
Rund 120 Fachkräfte, Ehrenamtliche und Verantwortliche aus Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik sind am 7. Juli 2026 im Dietrich-Keuning-Haus zum 11. Dortmunder Forum Geflüchtete zusammengekommen. Unter dem Motto „Stark im Netzwerk – Stark für Geflüchtete“ ging es um die Frage, wie Vernetzung angesichts einer verschärften politischen Debatte über Migration Schutz und Handlungsspielräume schaffen kann. Organisiert wird das Forum vom Dortmunder Arbeitskreis Kimble gemeinsam mit Stadt, Agentur für Arbeit und Jobcenter.
Ein Motto als Antwort auf Entsolidarisierung
Zur Eröffnung erinnerte Maren Fröhling vom AK Kimble an die Sprechchöre, die es vor wenigen Wochen im Europäischen Parlament gegeben hatte – und an die Gegenrufe „Shame on you!“. Anlass war die Zustimmung des EU-Parlaments am 17. Juni zu verschärften Asyl- und Abschiebungsregeln, darunter das Konzept sogenannter „Return Hubs“: Abschiebezentren in Drittstaaten, in denen Menschen vor ihrer Ausreise aus der EU festgehalten werden sollen. Musiker Herbert Grönemeyer hatte die Szenen im Parlament öffentlich scharf kritisiert und von einem „Schandfleck in der europäischen Geschichte“ gesprochen.

Fröhling zog eine Linie zwischen solchen europäischen Debatten und dem Alltag vor Ort: Eine Teilnehmerin habe ihr erzählt, wie ein Nachbar in ihrer früheren Wohnung regelmäßig das Lied „Ausländer raus“ laufen ließ und gegen die Wand klopfte. „Das klingt wie ein schlimmes Klischee, aber das ist es leider nicht“, sagte Fröhling. Sie erinnerte zudem an das Jahr 2006 – die Fußball-WM in Deutschland und zugleich die Ermordung von Mehmet Kubaşık in Dortmund durch den NSU, nur wenige Monate zuvor. Jetzt, wo Dortmund erneut WM-Stadt sei, stelle sich die Frage, ob die Stadt dieses Mal die Augen offenhalte.
Mit einem Zitat der US-Bürgerrechtlerin Audre Lorde – „Your silence will not protect you“ – forderte Fröhling dazu auf, nicht zu schweigen. Schweigen schütze nicht die, die von Diskriminierung betroffen seien, sondern stabilisiere die Strukturen, die es zu verändern gelte. Die Antwort auf gesellschaftliche Ausgrenzung dürfe deshalb nicht Rückzug oder Anpassung sein, sondern müsse Vernetzung, Solidarität und eine klare Haltung sein. Iza Mazur, die das Forum gemeinsam mit Fröhling moderierte, dankte zu Beginn ausdrücklich dem Dortmunder Arbeitskreis Kimble, der das Forum das ganze Jahr über vorbereitet.
Bezirksregierung: Über 5.000 Plätze in neun Einrichtungen

Tim Alexander Hummel von der Bezirksregierung Arnsberg berichtete, dass der Regierungsbezirk derzeit neun Landesunterbringungseinrichtungen mit mehr als 5.000 Aufnahmeplätzen unterhält – darunter zwei in Dortmund, in Oespel und Aplerbeck. Für das kommende Jahr rechnet die Behörde mit einem leichten Anstieg der Platzzahlen.
Hummel betonte, dass neben Unterbringung und medizinischer Grundversorgung durch eine Sanitätsstation auch psychosoziale Angebote nötig seien, weil viele Geflüchtete durch Krieg, Verfolgung oder die Flucht selbst traumatisiert seien. In den Dortmunder Einrichtungen gebe es dafür bereits ein psychosoziales Erstangebot.

Für zusätzliche psychosoziale Betreuung im Umfeld der Einrichtungen stelle das Land zwar Mittel bereit, räumte Hummel jedoch ein, dass angesichts angespannter Haushalte eine umfangreichere Förderung wünschenswert wäre.
Als Beispiele für gelebte Unterstützung nannte er Kinderbetreuung, aus Spenden finanzierte Kleiderkammern, Kochkurse, Sportangebote und Sprachkurse – möglich gemacht vor allem durch ehrenamtliches Engagement, dem er ausdrücklich dankte.
Integration dürfe nicht erst mit einem gesicherten Aufenthaltstitel beginnen, sondern „vom ersten Tag an“, so Hummel. Bei der kommunalen Zuweisung, die sich vorrangig am aufenthaltsrechtlichen Status orientiert, versuche man, soziale Belange wie familiäre Bindungen sowie kommunale Zuweisungswünsche zu berücksichtigen – Zielkonflikte mit gesetzlichen Vorgaben ließen sich dabei aber nicht immer auflösen.
Agentur für Arbeit: Mehr Beschäftigung, aber Hürden für Frauen
Heike Bettermann von der Agentur für Arbeit Dortmund stellte ihren Beitrag in den Kontext der weltweiten Sicherheitslage: Der seit 2007 erhobene Global Peace Index verzeichne derzeit die niedrigste globale Friedfertigkeit seit 20 Jahren, die Zahl bewaffneter Konflikte liege auf einem historischen Höchststand seit dem Zweiten Weltkrieg. Weltweit seien etwa 120 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung, über 40 Millionen von ihnen hätten ihr Heimatland bereits verlassen.

„Wir müssen aufpassen, uns nicht daran zu gewöhnen – und wir dürfen niemals aufhören, hinter diesen Zahlen die Menschen zu sehen“, so Bettermann. Sie verwies zudem darauf, dass fremdenfeindliche Parolen und der Begriff „Remigration“ – aus ihrer Sicht ein Kampfbegriff der extremen Rechten – zunehmend in den öffentlichen Sprachgebrauch eingedrungen seien, auch mit Blick auf anstehende Landtagswahlen im September.
Für Dortmund nannte sie zugleich positive Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt: Die Beschäftigung der 2025 gemeldeten Geflüchteten sei um über 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen, 658 Personen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern seien sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen, während die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe leicht zurückging – im Schnitt waren 2025 dennoch 4.578 Menschen aus dieser Gruppe arbeitslos gemeldet.
Besonders schwer hätten es nach wie vor geflüchtete Frauen, so Bettermann mit Verweis auf eine IAB-Untersuchung aus dem vergangenen Jahr: Geflüchtete Frauen benötigen demnach im Schnitt deutlich länger als Männer, um eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Als Gründe nannte sie fehlende Kinderbetreuung, einen schwierigeren Zugang zu Sprachkursen und Bildungsabschlüssen, erschwerte Anerkennung ausländischer Qualifikationen, gesundheitliche Belastungen durch traumatische Erfahrungen sowie häufigere Mehrfachdiskriminierung.
Nötig seien deshalb bessere Sprach- und Betreuungsangebote, eine Stärkung sozialer Netzwerke und vereinfachte Anerkennungsverfahren. Integration in den Arbeitsmarkt sei „keine Beschäftigungstherapie“, betonte Bettermann, sondern angesichts des demografischen Wandels notwendig: IAB und DIW gingen von einem jährlichen Zuwanderungsbedarf von rund 400.000 Menschen aus. Dem Einwand, KI werde ohnehin Arbeitsplätze vernichten, hielt sie entgegen, dass KI zugleich neue Arbeitsplätze schaffe, während Branchen mit hohem Anteil migrantischer Beschäftigter – Lebensmittelproduktion, Reinigung, Bau, Gastronomie, Pflege – noch lange nicht durch KI ersetzbar seien.
Für Schilff ist die Flüchtlingskonferernz eine „Herzensangelegenheit“
Bürgermeister Norbert Schilff, der in Vertretung des Oberbürgermeisters sprach, bezeichnete das Thema als „Herzensangelegenheit“ und betonte, er sei nicht einfach nur stolz, in Dortmund zu leben, sondern stolz darauf, dass die Stadt zeige, was möglich sei, wenn Verwaltung, Wohlfahrtsverbände, Unternehmen und Ehrenamt gemeinsam handelten. Das Forum sei dafür seit elf Jahren ein gutes Beispiel.

Schilff erinnerte daran, dass Dortmund seit rund 150 Jahren eine Stadt der Zuwanderung sei. Schon vor 120 bis 130 Jahren seien Menschen gekommen, die man heute als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen würde – angelockt von sicheren Arbeitsplätzen in Bergbau und Stahlindustrie.
Anschaulich wurde er mit zwei persönlichen Erzählungen aus seinem Ehrenamt als Seniorenbesucher: eine 102-jährige Dortmunderin, die 1944 heiratete, deren Mann nur vier Wochen später im Krieg fiel und die ein halbes Jahr darauf selbst aus dem Osten Deutschlands floh – in Dortmund sei sie damals „nicht so beliebt“ gewesen, weil Wohnraum knapp war.
Und seine 96-jährige Tante, die 1945 aus Pommern über die Ostsee floh und dort auf Bauernhöfen mit Steinen vertrieben wurde, wenn sie um Essen bat. „Alles ist so ziemlich vergessen“, sagte Schilff, auch weil es kaum noch Menschen gebe, die das selbst erlebt hätten. Flüchtlingswellen erlebe man heute meist „wunderbar am Fernsehen“ – nur die Menschen, die aus Not zu uns kommen, seien real.
Bürgermeister zu Social Media: „Es ist alles, aber nicht sozial“
Scharf kritisierte Schilff den Umgangston in sozialen Netzwerken: „Ich vermeide überall den Begriff der ‚sozialen‘ Medien. […] Es ist alles, aber nicht sozial.“ Integration sei eine Gemeinschaftsaufgabe, die in Dortmund gemeinsam mit Kirchengemeinden, Vereinen, Institutionen und vor allem den vielen Ehrenamtlichen gelebt werde – Letzteren dankte er besonders für ihre oft unsichtbare Arbeit.

Angesichts anstehender Landtagswahlen mahnte er zu einem Diskurs ohne Ausgrenzung: „Unterschiedliche Meinungen ohne Hass gehören zu unserer Demokratie.“
Schilff, der sich nach eigenen Worten in seiner letzten Amtsperiode als Bürgermeister befindet, äußerte zugleich Sorge, dass sich Gesellschaft und Parteien zunehmend nur noch mit den eigenen nationalen Verhältnissen befassten und die Lage in anderen Teilen der Welt aus dem Blick gerate – das mache ihn „tief traurig“, trotzdem gebe er nicht auf.
Flüchtlingsrat zur GEAS-Reform: „Kaum noch etwas mit Schutzgedanken zu tun“
Wie sich diese Debatte konkret auf die europäische Asylpolitik auswirkt, zeigte der Impulsvortrag von Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW, der in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert. Sie ordnete die seit Kurzem wirksame Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) zunächst historisch ein: Grundlage des Flüchtlingsschutzes sei die 75 Jahre alte Genfer Flüchtlingskonvention mit ihrem Kernprinzip, dem Non-Refoulement-Verbot – niemand darf in ein Land abgeschoben werden, in dem ihm oder ihr Verfolgung droht. Diesem Anspruch werde das neue GEAS aus ihrer Sicht nicht gerecht.

Die Reform ist ein umfangreiches Paket aus zehn Verordnungen und einer Richtlinie, beschlossen vor zwei Jahren nach acht Jahren Verhandlung, seit wenigen Tagen vor dem diesjährigen Weltflüchtlingstag am 20. Juni wirksam; die vollständige Umsetzung muss bis zum 12. Juni beziehungsweise, je nach Regelung, bis zum 1. Juli 2026 erfolgen. Kernstück ist die AMMVO, die Asyl- und Migrationsmanagement-Verordnung, Nachfolgerin der gescheiterten Dublin-III-Verordnung.
Offizielles Ziel sei ein einheitlicher, unionsweiter Ansatz mit gemeinsamen Standards und solidarischer Verantwortungsteilung. Tatsächlich, so Naujoks, gehe es aber „immer stärker um Kontrolle, Abschottung, Sicherheit und Effizienz. Schutzsuchende stehen nicht wirklich im Mittelpunkt.“ Selbst Bundesinnenminister Dobrindt habe die Reform öffentlich als „nicht scharf genug“ bezeichnet.
Konkret bedeutet die Reform: An den EU-Außengrenzen sollen künftig Grenzverfahren in geschlossenen Zentren stattfinden – in Deutschland vor allem an Flughäfen. Wer dort ankommt, gilt rechtlich als „nicht eingereist“, obwohl er sich faktisch in Deutschland befindet. „Das ist faktisch Haft“, sagte Naujoks. Bis zu drei Monate dauert das Grenzverfahren, bei Ablehnung kann sich ein bis zu dreimonatiges Rückkehrverfahren anschließen – macht in der Summe bis zu sechs Monate geschlossene Unterbringung. Konkret betroffen ist auch NRW: An den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn sollen die Verfahren durchgeführt werden, dafür soll die ehemalige Zentralunterbringungseinrichtung Ratingen mit 60 Plätzen reaktiviert werden; 2028 soll zusätzlich eine Einrichtung am Flughafen Düsseldorf mit rund 50 Plätzen hinzukommen.
Für Menschen aus 90 Ländern gilt künftig verpflichtend ein Schnellverfahren
Ausgeweitet werden zudem beschleunigte Asylverfahren: Für Menschen aus 90 Ländern mit einer EU-weiten Anerkennungsquote unter 20 Prozent gilt künftig verpflichtend ein Schnellverfahren mit einer Entscheidung binnen drei Monaten, aber nur einer Woche Rechtsmittelfrist – eine Klage hat dabei keine aufschiebende Wirkung mehr. Naujoks warnte, dass Beschleunigung fast zwangsläufig zulasten der Verfahrensqualität gehe: Besonders vulnerable Personen würden dabei oft nicht rechtzeitig erkannt.

Auch die Liste sogenannter sicherer Herkunftsstaaten wurde erweitert, unter anderem um Bangladesch, Kolumbien, Ägypten, Indien, Marokko und Tunesien. Besonders kritisch sieht Naujoks eine mögliche Einstufung der Türkei: Obwohl die Beitrittsverhandlungen stockten und die Menschenrechtslage angespannt sei, gehe man davon aus, dass die Türkei künftig als sicher gelten könne – mit der Folge, dass die Anerkennungsquote gegen null tendieren dürfte.
Die Reform sieht darüber hinaus stärkere Freiheitsbeschränkungen vor: eine verschärfte Residenzpflicht, die Menschen möglichst am Verlassen der Landesaufnahmeeinrichtungen hindern soll – auch in Dortmund gibt es zwei solcher Einrichtungen. Deutschland plant zudem sogenannte Sekundärmigrationszentren für Menschen, die bereits in einem anderen EU-Staat anerkannt wurden; Bayern gilt hier als Vorreiter, NRW diskutiere noch. Hinzu kommen eine neue Asylverfahrenshaft und zusätzliche Haftgründe bei Verletzung von Mitwirkungspflichten.
Memorandum: 265 Organisationen betonen, dass Flüchtlingsschutz auch anders gehen könnte
Beim neuen Verteilmechanismus der AMMVO sollen jährlich bis zu 30.000 Menschen zwischen EU-Staaten umverteilt werden, wenn ein Mitgliedstaat unter besonderem Migrationsdruck steht. Staaten können sich davon jedoch freikaufen – für rund 20.000 Euro pro nicht aufgenommener Person.

Die Frist, innerhalb derer als „flüchtig“ geltende Personen zurücküberstellt werden dürfen, wurde zudem auf bis zu 36 Monate verlängert; als „flüchtig“ kann nach Naujoks‘ Darstellung schon gelten, wer zu einem Termin nicht erscheint. Das habe erhebliche Auswirkungen auf die Praxis des Kirchenasyls – sie ermutigte die Anwesenden dennoch ausdrücklich, es weiter zu ermöglichen.
Auf kommunaler Ebene erhalten minderjährige Kinder Anspruch auf eine elektronische Gesundheitskarte, und eine Beschulung im Regelsystem muss spätestens nach zwei Monaten erfolgen. Gegenläufig dazu drohen mehr Arbeitsverbote – geplant auch für Menschen aus Bangladesch, Indien, Marokko oder Tunesien – sowie ein eingeschränkter Zugang zu Integrationskursen zugunsten einfacher Erstorientierungskurse.
Bereits in Arbeit sei zudem eine neue Rückführungsverordnung mit Abschiebezentren in Drittstaaten außerhalb der EU; Deutschland verhandle dazu bereits mit Staaten wie Usbekistan und Kasachstan.
Naujoks ordnete diese Verschärfungen auch aktiven Verhandlungen zwischen konservativen Kräften und dem rechten Rand im Europaparlament zu – „von einer Brandmauer ist da keine Spur“. Sie schloss mit dem Hinweis auf ein von 265 Organisationen getragenes Memorandum, das zeige, dass Flüchtlingsschutz auch anders gehen könne.
Praxiseinblicke: „Bevor ich Geflüchtete*r war, war ich ein Mensch“
Einen bewussten Kontrapunkt zu Zahlen und Verordnungen setzte Fortune Walitza-Ndam von der GrünBau gGmbH. Sie stellte gleich zu Beginn klar: Es gehe ihr nicht um Gesetzestexte oder Statistiken, sondern um Menschen.
Eindrücklich war für sie das Gespräch mit zwei Mädchen, zwölf und dreizehn Jahre alt, die auf die Frage nach dem Wort „Geflüchtete“ von einem Klassenkameraden erzählten: Ein Lehrer hatte ihn Jahre zuvor so vorgestellt: „Er heißt so und so, er ist euer neuer Klassenkamerad. Ihr solltet besonders nett zu ihm sein, weil er ein Flüchtlingskind ist.“ Bis heute, Jahre später, verbinden die beiden ihn vor allem mit diesem Etikett – dabei sei er eigentlich sehr sportlich, gut in Mathe und sehr sozial, „aber das wurde alles übersehen“. Für Walitza-Ndam ein Beispiel dafür, wie Erwachsene Begriffe unbedacht an Kinder weitergeben.

Genau diesen Mechanismus prangerte sie an: Wer heute nur noch „Geflüchtete“ genannt werde, sei vorher Unternehmerin, Ingenieur, Studentin, Lehrer, Nachbarin, Freund, Oma, Opa, Bruder oder Schwester gewesen – Rollen, die durch bestimmte Ereignisse verloren gingen und im Ankunftsland oft hinter dem bloßen Status verschwänden. Besonders schwer wiege dabei der Verlust der Sprache: Wer sich nicht ausdrücken könne, verliere gefühlt auch das Recht auf Privatsphäre und Intimität. Sie erinnerte sich an eigene Scham, als sie neu in Deutschland zum Arzt musste und sich dafür schämte, begleitet werden zu müssen und dass jemand anderes mitbekam, was ihr fehlte.
Aus ihrer Beratungspraxis nannte sie mehrere Beispiele: Berufliche Titel und Qualifikationen aus dem Herkunftsland zählten zunächst nicht, solange langwierige Anerkennungsverfahren liefen; in dieser Zeit bleibe man nur „Geflüchteter“, während die eigene, jahrelang erarbeitete Identität in den Hintergrund rücke. Bei der Wohnungssuche werde oft nicht die Familie oder die Bedürftigkeit gesehen, sondern zuerst gefragt: „Woher kommen Sie?“ – gefolgt von Klischees über Essensgerüche, Lautstärke oder Kinderzahl; manche Vermieter*innen lehnten grundsätzlich Menschen mit Jobcenter-Bezug ab. Auch die zunehmend verbreitete Frage nach den „Wurzeln“ eines Namens sei letztlich eine indirekte Herkunftsfrage, verbunden mit der Erwartung, ungefragt die eigene – oft belastende – Biografie preiszugeben. „Ich möchte mir aussuchen, wann ich über meine Biografie rede“, sagte Walitza-Ndam dazu.
Scharfe Kritik an der Praxis der Vaterschaftsanerkennung
Besonders eindringlich schilderte sie die Praxis bei der Vaterschaftsanerkennung: Seit einem Gesetz von Februar 2016 muss die Ausländerbehörde zustimmen, wenn zwei Personen sich gemeinsam auf einer Geburtsurkunde eintragen lassen wollen. In ihrer Beratungspraxis hätten Mütter dafür teils sogar private Chatverläufe als Nachweis vorlegen müssen. Ein anschließend nötiger DNA-Test koste rund 150 Euro – für Menschen mit weniger als 500 Euro im Monat eine erhebliche Belastung.

Sie wies zudem auf einen Unterschied hin: Für weiß gelesene Geflüchtete sei es ihrer Erfahrung nach leichter, irgendwann nicht mehr ausschließlich als Flüchtling gesehen zu werden. Fließendes Deutsch verstärke diesen Effekt zusätzlich.
Aus dieser Kritik heraus entstand 2020, nach der Corona-Pandemie, ihr eigenes Projekt „Ladies First“: ein Gruppen- und Beratungsangebot für zugewanderte Frauen in Dortmund-Nord. Es begann mit einem gemeinsamen Eis auf der Münsterstraße mit zwei Teilnehmerinnen und wuchs zu einer Gruppe, die Frauen auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit, gesellschaftlicher Teilhabe und einem eigenständigen Leben unterstützen soll – mit Ideen, die nach Walitza-Ndams Darstellung stets von den Frauen selbst kommen.
Ein „Safe Space“ für den Umgang mit Traumata aus Flucht, Menschenhandel oder Gewalt
Zum Angebot gehören inzwischen eine Peer-to-Peer-Beratung innerhalb der Gruppe, ein zweiwöchentliches Sprachcafé in der Speicherstraße mit gemeinsamer Mahlzeit sowie ein „Safe Space“ für den Umgang mit Traumata aus Flucht, Menschenhandel oder Gewalt, mit Anbindung an zwei Psychologinnen bei GrünBau. Hinzu kommen Nähkurse, das Kochprojekt „Nanlot“, Rechtsberatung durch einen Anwalt sowie das Kunstprojekt „Decolonize“ mit einem gemeinsam gestalteten Baobab-Baum aus Stoff. Reisen führten die Gruppe unter anderem nach Hamburg und, auf Einladung eines Dortmunder Politikers, in den Bundestag nach Berlin – für viele der Frauen die erste Übernachtung im Hotel überhaupt.

Größte Sorge sei die Finanzierung, so Walitza-Ndam: Viele Angebote seien nur befristet gefördert, „ab Dezember habe ich oft Bauchschmerzen, weil ich nicht weiß, ob es im April weitergeht“. Sie wünsche sich eine stabilere Förderung und mehr Migrantinnen in sozialen Berufen.
Zum Schluss erzählte sie von einer BAMF-Anhörung in Karlsruhe, bei der sie als Dolmetscherin arbeitete: Ein junger Mann erschien dort in einem grün-weißen Anzug der Marke Prada, woraufhin sich der zuständige Entscheider sichtlich aufregte – „Ja, Hauptsache Prada-Anzug…“ – und ihm damit unterstellte, sein Auftreten passe nicht zu seiner Situation.
Walitza-Ndam konfrontierte den Entscheider direkt. Ob der Anzug echt war oder vom Flohmarkt stammte, sei letztlich egal – vielleicht sei es das wertvollste Kleidungsstück gewesen, das der junge Mann für diesen wichtigen Termin besaß. Ihr Fazit dazu, zugleich der rote Faden des ganzen Vortrags: „Der Flüchtlingsstatus erklärt, warum ein Mensch hier ist – er erklärt nicht, wer dieser Mensch ist.“
Vernetzung und Weiterentwicklung in sechs Arbeitsgruppen
Nach den Impulsvorträgen ging es für die Teilnehmenden am Nachmittag in sechs Arbeitsgruppen weiter: Es ging um Geflüchtete in Betrieben, also um Fragen rund um Ausbildung und Einstellung aus Unternehmenssicht, um Selbstfürsorge und Stärkung von Beratenden sowie um Erfolgsgeschichten der Integration. Hinzu kamen ein vom Respekt Büro Dortmund durchgeführter Workshop zu Anti-Bias für Multiplikator*innen, die Frage nach Wegen in den Wohnungsmarkt unter dem Titel „Ankommen. Wohnen. Teilhaben“ sowie eine Arbeitsgruppe zum Schaffen von Begegnungsräumen und Wegen aus der Isolation.
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