
Das Schauspiel Dortmund und seine Intendantin wagen sich an eine Inszenierung von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Und das nicht irgendwo, sondern im Salzlager der Kokerei Hansa. Ein Abend voller knalliger Kostüme, vieler Gassenhauer und jeder Menge Parolen gegen den Kapitalismus.
Elisabeth Hauptmann als vergessene Mitarbeiterin an der „Dreigroschenoper“
„Die Dreigroschenoper“ gilt als das bekannteste und erfolgreichste Stück von Bertolt Brecht. 1928 feierte das Stück Premiere. Die Musik zum Stück – eine Mischung aus Jazz, Tango und Blues – kreierte Kurt Weill. Bei den Stücken handelt es sich um zum Teil lange Gesangsstücke, die das Stück nicht nur musikalisch begleiten, sondern anreichern.

Bei dieser Neuinszenierung war es Wissert vor allem ein Anliegen zu betonen, dass es Bertolt Brecht mit geistigem Eigentum nicht so genau hielt. Er steht mit Kurt Weill alleine auf den Buchdeckeln, dabei basiert sein Stück zu wesentlichen Teilen auf der „Beggar’s Opera“ von John Gay, der im 18. Jahrhundert gelebt hat.
Auf dieses Stück wurde Brecht von Elisabeth Hauptmann aufmerksam gemacht, die ihm auch maßgeblich bei der Arbeit an der „Dreigroschenoper“ zur Hand ging. Ihre Autor:innenschaft wurde von Brecht unter den Teppich gekehrt, sodass ihre Rolle – und finanzielle Beteiligung – bis zu ihrem Lebensende nicht ihrem eigentlichen Anteil am Stück gerecht wurde. ___STEADY_PAYWALL___
Deshalb heißt es auf dem Cover des Programmhefts dieser Inszenierung: „Die Dreigroschenoper/ von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik) unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann“.
Von Bettler:innen, Mackie Messer und der Begnadigung durch die Queen
Worum geht es in der „Dreigroschenoper“? Es stehen sich Bettler-Unternehmer Jonathan Jeremiah Peachum und der Verbrecher Macheath, genannt Mackie Messer, gegenüber. Peachum kontrolliert dabei einen Großteil der Bettler:innen in London, während Macheath mit Geschick und guten Verbindungen zu seinem alten Freund und Polizeichef Brown sein Geschäft betreibt.

Macheath heiratet die Tochter von Peachum, Polly Peachum, muss daraufhin aber fliehen, weil ein Kopfgeld und ein Haftbefehl gegen ihn ausgesetzt sind. Macheath überträgt sein Geschäft Polly. Die Flucht in ein Bordell endet mit dem Verrat durch die Spelunken-Jenny.
Mackie Messer landet im Gefängnis, wo ihn seine Frau Polly und seine Geliebte Lucy Brown, Tochter des Polizeichefs, besuchen. Nachdem er seine Heirat mit Polly verleugnet hat, hilft Lucy ihm, aus dem Gefängnis zu entkommen. Peachum und seine Frau Celia Peachum wollen das aber nicht auf sich sitzen lassen und setzen Brown unter Druck. Sie drohen an, die Krönungsfeierlichkeiten der Queen Victoria zu stören, sollte Macheath nicht gehängt werden.
Wieder in ein Bordell geflohen, wird Macheath gefasst, dieses Mal wollen ihn nicht mal seine eigenen Banden-Mitglieder, geschweige denn Polly aus dem Gefängnis befreien. Als Mackie Messer gehängt werden soll, trifft die Botschaft der Königin ein, die ihn begnadigt, in den Adelsstand erhebt und mit einer auskömmlichen Rente ausstattet.
Das Salzlager der Kokerei Hansa als zwielichtiges, viktorianisches London
Das Besondere an dieser Inszenierung springt sofort ins Auge: das Salzlager der Kokerei Hansa. Hier wurde bis in die 1990er-Jahre noch Koks hergestellt, weshalb sich der Ort gut für eine Inszenierung der „Dreigroschenoper“ anbietet. Das Salzlager verwandelt sich für die Zeit der Aufführung in einen zwielichtigen Ort. Die Beleuchtung bleibt gedämpft, das Gefühl, hier im viktorianischen London zu sitzen, kommt gut rüber.

Das Bühnenbild sieht ramponiert aus, wie ein in die Jahre gekommenes Stahlgerüst, in den Tönen des Salzlagers gehalten. Es ist wie ein Schlauch aufgebaut und teilt die Zuschauer:innenschaft, sodass manchmal die eine Seite mehr sieht als die jeweils andere.
Die Kostüme erinnern an Post-Punk, passen sich aber auch hier den Farben des Salzlagers an. Die Bettler:innen-Fraktion im Stück trägt beige Kleidung, zum Teil aus Leder, und Spuren von (Schönheits-)Operationen im Gesicht. Die Verbrecher:innen haben dagegen Football-Ausstattung an, Mackie Messer und Polly an Latex erinnernde Outfits.
Die weiblichen Figuren im Fokus: Ausgebeutet und den Regeln des Kapitalismus unterworfen
Einen besonderen Fokus legt diese Inszenierung auf die dominanten Frauen-Figuren: Polly Peachum (Rose Lohmann), Celia Peachum (Antje Prust), Spelunken-Jenny (Marlene Goksch) und Lucy (Fabienne-Deniz Hammer). Alle werden von den männlichen Figuren instrumentalisiert.

„Diese Körper werden angesehen, begehrt, verheiratet, verkauft, verwaltet und verraten. Sie sind nie nur privat. Sie sind Teil einer Ökonomie“, erklärt Intendantin Julia Wissert in Bezug auf die Frauen-Figuren in der „Dreigroschenoper“.
Besonders interessant ist dabei die Entwicklung von Polly, der Lohmann am Anfang noch einen naiv-verliebten Charakter gibt, der am Ende in einen kühlen Geschäftsgeist umschlägt, der Macheath verrät. Diese Figur illustriert Brechts Aussage: Auch wenn sich am Kopf eines kapitalistisch geführten Unternehmens etwas ändert – also eine Frau an die Spitze rückt –, so unterliegt sie dennoch den ausbeuterischen Prinzipien.
Das zeigen auch die anderen Figuren: Prusts Celia Peachum ist berechnend, versucht lediglich, sich selber Vorteile auszuloten. Der Spelunken-Jenny verleiht Goksch das Auftreten einer Frau, die schon vieles gesehen hat und deshalb durch Gefühle nicht mehr zu beeindrucken ist. Sie möchte nur das Geld für ihren Verrat an ihrem alten Zuhälter Macheath einstreichen.
Lucy läuft mit einem Messer herum, möchte am Ende aber nur eine „anständige Frau“ sein. Diesen Wechsel aus Wahnsinn und Verzweiflung verkörpert Hammer in einer eindringlichen Art.
Lukas Beeler überzeugt als Macheath, genannt Mackie Messer
In der „Dreigroschenoper“ verfolgen alle Figuren ihre eigenen Interessen, es gibt kein Vertrauen in der von Brecht erschaffenen Welt. Das bringen auch die Schauspieler:innen auf großartige Weise rüber.

Lukas Beeler verkörpert einen Macheath, der zuerst unantastbar wirkt, den anderen Figuren immer einen Schritt voraus, schelmisch lächelnd. Doch in sein Schauspiel mischt sich am Ende eine gut nach außen getragene Unsicherheit, die er auf das Publikum überträgt.
Dem Bettler-König von London gibt Luis Quintana dagegen eine zuerst etwas trottelige Note, bei der immer wieder der kalte Unternehmergeist hervorscheint, den Brecht Peachum eingeschrieben hat.
Den Polizeichef Brown gibt in dieser Inszenierung Viet Anh Alexander Tran, eine Figur, die hier nicht ernstzunehmend wirkt, ohne irgendeine Chance, Peachum oder Macheath das Wasser zu reichen, obwohl hinter ihr der gesamte Polizeiapparat Londons steht.
Die letzte verbliebene Punk-Band des Planeten Erde
Was wäre die „Dreigroschenoper“ ohne ihre vielen Ohrwürmer? Die klingen unter der musikalischen Leitung von Yotam Schlezinger wohlig in den Ohren und man möchte bei den eingängigen Melodien direkt mitwippen. Die Band sieht dabei aus wie die letzte verbliebene Punk-Band des Planeten Erde.

Auch der Gesang der Schauspieler:innen überzeugt und die Art, wie sie ein anspruchsvolles Stück singen und danach problemlos wieder in ihre Rolle schlüpfen. Nur an der Akustik hapert es manchmal: Wird auf der anderen Seite des Saals gesungen, kommt der Gesang nicht immer auch am anderen Ende an.
Vor allem das Ende, bei dem Lukas Beeler mindestens 20 Meter über dem Boden um sein Leben singt, das Publikum um Verzeihung bittet und ein wenig an die Jesus-Figur am Kreuz erinnert, ist ein absolutes Highlight dieser Inszenierung.
Gretchenfrage: Was kann uns Brechts „Dreigroschenoper“ heute noch sagen?
Was kann uns die „Dreigroschenoper“ heute noch sagen? Natürlich sind da die Zitate aus dem Stück wie „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, das heute weiterhin anschlussfähig ist.
Wir sehen hier einen Kampf Bettler:innen gegen Verbrecher:innen. Die Polizei wechselt die Seiten, wenn es ihr opportun erscheint, mischt sich aber so lange nicht ein, wie ihr die beiden Fraktionen nicht zur Gefahr werden. Die Armen werden hier also gegeneinander ausgespielt, liefern sich am Ende selber ans Messer, ohne sich zu verbünden.
Diese werden von Brecht aber ebenso wenig als Sympathieträger:innen gezeichnet. Der Unternehmer:innengeist hat sie befallen und hält sie davon ab, zu einer revolutionären Masse zu werden. Die Inszenierung zeigt eine Fehde zwischen Einzelpersonen, die sich ihren Erfolg nicht gönnen.
Doch am Ende bleiben sie von einer höheren Macht abhängig. Nicht von dem von Peachum mehrmals scheinheilig angerufenen Gott, sondern von der Queen Victoria, die am Ende der Handlung als Deus ex Machina die Handlung auflöst.
Generell das Ende: Am Ende wendet sich Peachums Figur ans Publikum und erklärt, statt Mackie Messer hängen zu lassen, habe man sich ein schöneres Ende ausgedacht. Die Welt sei ja so schon schlimm genug, also warum auch in der Oper? Das Ende stimmt nachdenklich, in einer Zeit, in der nichts so sehr gesucht wird wie Ablenkung aus einer turbulenten Welt. Doch ist so ein konstruiertes Ende, eine zum „Happy Place“ konstruierte Welt die richtige Antwort?
Warum keine „Dreigroschenoper“ in der Dortmunder City?
Theater lädt ja bekanntlich zum Träumen ein. Und so sehr dieses Post-Punk/Krimi/Industrie-Ambiente in der Inszenierung von Julia Wissert gelungen ist, könnte beim Zuschauen die Frage aufkommen: Warum spielt das Stück nicht im Hier und Jetzt? In der Dortmunder City, wo doch alle über den Zustand der Innenstadt diskutieren?

Das Stück kreist auch um die Fragen: Was ist gerecht? Wer wird von der Gesellschaft ausgeschlossen, wer darf sich in der Öffentlichkeit aufhalten? Das auf der Bühne im Rahmen der „Dreigroschenoper“ zu verhandeln wäre ein interessanter Beitrag in dieser Debatte gewesen.
Trotzdem: Wisserts Inszenierung der „Dreigroschenoper“ wärmt nicht nur revolutionäre Phrasen aus dem Originaltext auf. Die Inszenierung stellt die Frage „Wovon lebt der Mensch?“ – nur von Hass, Hinterlist und Geld?
Das Publikum wird von Figuren mehrfach als Bettler:innenmasse adressiert. Wie verhält es sich zu den Verhältnissen auf der Bühne? Das Stück lädt eben auch zum Nachdenken über die heutige Welt ein. Brechts Fragen nach dem menschlichen Zusammenleben im Kapitalismus bleiben virulent.
Ein Besuch lohnt sich also, Bühnenbild, Schauspiel und Musik passen hier hervorragend zusammen. Nur ein wenig Sitzfleisch muss man haben: Das Stück dauert gute drei Stunden mit Pause.
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