Jan Schröder: „Jeden Euro, den wir sparen müssen, spüren am Ende Kinder und ihre Familien“

Über Sparzwänge, Strukturreform und 621 fremduntergebrachte Kinder

Vor ihm steht ein Sack mit der Aufschrift: Hier steckt ganz viel Arbeit drin!
Jan Schröder ist neuer Leiter des Jugendamtes der Stadt Dortmund – und hat einen „Sack voll Arbeit“ geerbt. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Jan Schröder leitet seit Mai 2026 das Dortmunder Jugendamt – und er klingt nicht wie ein klassischer Behördenleiter. Er sagt, was er denkt: über Sparzwänge, die am Ende Kinder treffen, über ein Amt, das raus muss aus seinem Image als Kinderwegnehmer, über 60 Prozent der fremduntergebrachten Kinder, die Dortmund verlassen müssen, weil es keine Plätze gibt – und darüber, warum Zuständigkeitsdenken in der Sozialen Arbeit tödlich ist.

„Zuständigkeitsprüfung ist der Tod im Topf“

Wer Jan Schröder zuhört, merkt schnell: Hier sitzt kein Mann, der Amt und Rolle trennt. Er kennt das Haus, kennt die Baustellen – und er redet darüber ohne das übliche Verwaltungsrauschen. „Ich bin kein klassischer Verwaltungsbeamter“, sagt er. „Mir ist die Zuständigkeit erst einmal egal, wenn eine Familie Hilfe sucht.“

Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht. In einem System, das über Paragraphen und Zuständigkeiten organisiert ist, ist das eine Haltungserklärung. Schröder nennt es noch klarer: „Zuständigkeitsprüfung ist der Tod im Topf.“

Die Haushaltslage ist der Rahmen, in dem Schröder sein Amt antritt. Im Jugend- und Schuldezernat werden Kürzungen von 41 bis 44 Millionen Euro erarbeitet – Teil eines stadtweiten Konsolidierungspakets von 125 Millionen Euro. Die konkreten Maßnahmen sind noch nicht öffentlich, die Haushaltsberatungen laufen in der zweiten Jahreshälfte.

Jeden Euro, den wir sparen müssen, spüren am Ende Kinder

Schröder formuliert seinen Standpunkt dazu unmissverständlich: „Jeden Euro, den ich im Jugendamt einsparen muss, wird ein Euro sein, der nicht zum gelingenden Aufwachsen beitragen wird. Am Ende leiden unter diesem Sparzwang die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien in Dortmund. Das muss man wirklich ehrlicherweise sagen.“

Jugendamtsleiter Jan Schröder Foto: Lilia Krächter für Nordstadtblogger.de

Parallel drohen Kürzungen auf Bundesebene. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt vor einem „Kahlschlag“ in der Kinder- und Jugendhilfe: Fallen Bundesförderprogramme weg, müssen Kommunen die Lücken auffangen – ohne Ausgleich. Schröder macht keine Schönrechnung: „Ich mache keine Jugendhilfeplanung aus Sicht der Kämmerei, sondern aus Sicht des gelingenden Aufwachsens.“

Hinzu kommt die anstehende SGB-VIII-Strukturreform des Bundes – eine „Blackbox“, wie Schröder sie nennt. Was kommt genau? Was kostet es? Wer zahlt? „Das ist wie ein Damoklesschwert, weil es noch nicht mit monetären Zahlen hinterlegt ist.“ Klar ist: Die Problemlagen junger Menschen werden komplexer, der Bedarf an teuren Hilfen steigt. Schröder hat bereits eine Koordinierungsstelle für sogenannte Systemsprenger:innen eingerichtet – Kinder und Jugendliche mit besonders hohem Hilfebedarf, für die bundesweit die Kapazitäten fehlen.

621 Kinder fremduntergebracht – 60 Prozent außerhalb Dortmunds

Der vielleicht alarmierendste Teil des Gesprächs betrifft die stationären Hilfen. Im Jahr 2024 wurden in Dortmund 621 junge Menschen fremduntergebracht. Nur 40 Prozent davon fanden einen Platz innerhalb der Stadt – 60 Prozent mussten in andere Kommunen. Mitarbeitende der Jugendhilfedienste telefonieren durch ganz Deutschland, um Kinder unterzubringen: in 11 Bundesländern, über 100 Kommunen.

Im Altbau des ehemaligen Kinderheims am Holzheck soll eine Tagespflege entstehen.
Es gibt einen großen Mangel an Plätzen in der Jugendhilfe. Im Altbau des ehemaligen Kinderheims am Holzheck ist beispielsweise eine Tagespflege entstanden.

In 74 Fällen konnte keine adäquate Inobhutnahme sichergestellt werden. Letztes Jahr richtete das Jugendamt notgedrungen eine Schlafstelle in einer Jugendfreizeitstätte in Eving ein, weil für ein Kind bundesweit kein Platz gefunden werden konnte.

„Das ist eine immense Belastung für die Mitarbeitenden“, sagt Schröder. Aktuell fehlen in Dortmund rund 200 stationäre Plätze. Am Tag nach dem Gespräch mit dem Nordstadtblogger sollte die Ratsvorlage zur strategischen Neuausrichtung der stationären Hilfen eingebracht werden – unter anderem mit der Prüfung, ob ein städtischer Träger als Ergänzung zu den freien Trägern sinnvoll wäre.  Ein erschwerender Faktor: Das Landesjugendamt in Münster verschärft die Anforderungen für Betriebserlaubnisse kontinuierlich – Einzelzimmer, höhere Standards – was die Fallkosten weiter treibt.

Eine Frage stand im Raum: Was ist mit dem Sleep-In, der Notschlafstelle für obdachlose Jugendliche? Schröders Antwort ist eine der wenigen guten Nachrichten: Das Sleep-In ist über die Verbändeförderung für die nächsten fünf Jahre finanziell abgesichert.

Eine große Strukturreform – und Dortmund bereitet sich seit 2023 vor

Die SGB-VIII-Reform sieht vor, dass die Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen vom Sozialamt ins Jugendamt wandert. Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter, bisher Aufgabe des Sozialamts oder des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), würden ebenfalls folgen. Für Schröder ist das inhaltlich richtig: „Es ist kaum erklärbar, warum man zum Jugendamt muss, wenn das Kind seelisch behindert ist, aber zum Sozialamt, wenn es geistig behindert ist, oder zum LWL für die Frühförderung.“ Hilfen aus einer Hand – der Ansatz stimmt. Die Ressourcenfrage ist offen.

Jugendamtsleiter Jan Schröder Foto: Lilia Krächter für Nordstadtblogger.de

In Dortmund wartet man nicht auf das fertige Bundesgesetz. Seit 2023 arbeiten Jugendamt und Sozialamt in einer AG 78 Inklusion zusammen, legen ihre sehr unterschiedlichen Planungslogiken – Hilfeplanung hier, Teilhabeplanung dort – übereinander. „Wir lernen viel vom Sozialamt und von Trägern wie der Lebenshilfe oder der Diakonie“, sagt Schröder.

Die Sorge aus dem Bereich der Eingliederungshilfe, dass Spezialist:innen und Expertise verloren gehen könnten, nimmt er ernst – sieht Dortmund aber durch den frühen Start besser vorbereitet als viele andere Kommunen.

Das Prinzip, das er dahinterstellt, ist dasselbe wie beim Zuständigkeitsstreit: „Ich bin kein klassischer Verwaltungsbeamter. Mir ist die Zuständigkeit erst einmal egal, wenn eine Familie Hilfe sucht.“ Nicht die Paragraphen entscheiden, welches Amt hilft – sondern der Bedarf des Kindes.

Das Jugendamt muss raus – dahin, wo die Menschen sind

Neben den strukturellen Großbaustellen hat Schröder eine klare operative Priorität: Das Jugendamt muss sichtbarer werden. Nicht indem es Kampagnen schaltet, sondern indem es physisch dort auftaucht, wo Familien und Jugendliche sind. „Ich kann nicht davon ausgehen, dass viele Menschen ins Headquarter des Jugendamtes kommen“, sagt er. „Wir müssen dahin, wo die Menschen sind.“

Glücksrad mit Fragen zum Jugendamt
Glücksrad am Stand des Jugendamtes Dortmund  bei, Stadtfest Dortbunt 2026. Anna Tenholt | Nordstadtblogger

Das bedeutet mobile Angebote: Spielmobile stehen schon bereit und warten auf die Corporate-Design-Folierung. Geplant sind ein Klimabus, ein Demokratiebus, ein digitaler Bus mit Spielkonsole. Das klingt nach Experimenten – ist aber konsequente Logik.

Am Skatepark Hombruch mit seinen Bowls und dem Pumptrack kommen bei gutem Wetter so viele Jugendliche zusammen, dass Schröder ihn als Modell für niedrigschwellige Präsenz nennt: Ein Mobil danebenstellen, Demokratie- oder Umweltbildung anbieten, einfach da sein. Kein Programm, das aufgedrängt wird. Präsenz ohne Agenda.

Das Gleiche gilt für Spielplätze, auf denen sich Mütter mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren treffen: Kann man da mit einem Mobil hinfahren und fragen, ob jemand einen Kita-Platz oder Unterstützung beim OGS-Antrag braucht? „Wir wollen weg von diesem Image: Das Jugendamt nimmt Kinder aus den Familien raus. Das machen wir zwar auch, aber das hat dann einen guten Grund und ist der Bereich der Intervention.“ Prävention ist der weitaus größere Teil – und der soll sichtbarer werden.

Beim Sparen denkt Schröder auch hier pragmatisch: „Kann möglicherweise ein Spielmobil zwei kleine Treffs ablösen?“ Er lässt die Frage offen, stellt sie aber. Maßgeblich sei, was junge Menschen wollen – nicht, was er selbst toll findet. „Bedarfsorientiert heißt: Was wollen die jungen Menschen? Nicht: Was findet Jan Schröder toll?“

Über 30 Einrichtungen, Sanierungsstau und das Leistungsdreieck

Dortmund hat eine im Städtevergleich dichte Infrastruktur: etwas mehr als 30 städtische Jugendfreizeitstätten, dazu viele Einrichtungen in freier Trägerschaft – Jugendring, Pfadfinder, konfessionelle Offene Türen. Highlights wie der Abenteuerspielplatz in Scharnhorst an der Flughafenstraße oder die Erlebniswelt am Fredenbaum.

Das Big Tipi im Fredenbaumpark
Die Erlebniswelt Fredenbaum mit dem Big Tipi. Foto: Alexander Völkel für die nordstadtblogger.de

„Viele Kommunen haben diesen Bereich komplett an die freien Träger abgegeben. Wir fahren ein Leistungsdreieck aus kommunaler und freier Trägerschaft.“

Der Sanierungsstau ist auf beiden Seiten real. Schröder hat erwirkt, dass über das sogenannte „KInvFG“, das Kommunalinvestitionsförderungsgesetz, auch freie Träger Mittel für Sanierung und Bau beantragen können – nicht nur städtische Einrichtungen. „Wir können diese Fördermittel nicht nur für unsere eigenen Einrichtungen nehmen, sondern müssen im Sinne des Subsidiaritätsprinzips auch die freien Träger berücksichtigen.“

Jugendbeteiligung: Foren gibt es, ein Parlament noch nicht

Jugendforen existieren dezentral in den Jugendfreizeitstätten, etwa in Eving oder im Scharnhorster Zentrum. Zweimal im Jahr gibt es eine große Jugendkonferenz im Dortmunder U. Was fehlt: ein Kinder- und Jugendparlament. Ob Dortmund das haben will, ist nach Schröders Worten noch ergebnisoffen.

Seit anderthalb Jahren gibt es am Dortmunder U eine Servicestelle Kinder- und Jugendbeteiligung – paritätisch besetzt von Jugendring und Jugendamt. Dass auch der Nordstadtblogger davon noch nie gehört hatte, nimmt Schröder als Signal: „Wir müssen öffentlicher werden.“

Nordstadt: 33 Prozent U3-Quote – und Kinder, die nie eine Kita besucht haben

Beim Kita-Ausbau sind die Zahlen ernüchternd: Das Ziel, bis Ende 2025 eine U3-Versorgungsquote von 50 Prozent zu erreichen, wird verfehlt. Aktuell liegt Dortmund bei 44 Prozent, das Ziel bis 2035 sind 60 Prozent. Vier neue Kitas mit rund 400 Plätzen wurden 2025 eröffnet – allein FABIDO hat mit dem Burgweg und dem Kleyweg viele neue Plätze geschaffen. Der Betreuungsbedarf steigt dennoch jährlich um rund 1,5 Prozent, getrieben vor allem durch Neuzuwanderung.

Im Ü3-Bereich gibt es Schulen in der Nordstadt, die Kinder aufnehmen, die vorher noch nie eine Kita besucht haben.. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Die Schere innerhalb der Stadt ist dramatisch: In der Innenstadt-Nord liegt die U3-Quote bei 33 Prozent, in Hombruch bei 57 Prozent. Im Ü3-Bereich gibt es Schulen in der Nordstadt, die Kinder aufnehmen, die vorher noch nie eine Kita besucht haben – obwohl die stadtweite Ü3-Quote bei 99 Prozent liegt.

Schröder fragt laut, was das bedeutet: Werden die Plätze in der Nordstadt von Familien belegt, die gar nicht dort wohnen? Eine weitere Anomalie: Es gibt Kita-Standorte mit freien Plätzen – gleichzeitig existieren Wartelisten. Schröder lässt gerade Daten aus der Vertragsdatenbank, dem Beitragswesen und dem Einwohnermeldeamt abgleichen, um das aufzuklären.

Sein Prinzip dabei: „Kurze Beine, kurze Wege. Eine neue Kita in der Nordstadt ist für Kinder aus der Nordstadt – keine Kinderlandverschickung innerhalb Dortmunds.“ Am 26. November 2026 soll der zweite frühkindliche Bildungsgipfel im Rathaus stattfinden – mit dem Schwerpunkt Segregation und der Frage, warum genau die Kinder, die frühkindliche Bildung am nötigsten bräuchten, das System am wenigsten erreicht.

Kita-Pflicht statt Rechtsanspruch – ein Appell ans Land

Schröder macht keinen Hehl daraus, was er für den wirksamsten Hebel hält: eine Kita-Pflicht. „Zumindest die letzten zwei Jahre, die ohnehin beitragsfrei sind, sollten verpflichtend sein. Wir haben zwar einen Rechtsanspruch, aber der wird oft nur von denen eingeklagt, die ihn unbedingt wollen.“

Jugendamtsleiter Jan Schröder Foto: Lilia Krächter für Nordstadtblogger.de

Den gesamten Ü3-Bereich pflichtig zu machen wäre der konsequente Schritt – und das Land könnte das allein über das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) regeln. Baden-Württemberg sei gerade dabei, so etwas einzuführen.

Beim OGS-Rechtsanspruch beruhigt er derweil: Der Rechtsanspruch in Dortmund ist sichergestellt. Die Zahl der Bestandskinder, die ihren Platz verlieren könnten, sei „sehr überschaubar – keine 50 in ganz Dortmund“. Das Jugendamt sitzt mit am Tisch, weil rechtliche Klagen dort auflaufen würden – operativ liegt die Planung beim Schulverwaltungsamt.

Vernetzung als Ressource – wenn die eine Hand weiß, was die andere tut

Schröder denkt das Jugendamt nicht als Silo. Die Schnittstellen zum Gesundheitsamt, zum Bereich Neuzuwanderung, zum Schulsystem – sie alle sind Bereiche, in denen integriertes Handeln Ressourcen schonen und Wirkung verstärken kann. „Jedes Kind ohne Kinderarzt landet irgendwann bei uns im System.“

Logo auf der Tür
In der Nordstadt hat der erste Dortmunder Gesundheitskiosk eröffnet. Foto: Stephan Schütze für die Stadt Dortmund

Sein Modell: Wenn im Gesundheitskiosk ein Pädiater bemerkt, dass ein Kind keinen Kita-Platz hat, sollte im Raum nebenan jemand vom Familienbüro sitzen, der die Anmeldung direkt macht. Kita-Ausbauplanung, OGS-Planung und Schulentwicklung müssen verschnitten sein.

Campusmodelle wie in Hörde oder Westerfilde zeigen, wie das gehen kann. Beim Wegfall der ÖGD-Stärkungspakt-Stellen – Bundesförderung für Gesundheitsamts-Stellen, die Prävention, Schuleingangsuntersuchungen und den Gesundheitskiosk mitfinanziert hat – drohen genau in diesen Schnittstellenbereichen Lücken.

Dortmund hat 13 Jugendhilfedienste, Erziehungsberatungsstellen in den Sozialräumen, Familienbüros, „Lokal Willkommen“-Anlaufstellen. „Wir haben so viel. Wir müssen nur das Mindset haben, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen – und nicht die Zuständigkeit.“ Und dann sagt er es noch einmal, als wolle er sichergehen, dass es ankommt: „Zuständigkeitsprüfung ist der Tod im Topf.“

Zur Person:

Dr. Annette Frenzke-Kulbach ist Leiterin des Dortmunder Jugendamtes. Foto: Alex Völkel
Dr. Annette Frenzke-Kulbach war bis Ende April 2026 Leiterin des Dortmunder Jugendamtes. Archivfoto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Jan Schröder, Jahrgang 1987, ist seit dem 1. Mai 2025 Leiter des Jugendamtes der Stadt Dortmund.

Er tritt die Nachfolge von Dr. Annette Frenzke-Kulbach an, die Ende April in den Ruhestand ging. Schröder arbeitet seit April 2021 für die Stadt und war zuletzt seit September 2022 stellvertretender Amtsleiter.

Der gebürtige Unnaer lebt seit 2011 in Dortmund, ist verheiratet und Vater von drei Söhnen. Das Jugendamt zählt mit rund 900 Beschäftigten zu den größten Fachbereichen der Stadtverwaltung.


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