle Mitgliedskommunen verschickt.

Erste interessierte Rückmeldungen kamen bereits bei Christian Nähle, Ansprechpartner beim Dortmunder Umweltamt, an. Es gäbe schon einige innovative Projektideen für die Nutzung und Verbreitung der Sunviva-Tomate und deren Saatgut in anderen Kommunen, so Nähle erfreut.

Und auch interessierte Dortmunder Bürger*innen können weiterhin Saatgut beim Umweltamt erhalten. Corona-bedingt ist ein Starterset sogar ganz bequem per Post zu bekommen. Hierzu können Interessierte eine formlose Email mit Adressangeb an Christian Nähle (cnaehle@stadtdo.de) schicken.

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Weitere Informationen:
  • Homepage der OpenSourceSeeds Initiative, hier:
  • Homepage des Vereins Kommunen für biologische Vielfalt e.V., hier:
  • Blog der Johann-Gutenberg-Realschule zum Sunviva-Projekt, hier:
  • Anleitung „Tomaten selbst zu ziehen ist gar nicht schwer!“ der Heinrich-Böll-Stiftung, hier:

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

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