Digitale Gewalt gegen Frauen: „Online. Öffentlich. Angegriffen“ und was man dagegen tun kann

Podiumsdiskussion in der DASA im Rahmen „Frauentermine Dortmund“

Die Frauentermine Dortmund zeigen jedes Jahr aufs Neue, wie vielfältig, engagiert und kraftvoll die Frauen dieser Stadt sind. Die Veranstaltung fand im Rahmen dieses Programms statt. Foto: Polina Zatulko für Nordstadtblogger

Was sollen wir als Gesellschaft gegen digitale Gewalt tun? Dieser Frage widmete sich eine Podiumsdiskussion in der DASA Dortmund. Organisiert durch das Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund und der DASA-Arbeitswelt. Im Mittelpunkt standen aktuelle Entwicklungen rund um das Thema Gewalt, die Auswirkungen auf Betroffene sowie die Frage, wie der gesellschaftliche Umgang mit digitalem Hass gelingen kann.

Debatte zur präsenten Gewalt im Netz

Zwischen 16 und 58% aller Frauen weltweit sind von digitaler Gewalt betroffen – zeigt die UN-Women-Studie. Aber die Zahlen entsprechen dem realen Ausmaß nicht, da viele Betroffene nicht erkennen, dass sie digitale Gewalt erlebt haben, betonte Cordelia Moore. 

Eine Wanderausstellung über Desinformation, digitale Gewalt und unseren Alltag im Netz, die noch bis Ende August in der DASA zu sehen ist. Foto: Polina Zatulko für Nordstadtblogger

„Ist das überhaupt Gewalt? Es ist eigentlich nicht so schlimm, es ist nur online“,  sei ein häufiger Satz, den sie nach Beratungen höre. ___STEADY_PAYWALL___

Auf dem Podium saßen außerdem die Moderation und Journalistin Andrea Blome, Maresa Feldmann, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dortmund, und Tanja Young, Jugendmedienschutz im Jugendamt Dortmund. Anlass war die Ausstellung „Alles im Angebot“ zu Hetze und Gewalt im Internet, die noch bis Ende August in der DASA zu sehen ist: alles-im-angebot.de.

Wenn Gewalt gegen Frauen digital wird

Die Technologie ist vielleicht neu, aber diese Macht, die anderen Personen gegenüber ausgeübt wird, gab es in der Gesellschaft schon vorher, sagte Cordelia Moore.

Eine von fünf Frauen in Deutschland erlebt digitale Gewalt. Cordelia Moore präsentierte dazu aktuelle Studienergebnisse. Foto: Polina Zatulko für Nordstadtblogger

Unter digitaler Gewalt wird allgemein jede Form von Cybercrime  verstanden. Dazu zählen sichtbare und unsichtbare Überwachung, Hate Speech, bildbasierte sexualisierte Gewalt. Aber der Begriff hat heutzutage verschiedene Ebene: Mit neuen Technologien entwickeln sich neue Formen von Gewalt.

Eine davon ist Deepfakes – synthetisch hergestellte, mit KI generierte Bilder. Diese Form der Gewalt trifft Betroffene besonders hart und macht sie völlig schutzlos. Zudem sind 97% aller Deepfakes sexualisierter Natur und die allermeisten davon werden ohne Einverständnis der Person angefertigt. Betroffene haben keine Kontrolle über den Inhalt und können ihn auch nicht aus dem Netz entfernen lassen.

Wie wichtige die Thematisierung dieser Form digitaler Gewalt ist, hat zuletzt der Fall Collien Fernandes gezeigt.

Täter sind meisten (Ex-)Partner

Aus der Beratungspraxis von Expert:innen geht hervor, dass die Täter häufig aus dem sozialen Nahumfeld der Betroffenen kommen. Vor allem geht es um die Familienangehörigen, Ex-Partner sowie aktuelle Partner. Gerade dies verschwert die Situation. Viele Betroffene wollen den Täter nicht anzeigen, weil es sich etwa um den Vater ihrer Kinder handelt.

Cordelia Moore, die Politikwissenschaftlerin und Expertin für digitale Gewalt. Foto: Polina Zatulko für Nordstadtblogger

Ein Beispiel: An manchen Tagen bekam die Frau bis zu 300 Anrufe – immer wieder mit den Fragen: „Wo bist du? Was machst du?“  Obwohl die Beziehung beendet war, ließ ihr Ex-Partner nicht von ihr ab. Das Stalking ging, wie Moore erzählt, auch im Alltag weiter. Der Mann tauchte im Park oder beim Einkaufen auf. Die Frau konnte sich das nicht erklären, denn sie nahm bewusst immer wieder andere Wege.

„Das ist eine extreme Verunsicherung. Wie kann er wissen, wo sie sich gerade aufhalte?“, betonte Moore. Das führt zum Thema, das heute kaum noch von klassischem Stalking zu trennen ist: unsichtbare Überwachung durch Technologie.

Kleine GPS- und Bluetooth-Tracker, wie der Apple AirTag, lassen sich unbemerkt in Taschen und Autos platzieren, was auch in diesem Fall passiert sein soll. Später hat der Täter noch sexualisierte Hasskommentare über sie im Netz gepostet, darunter intime Bilder, die er während der Beziehung angefertigt hat.

Aber hier ist nochmal der Unterschied zu vielen Fällen von Hate Speech, die immer öffentlich besprochen werden: Sie kennt den Täter“, so Moore.

Schutz vor weiterer Gewalt bieten Hilfsangebote und Aufklärung

Maresa Feldmann sieht ein zentrales Problem in der mangelnden Aufklärung der Zivilgesellschaft. Sie verwies auch auf eine neue Koordinierungsstelle zur Istanbul-Konvention in NRW, die derzeit an einem Landesaktionsplan arbeitet.

Podiumsdiskussion mit Tanja Young, Maresa Feldmann und Cordelia Moore, moderiert von der Journalistin Andrea Blome. Foto: Polina Zatulko für Nordstadtblogger

„Deswegen ist bei uns im Masterplan einer der Pläne, dass wir in der Richtung viel mehr öffentlich machen und eine Landingpage haben, auf der all diese Gewaltformen vorkommen“, erklärte sie. Diese Informationen sind nicht nur für die Zivilgesellschaft wichtig, sondern auch für die Hilfestrukturen.

Was die Expert:innen auch sonst immer wieder beobachten – das Umfeld reagiert meist nicht mit Solidarität, sondern mit einer Abwertung der Betroffenen selbst. Für die Frau im zuvor beschriebenen Fall bedeutete das eine Situation völliger Überforderung und großen Stress. „Die Gesellschaft muss zuerst anerkennen, dass Gewalt gegen Frauen demokratiegefährdend ist und kein Einzelfall ist, sondern wirklich in der Mitte der Gesellschaft liegt. Alle von uns kennen Betroffene von Gewalt“, sagte Moore.

Mit Präventionsarbeit schon bei Kindern ansetzen

„All das, was analog passiert, passiert auch medial“, sagte Tanja Young vom Jugendamt Dortmund. Sie erzählte noch über die Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen, die bereits im Grundschulalter beginnt.

„Online. Öffentlich. Angegriffen – Was tun bei digitaler Gewalt?“: Die Veranstaltung wurde vom Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund und der DASA Arbeitswelt Ausstellung organisiert. Foto: Polina Zatulko für Nordstadtblogger

Die Arbeit umfasse Workshops, in denen Kinder lernen, wie sie sich sicher im Netz bewegen und was das Recht am eigenen Bild bedeutet. „Kinder sollen erzählen können, was sie im Internet und mit ihrem Smartphone erleben, ohne sofort Sanktionen befürchten zu müssen“, so Young.

An Dortmunder Schulen setzt das Jugendamt zunehmend auf einen Peer-to-Peer-Ansatz: die sogenannten Medienscouts. Mittlerweile wird dieses Konzept teilweise schon an Grundschulen verfolgt. Dabei wird eine Gruppe interessierter Schüler:innen in Themen wie Medienkompetenz, Cybermobbing, Hate Speech ausgebildet.

Dabei entwickeln sie eigene Ideen und gehen weiter ins Gespräch mit den anderen Schülern, um ihr Wissen zu vermitteln. „Mich hat fasziniert, wie viel die Jugendlichen schon wissen und wie viele eigene positive und negative Erfahrungen sie mitbringen“, sagte Young.

Viele Menschen wissen schlicht nicht, wohin sie sich wenden können. Wer sich selbst oder anderen helfen möchte, kann das Bundeshilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ anrufen: 116 016. Es ist täglich 24 Stunden erreichbar. Das ist der erste wichtige Schritt, den man machen kann. Mehr dazu gibt es unter: www.hilfetelefon.de. Es gibt auch Ressourcen wie die Betroffenenplattform mit den Stabilisierungsübungen. Weil digitale Gewalt etwas ist, was Menschen mit ihrem Körper und mit ihren Emotionen erleben. Deswegen sind auch Ressourcen zur Selbstfürsorge hilfreich: bloom.chayn.co/de/grounding


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert