
Die Zivilbevölkerung in der Ukraine ist im russischen Angriffskrieg ein wichtiger Player, wenn es darum geht, finanzielle Mittel für zum Beispiel medizinische Hilfe vor Ort einzuwerben. Eine Person, die das gleich mit zwei Organisationen aus Dortmunds Partnerstadt Schytomyr macht: Schanna Solowjowa. Sie leitet die Nichtregierungsorganisation Modern Format und die Wohltätigkeitsorganisation Fonds der Gemeinde Schytomyr (Community Foundation), die im Folgenden Community Foundation genannt wird.
Der Beginn des Krieges und die Frage: Was kann ich tun?
Es ist der Morgen des 24. Februar 2022: Russland beginnt seine Vollinvasion der Ukraine. Solowjowas Ehemann ist gerade einberufen worden und packt seine Sachen. Solowjowa läuft derweil aufgeregt durch die Küche, weiß nicht, was sie tun soll. Draußen sind Explosionen zu hören.

„Der Feind kam auf unsere Stadt zu, ich dachte an all das, was passieren könnte, ich weinte, weil ich mich nutzlos fühlte“, erinnert sich Solowjowa im Nordstadtblogger-Interview. Sie könne weder medizinische Hilfe leisten noch schießen. „Und dann, als ich in meiner Küche auf und ab ging, war es wie ein Moment im Film: Ich hielt inne und dachte, was kann ich eigentlich tun? Fundraising!“ ___STEADY_PAYWALL___
Solowjowa hatte im Jahr 2007 die Nichtregierungsorganisation Modern Format gegründet. Diese fokussiert sich darauf, in der Region Schytomyr kleine zivilgesellschaftliche Organisationen am Anfang zu unterstützen, vor allem um finanzielle Förderungen einzuwerben.
Einige Jahre später kam die Community Foundation dazu. Hier ist Solowjowa ebenfalls Vorsitzende und hat sich zum Ziel gesetzt, die Gesellschaft in Schytomyr durch bessere Vernetzung von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammenzubringen und Strukturen aufzubauen, in denen freiwilliges Engagement möglich wird.
Die ukrainische Zivilgesellschaft unter Druck
Die Zivilgesellschaft hat es in der Ukraine historisch gesehen schwer. Anders als in Deutschland unterstützt der Staat die Zivilgesellschaft vor Ort nur bedingt, es herrscht auf beiden Seiten große Skepsis.

Das bestätigt Susann Worschech, Sozialwissenschaftlerin an der Europa-Universität Viadrina, die zur ukrainischen Zivilgesellschaft forscht. „Die Institutionenskepsis ist nach wie vor hoch, auch in der Gesellschaft insgesamt. Aber einige Institutionen genießen ein sehr hohes Vertrauen, dazu gehört das Militär, ebenso Feuerwehr und Katastrophenschutz. Auch die ehrenamtlich Engagierten und die NGOs selbst genießen in der Gesellschaft ein hohes Ansehen.“
Mit Beginn des russischen Angriffskriegs wurde Freiwilligenhilfe überlebenswichtig für die Menschen in der Ukraine, weil der Staat die Verpflegung und Unterbringung für Geflüchtete aus den besetzten Gebieten, die Versorgung der Menschen in den nicht-besetzten Gebieten und den Zivilschutz insgesamt nicht hätte leisten können.

Seitdem gilt: Staat, Militär und Zivilgesellschaft stehen im Krieg zusammen. Das Jahr 2025 war dafür eine Bewährungsprobe, zeigte aber, wie stark die ukrainische Zivilgesellschaft auch nach vier Kriegsjahren noch ist. So gab es große Proteste gegen den Umbau der Korruptionsbehörden SAPO und NABU. Hier sah die ukrainische Zivilgesellschaft die Gefahr, staatliche Korruption könnte einfacher gemacht werden.
Für Worschech war das ein Schlüsselmoment. „Ein Moment absoluter Stärke war natürlich der vergangene Juli, die Proteste gegen die Rücknahme der Unabhängigkeit von NABU und SAPO. Da wurde deutlich, dass es nicht nur um die vielen kleinen Handgriffe geht, sondern dass die Zivilgesellschaft nach wie vor politisch ist.“
Laut einem Bericht „The Situation of Human Rights Defenders and Civil Activists in Ukraine in 2025“ des ukrainischen Menschenrechtszentrums ZMINA bleibt das Verhältnis zu staatlichen Behörden weiterhin angespannt. Trotzdem, so die ZMINA-Mitarbeiterin Ana More, gilt: „Die größte Herausforderung für die ukrainische Zivilgesellschaft bleibt nach fünf Jahren die gleiche: es ist russland.“ (viele Ukrainer:innen schreiben Wörter wie Russland, Russisch usw. aus Protest mit einem kleinen r, Anm. d. Red.)
„Paradigmenwechsel“ und Geld für medizinische Hilfe
In Schytomyr habe der Krieg staatliche Akteur:innen und die Zivilgesellschaft zusammengebracht, Solowjowa spricht gar von einem „Paradigmenwechsel“. „Die lokalen Behörden verstehen jetzt, dass zivilgesellschaftliche Organisationen Partner sind, nicht nur Leute, die ‚irgendetwas machen‘.“

Ob diese Annäherung dauerhaft ist, bleibt für Sozialwissenschaftlerin Worschech offen. „Die spannende Frage ist, wie verhandlungsfähig die Zivilgesellschaft dann ist, wenn diese einende Decke der russischen Aggression einmal nicht mehr da ist.“
Im Jahr 2025 konnte die Community Foundation beispielsweise Militärhilfen und medizinische Hilfe in Höhe von 283.000 Euro leisten. Dabei ist Solowjowa Transparenz sehr wichtig, die Tätigkeitsberichte der Organisation sind im Internet abrufbar, alles ist über offizielle Konten geregelt oder die Sachspender:innen sind verifiziert.
Um das zu beweisen, steht sie energisch vom Tisch auf und wühlt in einem Stapel von Dokumenten, greift fünf Berichte aus den letzten Jahren heraus und legt sie auf den Tisch. Auf der Mehrzahl der Berichte prangt oben links das Logo von USAID. „Die Projekte konnten wir zum Glück fertigstellen, bevor das Programm eingestellt wurde“, seufzt Solowjowa.
USAID bricht weg, Diversifizierung der finanziellen Mittel nötig
Bereits Anfang 2025 hatte die US-Regierung unter Donald Trump die USAID-Mittel eingefroren, zum 1. Juli 2025 wurde die US-amerikanische Entwicklungshilfe-Behörde dann ganz geschlossen. USAID war weltweit einer der größten Geldgeber für Projekte wie die von Modern Format oder der Community Foundation, die auf keine staatlichen Gelder in ihrem eigenen Land zurückgreifen können.
Das stellt die ukrainische Zivilgesellschaft vor finanzielle Herausforderungen, so der ZMINA-Bericht. Die Folgen: 75 Prozent der Organisationen suchten nach alternativen Mitteln, 25 Prozent rechneten mit Personalabbau, 19 Prozent mit unbezahltem Urlaub, 12 Prozent mussten Programme aussetzen oder schließen.
Was angesichts dessen helfen könnte? „Wir müssen über Diversifizierung nachdenken“, sagt Ana More, fügt jedoch direkt hinzu: „Aber das ist schwierig.“
Wohnprojekte, psychologische Arbeit und zehn Koffer vor der Grenze
Schanna Solowjowa hat dieses Problem schon früh erkannt. „Seit der vollständigen Invasion haben wir mehr als eine halbe Million Euro gesammelt. Vieles davon kommt von privaten Graswurzel-Spendern, von Menschen, die in Deutschland, Australien, den USA leben, überall.“

In Zukunft wolle sie sich um mehr finanzielle Mittel aus der EU bemühen. Für ein Wohnprojekt, das Wohnraum für geflüchtete Menschen schaffen soll, werbe sie um Geld bei deutschen Spender:innen, hier allerdings nicht mit ihrer Community Foundation. Diese unterstütze auch die Armee, und das sei nach deutschem Recht nicht zulässig, erklärt Solowjowa. Stattdessen werbe sie hier Geld mit Modern Format ein und gebe das Geld dann an andere Organisationen weiter.
Ein anderes Projekt ist eine Gruppe aus acht Frauen, deren Männer vermisst werden und die von einer Psychologin betreut werden. Ermöglicht wird das von einer Spenderin aus den USA.
Eine Gruppe von drei US-Amerikaner:innen habe vor ein paar Tagen auch medizinische Waren in zehn Koffern über die Grenze nach Schytomyr gebracht, erinnert sich Solowjowa. Ob sie ein Treffen organisieren soll?
US-Amerikaner:innen unterstützen die Zivilgesellschaft in Schytomyr
Später Nachmittag auf der belebtesten Straße Schytomyrs, quasi der Westenhellweg Dortmunds, nur mit ukrainischen Cafés. Die drei US-Amerikaner:innen Merita Callaway, Richard Moore und Cathy Evans kommen von einem Tagesausflug.
Nachdem sie sich in einem Restaurant Wareniki bestellt haben, beginnen sie zu erzählen, weshalb sie die Ukraine unterstützen. „Die Ukraine ist angegriffen worden, da ist es selbstverständlich, dass wir helfen“, sagt Callaway.

Wie diese Unterstützung für die drei aussieht? In den USA werben sie Geld ein. Ob das etwa von Millionären auf teuren Benefizveranstaltungen komme, ist die Frage. Cathy Evans schluckt, schaut kurz und fängt an zu lachen. „Nein, nein, das wäre schön. Das ist Grassroots. Ich gehe in die lokale Kirchengemeinde, werbe ein paar Dollar ein und ziehe weiter.“
Wenn dann genug Geld zusammengekommen ist, kaufen sie davon medizinische Güter, die in der Ukraine gebraucht werden, bezahlen ihren Flug und die Mitnahme der Güter im Handgepäck und fahren in die Ukraine. Moore, selber Arzt, ist beeindruckt von den ukrainischen Ärzt:innen: „Sie sehen den ganzen Tag so viel Schreckliches, arbeiten den ganzen Tag, machen keine Pause, weil sie ihre Leute nicht im Stich lassen wollen.“
Was die drei von der Ukraine-Unterstützung der USA halten? „Das kann man sich ja denken“, antwortet Callaway mit einem hämischen Grinsen. Die USA unterstützten die Ukraine nicht so sehr wie die EU, obwohl sie in der Verantwortung stünden. „Aber in den USA gibt es viele, die anders denken, das ist wichtig zu wissen. Viele stehen hinter der Ukraine“, so Callaway.
Warum sie extra nach Schytomyr kommen? „Schanna hat uns mit ihrem Engagement einfach so beeindruckt, da wollten wir unbedingt hier helfen. Mittlerweile fühlt es sich wie Nachhausekommen an, wenn wir hier sind“, meint Evans zuletzt.
Was eine Städtepartnerschaft wie die mit Dortmund leisten kann
Hilfe von außen kommt nicht nur von einzelnen Spender:innen, sondern auch von Kommune zu Kommune. Für die ukrainische Zivillgesellschaft seien Städtepartnerschaften – wie die zwischen Dortmund und Schytomyr – gerade jetzt enorm wichtig, sagt Worschech, und keine Einbahnstraße, sondern „ein wechselseitiger Lernprozess“.

Wie baue ich eine von Russland unabhängige Energieinfrastruktur auf, wie digitalisiere ich die Verwaltung? Das seien konkrete Fragen, die sich gut mit einer anderen Kommune besprechen ließen und auch die jeweiligen Zivillgesellschaftbn betreffen.
Welchen Mehrwert solche Partnerschaften haben, könne niemand besser beurteilen als die Zivilgesellschaft vor Ort, sagt Ana More von ZMINA. Hilfreich sei ein Austausch auf Augenhöhe, der lokale Verwaltungen dazu bringe, Organisationen als Partner zu behandeln und nicht als passive Zielgruppe, damit diese „als wichtige Brücke zwischen der Stadtbevölkerung und den Rathäusern“ wirken könnten.
Der Effekt reiche bis in die Politik. Es helfe, wenn europäische Partner(-städte) auf Bitten der Zivilgesellschaft öffentlich Stellung bezögen, denn der ukrainischen Regierung sei ihr Ruf in den Augen der europäischen Partner wichtig. Für Worschech ist das „auch ein Europa, das von unten aufgebaut wird“, nach dem Vorbild der deutsch-französischen Städtepartnerschaften nach dem Zweiten Weltkrieg.
In Zukunft lieber „auf Entwicklung zielen, nicht auf Verteidigung“
Modern Format und Community Foundation unterstützen die ukrainische Zivilgesellschaft auf zwei Wegen: als Geldeinwerberin und, über die Community Foundation, mit direkten Sachspenden. Was Solowjowa „nach dem Sieg“, wie hier alle sagen, machen möchte?
„Persönlich würde ich gern mehr Renovierungs- und Wiederaufbauprojekte machen; wir haben schon mehrere umgesetzt.“ Das sei nach dem Krieg das Wichtigste.
Solowjowa hat viel zu erzählen und viele Ideen, was sie als Nächstes noch so alles umsetzen könnte. Doch am wichtigsten sei ihr immer die Arbeit mit Menschen gewesen: „Wenn ich zurückblicke und sehe, von wie vielen Menschen wir das Leben verändert haben, dann motivieren mich diese Geschichten, aufzustehen und weiterzugehen. Ich hoffe, dass wir bald Projekte umsetzen, die auf Entwicklung zielen, nicht auf Verteidigung.“
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Weitere Artikel:
- ZMINA Jahresbericht 2025: https://zmina.ua/en/publication-en/the-situation-of-human-rights-defenders-and-civil-activists-in-ukraine-in-2025/
- Ukraine-Analysen: https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/334/lehren-aus-dem-ukraine-krieg-gesellschaftliche-resilienz-was-europa-von-der-ukraine-lernen-kann/
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
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