
Das Modellprojekt KinderCampus will an zwei Standorten in Dortmund fließende Übergänge schaffen und Systemlogiken durchbrechen: in Hörde und in Westerfilde hat die Stadt das Projekt bereits eingeführt. Andere Stadtteile könnten nach einer Evaluation folgen. Auch andere Kommunen setzen aktuell Projekte dieser Art um, denn „Brüche in der Bildungsbiografie“ stellen für das Bildungssystem insgesamt ein Problem dar. Im Gespräch mit Nordstadtblogger berichten Stadträtin Monika Nienaber-Willaredt und der Campus-Manager Stefan Woßmann über ihre Erfahrungen, Lehren und Zukunftspläne.
Systeme verbinden: Einrichtungen arbeiten miteinander statt nebeneinander
„Was wir wollen, ist, dass Kinder mit weniger Brüchen ihre Bildungsbiografie erleben. Dass man nicht immer wieder von vorne anfangen muss“, erklärt Stadträtin Nienanber-Willaredt. Das Konzept funktioniere wie ein Marktplatz, auf dem unterschiedliche Einrichtungen wie Kitas, Grundschulen und Jugendfreizeitstätten zwar verschiedene Aufgaben wahrnehmen, aber auf einem gemeinsamen Feld zusammenarbeiten.

Das hätten sie auch zu Beginn mit den Kindern erarbeitet, so Stefan Woßmann, der Campusmanager in Hörde ist. Zu Beginn seien zwei Stadtteile mit einem hohen Sozialindex für das Modellprojekt ausgewählt worden. Ziel des Kindercampus ist, die „Systemlogiken“ der einzelnen Institutionen (Kita, Schule, Jugendhilfe) aufzubrechen und eine durchgängige Begleitung für Kinder und Familien zu schaffen. „Wir haben es oft in Dortmund so, dass die Systeme nebeneinander, die Einrichtungen nebeneinander stehen. Aber der Kontakt, die Zusammenarbeit, die ist ganz oft überhaupt nicht vorhanden“, beschreibt die Dezernentin die bisherige Situation. ___STEADY_PAYWALL___
Sie setzt fort: „Für die Kinder bedeutet das ja, dass sie in die Kita gehen, mit Erzieherinnen zusammen sind, dort auch Regeln lernen usw. und Menschen kennenlernen. Dann gehen sie in die Schule. Dort ist ein ganz anderes System, ganz andere Menschen, die auch wieder von vorne anfangen die Kinder kennen zu lernen. Und dann gibt es manchmal noch eine Jugendfreizeitstätte im Nachmittagsbereich: Wieder andere Menschen, wieder andere Regeln, wieder ein anderes System. Das heißt, für die Kinder ist es gar nicht so einfach, da ihren Weg zu machen. Und man darf auch nicht vergessen, wie viel Informationen eigentlich verloren gehen.“
Das Projekt will auch das Gemeinschaftsgefühl im Stadtteil stärken
Drei Merkmale zeichnen das Modellprojekt aus: Maßgebliches und sichtbares Zeichen der Kooperation ist die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und Räumen. So nutzen Kitakinder die Turnhalle der Grundschule, oder Schulen verlegen Instrumentalunterricht vormittags in die Räume einer Jugendfreizeitstätte, die zu dieser Zeit leer stehen. In Hörde wurde ein Container unter Beteiligung von Kindern gestaltet, der symbolisch wie eine Brücke zwischen den Institutionen wirkt.

Statt mehrerer, getrennter Veranstaltungen, gibt es gemeinsame Elterncafés, Lesewochen, Feste oder Projekte wie „Kochen mit Kindern“, die unter dem Dach des Kindercampus stattfinden. Und das Jugendamt bietet beispielsweise Sprechstunden direkt in der Schule an, sodass Eltern nicht extra in ein Familienbüro gehen müssen. Ein wichtiges Ziel ist außerdem die Identifikation mit dem Kindercampus: die Eule Fildi und das Erdmännchen Hördi sollen als Markenbotschafter das Gemeinschaftsgefühl im Stadtteil stärken. Die Maskottchen haben Kinder mit den Fachkräften aus der Betreuung und Designer:innen gemeinsam entwickelt.
Die Koordination erfolgt durch Campusmanager:innen
Drittens wird das Projekt an einer zentralen Stelle koordiniert, durch den Campusmanager in Hörde und die Campusmanagerin in Westerfilde. Sie moderieren den Prozess und halten den Kontakt zwischen den Beteiligten. Stefan Woßmann stellt fest: „Diese moderierende und zusammenhaltende Tätigkeit ist meine Hauptaufgabe. Ich glaube, man braucht jemanden, der für diese Koordinationsaufgaben wirklich auch die Zeit hat“. Durch den Austausch können sich Mitarbeitende über ihre Arbeitsweisen, Stärken und Gemeinsamkeiten austauschen, um Kinder multiperspektivisch wahrzunehmen.

Der Campusmanager Hörde erinnert sich an die Anfangszeit im Projekt: „Ich fand und finde Kindercampus als Idee super gut und hatte und habe spontan Bilder dazu gehabt als ich mich beworben habe. Und dann hatte ich auch das Glück, dass ich zeitgleich mit einer Kollegin, Hiltrud Schröder, eingestellt wurde. Und sie hatte auch Bilder im Kopf“.
Woßmann berichtet weiter: „Was wir dann aber festgestellt haben: dass auch die anderen Bilder im Kopf haben. Und diese Bilder sind nicht alle immer deckungsgleich. Und deswegen war unsere erste Aufgabe tatsächlich die, wir setzen uns mal hin und bringen diese Bilder übereinander und gucken uns dann mal an, was kann denn jeder oder was ist eigentlich unser gemeinsames Bild?“. Neben der Vernetzung sorgen sie auch für die Kontinuität des Projekts.
Zukunftsaussichten: „Jetzt sind wir bei Phase eins“
„Ich erwarte, dass es ein zukunftsweisendes Projekt ist, dass es kein starres System ist, sondern ein lernendes System“, formuliert Nienaber-Willaredt ihren Wunsch. Nach einer dreijährigen Pilotphase soll das Projekt evaluiert werden. Die Vision ist ein „Rollout“ auf weitere Standorte in Dortmund, wobei sich interessierte Stadtteile künftig aktiv um einen Kindercampus bewerben könnten.
Für die bestehenden Standorte Westerfilde und Hörde kann sie sich auch vorstellen, mehr Menschen mit dem Angebot anzusprechen: „Wir wollen natürlich auch in den Stadtteil noch weiter rein, in das Quartier rein. Und wir wünschen uns natürlich, dass wir, dass dieser Campus auch für andere Menschen irgendwann offen wird. Denn warum sollen sich nicht auch mal Senioren treffen? Warum sollen die da nicht reinkommen? Oder einen Verein? Also da gibt es ja noch viele andere Möglichkeiten. Jetzt sind wir bei Phase eins, aber wir möchten natürlich weiter gucken und weitergehen.“
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