Steinmetzmarken in Sandsteinquadern

Bedeutender und überraschender Fund an der mittelalterlichen Stadtmauer von Dortmund

Ingmar Luther (Denkmalbehörde) , Noelia Madrigal („LQ-Archäologie“) in Kanaltrasse auf dem Schwanenwall – dort fand man das erste Stützelement der mittelalterlichen Stadtmauer. Foto: Sonja Neuenfeldt für Nordstadtblogger.de

Von Sonja Neuenfeldt

Seit März 2021 läuft die „Radwall“-Baumaßnahme. Das ist der fahrradfreundliche Umbau des Ost- und Schwanenwalls. Dabei sollen auch Mängel in der Trassenführung behoben werden. Die Arbeiten zur Verlegung des neuen Kanalrohrs finden auf geschichtsträchtigem Boden statt. „Man kann hier kaum in die Erde greifen, ohne irgendetwas Historisches zu finden,“ stellt Ingmar Luther, Stadtarchäologe der Denkmalbehörde, etwas schmunzelnd fest. Das Amt hat Fachleute der Firma Linnemann, Quenders und Partner („LQ-Archäologie“) zur Begleitung der Erdarbeiten bestellt. Nun gab es tatsächlich einen bedeutenden und völlig überraschenden Fund.

Unbekannte, nicht kartierte Pfeiler aus Blöcken von Ruhrsandstein

In enger Absprache mit allen Beteiligten wurde vorab die Lage der diversen Kanaltrassen geplant. Sie sollten mit dem Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer nicht kollidieren. Als Planungsgrundlage diente vor Beginn der Tiefbauarbeiten das bekannte Erscheinungsbild des Befestigungsbauwerkes. Eine unerwartete Entdeckung führte nun zu neuen Kriterien der Trassenführung.___STEADY_PAYWALL___

Hinab in die Baugrube – man sieht Zeichen der Bearbeitung und eingeritzte Kennzeichnungen der Steinmetze auf den Sandsteinquadern. Foto: Sonja Neuenfeldt für Nordstadtblogger.de

In den vergangenen Tagen wurden bei den Erdarbeiten bis dahin völlig unbekannte Elemente der mittelalterlichen Stadtbefestigung gefunden – sogenannte Strebpfeiler. Es handelt sich um Stützpfeiler, die bisher in keinem Kartenwerk vermerkt worden waren.

Vergleichbare Konstruktionen waren von keiner anderen Stelle der alten Stadtmauer nachgewiesen. Die Pfeiler waren stadtauswärts vor die Stadtmauer gesetzt. Dort stabilisierten und stützten sie die zweischalig angelegte Mauer. Ingmar Luther: „Sicher werden diese Elemente nicht sofort errichtet worden sein, sondern erst zu einem etwas späteren Zeitpunkt.“

Er gehe davon aus, dass das Gelände von vornherein schlecht beurteilt worden war, also zu matschig und zu sumpfig war. Oder das Gelände, auf dem die Mauer fußte, war nicht mehr tragfähig genug, weil es nach und nach durch die nordwärts ausgerichtete Stadtentwässerung aufgeweicht worden war. „Es musste gehandelt werden und die Stadtmauer vor dem Einstürzen gesichert werden“, so Luther.

Weitere dieser Funde sind im Verlauf der Tiefbauarbeiten zu erwarten

Ein weiteres zweites Stützelement wurde ebenfalls schon sorgfältig freigelegt Foto: Sonja Neuenfeldt für Nordstadtblogger.de

Die Strebpfeiler hatten keinen optischen, sondern funktionalen Zweck. Bei einem Gewicht von 300 bis 400 kg eines einzelnen Steinblocks sei eine Abstützung natürlich nicht um die ganze Stadt herum gemacht worden, sondern nur dort, wo es wirklich nötig war, merkt Luther an.

„Die Stadtmauer an sich war stabil genug mit ihren zwei Metern Breite und einer relativ imposanten Höhe von acht bis neun Metern.“

Bei dem zweiten Strebpfeiler sieht man das Fundament. An der Stelle befindet man sich vom Niveau her ungefähr vier Meter unterhalb der heutigen Oberfläche. Bei vier Metern hinzu gerechnet, ist man bei cirka acht Metern. Der Stadtarchäologe geht nicht davon aus, dass der Stützpfeiler bis an die Mauerkrone reichte. Man hat die Strebpfeiler nur so hoch wie unbedingt erforderlich gebaut.

Am Montagmorgen, 30. August, wurde ein Stück der Stadtmauer freigelegt – wieder mit einem abstützenden Sandsteinquader davor. Foto: Sonja Neuenfeldt für Nordstadtblogger.de

Luther rechnet mit weiteren Fundorten. Er geht davon aus, dass es hier, und zwar nur hier an dieser Stelle der Stadtmauer, vier, fünf  oder sechs solche Befestigungen geben dürfte. Das hat man nur dort gemacht, wo es das Gelände erfordert hat.

Bis zu 400 kg schwere Steinblöcke weisen Kennzeichnungen auf

Steinmetzzeichen oder doch nur „einfache“ Versatzmarken? Foto: Sonja Neuenfeldt für Nordstadtblogger.de

Die schweren Steinquader waren kein wieder verwendetes Baumaterial. Sie wurden extra für die Pfeiler angefertigt. Das beweisen die Zeichen, die sorgfältig in die einzelnen Sandsteinblöcke eingeschlagen worden waren.

Dabei kann es sich um Versatzmarken handeln, die rein bautechnisch zur Kennzeichnung zusammengehörender Steine dienten, die passgenau aufeinander zugearbeitet waren.

Oder die Zeichen waren Steinmetzmarken. Solche Zeichen dienten der Kontrolle und Sicherung der Arbeitsqualität der Steinmetze.

Jeder Steinmetz hatte eine eigene „Signatur“, quasi eine Unterschrift zur Kennzeichnung seiner Werke. Der Zweck war auch eine Abrechnung geleisteter Arbeit – somit ein wichtiger wirtschaftlicher Aspekt.

Die Symbole können jedoch auch darauf hindeuten, dass mehrere Steinbrüche gleichzeitig als Lieferanten für den Pfeilerbau beteiligt waren. Die Zeichen auf jeweils benachbarten Steinen gleichen sich. Vielleicht wurden identische Bauteile in einer Serienfertigung in unterschiedlichen Steinmetzhütten hergestellt. Spannenderweise sind die Zeichen nicht an jedem Stein zu finden.

Funde werden datiert und die Strebpfeiler im Boden erhalten bleiben

Erster Stützpfeiler – Steinmetzzeichen im Detail Foto: Sonja Neuenfeldt für Nordstadtblogger.de

Die mächtigen Strebpfeiler können erhalten bleiben. Bereits nach Fund des ersten Pfeilers hat man sich entschieden, ein größeres Stück der geplanten Trasse zu öffnen, um Planungssicherheit zu haben.

Der Abwasserkanal soll dann um die einzigartigen Relikte herumführen.

Am Montagmorgen vor dem Pressetermin wurde dann im Verlauf des Abwasserkanals noch ein Stück der alten Stadtmauer und ein drittes Stützelement frisch freigelegt.

Laut Ingmar Luther könnten noch zwei bis drei weitere Elemente gefunden werden.

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