Einblicke in die Arbeit von Streetwork und dem Jugendtreff am Hafen: „Bist du heute AWO?“

Aufsuchende Arbeit: Erst kommt das Vertrauen, dann die Hilfe

Mit ihren E-Scootern und leuchtenden Jacken ist das AWO-Streetwork-Team um Maria Bassano in der Nordstadt unterwegs. Foto: AWO Dortmund/ privat

In einer Serie beleuchten wir die Lage der Jugendarbeit in Sachen Streetwork. Im 3. Teil besprochen wir mit dem Team des AWO-Jugendtreffs und des Streetworks im Hafen, die mit Vertrauensarbeit die Jugendlichen in stationäre Angebote holen wollen – oder direkt vor Ort mit ihnen arbeiten.

Im Jugendtreff Hafen und auf der Straße der Nordstadt setzen Maria Bassano (Leitung des AWO-Streetwork) und Jugendtreffleiterin Nathalie Roß auf dasselbe Prinzip: erst Vertrauen, dann Hilfe. Allerdings steigt der Bedarf deutlich: Die Quasi-Schließung des städtischen Streetworks und von Jugendtreffs, dazu ein höherer Kontrolldruck und die Verdrängung von Jugendlichen durch Polizei und Ordnungsamt. Immer mehr Jugendliche suchen daher einen unverzweckten Raum, wo sie sich aufhalten können und auch etwas zu essen bekommen. Die Sorgen sind groß: „Wisst ihr eigentlich, was derzeit in der Nordstadt los ist?“

Niemand muss mitmachen, niemand wird zu etwas verpflichtet

Für viele Jugendliche in der Nordstadt heißt der Ort am Hafen offiziell Jugendtreff Hafen. Sie selbst nennen ihn nur AWO. „Bist du heute AWO? Ich bin AWO, kommst du auch?“, fragen sie sich gegenseitig, erzählt Nathalie Roß, Sozialarbeiterin und seit Anfang 2024 Leiterin des Treffs. 

Nathalie Roß leitet den AWO-Jugendtreff Hafen. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Der Trägername ist zum Ortsnamen geworden – und steht stellvertretend für das, was den Treff und das benachbarte AWO-Streetwork ausmacht: Offenheit ohne Bedingungen. 

„Das ist wirklich das Wertvolle an unserer Arbeit, dass jeder kommen und gehen kann, wie er möchte“, sagt Roß. Niemand muss mitmachen, niemand wird zu etwas verpflichtet. Wer kommt, weil er Bock hat, bleibt auch dabei und das spricht zwischen 40 und 60 Jugendlichen an Öffnungstagen an.

Ein Ort für den Nachmittag, nicht für Hausaufgaben

Dienstags und mittwochs von 15 bis 20 Uhr, freitags bis 21 Uhr öffnet der Treff für 12- bis 18-Jährige. Im Zentrum steht das offene Angebot: Spielen, Sport, gemeinsames Kochen, Ausflüge, Veranstaltungen. 

Maria Bassano leitet das Streetwork der AWO. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Schulische Nachhilfe spielt kaum eine Rolle, sagt Roß – wer Hilfe bei der Ausbildungsplatzsuche oder Jobsuche braucht, findet sie und die Jugendlichen kommen gern her, um ihre Freizeit zu verbringen.

Donnerstags kommt mit der „Teens Night“ ein zweites Format hinzu, ein Projekt von Bassano über das Landesjugendwerk in Münster für die Älteren ab 16: Sexualität, Beziehungen, Aufklärung – bewusst getrennt von den Jüngeren, weil die Jugendlichen selbst darum gebeten haben.

Musik, Kunst und ein eigener Garten

Wie groß der Bedarf über das offene Programm hinaus ist, zeigt sich am Tonstudio: Es ist so gefragt, dass der Treff seit einem Jahr ein eigenes kleines Musikprojekt eingerichtet hat. Die Jugendlichen bringen sich das Spielen selbst bei, mit YouTube-Tutorials, und werden dabei, so Roß, „wirklich richtig gut“. 

Aus einer Abstellkammer wurde ein Kreativraum. Foto: AWO Dortmund/ privat

Ähnlich ist der Kunstraum entstanden: aus einer ehemaligen Abstellkammer zwischen Küche und Büro, in der inzwischen mit Acryl, Öl, Ton und Perlen gearbeitet wird – je nachdem, was die Jugendlichen gerade auf TikTok oder Instagram gesehen haben und ausprobieren wollen. Beide Projekte funktionieren nach demselben Prinzip: Bedarf erkennen, Mittel dafür finden, schnell reagieren.

Auch der Garten hinter dem Treff ist ein Ort, den die Jugendlichen gerne nutzen. „Ich glaube, 99 Prozent von denen haben keinen eigenen Garten“, sagt Roß. Über den IGA-Fonds soll die Fläche in diesem Jahr um eine weitere Sitzgelegenheit erweitert werden.

Erst kommt das Vertrauen, dann die Hilfe

Mit ihren E-Scootern und leuchtenden Jacken ist das Streetwork-Team der AWO in der Nordstadt unterwegs. Foto: AWO Dortmund/ privat

Während der Treff ein Ziel ist, beginnt die Arbeit für Maria Bassano, Streetworkerin der AWO für die Bereiche Hafen und Nordmarkt, oft mitten auf der Straße. Ihre Grundregel: nicht mit der Tür ins Haus fallen. „Haste Probleme? Das ist voll cringe“, sagt sie. „Die Jugendlichen wollen erst mich kennenlernen, nicht ich sie.“ 

Erst wenn sie an ihr „geschnuppert“ haben, wie Bassano es nennt, kommen sie zum Treff, schnuppern dort wieder – und erst dann zeigt sich, wo jemand eigentlich Unterstützung braucht.  Diese Beziehungsarbeit lässt sich nicht in fünf Minuten auf der Straße leisten, sie muss gepflegt werden, sagt Bassano. Deshalb arbeiten Streetwork und Treff bewusst eng zusammen: „Ich arbeite mittlerweile mit Nathalie Hand in Hand“, sagt Bassano, „wie Zahnräder.“

Vielfältige Arbeit: Schach, E-Scooter, Begleitung zum Amt

Konkret bedeutet Streetwork für Bassano feste Routen durch Hafen, Nordmarkt und den Keuningpark, dazu mobile Angebote: Karten- und vor allem Schachspiele, das „Straßenspiel Nummer eins“, das viele schon aus der Grundschule kennen. Ein 18-jähriger Teilnehmer bringt inzwischen selbst anderen Kindern komplexe Zugfolgen bei. 

Der Treff setzt auf viele Kreativangebote – möglich machen das Förderanträge. Foto: AWO Dortmund/ privat

Roß sagt: „Wenn man die Jugendlichen näher kennenlernt, sieht man, was für Potenziale da drinstecken, die aus familiären oder finanziellen Gründen oft nicht ausgeschöpft werden können.“ Mit dem E-Scooter fahren Bassano und ihr Teamaus Honorarkräften regelmäßig durch die Hotspots, um zu sehen, was gerade passiert. 

Wo nötig, wird die Beziehungsarbeit ganz praktisch: Begleitung zum Frauen- oder Zahnarzttermin, den sich Mädchen ohne Erlaubnis der Eltern nicht zutrauen, oder zum Jobcenter, wenn niemand weiß, wo man eigentlich hinmuss.

Bezahlt wird die Stelle, nicht die Arbeit

Die Kernaufgabe wird vom Jugendamt finanziert. Kochangebot, Musikprojekt, Kunstraum, das Politikprojekt, die Teens Night: Das alles läuft über zusätzlich eingeworbene Mittel. 

Mit vier Förderanträgen – u.a. durch die Bezirksvertretung – kamen die Jugendlichen zu einer Freizeit. Foto: AWO Dortmund/ privat

Wie viel Aufwand das bedeutet, zeigt die Sommerfreizeit nach Kroatien in diesem Jahr. Die Fahrt für 20 Teilnehmende für zehn Tage wurde finanziert über einen Antrag bei der Bezirksvertretung Nordstadt, bei dem die Jugendlichen selbst ihr Projekt vorstellten, eine Zusage der ProFiliis-Stiftung und eine Spende von Amazon. 

Für jeden Euro braucht es am Ende einen Verwendungsnachweis – Aufwand, den Roß in Kauf nimmt, weil sie weiß, was er bewirkt: Ein Teilnehmer, der zuvor nie das Meer gesehen hatte, konnte es in Kroatien zum ersten Mal erleben.

Auch im Kleinen setzt das Team bewusst auf Vertrauen statt Kontrolle: Statt fest verplanter Einkaufs- oder Kundenkarten bekommen Jugendliche Bargeld in die Hand, um für den Kochabend einzukaufen, inklusive Quittungspflicht. „Es ist noch nie passiert, dass jemand mit dem Geld einfach verschwunden ist“, sagt Bassano.

Auspowern mit der Kirche

Dass die jungen Menschen mit steigenden Belastungen zu kämpfen haben, zeigt sich auch im gestiegenen Aggressionspotenzial, das Roß und Bassano in den vergangenen Jahren beobachtet haben. 

Gemeinsam mit der Christuskirche bietet der Treff und das AWO Streetwork deshalb einmal wöchentlich ein Antiaggressionsprojekt für Jungen an. Rund 25 bis 30 Jugendliche nehmen regelmäßig an diesem von Landesjugendamt finanzierten Projekt teil, viele mit eigenen Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung im Gepäck.

Bewusst für Mädchen

Ungewöhnlich ist zudem die Geschlechterverteilung im Treff: Anders als in vielen offenen Jugendeinrichtungen, die laut Roß häufig überwiegend von Jungen genutzt werden, liegt die Quote hier bei etwa 60 zu 40. Das Team achtet bewusst darauf, dass sich Mädchen im Treff wohlfühlen und sicher genug sind, sich zu öffnen – auch für Gespräche über Rollenbilder und Selbstbestimmung, die im Alltag mancher Jugendlicher noch ganz eigenen, überholten Vorstellungen folgen.

Der Treff setzt auf viele Kreativangebote – möglich machen das Förderanträge. Foto: AWO Dortmund/ privat

Was das alles kostet, wird selten diskutiert – was es einspart, noch seltener. Dabei ist unbestritten günstiger, Jugendliche früh aufzufangen, als sie Jahre später über Wohngruppen, Psychiatrie oder andere intensive Hilfen wieder aufzubauen.

Roß und Bassano sehen sich deshalb permanent im Zustand der Mitteleinwerbung für Angebote, die eigentlich selbstverständlich sein sollten: ein Ort ohne Konsumzwang, an dem junge Menschen einfach sein dürfen. Eben „unverzweckte Räume“.

Manchmal reicht das schon, um jemanden für ein paar Stunden von der Straße zu holen – hinein in einen Ort, den die Jugendlichen selbst längst nicht mehr bei seinem offiziellen Namen nennen.


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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