
„Fight for Pride – Kein Schritt zurück“: Unter diesem Motto fand am Samstag (5. September 2026) zum 28. Mal der CSD in Dortmund statt. Angefangen mit etwa 1.800 Teilnehmenden am Platz von Xi’an stieg die Teilnehmerzahl auf dem Weg über die Reinoldikirche bis zum Friedensplatz auf 3.300 an. Neben dem Demonstrationszug gehörten das Straßenfest auf dem Friedensplatz und die spätere Afterparty zum Programm. Laut Polizei Dortmund verlief der CSD bis auf eine Rangelei am Brüderweg friedlich und ohne weitere Störungen.
„Wir gehen nicht zurück in die Unsichtbarkeit. Wir sind sichtbar“
Bunte Flaggen, laute Musik, ausgelassene Stimmung. Für gewöhnlich sieht ein Samstagmittag am Platz von Xi’an (Nordausgang Hbf.) nicht so aus. Anlass ist der jährliche Christopher Street Day, kurz CSD – ein Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen sowie allgemein queeren Menschen.
Den Auftakt der Veranstaltung gab unter anderem Volker Borchers mit einem Redebeitrag, bevor der Demonstrationszug sich auf den Weg über die Reinoldikirche bis zum Friedensplatz machte. „Wir stehen heute hier, weil unsere Rechte und unsere Freiheit nicht verhandelbar sind“, so Borchers.
„Wir erleben nicht nur einen Stillstand, wir erleben einen Rückschritt“, führt Borchers weiter fort und betont dabei, dass der Aufstieg der extremen Rechten eine erhebliche Rolle spiele, die die Rechte queerer Menschen gefährde.
Umso wichtiger sei es aus seiner Perspektive, sich nicht zurückzuziehen und weiterhin für die Rechte queerer Menschen einzustehen. „Unsere Vielfalt ist keine Belastung, sondern eine Stärke. CSD bedeutet Sichtbarkeit, Solidarität, Protest. Wir gehen nicht zurück in die Unsichtbarkeit. Wir sind sichtbar.“
Ein Zeichen für Menschen vor dem Coming-out
Für Sichtbarkeit sorgen und Solidarität vermitteln wollen auch die Teilnehmer:innen des CSD. So berichtet auch Lien davon, die für den CSD angereist ist, um mitzudemonstrieren und zu feiern:
„Was ich wichtig finde bei solchen Veranstaltungen, ist, Menschen, die gerade überlegen, ob sie ein Queer-Coming-out in Betracht ziehen, denen zu zeigen, dass es eine Sache ist, die man sich trauen kann“, so Lien.
„Tatsächlich auch, wenn es in kleinen Dörfern so ist, weil es viel Gegenwind gibt, dass du eine große Breite an Menschen hast, die ganz genau verstehen, wo du gerade stehst, was du gerade durchmachst.“
Nach dem Anschlag in Berlin: Entschlossenheit ist größer als die Angst

Angesichts des jüngsten Anschlags in Berlin auf dem CSD war Lien jedoch entschlossener, auf die Straße zu gehen, als aus Angst nicht teilzunehmen.
Am 25. Juli 2026 fuhr ein Fahrzeug im Berliner Tiergarten in eine Menschenmenge nahe des CSD-Festivalgeländes. Anschließend griff der Täter weitere Personen mit einer Hiebwaffe an. Eine Frau starb, mindestens 29 Menschen wurden verletzt.
„Das Einzige, was ich fragwürdig fand, war als dann das Argument kam: Wir stellen euch jetzt noch mehr Polizei zur Seite. Das war tatsächlich nichts, was mich sicherer hat fühlen lassen, sondern ich habe dadurch nochmal überlegt. Aber trotzdem war es ganz klar, dass wir auf jeden Fall hierherkommen, weil das keine Frage ist“, betont Lien.
„Und klar ist das ein Hintergedanke, aber sowieso, wir haben momentan so eine unsichere Zeit. Du hast immer dieses Gefühl von: Ich weiß nicht, wie ich aufgenommen werde. Und es ist trotzdem wichtig, Sichtbarkeit zu zeigen.“
Bereits 258 gemeldete queerfeindliche Vorfälle laut MIQ NRW
An der Reinoldikirche angekommen, ging es weiter mit Redebeiträgen. So auch von Bert Elya-Noah Rozowski (Die Linke), Stellvertretung der Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum (Innenstadt-Nord). Auch Rozowski bezieht sich dabei auf den jüngsten Anschlag in Berlin:
„Damals wurde dort [Berlin] eine Gedenkstätte eingerichtet. Die wurde nach wenigen Tagen zerstört. Ich stehe hier als eine queere, non-binäre Person. Ich habe mein Leben lang auch unterschiedliche Formen von Gewalt selbst erfahren müssen. Ihr könnt mir daher abnehmen, dass ich weiß, wovon ich heute spreche: Von Angst, von Wut und von Solidarität“ berichtet Rozowski.
„Und ja, wir sind wütend. Wir sind wütend, weil der Anschlag doch nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. Alleine in NRW gab es 258 gemeldete queerfeindliche Vorfälle im ersten Jahr dieser neuen Meldestelle.“ [Anm. d. Red.: Bei der zitierten „neuen Meldestelle“ handelt es sich um die Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit NRW (MIQ NRW)].
„Nur jeder zehnte Vorfall wird etwa überhaupt gemeldet. Rechnet euch selber aus, was tagtäglich in unserem Umfeld an Übergriffen stattfindet. Wir müssen benennen, von wem diese Gewalt kommt: von Alt- und Neunazis, von religiösen Fundamentalisten“, schob Rozowski ausdrücklich nach.
Kürzungen von Projekten und Initiativen, die einst Schutz vor Diskriminierung bieten sollten
Zugleich macht Rozowski auf diverse Kürzungen von Projekten und Initiativen aufmerksam, die einst queeren Menschen dienen sollten: „Wir sind wütend, weil ausgerechnet dort gekürzt wird, wo unser Schutz eigentlich herkommen sollte. Jugendnetzwerk Lambda: Bundesförderung komplett gestrichen. Der Aktionsplan für Queerleben: zusammengestrichen. ‚Demokratie leben!‘-Förderung queerer Anliegen: eingedampft.“
Zum Hintergrund: Das Bundesfamilienministerium kündigte nach 36 Jahren und mit zuletzt rund 380.000 Euro jährlich im Juli 2026 die institutionelle Förderung des queeren Jugendnetzwerks Lambda e.V. zum Jahresende.
Der Verband warnt, dass damit zentrale Angebote wie Beratung, Empowerment und digitale Räume für queere Jugendliche wegfallen. Das Ministerium verweist auf Haushaltskonsolidierung und kündigt an, Lambda könne weiter projektbezogen Mittel beantragen.
Parallel dazu wurde der Nationale Aktionsplan „Queer leben“ zum Ende der Legislaturperiode nicht fortgeführt und damit faktisch eingestellt, was von LSBTIQ*-Verbänden als Rückbau von Schutz- und Akzeptanzpolitik kritisiert wird. Im Programm „Demokratie leben!“ kündigte Familienministerin Karin Prien Anfang 2026 einen Umbau an, bei dem rund 200 Projekte ihre Mittel verlieren sollten. Betroffen waren auch Initiativen, die queere Menschen schützen und stärken.
Forderung der Umsetzung des Aktionsplans zur Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt
Auch konkret auf lokaler Ebene wurden Forderungen ausgesprochen. So auch die Forderung der Umsetzung des Aktionsplans zur Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt der Stadt.
Der „Aktionsplan zur Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“ der Stadt Dortmund ist ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Gleichstellung und zum Schutz von LSBTIQ*-Menschen (lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter* und queer).
Er wurde Anfang 2025 vom Dortmunder Rat verabschiedet und soll bis Ende 2028 umgesetzt werden. „Wir begrüßen ausdrücklich den Aktionsplan der Stadt Dortmund“ so Borchers. „Setzt ihn um! Konsequent, sichtbar und gemeinsam mit der Community. Der Aufstieg der Rechten gefährdet die Rechte aller. Rechte bleiben nur stark, wenn wir sie regelmäßig in Schutz nehmen“, appelliert Borchers.
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