Fünf Dortmunder Kunstprojekte beschäftigen sich mit der Transformation von Kirchenräumen

Europäische Kunstbiennale Manifesta startet am 20. Juni im Ruhrgebiet

Die Urbanisten und die Fakultät Raumplanung entwickeln Ideen und Programm für die Heilig-Geist-Kirche. Beim ersten Kolloquium stellten sich hier alle fünf Manifesta-Projekt aus Dortmund vor. Felix Kutzera

Am 20. Juni 2026 eröffnet die europäische Kunstbiennale Manifesta in Essen – für ihr Gastspiel im Ruhrgebiet setzt sie auf das Thema Zukunft der Kirchenräume. Unter dem Motto „This is Not a Church“ sind 12 Nachkriegskirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen die Hauptspielorte für Kunst, Workshops und Events. Aber auch Dortmund ist dabei: In einem offenen Wettbewerb konnten sich fünf Projekte durchsetzen und werden im Laufes des Sommers ihre Perspektive auf Kirche im Rahmen des Programms Manifesta+ realisieren.

„Was ist Kirche? Und: Was kann sie sein?“

Immer weniger Gemeindemitglieder, immer weniger Pfarrer:innen – bundesweit steht Schätzungen zu Folge die Zukunft von 40.000 Kirchen auf dem Spiel: moderne Kirche, aber auch alt-ehrwürdige Gemäuer, dazu Gemeindehäuser und Grundstücke. Eine Herausforderung, nicht nur für Gläubige, sondern auch für Stadtplaner:innen – und nun auch für Künstler:innen. Vom 20. Juni bis zum 4. Oktober wird im Ruhrgebiet Kunst in Kirchen zu sehen sein, die sich explizit dem Thema widmet und fragt: Was ist Kirche? Und: Was kann sie sein?
Sam Hopkins (Künstler, Baze), Prof. Renée Tribble und Svenja Noltemeyer (Urbanisten), v.l. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Renée Tribble, Professorin an der TU Dortmund, schaut auf Kirche in erster Linie aus der Perspektive des Städtebaus. Zu ihrem Kolloquium „Amazing Infrastructures – Kirchen transformieren, Nachbarschaften stärken“ lud sie in die Heilig-Geist-Kirche im Kreuzviertel ein. Nachbarschaft, Studierende und die Vertreter:innen der fünf Dortmunder Kunstprojekte des Manifesta-Plus-Programms nahmen teil.___STEADY_PAYWALL___

Die öffentliche Vortragsreihe in der Kirche soll dazu beitragen, dass die Themen breiter diskutiert werden. „Es sind besondere Räume“, so Tribble, „und wir wollen Visionen entwickeln und Ideen sammeln.“

Bereits im letzten Semester wurde geforscht, eine Situationsanalyse betroffener Ruhrgebietsquartiere unter ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten erfolgte – hier und heute soll es nun konkret werden. Befragungen der Nachbar:innen finden statt und die Studierenden kooperieren mit dem Team der Urbanisten.

„Wir können Alternativen aufzeigen und die Debatte anregen.“

Svenja Noltemeyer, Projektmanagerin bei den Urbanisten, sieht das Kolloquium der Universität als wichtigen Teil des Prozesses. Sie findet es spannend, den Ort fern ab der Religion zu betrachten. An einem heißen Tag sind in der Kirche nur 23 Grad, berichtet sie und setzt bei ihrem Manifesta-Projekt einen Fokus auf „Kirche als kühle Orte.“ Die zunehmende Hitze mache vor allem älteren Menschen zu schaffen, Rundgänge im Quartier sollen die Verhältnisse genauer unter die Lupe nehmen und Lösungen entwickeln. Am 21. Juli wird es in der Kirche eine Info-Veranstaltung zum Umgang mit Hitze geben.

Befragung beim Workshop in der Kirche: Was fehlt in der Nachbarschaft? Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Und wo bleibt die Kunst? Noltemeyer lacht: „Wir sind da durchaus Manifesta-tauglich.“ Eine Klanginstallation, Filme, DJs und eine Ausstellung der Künstlerin Verena Issel stehen auf dem Programm.

Ziel der Urbanisten ist es, die Kirche als vielfältigen Nachbarschaftsort zu entwickeln. Ob er am Ende bestehen bleibt ist offen, denn auch die Zukunft dieser Kirche ist ungewiss. Sogar ein Abriss für den Bau von Garagen steht zur Diskussion. Noltemeyer: „Wir können Alternativen aufzeigen und die Debatte anregen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

Das SÖZ bietet Raum für gleich zwei Manifesta-Projekte

Das Sozial-ökologische Zentrum SÖZ! in der ehemaligen Markus Kirche macht in der Dortmunder Nordstadt bereits seit zwei Jahren, wozu die Manifesta anregen will. Die Kirche ist profaniert, statt Gottesdiensten gibt es Sportangebote, Konzerte, Mütter-Cafe oder auch gemeinsames Gärtnern. Neue Formen der Begegnungen, die vor allem konsumunabhängig und kostenlos sind. Möglich ist das nur durch eine städtische Förderung, die die Mietzahlungen an die Evangelische Kirche übernimmt. Ende des Jahres läuft die Unterstützung aus – wie es weiter geht ist auch hier ungewiss.

Wilko Meiborg und Felix Meermann (This is Not a Bar) mit Manifesta-Koordinatorin Johanna Freytag (v.l.) Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Gleich zwei Projekte haben sich das SÖZ als Kooperationspartner ausgesucht und wollen durch ihre Arbeit dazu beitragen, den Ort noch bekannter zu machen und zu erhalten. „This Is Not a Bar“ von Felix Meermann und Wilko Meiborg sowie „Baze“ von Sam Hopkins.

Meiborg und Meermann sammeln seit ein paar Wochen Möbelspenden im Stile des Gelsenkirchener Barock, um daraus eine Bar an den Altarstufen zu bauen. Kneipe und Kirche – das hängt für sie zusammen, denn der Strukturwandel mache beiden zu schaffen: „Auch die Eckkneipe als Ort der Begegnung verschwindet“, so Meiborg.

Ab Juli wird es im SÖZ Bauworkshops geben und Abende mit einem „Offenen Tresen“, an dem sich dann hoffentlich Generationen begegnen und austauschen werden. Das Programm ist bunt: von Fachvortrag bis Orgelkaraoke ist vieles möglich.

Offline: Die Rückgewinnung digitaler Autonomie

Auch Sam Hopkins realisiert sein Projekt im SÖZ. Hopkins ist in Kenia aufgewachsen und lehrt an der Medienkunsthochschule in Köln. Für ihn hängen gesellschaftliche Entwicklungen wie Einsamkeit und das Verschwinden von Orten der Begegnung mit der Veränderung der digitalen Infrastrukturen zusammen. „Diese Prozesse wurden durch digitale Entwicklungen ausgelöst“, so Hopkins. „wir hängen an unseren Smartphones und geraten in Abhängigkeit von Algorithmen, die in die Vereinzelung führen.“

Hopkins möchte Nutzer:innen dazu einladen, ein Stück digitale Autonomie zurückzugewinnen. In Kenia funktioniere der Austausch von Daten und Medien oft anders, erzählt er: In sogenannten „Bazes“ kommen Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen, reden, teilen Geschichten – und tauschen auch digitale Inhalte von Mensch zu Mensch, von Handy zu Handy, jenseits der großen Plattformen und Algorithmen. Lässt sich von dieser Praxis lernen? In Workshops werden Techniken erprobt, Inhalte produziert und getauscht. Am Ende entsteht ein lokaler Kultur-Kosmos.

 „Menschen brauchen eine Form der Spiritualität“

Das Museum Ostwall und die Künstlerin Amdrita Jakupi vom Romano Than e. V. haben sich für ein Projekt zusammen geschlossen, das neue Wege der Spiritualität sucht. Schauplatz ist die katholische Kirche Heilige Familie in Dortmund-Marten. Sie wird in den nächsten Wochen entweiht und das ist den Künstler:innen sehr wichtig gewesen. „Es geht darum auch einer anderen Spiritualität Raum zu geben“, erklärt Jakupi.

Christin Danick (Museum Ostwall) und die Künstlerin Amdrita Jakupi (Romano Than e. V.) denken Kirche als Safer Space. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Die Künstlerin selbst ist „christlich und muslimisch gemischt“ aufgewachsen, für sie bietet das Projekt allen Menschen die Chance, ihren Horizont zu erweitern. „Menschen brauchen eine Form der Spiritualität“, findet sie, Themen wie Erlösung und Vergebung sind ihr wichtig.

Die Kirche als Zufluchtsort im modernen Sinne eines „Safer Space“ (sicheren Raums), unabhängig von Religion – das wäre vielleicht eine Vision. Vier ganz unterschiedliche Künstler:innen aus dem Kreis der Roma und Sinti werden mit ihr daran arbeiten und den neuen Ort im September – parallel zum Djelem Djelem-Festival – gestalten.

Quartiersgeschichten: Auf dem Weg zur Ehrenamtskirche

Die Vorfreude auf die Manifesta-Monate ist auch in der Kirchengemeinde St. Martin in der Dortmunder Gartenstadt groß. Bettina Heine-Hippler macht sich „Auf den Weg zur Ehrenamtskirche“ (so der Titel ihres Projekts) und das nicht erst seit gestern. „Uns beschäftigt das Thema seit 15 Jahren“, erzählt Hippler. Das Problem seien nicht schwindende Gemeinden, sondern zu wenige Pfarrer und „wenn man weiterhin Gemeinde leben will und Kirchen erhalten, braucht es neuen Ideen für die Nutzung und Menschen, die die Kirche als wesentlichen Bestandteil des Quartiers betrachten.“

Im Einsatz für die Kirchengemeinde St. Martin: Bettina Heine-Hippler und Bernd Hippler machen 100 Tage Programm Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Während der 100 Tage Manifesta wollen sie in der Gemeinde eine „erweiterte Raumnutzung“ erproben: Biergarten, Waldschule, Carrera-Bahn und Café – insgesamt gibt es 124 Angebote, realisiert mit über 25 Partner:innen des Netzwerks.

„Auch wenn viele strukturelle Dinge noch unklar sind, ist die Manifesta eine große Chance, das alles einmal zu thematisieren“, findet Heine-Hippler. Am 21. Juni geht es los und sie ist überzeugt: „Dann schaut auch Paderborn nach Marten.“

Zukunftskommission Kirchenbauten – vom Rat beschlossen, aber noch immer nicht besetzt

Auch wenn Dortmund nicht ganz oben auf der Ruhrgebietskarte der Kunstbiennale steht – die Projekte aus dem Nachbarschaftsprogramm könnten am Ende einen Unterschied machen. Themen identifizieren und Prozesse anstoßen, das haben sich die Manifesta-Macher:innen auf die Fahnen geschrieben und das ist schön, aber nicht immer nachhaltig – „in Dortmund sind wir aber bereits auf dem Weg“, sagt Barbara Welzel, Professorin für Kunstgeschichte und Kulturelle Bildung an der Technischen Universität Dortmund.

Im Sommer 2025 hat der Rat der Stadt die „Zukunftskommission Kirchenbauten“ beschlossen und auch wenn sie noch immer nicht besetzt ist, das Ziel ist dort klar formuliert worden: „Auch jenseits ihrer historischen Rolle sollen Kirchengebäude wenn möglich Gemeingut und Chancenräume für unsere Stadt bleiben.“

Welzel brennt für das Thema und begleitet den Weg dorthin zum Beispiel durch Diskussionsrunden im Baukunstarchiv NRW. Anfang Juni wurde dort die Publikation „Kirchenräume neu denken – ein Leitfaden für Kommunen, Gemeinden und Engagierte“ präsentiert. Vertreter:innen der Stadt und beider großer Kirchen waren vor Ort und sich im Grundsatz einig: Es geht hier nicht nur um Steine, sondern um den Erhalt sozialer Orte. Die fünf Dortmunder Manifesta-Projekte machen schon einmal vor, was das heißen könnte.

Mehr zum Thema und Termine

  • Website der Kunstbiennale Manifesta 16 Ruhr
  • Website SÖZ (This is Not a Bar, Baze), ehemals Markus-Kirche
  • Website Manifesta+ / Urbanisten
  • Städtebauliches Kolloquium „Amazing Infrastructures – Kirchen transformieren, Nachbarschaften stärken“, 23. Juni und 14. Juli, 18.00 bis 20:30 Uhr, Heilig-Geist-Kirche, Neuer Graben 162
  • Diskussion: Kirchen als Chancenräume, 6. Juli, 18.00 bis 20:00 Uhr, Baukunstarchiv NRW, Ostwall 7

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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