Der heimische Arbeitsmarkt unter Druck: Dortmund ringt mit Krise, Qualifizierung und Jobs

Die Chefinnen von Arbeitsagentur und Jobcenter im Sytemfehler-Podcast

Zwei Frauen im Gespräch
Jobcenter-Chefin Stephanie Krömer und Heike Bettermann, Leiterin der Agentur für Arbeit, im Nordstadtblogger-Podcast „Systemfehler“. Bild: Elija Winkler für nordatadtblogger.de

Der Dortmunder Arbeitsmarkt ist vieles zugleich: belastet, widersprüchlich, unter Druck – und trotzdem voller Chancen. Während mehr als 40.000 Menschen in der Stadt arbeitslos sind, suchen Unternehmen weiterhin Personal. Während über Bürgergeld und Sanktionen oft hitzig gestritten wird, zeigt der Blick in die Beratungsgespräche vor allem Unsicherheit, Überforderung und lange Wege zurück in Beschäftigung. Und während der Fachkräftemangel wächst, fehlen vielen Menschen genau die Abschlüsse und Qualifikationen, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind.

Ein Arbeitsmarkt, der Stabilität und Sorge vereint

Über diese Widersprüche sprechen Heike Bettermann, Chefin der Agentur für Arbeit Dortmund, und Stephanie Krömer, Leiterin des Jobcenters Dortmund, im Nordstadtblogger-Podcast „Systemfehler“. Das Gespräch macht deutlich, wie komplex die Lage ist – und warum einfache Antworten oft zu kurz greifen.

Tabelle
Die Zahl der in Dortmund als offiziell arbeitslos gezählten Menschen im Jahresvergleich – immer im Februar. Grafik: Arbeitsagentur Dortmund

Die Zahlen sind deutlich: In Dortmund liegt die Arbeitslosenquote bei 12,2 Prozent. Offiziell gelten mehr als 40.000 Menschen als arbeitslos. Für Heike Bettermann ist das kein Grund für Alarmismus, aber auch keiner für Entwarnung: „Ich denke eher stabil, stabil schwierig“, sagt sie. Der Arbeitsmarkt sei aus ihrer Sicht kein reines Sorgenkind, mache aber durchaus Sorge.

Auch Stephanie Krömer beschreibt die Lage als angespannt, verweist aber auf die Breite des Dortmunder Arbeitsmarkts. Gerade diese Vielfalt sorge dafür, dass es noch Stabilität gebe. Gleichzeitig müsse jeden Tag daran gearbeitet werden, diese Chancen auch zu nutzen. Sonst könne aus der angespannten Lage schnell ein echtes Problem werden.

Hinter den Zahlen stehen Angst und Unsicherheit

Was die Statistik nicht zeigt, ist der Druck, unter dem viele Betroffene stehen. Bettermann berichtet von Gesprächen im Empfangsbereich der Arbeitsagentur, wo sich vor allem zum Monatsanfang und zur Monatsmitte längere Schlangen bilden. Dort werde spürbar, wie groß die Sorge vieler Menschen ist, wieder eine Stelle zu finden.

Heike Bettermann ist Leiterin der Arbeitsagentur. Nordstadtblogger-Redaktion | Nordstadtblogger

„Wenn man dann mit den Menschen ins Gespräch kommt, haben die schon große Sorge“, sagt sie. Nicht nur die Arbeitslosigkeit selbst sei das Problem, sondern auch die Erfahrung, dass es inzwischen deutlich länger dauere, eine neue Chance zu bekommen.

Ähnlich erlebt es Krömer bei Besuchen an den Standorten des Jobcenters. Im direkten Kontakt werde viel Unsicherheit sichtbar. Manche Menschen seien schon bei Formularen und Unterlagen überfordert. Dahinter stehe aber meist die viel grundlegendere Frage, wie es überhaupt weitergehen könne. Genau diese Mischung aus Existenzsorgen, Orientierungslosigkeit und Unterstützungsbedarf prägt viele Gespräche.

Eine Brücke für die einen, ein Labyrinth für die anderen

Auf die Frage nach einem Bild für den Dortmunder Arbeitsmarkt geben die beiden Frauen unterschiedliche Antworten – und treffen damit beide einen Kern. Für Stephanie Krömer ist der Arbeitsmarkt eine Brücke. Wegen der Altersstruktur und des demografischen Wandels werde Dortmund künftig auf nahezu alle angewiesen sein, die hier leben oder hier arbeiten wollen – auch auf Menschen aus dem Ausland. Es gehe darum, diese Brücken zu bauen.

Heike Bettermann sieht eher ein Labyrinth. Es gebe verschiedene Wege, aber nicht für alle sei der Ausgang leicht zu finden. Ihr Bild vom „Labyrinth mit Ausgang“ beschreibt ziemlich genau, wie widersprüchlich die Lage derzeit ist: Chancen sind da, aber sie liegen nicht offen zutage.

Krisen haben den Arbeitsmarkt grundlegend verändert

Dass sich der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren massiv verändert hat, ist für beide offensichtlich. Bettermann verweist auf Pandemie, Energiekrise, Zuwanderung, demografischen Wandel und wachsenden Fachkräftebedarf. All das habe Spuren hinterlassen.

Impression Jobcenter Kampstraße
H. Sommer für Nordstadtblogger

Der frühere Arbeitnehmermarkt habe sich wieder stärker zu einem Arbeitgebermarkt gewandelt, zugleich seien aber auch Unternehmen selbst vorsichtiger geworden. Krömer beschreibt die Lage als Gleichzeitigkeit vieler Krisen. Früher habe man meist eine große Herausforderung nach der anderen gehabt. Heute überlagerten sich die Probleme.

Parallel dazu steige der Bedarf an Fachkräften, Spezialist:innen und Expert:innen. Das erhöhe den Druck auf alle Beteiligten. Hinzu komme die schnellere Taktung der Veränderung. Wissen und Qualifikationen müssten heute ständig aktualisiert werden.

Der größte Hebel heißt Qualifizierung

Besonders deutlich wird das bei einem Missverhältnis, das den Dortmunder Arbeitsmarkt prägt: Mehr als 80 Prozent der offenen Stellen verlangen eine abgeschlossene Ausbildung. Gleichzeitig haben rund 65 Prozent der Kundinnen und Kunden keinen Berufsabschluss. Für Bettermann ist deshalb klar, worauf es ankommt: „Der Schlüssel ist immer die Qualifikation unserer Kunden.“

Das könne bedeuten, Menschen vor einer Beschäftigung weiterzubilden oder sie während der Arbeit zu qualifizieren. Teilweise beginne der Einstieg zunächst auf Helferniveau. Parallel würden dann weitere Schritte in Richtung Abschluss organisiert. Auch Krömer betont, dass es nicht immer sofort der volle Berufsabschluss sein müsse. Manchmal könnten modulare und gezielte Teilqualifikationen der richtige Weg sein, um sich Stück für Stück vorzuarbeiten.

Langzeitarbeitslosigkeit bleibt ein schweres Problem

Besonders groß ist die Herausforderung bei der Langzeitarbeitslosigkeit. In Dortmund sind mehr als 17.000 Menschen betroffen. Das sind 43 Prozent der Arbeitslosen. Bettermann beobachtet, dass inzwischen auch im Bereich der Arbeitslosenversicherung mehr Menschen länger als ein Jahr ohne Job bleiben. Selbst dort, wo noch Ansprüche auf Arbeitslosengeld bestehen, werde die Rückkehr in Beschäftigung schwieriger.

Jobcenter-Chefin Stephanie Krömer Bild: Elija Winkler für nordatadtblogger.de

Im Jobcenter sei die Zeit ohne reguläre Beschäftigung häufig noch deutlich länger, erklärt Krömer. Deshalb gehe es dort oft nicht nur um Qualifizierung, sondern zunächst um Stabilisierung, gesundheitliche Unterstützung, Coaching und Tagesstruktur.

In manchen Fällen begleite das Jobcenter Menschen über Jahre. Dahinter steht ein klarer Gedanke: Niemand soll abgeschrieben werden. „Uns ist wichtig, niemanden zurückzulassen“, sagt Krömer – auch weil Dortmund auf lange Sicht alle Potenziale brauchen werde.

Junge Menschen brauchen oft mehr als Berufsberatung

Auch bei Jugendlichen wird deutlich, dass es längst nicht nur um fehlende Abschlüsse geht. Zwar gibt es in Dortmund sogar etwas mehr Ausbildungsstellen als Bewerber:innen, dennoch gelingt vielen jungen Menschen der Übergang von Schule in Ausbildung oder Beruf nicht. Bettermann berichtet von Unsicherheit bei der Berufsorientierung, fehlendem Zutrauen und einem hohen Beratungsbedarf.

Noch gravierender seien jedoch oft soziale und psychische Belastungen. „Ich glaube, die größte Herausforderung sind tatsächlich die sozialen oder psychischen Probleme“, sagt Bettermann. Auch Krömer beobachtet psychische Dysbalancen bei jungen Menschen aller Schulformen. Corona habe diese Entwicklung verschärft. Teilzeitausbildung könne in manchen Fällen helfen, werde künftig wohl noch wichtiger werden. Klar ist aber: Viele junge Menschen brauchen heute mehr als klassische Berufsberatung.

Die Realität im Jobcenter ist weniger schrill als die Debatte

Wenn über Bürgergeld gesprochen wird, geht es politisch oft um Sanktionen, Druck und sogenannte Totalverweigerer. Im Alltag der Dortmunder Jobcenter-Leiterin spielt diese Gruppe dagegen kaum eine Rolle. „Das sind ganz kleine prozentuale Anteile“, sagt Krömer. Die Sanktionsquoten lägen zwischen einem und maximal drei Prozent. Oft gehe es dabei um Meldeversäumnisse und nicht um komplett verweigerte Arbeitsaufnahme.

Krömer macht deutlich, dass das Jobcenter nicht auf Konfrontation setze, sondern auf Verbindlichkeit. Es gehe darum, Erwartungen klar zu benennen, Schritte gemeinsam zu vereinbaren und Überforderung zu vermeiden. Bettermann sieht Sanktionen ohnehin nicht als Antwort auf die aktuelle Lage. Wenn der Arbeitsmarkt zu wenig Chancen biete, helfe Druck allein nicht weiter. „Da nutzen keine Sanktionen, sondern Begleitung und Unterstützung“, sagt sie.

Migration ist längst ein Teil der Lösung

Ein wichtiger Aspekt des Gesprächs ist der Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund. Bettermann betont, dass der gesamte Zuwachs bei sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im vergangenen Jahr auf diese Gruppe zurückging.

Innenansicht aus dem Jobcenter
Lebenslanges Lernen kann Perspektiven schaffen – auch im Beruf sind Qualifizierungen möglich. Foto: Alexander Völkel für die nordstadtblogger.de

Auch Krömer verweist auf Branchen wie die Pflege, in denen viele Angebote ohne diese Beschäftigten kaum noch aufrechterhalten werden könnten. Die Aussagen zeigen, wie groß die Bedeutung von Migration für den Arbeitsmarkt längst ist.

Während in politischen Debatten häufig über Belastungen gesprochen wird, beschreiben die beiden Praktikerinnen vor allem Chancen und konkrete Beiträge zur Stabilisierung des Arbeitsmarkts. Entscheidend bleibe allerdings, Sprachförderung, Anerkennung und Qualifizierung sinnvoll zu verzahnen.

Ohne Sprache wird Integration kaum gelingen

Ein Thema im Podcast ist die Rolle von Sprache. Gerade für Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung bleibt sie die entscheidende Voraussetzung für nachhaltige Integration in Arbeit. „Sprache ist der Schlüssel zum Arbeitsmarkt“, sagt Krömer deutlich. Gerade in qualifizierten Berufen gehe es nicht ohne ein ausreichendes Sprachniveau.

Umso kritischer sehen beide die Kürzungen bei Integrationskursen. Bettermann nennt die Entscheidung klar falsch. „Eine gute Entscheidung war das auf gar keinen Fall“, sagt sie. In Dortmund versuchten Arbeitsagentur, Jobcenter, Stadt und Netzwerkpartner nun, Lücken aufzufangen.

Das zeigt auch, wie stark die Stadt darauf angewiesen ist, pragmatische Lösungen vor Ort zu finden, wenn auf Bundesebene Entscheidungen getroffen werden, die die Integration erschweren.

Dortmund braucht Zuversicht – und einen langen Atem

Für die nächsten Jahre sehen beide vor allem den demografischen Wandel als zentrale Herausforderung. Bettermann erinnert daran, dass jedes Jahr rund 2.500 Menschen aus dem Erwerbspersonenpotenzial ausscheiden. Ohne Zuwanderung und bessere Integration werde das kaum aufzufangen sein. Krömer beschreibt als Ziel, dass die Arbeitslosigkeit sinkt und möglichst alle Gruppen davon profitieren – Jugendliche ebenso wie Langzeitarbeitslose, Menschen mit Einschränkungen und Fachkräfte aus dem Ausland.

Trotz aller Probleme endet das Gespräch nicht pessimistisch. Krömer berichtet von einer leichten Zuversicht bei Unternehmen für die zweite Jahreshälfte. Bettermann setzt auf das Dortmunder Netzwerk. „Hoffnung gibt mir unser großes Netzwerk, in dem wir uns gegenseitig stützen“, sagt sie. Gerade in einer Zeit, in der Krisen gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt einwirken, könnte genau das einer der wichtigsten Standortvorteile der Stadt sein.

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