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6. Deutsch-afrikanisches Wirtschaftsforum: Deutsche Unternehmer reden über Investitionsmöglichkeiten in Afrika

Deutsch-afrikanisches Wirtschaftsforum 2020: Networking. Fotos: Dally/Auslandsgesellschaft

Anfang der Woche fand das 6. Deutsch-afrikanische Wirtschaftsforum NRW der Auslandsgesellschaft.de Dortmund und IHK NRW in der IHK zu Dortmund statt. Das Forum richtet sich an interessierte deutsche Unternehmen, vor allem aus NRW, die „nach Afrika gehen“ wollen. So lautete das Motto dieses Jahr: „Afrika 2020: Deutsche Unternehmen auf Erfolgskurs“.

Afrika für deutsche Unternehmen weitestgehend unerschlossen

Zur Begrüßung sprachen Heinz-Hubert Dustmann, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, und Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft.

Heinz-Hubert Dustmann (l.) mit Klaus Wegener

„Das Forum gehört heute zu den größten wirtschaftspolitischen Veranstaltungen zum Thema Afrika in Deutschland. Mit mehr als 350 Teilnehmern, dabei über 150 aus Nordrhein-Westfalen, sowie Experten und Unternehmen aus 14 Nationen wurden unsere Erwartungen wieder einmal übertroffen“, sagte Wegener.

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Für Dustmann sind bisher solide Handelspartner wie die USA unter Trump, China und das Vereinigte Königreich Großbritannien mit dem Brexit mittlerweile mit Skepsis zu betrachten. „Wenn als großes neues Land Afrika kommt“, ein Kontinent mit 54 Ländern, schob Dustmann ein, der „für uns noch weitestgehend unerschlossen ist, stecken da Chancen drin für Deutschland und NRW“.

Afrika sei mit seiner jungen und stark wachsenden Bevölkerung der kommende Kontinent. Diesen solle die deutsche Wirtschaft „nicht andern Ländern überlassen“, sagte Dustmann und ergänzte, vielmehr solle man „als Vorreiter in den Kontinent hinein gehen.“

Wulf-Christian Ehrich, Stellv. Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund, gab als Moderator zu bedenken, dass China in Afrika einen „modernen Neokolonialismus“ betreibt. Die Frage sei, „ob wir es genauso machen wollen oder auf Augenhöhe“, so Ehrich weiter.

OB Ullrich Sierau: Afrika nicht den Falschen überlassen

Das China-Thema griff auch OB Ullrich Sierau in seiner Begrüßungsrede auf: „Die Chinesen gehen nach Afrika. Wir gehen nach China. Wieso gehen wir nicht direkt nach Afrika?“ Er gab zu bedenken, dass Afrika darauf warten würde „dass wir partnerschaftlich und auf Augenhöhe dahin gehen“, um eine Alternative zu China zu haben.

Er wies auf die Patenschaft zwischen NRW und Ghana hin und ergänzte: „Unsere Kommune fühlt sich verbunden mit Afrika und den Menschen dort.“ Bei einer Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern und Unternehmen gehe es „um Patenschaft“ und „Augenhöhe“. Es dürfe „nichts Koloniales“ geben. Was die deutsche Seite aus Sieraus Sicht leisten könne: „Expertise bereit stellen, beraten und helfen, aber nicht bevormunden“.

Und auch Deutschland und deutsche Unternehmen könnten von „den vielfältigen afrikanischen Kulturen“ lernen. Außerdem dürfe es bei dem Austausch nicht nur um die Wirtschaft gehen, „damit die Nachhaltigkeit nicht zu kurz kommt“, so Sierau weiter. Am Ende griff der OB nochmal den Konkurrenten China auf und schloss mit den Worten: „[…], dass wir Afrika nicht den anderen überlassen; dass wir Afrika nicht den Falschen überlassen.“

Neue afrikanische Freihandelszone: Herausforderungen und Potentiale für deutsche Unternehmen

Prof. Andreas Freytag, Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik, Uni Jena

Die Keynote zur Eröffnung gab es von Professor Andreas Freytag vom Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik an der Universität Jena. Er widmete sich vor allem der neuen afrikanische Freihandelszone: Diese „stellt räumlich und mit Blick auf teilnehmende Länder die größte Freihandelszone der Welt dar. Durch sie kann die deutsche Wirtschaft einen Schub für ihre Aktivitäten in Afrika erwarten“, so Freytag.

Mit dieser Entscheidung hätten die 52 Mitgliedstaaten dieser Freihandelszone eine wegweisende Entwicklung für den Kontinent vorangetrieben. Doch auch in Deutschland müssten die Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent weiter unterstützt werden, stellte Freytag fest. „Wir brauchen weitere Verbesserungen der Außenwirtschaftsförderung bei gleichzeitigem Verzicht auf kostentreibende und ineffektive Vorschriften.“

Denn im Vergleich lagen die deutschen Direktinvestitionen auf dem afrikanischen Kontinent mit 1 Mrd. US-Dollar (davon 64 Prozent in Südafrika) im Jahr 2016 weit hinter den Direktinvestitionen von China mit 40 Mrd. Auch die USA, Großbritannien, Frankreich und die Niederlande lägen mit ihren Investitionen weiter über den deutschen.

„Beladene Debatte um Nachhaltigkeit“ in Deutschland als Investitionshemmnis?

Als einen Grund für die geringe wirtschaftliche Aktivität deutscher Unternehmen in Afrika identifizierte Freytag das verzerrte Afrikabild in Deutschland. Des Weiteren sei die Förderlandschaft verwirrend und undurchsichtig mit fünf verschiedenen Ressorts wie dem BMZ und dem BMBF, die jeweils eigene Förderprogramme hätten.

Ein weiterer wichtiger Grund für Freytag ist, dass es „in Deutschland gerade eine ziemlich beladene Debatte um Nachhaltigkeit“ gäbe. Dazu seien auf Grund des nationalen Aktionsplans zum Thema Menschenrechte deutsche Unternehmen um die Einhaltung der Menschenrechte im Ausland bemüht.

Anmerkung der Redaktion: Der Nationale Aktionsplan arbeitete mit freiwilligen Maßnahmen von Unternehmen zur Einhaltung der Menschenrechte in Lieferketten. Dieses Jahr sollen die Maßnahmen evaluiert und über eine verbindliche Gesetzgebung entschieden werden. Im Zuge dessen hat sich ein deutschlandweites Bündnis von 72 Nichtregierungs-Organisationen – die „Initiative Lieferkettengesetz“ – gebildet. Die Initiative beurteilt die erfolgten freiwilligen Maßnahmen der Unternehmen als unzureichend und setzt sich für ein starkes deutsches Gesetz in Sachen Menschenrechte in Lieferketten ein. Nordstatblogger berichtete bereits hier.

Professor Freytag fordert genaue Begriffsdefinition von „Nachhaltigkeit“ (auch „im Interesse der Unternehmen“)

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es für Freytag um effektive Lösungen, die sowohl für den Unternehmenserfolg als auch die Nachhaltigkeit nützlich seien. Dabei gehe es darum, Nachhaltigkeit genau zu definieren. Unter anderem spricht er sich dafür aus, sich beim Thema Arbeitsschutz an die Gesetzte des jeweiligen Landes zu halten und nicht deutsche Gesetzesmaßstäbe anzulegen.

Außerdem sollten nach Freytag nur Teile einer Lieferkette unter die Regulierung fallen, auf die ein Unternehmen gestalterischen Einfluss habe. Sanktionen müssen außerdem klar definiert sein und ein Klagerecht sollte ausschließlich bei Betroffenen – und nicht bei Dritten – liegen.

Die Anforderungen an Nachhaltigkeit sollten „im Interesse der Unternehmen“ gestaltet werden, so Freytag weiter – dann könne schließlich niemand etwas dagegen haben. Er warnte, dass sonst die deutschen Unternehmen wegbleiben würden [aus Afrika] und nur die Chinesen kämen, die dem Thema Menschenrechte anders gegenüber stünden.

Talkrunde: Diskussion um deutsche Außenwirtschaftsförderung

Im Anschluss an die Keynote gab es eine Talkrunde mit den Gästen:

  • Christoph Dammermann, Staatssekretär Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie NRW
  • Gunther Beger, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Abteilungsleiter Grundsatzfragen, Wirtschaft, Handel und ländliche Entwicklung
  • Hans-Jörg Hübner, Geschäftsführer GfG Gesellschaft für Gerätebau mbH und Honorarkonsul der Republik Südafrika in Nordrhein-Westfalen

Dammermann und Berger stellten ihre Aktivitäten, Schwerpunkte und Programme im Bereich der Außenwirtschaftsförderung für deutsche Unternehmen in Afrika vor. Berger entgegnete der Kritik von Freytag bezüglich der undurchsichtigen Förderlandschaft, dass er es begrüße, dass sich viele Ministerien in dem Bereich engagierten und es ein breitgefächertes Förderangebot gebe.

Beger ist es wichtig, „dass es den Menschen vor Ort [in Afrika] besser geht“. 20 Millionen Menschen kämen in Afrika jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt. Es gehe darum, diesen Menschen eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Gut qualifiziertes Personal werde immerhin auch für die deutschen Unternehmen vor Ort benötigt.

Die Undurchsichtigkeit der Förderprogramme sieht Hübner – der betonte, 40 Jahre Erfahrung mit seinem Unternehmen in Südafrika und anderen afrikanischen Ländern zu haben – ebenso wie Freytag ebenfalls als Problem. Er hab hervor, dass hier „Gelder, die uns vorher weggenommen wurden – also Steuern“, ineffizient genutzt würden. Er betonte außerdem, dass „nur Unternehmer die Arbeitsplätze schaffen“ –  obwohl er in den Medien immer höre, dass die Politik das mache.

Weitere Themen: Urbanisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Industrialisierung

Pitchgewinnerin Emmanuella Gyawu

Den anschließenden Konferenzverlauf beschreibt die IHK zu Dortmund in ihrer Pressemitteilung so: „Seit dem Auftakt 2010 stellt die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung Unternehmen exklusive und topaktuelle Marktdaten, Expertenkontakte und breitgefächerte Informationen über die Chancen und Herausforderungen auf dem afrikanischen Markt zur Verfügung. Neu waren in diesem Jahr die B2B Speed-Datings in der Matchmaking Area zum noch effektiveren Networking.“

„Das Forum griff die aktuellen Entwicklungstrends in Afrika aus den Bereichen Urbanisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Industrialisierung auf. Jede Branche stellte dabei Good-Practice-Beispiele vor. Wirtschaftsexperten ergänzten die Tagesordnung mit Statements zu fachspezifischen Themen wie z.B. Investitionsgarantien des Bundes oder dem neuen Mittelstandsindex Afrika.“

„Die ganztägige Berater-Lounge stellte sich wieder als bewährter Programmpunkt heraus: Vertreter von acht Auslandshandelskammern (AHK) vertraten insgesamt 15 afrikanische Staaten und standen ebenso wie Germany Trade & Invest (GTAI), Euler Hermes, PricewaterhouseCoopers und die Agentur für Wirtschaft und Entwicklung für persönliche Beratungsgespräche zur Verfügung.“

 

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Weitere Informationen:

  • Homepage deutsch-afrikanisches Wirtschaftsforum; hier:

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