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Die „Grundschule“ feiert ihren Geburtstag – Westfälisches Schulmuseum in Dortmund-Marten stellt aus und erinnert

Eine Wittenberger Grundschulklasse im Jahr 1930. Fotos (2): Westfälisches Schulmuseum

Bildung ist zumeist etwas für Mächtige und Reiche. Arme Menschen müssen in der Regel arbeiten, während andere studieren können: „Wir haben selbst erfahren, der Arbeit Frongewalt, in düstren Kinderjahren, und wurden früh schon alt“, heißt es 1907 zu den Konsequenzen in einem bekannten Lied, das in Deutschland von jungen Betroffenen gesungen wurde. – Dagegen war die vor knapp 100 Jahren eingeführte „Grundschule“ ein Lichtblick. Als eigenständige Schulform wurde sie 1920 mit dem Reichsgrundschulgesetz in Weimar rechtsförmig. Das Westfälische Schulmuseum in Dortmund-Marten erinnert in zwei Vitrinen an die Gründung jener Institution.

Weimarer Republik: allgemeine, achtjährige Schulpflicht für alle Kinder in der „Volksschule“

Die Weimarer Verfassung von 1919 legte fest: Es besteht eine allgemeine Schulpflicht, die mit acht Jahren Volksschule abgeleistet werden muss (Art. 145). Gemeint war damit eine allgemeine „Grundschule“, auf der sich das mittlere und höhere Schulwesen aufbaut – entsprechend der „Mannigfaltigkeit der Lebensberufe“ (Art. 146).

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Das Westfälische Schulmuseum in Dortmund-Marten.

Die Schule sollte also danach besucht werden, was ein Kind „später werden will“. Wichtig: der betreffende Artikel bestimmt ausdrücklich, was für die Aufnahme in eine Schulform maßgeblich sein soll – die Fähigkeiten des Kindes („Anlage und Neigung“), nicht Privilegien aus dem Elternhaus („wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung“).

Mit dem Reichsgrundschulgesetz von 1920 schließlich erscheint in Weimar als vierjährige Basisinstitution der Volksschule ausdrücklich die „Grundschule“: „Die Volksschule ist in den vier untersten Jahrgängen als die für alle gemeinsame Grundschule, auf der sich auch das mittlere und höhere Schulwesen aufbaut, einzurichten“, heißt es dort.

Was durch die Grundschule erreicht werden sollte, wurde 1926 in den Ausführungsbestimmungen des Reichsinnenministeriums festgelegt: „Ihr Ziel ist die allmähliche Entfaltung der kindlichen Kräfte aus dem Spiel- und Bewegungstrieb zum sittlichen Arbeitswillen, der sich innerhalb der Schulgemeinde betätigt [… ] So ergibt sich ein Gesamtunterricht als Unterbau, der sich allmählich gliedert in heimatkundlichen Sachunterricht mit Ausdrucks- und Arbeitsübungen, Sprachunterricht, Rechnen, Gesang, Zeichnen, Turnen, Werkunterricht.“

Reformpädagogik statt Lehren und Lernen im Medium von Zucht und Ordnung?

Mit der Zeit konnten sich Grundschulen in Weimar etablieren. Und die Inhalte dessen, was dort gelehrt wurde, atmeten Freiheit: als nach dem angezettelten Ersten Weltkrieg überfällige Feudalstrukturen in Deutschland endgültig zusammenbrachen und, getragen von einer euphorischen Jugendbewegung, solche Stimmen lauter werden konnten, die sich nicht mehr vom Verweis auf von Alters hergebrachte Privilegien beeindrucken ließen.

Die aus der Aufklärung herrührende und um die Jahrhundertwende im Kaiserreich aufblühende Reformpädagogik stand dem pseudo-intellektualisierenden Zucht-und-Ordnungsunterricht der deutschtümelnd Völkischen mehr als kritisch gegenüber.

Deren VertreterInnen setzten stattdessen auf eine an kindlichen Bedürfnissen orientierte Vermittlung von Lehrinhalten und auf das „Arbeitsschulprinzip“. Danach sind Selbsttätigkeit und Aktivität der Kinder für ihre „gesunde“ Entwicklung unabdingbar. Dazu gehörten praktische Handarbeit, aber auch geistige Selbsttätigkeit.

Fibeln der 20er Jahre, Etui und Lesekasten u.v.m: Teil der Ausstellung im Schulmuseum

Fingerrechenmaschine aus den 1920er Jahren.

Die Fibeln der Grundschule in den 1920er Jahren – einige davon sind nun im Westfälische Schulmuseum in Dortmund-Marten zu sehen – basierten erstmals auf kindlichen Erfahrungen und verwendeten farbige, ausdrucksstarke Bilder. Die Welt des Spiels und der kindlichen Phantasie nahm einen breiten Raum ein, es dominierte ein gemüts- und gefühlsbetonter Grundtenor.

Im Schulmuseum finden sich aus dieser Zeit der 1920er Jahre auch eine Fingerrechenmaschine, ein Lederetui, eine Schiefertafel mit Schwammdose und Griffeln, ein Griffelkasten, Schreibfedern und Lesekasten.

Die Nationalsozialisten missbrauchten die Fibel für propagandistische Zwecke. Embleme und Symbole wurden als ständig gegenwärtig dargestellt. In der Fibel „Pimpf und Küken“ (1934) wurde zur Schreiblehre eine an Runenzeichen anlehnende Steinschrift gewählt. Die Kinder wurden gezwungen, ihre Interessen unter die einer herbeiphantasierten „Volksgemeinschaft“ zu stellen. Zu sehen sind Pimpfe, die sich begeistert dem Marsch der Soldaten anschließen, die in den Nazi-Angriffskrieg ziehen. Die Grundschule war ein wichtiger Faktor im totalitär durchorganisierten Erziehungssystem.

Nach 1945: Lebensnähe, Erfahrungsbezug und Reflexion werden wieder zu pädagogischen Grundsätzen

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland sicherte nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin das Monopol der staatlichen, vierjährigen Grundschule. Hinzu kommen länderspezifische Besonderheiten: die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg erhöhten die Grundschulzeit auf sechs Jahre, wobei in Hamburg der Übergang zur Realschule oder aufs Gymnasium schon nach vier Klassen möglich ist.

In der Deutschen Demokratischen Republik wurde 1946 die achtjährige Grundschule eingeführt, die 1959 von der zehnklassigen, allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule abgelöst wurde – ein quasi-duales Ausbildungssystem, das es heute auch in der Bundesrepublik gibt.

Die ersten, noch von den alliierten Militärbehörden genehmigten Neuausgaben der Fibeln nach 1945 standen in Aufmachung und Gestaltung ganz im Stil der Weimarer Grundschularbeit – und in Abkehr von den ideologisierten Fibeln des deutschen Faschismus. Lebensnähe, Erfahrungsbezug und Reflexion wurden wieder zu pädagogischen Grundsätzen, Fraktur und Sütterlin aus den Curricula entfernt, die lateinische Ausgangsschrift gebräuchlich.

Trotz allgemeiner Schulpflicht: große Undurchlässigkeit des bundesrepublikanischen Bildungssystems

Der Kampf um Bildungschancen ist auch ein Kampf für eine demokratische Zukunft.

Nach Ende der 1960er Jahre erschienen Fibeln in hochwertiger und aufwendiger Aufmachung mit farbigen Grafiken und Fotografien. Leuchtende, lebensfroh-lustige, aber auch sachlich-informative Abbildungen umgarnen kindlichen Lerneifer. –  Dennoch: bis heute ist in der Bundesrepublik die Chance, als Kind aus einer bildungsarmen Familie sozial aufzusteigen, im Verhältnis zu anderen Staaten innerhalb der EU gering.

Diese Tatsache zeigt an: War die Einführung der allgemein verpflichtenden Grundschule bzw. Volksschule in Weimar zwar von guten Absichten getragen, konnte die Reform des Schulwesens wenig zu einer gesellschaftlichen Demokratisierung beitragen.

Denn viele Jahrzehnte später sichern verfestigte Bildungshierarchien in der Bundesrepublik ordnungspolitisch weiterhin die Reproduktion von Eliten und kommen daher gleichsam einer Bestandssicherung gleich, die quer zu demokratischen Prozessen steht. Weil Macht und Reichtum von Eliten Wählerstimmen anziehen und Räume für eigenständiges Denken verschließen.

Weitere Informationen:

  • Westfälisches Schulmuseum Dortmund-Marten; hier:
  • Das Westfälische Schulmuseum hat dienstags bis sonntags in der Zeit von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ins Museum ist kostenfrei.
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