„Am liebsten würde ich schließen, aber im Moment werden wir noch gebraucht“: Hilfe im Krieg

Caritas Schytomyr leistet Wohltätigkeitsarbeit und stößt an ihre Grenzen

Pater Oleg Lushka
Priester Oleh Lutschka, Caritas Zhytomyr Foto: Lukas Pazzini für Nordstadtblogger.de

Aus der Ukraine berichtet für Nordstadtblogger Lukas Pazzini

Der Ukraine-Krieg bedeutet nicht nur den Tod etlicher Soldat:innen an der Front, sondern massive Auswirkungen auf die Gesellschaft im Land. Vor allem Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderung sind auf Unterstützung angewiesen, wenn sie durch den Tod eines Elternteils oder andere kriegsbedingte Traumata betroffen sind. In Dortmunds Partnerstadt Schytomyr übernimmt die Caritas Schytomyr einen großen Teil dieser Arbeit, stößt hier aber immer wieder an Grenzen.

Caritas in Schytomyr: eine nicht-staatliche Organisation hilft im Krieg

Das Gebäude der Caritas Schytomyr befindet sich in einem Hinterhof und ist ein gelbes, flachgeschossiges Gebäude. Drinnen wirkt es sehr eng, und die Frage, wie all die Aktionen, die die Organisation auf ihrer Website auflistet, hier hineinpassen sollen, drängt sich geradezu physisch auf.

Die Caritas Schytomyr wird von Caritas Ukraine getragen, der Wohltätigkeitsorganisation der griechisch-katholischen Kirche. Sie ist Teil der „Caritas Internationalis“, dem katholischen Dachverband mit Sitz im Vatikan (zum Unterschied zwischen der griechisch-katholischen und der römisch-katholischen Kirche unten).

Die Caritas Ukraine arbeitet seit 1992 und wurde 1999 offiziell registriert. Sie wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 aktiv und bietet seitdem karitative Hilfe an, die von Lebenshilfe bis psychologischer Betreuung reicht. ___STEADY_PAYWALL___

Der Staat unterstützt in der Ukraine historisch so gut wie keine nicht-staatlichen Organisationen wie die Caritas Ukraine, weshalb diese und ihr lokaler Ableger Caritas Schytomyr auf Spenden oder finanzielle Mittel von Stiftungen, der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen angewiesen sind.

Hilfe für junge Erwachsene mit Behinderung, Renovierungshilfe und psychologische Beratung

Priester Oleh Lutschka begrüßt uns mit freundlichem Händedruck und führt in ein nüchternes Büro. Die erste Frage an ihn: Auf der Website steht ein Dutzend verschiedener Projekte. Von der Arbeit mit jungen Erwachsenen mit Behinderung über die Betreuung von Kindern gestorbener Soldat:innen und die psychologische Beratung von Erwachsenen bis zu einem Projekt, in dessen Rahmen maroder Wohnraum in Schytomyr instand gesetzt wird. Das alles leistet die Caritas Schytomyr?

Logo der Caritas in Zhytomyr
Logo der Caritas in Schytomyr Foto: Lukas Pazzini für Nordstadtblogger.de

Lutschka hört sich geduldig die ukrainische Übersetzung der Dolmetscherin an, lächelt kurz und sagt: „Tak“ – Ja.

Dabei kooperiere die Caritas Schytomyr mit der Stadt Schytomyr und dürfe von ihr das Gebäude anmieten. Geld vom Staat erhält die Organisation, wie erwähnt, nicht; sie ist auf Projektgelder angewiesen.

Insgesamt stünden der Organisation nach eigenen Angaben rund 600.000 Euro pro Jahr zur Verfügung, von denen alle Mitarbeitenden, ob Buchhalter:innen, Psycholog:innen oder Sozialarbeiter:innen, bezahlt werden müssten; die Miete komme noch hinzu. Die Heizkosten schössen im Zuge des russischen Angriffskriegs in die Höhe.

Eine Gruppe von 20 – „Der Bedarf liegt bei 300 Personen“

Vor Ort ist die Arbeit der Organisation mit jungen Erwachsenen mit Behinderung zu sehen. „Es gibt viele Programme für Kinder mit Behinderung, aber sobald sie erwachsen sind, gibt es keine staatlichen Programme mehr. Da kommen wir ins Spiel“, erklärt Lutschka.

Eine Gruppe von behinderten ukrainischen Kindern bei der Caritas Zhytomyr
Eine Gruppe von behinderten ukrainischen jungen Erwachsenen bei der Caritas Schytomyr Foto: Lukas Pazzini für Nordstadtblogger.de

Jeden Tag betreut die Caritas Schytomyr in ihren Räumen 20 Personen, von 8 bis 18 Uhr. „Der Bedarf in der Region liegt bei 300 Personen“, schiebt Lutschka müde lächelnd hinterher.

Die Caritas Schytomyr versuche in ihrer Arbeit, den jungen Erwachsenen Fähigkeiten zu vermitteln, die sie in einem eigenständigen Leben nutzen können. Vom Bankbesuch über die persönliche Hygiene bis zu gemeinsamen Ausflügen in Kultureinrichtungen ist da alles dabei. Sie basteln auch, nähen und verrichten andere handwerkliche Arbeiten. Dann verkaufen sie die Ergebnisse auf lokalen Märkten, was laut Lutschka sehr gut ankommt.

Für die jungen Erwachsenen gibt es aber ein Highlight, verrät Lutschka. „Sie gehen in ein Café und bestellen ihren Kaffee selbst, so wie jeder andere auch.“

Die Gruppe kocht außerdem gemeinsam und baut auf einer kleinen Fläche im Garten Gemüse an. „Die schönste Rückmeldung für uns ist, wenn Eltern sagen: Mein Kind hat angefangen, etwas zu tun, versteht sich selbst besser, hat etwas gekocht und mir geholfen“, erzählt Lutschka.

„Wenn ein Mensch vermisst wird, steht die Familie still“

Auch inklusive Bildung hat sich die Caritas in Schytomyr auf die Fahnen geschrieben. Dafür laufe ein Pilotprojekt, bei dem bisher sechs Kinder von einer Schulassistenz in der ersten bis vierten Klasse unterstützt werden.

Handwerkliche Ergebnisse von einer Gruppe von behinderten ukrainischen Kindern bei der Caritas Zhytomyr
Handwerkliche Ergebnisse von einer Gruppe von behinderten ukrainischen Kindern bei der Caritas Schytomyr Foto: Lukas Pazzini für Nordstadtblogger.de

Natürlich wolle man hier mehr leisten, nur seien auch hier die finanziellen Mittel karg, die Schulassistenzen erhielten keinen ausreichenden Lohn, gesteht Lutschka ein.

Ein weiteres Projekt ist die Renovierung von Wohngebäuden in der Region Schytomyr für vulnerable Gruppen. Dieses Projekt laufe schon das fünfte Jahr in Folge.

„Wir begutachten Häuser, entscheiden, welche renoviert werden können, und führen die Arbeiten aus, tauschen Türen, Fenster und so weiter“, erklärt Oleh Lutschka. „Die Eigentümer zahlen nichts dafür.“ Bedingung sei, dass die Gebäude in privatem Besitz seien und nicht dem Staat gehörten.

Beim Projekt „Schulter an Schulter“ erhalten Familien, in denen ein Elternteil im Krieg vermisst wird, psychologische Beratung. „Denn wenn ein Mensch vermisst wird, steht die Familie still; sie weiß nicht, ob die Person noch lebt. Das ist eine sehr große Herausforderung, sowohl für die Kirche als auch für den Staat“, so Lutschka.

„Alles hat sich verändert“: Die Rolle der Caritas seit Kriegsbeginn

Die Rolle der kirchlichen Wohltätigkeitsorganisationen wie der Caritas Ukraine oder der Caritas-Spes (dem römisch-katholischen Ableger) hat sich, wie die gesamte Ukraine, nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Jahr 2022 stark verändert.

Im Garten der Caritas in Zhytomyr wird Gemüse angebaut
Im Garten der Caritas in Schytomyr wird Gemüse angebaut Foto: Lukas Pazzini für Nordstadtblogger.de

Bischof Oleksandr Yazlovetskyi, Weihbischof von Kyjiw-Schytomyr und Leiter der römisch-katholischen Caritas-Spes, beschreibt die Entwicklung beider Caritas-Organisationen so: „Alles hat sich verändert. Das Land wird nie wieder das sein, was es vor dem 24. Februar 2022 war.“

Seit Beginn der Vollinvasion 2022 haben die beiden Caritas-Organisationen, die beide unter dem Dach von Caritas Internationalis stehen, landesweit 2.600 Freiwillige mobilisiert und 4,8 Millionen Menschen unterstützt (mehr zu diesen Zahlen unten).

„Mit dieser Arbeit trägt Caritas Ukraine zu einem bedeutenden sozialen und wirtschaftlichen Wandel im heutigen Ukraine bei, einschließlich der Entwicklung der Zivilgesellschaft“, schreibt die Caritas Internationalis auf ihrer Website.

Doch die Strukturen litten darunter, dass sie den Bedarf an Hilfe nicht allein decken können, weshalb es wie in Schytomyr dazu kommt, dass die Organisation viele Projekte allein tragen muss. „Ich wäre sehr froh, einen Teil an andere Organisationen abzugeben, damit wir mehr Kinder erreichen könnten“, gesteht Oleh Lutschka ein und wiederholt sein müdes Lächeln. „Leider gibt es hier keine andere Organisation, die diese Arbeit übernehmen möchte.“

Es liegt noch viel Arbeit vor der Caritas in Schytomyr

Trotz aller Schwierigkeiten werde die Caritas Schytomyr weitermachen, da ist Lutschka zuversichtlich. Im Moment liefen Projekte an, die den Bildungsverlust von Schüler:innen im Ukraine-Krieg auffangen sollen. Der Unterricht finde im Krieg nämlich immer öfter online statt, was zu Lernschwierigkeiten führe.

Eine Gruppe von behinderten ukrainischen Kindern bei der Caritas Zhytomyr
Eine Gruppe von behinderten ukrainischen jungen Erwachsenen bei der Caritas Schytomyr Foto: Lukas Pazzini für Nordstadtblogger.de

Außerdem verteile die Caritas Schytomyr Mikro-Zuschüsse an Eltern, die sich damit ein Unternehmen aufbauen sollen, um selbständig Geld zu verdienen und nicht von niedrigen Sozialleistungen abhängig zu sein.

„Am liebsten würde ich die Organisation schließen, aber im Moment werden wir noch gebraucht“, sagt Lutschka. Als wir wieder aus seinem Büro hinausgehen, wartet eine Person aus der Gruppe auf Lutschka. Er will ihm zeigen, was er in der letzten Stunde gebastelt hat.


Infoblock: Griechisch-katholisch und römisch-katholisch
Die griechisch-katholische und die römisch-katholische Kirche sind beide katholisch und dem Papst in Rom unterstellt; sie unterscheiden sich vor allem im Ritus. Während die römisch-katholische Kirche dem lateinischen Ritus folgt, feiert die griechisch-katholische Kirche, die auf die Union von Brest 1596 zurückgeht, nach dem byzantinischen, also ostkirchlich-orthodox anmutenden Ritus.


Quellen:

Transparenzhinweis: Die Quellen stammen von kirchlichen Organisationen, ihre Angaben sind nicht unabhängig überprüfbar.

 

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