Nordstadtblogger

Aktive Teilhabe von Senior*innen: „Wir wollen nicht nur  beschützt werden, sondern Teil der Gesellschaft sein“

Vor genau 30 Jahren konstituierte sich der gewählte Seniorenbeirat in Dortmund zum ersten Mal. Das Konzept der Direktwahl in Dortmund ist ziemlich einmalig, viele Städte haben keinen Beirat. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Wenn man in den Stadtrat blickt, sieht man wenig junge Menschen, kaum Migrant*innen und (fast) keine Menschen mit (offensichtlichen) Behinderungen. Dafür sieht man viele ältere Lokalpolitiker*innen. Warum braucht man dann noch einen Seniorenbeirat? „Vom Alter her könnte der bisherige Rat die Senior*innen mitvertreten. Er hat darauf aber nicht den Fokus. Wir kümmern uns gezielt um die Interessen der Älteren. Wir wollen nicht nur beschützt werden, sondern Teil der Gesellschaft sein“, sagt der neue Vorsitzende des Seniorenbeirats, Martin Fischer, durchaus selbstbewusst. Und das nicht ohne Grund: Vor genau 30 Jahren trat erstmals das direkt gewählte Gremium in Dortmund zusammen.

Das gemeinsame Ziel lautet, gesellschaftliche Teilhabe für Ältere zu organisieren

Martin Fischer ist neuer Vorsitzender des Seniorenbeirats.

Am 13. November 1990 konstituierte sich der gewählte Beirat. „Davor gab es zwar auch Beiräte, aber sie bestanden aus entsandten Vertretern der Sozialverbände“, erklärt Fischer. Mit der Direktwahl hat Dortmund einen besonderen Weg eingeschlagen. „Mit der Wahlkonstruktion ist Dortmund ziemlich einmalig – solche gibt es in NRW nur wenige. Viele Städte haben keine Beiräte oder nur solche mit dem Vertreterprinzip“, ergänzt Gertrud Löhken-Mehring, 1. stv. Vorsitzende. ___STEADY_PAYWALL___

„Wir haben alle einen sozialen, sozialpolitischen oder politischen Hintergrund, arbeiten aber unabhängig und sind für unsere Klientel über 60 Jahre zuständig“, so Fischer. „Wir sind parteiunabhängig und brauchen uns daher nicht um Parteiprogramme oder deren Ziele kümmern,“

Ihr gemeinsames Ziel ist, Teilhabe für Ältere zu organisieren. „Es gibt viele, die nicht senil oder debil sind, sondern am gesellschaftlichen Leben teilhaben. „Dafür sind wir das Sprachrohr“, so Fischer. Die 27 Mitglieder des Seniorenbeirats – je nach Größe des Stadtbezirks sind zwei bzw. drei Vertreter*innen gewählt worden – haben noch etwas zu sagen und wollen sich einbringen. 

Der Seniorenbeirat versteht Seniorenpolitik dabei als eine Querschnittaufgabe

Ihr Vorteil: Sie bringen viel Lebenserfahrung mit. Mit dieser Expertise und dem besonderen Fokus auf Senior*innen in einer immer älter werdenden Gesellschaft wirken sie beratend in der Kommunalpolitik mit und arbeiten zudem eng mit den Seniorenbüros in den zwölf Stadtbezirken zusammen.

Walter Wille freut sich über das Mitspracherecht im Dortmunder Stadtrat.

Der Seniorenbeirat versteht Seniorenpolitik dabei als eine Querschnittaufgabe mit vielen Handlungsfeldern entsprechend der vielfältigen Interessen und Bedürfnisse der älteren Generation. Alle Aspekte der Altenhilfe gehören ebenso dazu wie Wohnungspolitik, Stadtentwicklung und Verkehr, Kultur und Bildungspolitik sowie Fragen der Sicherheit.

Dafür sind ihre gewählten Vertreter*innen in den Bezirksvertretungen und den Fachausschüssen des Rates dabei. Dabei sind sie auch antragsberechtigt. „Wir können uns wie ein Ratsmitglied einbringen, nur nicht mit abstimmen. Da haben wir schon einige Erfolge erzielt“, freut sich Walter Wille, 2. stv. Vorsitzender des Seniorenbeirats, über die bisherige Erfolgsbilanz. Und das, obwohl das Rederecht in den Bezirksvertretungen formal nicht geregelt ist, sondern mehr vom guten Willen des jeweiligen Gremiums abhängt. 

Das Rederecht ist eine der Baustellen, die der Seniorenbeirat noch sieht: „Die Gemeindeordnung sieht uns nicht vor als dieses aktive Gremium. Die Hauptsatzung stellt uns zwar gleich. Aber das wird nicht einheitlich praktiziert“, berichtet Gertrud Löhken-Mehring. Ein Thema, was bereits mit der zuständigen Dezernentin und bald auch mit dem neuen OB erörtert werden soll, betont der Vorstand des Beirats. 

Oberthemen für Ältere sind Wohnen, Mobilität und die Digitalisierung 

Wohnen, Mobilität und die Digitalisierung sind die großen Oberthemen, die auch langfristig wirken. „Das Thema Wohnen ist immanent für unsere Personengruppe“, betont Fischer. Denn kleine, bezahlbare und barrierearme Wohnungen zu finden, wird immer schwieriger. Sie sind immer gefragter.

Gertrud Löhken-Mehring moniert isoliertes Denken und wünscht sich Querschnittansatz.

Denn die Zahl der Singlehaushalte nimmt zu – Senior*innen treten immer häufiger in Konkurrenz zu Studierenden, Azubis und Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind. Aber die Zahl der öffentlich geförderten Wohnungen geht – trotz aller Anstrengungen – noch immer zurück.

Wohnen ist dabei ein entscheidendes Element beim Thema Stadtgestaltung. Doch auch bei großen Neubau-Vorhaben schaut der Beirat genau hin. Wie ist die Erschließung, gibt es Zugang zu barrierefreien öffentlichen Verkehrsmitteln und – ebenfalls für das Gremium interessant – auf Bewegungsparks.  

Der Gesetzgeber schreibt bisher nur Spielplätze in akzeptabler Entfernung vor. „Aber warum sind sie altersmäßig getrennt und nicht generationenübergreifend geplant“, hakt Gertrud Löhken-Mehring nach. Dies sei eines der Hauptprobleme in Deutschland – alle Themen würden isoliert gedacht – dabei wäre ein Querschnittansatz bei vielen Angeboten sinnvoll. „Die Struktur ist falsch. Daher mischen wir uns auch beim Thema Stadtgestaltung gut ein.“

Im Einsatz für mehr Barrierefreiheit will sich das Gremium Verbündete suchen

Das Thema Barrierefreiheit ist Schriftführerin Jutta Luzia Stockheim-Shah besonders wichtig.

Das gilt auch für das Thema Mobilität. Denn das EU-Recht schreibt vor, dass bis zum Jahr 2022 alle Einstiegsmöglichkeiten im ÖPNV barrierefrei sein müssen. Dortmund ist davon aber noch weit entfernt und wird noch viele Jahre brauchen. „Darauf müssen wir stärker aufmerksam machen“, so Walter Wille.

Das ist auch Jutta Luzia Stockheim-Shah, Schriftführerin des Beirats, wichtig: „Dieses Thema muss politisch mehr sichtbar werden. Hier ist das Gremium am Ball.“ Allerdings nicht verbalradikal, sondern konstruktiv, das ist Jutta Fuchs – stv. Schriftführerin, wichtig. 

Ein Ansatz könnte sein, sich zukünftig verstärkt Verbündete für die Themen zu suchen. Denn das Thema Barrierefreiheit ist nicht nur für Ältere, sondern auch für Menschen mit Behinderungen oder junge Familien mit Kinderwagen genauso wichtig. Solche Kooperationen könnten auch in anderen Themenfeldern helfen.

Die „Sprachlosigkeit“ in Medizin und Pflege wird thematisiert und kritisiert

Ein weiteres Thema ist für sie die „Sprachlosigkeit“ in Medizin und Pflege. Das ist in einer alternden Gesellschaft von zunehmender Bedeutung – auch ohne Corona-Pandemie. Mit „Sprachlosigkeit“ meint Gertrud Löhken-Mehring die zunehmende Zahl von ausländischen Kräften im pflegerischen und medizinischen Bereich.

Die stellvertretende Schriftführerin des Seniorenbeirats, Jutta Fuchs.

Der Fachkräftemangel zwinge ja dazu, mehr Menschen aus dem Ausland anzuwerben und einzusetzen. Doch es werde nur auf die fachliche Kompetenz, nicht aber auf die Sprachkompetenz geschaut.

„Wir müssen an die Arbeitgeber heran und Druck aufbauen, die Sprachfähigkeit zu fördern, nicht nur die Fachkenntnisse. Dahinter verbirgt sich ein Riesen-Elend und auch ein Haftungsrisiko bei fehlerhafter Diagnostik. Das werden wir auch aufgreifen“, skizziert die stv. Vorsitzende das Handlungsfeld. 

„Wir reden von interkultureller Pflege – also dass sich Einrichtungen auf ausländische Bewohner*innen und Patient*innen einstellen müssen. Aber andersrum muss das auch gelten. „Es ist ein Riesenproblem in einem solch sensiblen Bereichen, wo ohnehin ein hoher Zeitdruck herrscht“, sagt Gertrud Löhken-Mehring mit Blick auf Pflegepersonal und Mediziner*innen. „Wir wollen gute Verständigungsmöglichkeiten und Sprachvermögen ist auch ein Qualitätskriterium.“

 „Digitalisierung ist nicht nur in der Schule ein Thema, sondern auch im Altenheim“

Auch das Mega-Thema Digitalisierung ist für den Seniorenbeirat ein zentrales Feld. Denn hier stellt sich ebenso die Frage der Teilhabe oder eben der digitalen Exklusion. „Bei der Digitalisierung werden wir sehr aufmerksam sein müssen. Es stellt sich die Frage, ob wir Parallelstrukturen für Ältere oder Benachteiligte brauchen. Ich kann nicht voraussetzen, dass jeder PC-fähig ist oder es sich leisten kann“, verdeutlicht Gertrud Löhken-Mehring.

„Auf der anderen Seite brauchen diejenigen, die interessiert sind und die digitalen Möglichkeiten nutzen wollen, die Möglichkeit dazu. Dazu müssen wir Lern- und Nutzungsmöglichkeiten schaffen: Auch das schafft Kontakte“, ergänzt Martin Fischer. „Digitalisierung ist nicht nur in der Schule ein Thema, sondern auch im Altenheim.“

Apropos Kontakte: Im Herbst ist das Projekt „Begegnung VorOrt“ gestartet. In diesem Projekt wollen die Stadt Dortmund und die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege die Begegnungsarbeit für Senior*innen in den Stadtbezirken stärken. Für jeden der zwölf Stadtbezirke gibt es jetzt eine eigene hauptamtliche Ansprechperson. Die Idee stammt vom Seniorenbeirat: „Wir haben den Antrag gestellt. Dass es geklappt hat, finde ich klasse und ist ein Riesenerfolg“, freut sich Martin Fischer.

 

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