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„Wir sind alle Deutschland“ – Älteste muslimische Gemeinde startet Kampagne gegen Terror, verübt im Namen des Islam

V.l. (hinten): Tahir Ahmed, Talhah Ahmad (Ansprechpartner PK), Basharat Ahmed (Regionalpräsident), Muhammad Ahmad Qamar Din (stellv. Pressesprecher); vorne, v.l.: Basim Ahmad Khan u. Muhammad Awais (stellv. Leiter bzw. Leiter Jugendorganisation in Do), Hamed Ahmed, Kashif Javed (Präsident der Gemeinde in Do). Foto: Thomas Engel

Liebe statt Hass, Freiheit, Toleranz, Verständnis, Dialog – Frieden. Schlüsselbegriffe einer in diesen Tagen anhebenden Initiative einer muslimischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik, die den Islam ins rechte Licht rücken will. In den Zeiten hässlicher Bilder, die durch Terror und Fanatismus in seinem Namen entstanden sind. Und aus eigener leidvoller Erfahrung, dass ihre Auslegung des Islam als einer sanftmütigen Religion nicht vor Verfolgung schützt. – In Dortmund erläuterten kürzlich Gemeindevertreter der „Ahmadis“ das Konzept.

„Gemeinschaft der Ahmadis“ – eine unterdrückte religiöse Minderheit in der deutschen Diaspora

„Ahmadiyya Muslim Jamaat“ (AMJ), so nennt sich ein Teil der ältesten muslimischen Gemeinde Deutschlands. Ihre Angehörigen stammen vorwiegend aus dem (heute) islamisch-orthodoxen Pakistan, wo sie wegen ihres Glaubens insbesondere seit der zweiten Verfassungsreform (1974) nach der Staatsgründung 1947 verfolgt werden. Als Opfer sind sie unter anderem Zeugnis jenes religiösem Fanatismus, gegen den sie sich nun mit einer bundesweiten Kampagne wenden.

Nachdem dies Anfang der 90er Jahre endlich in der Bundesrepublik angekommen war, wurden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Asylanträge von Ahmadis wegen religiöser Verfolgung etwas leichter genehmigt. Später erklärte der Europäische Gerichtshof die freilich parallel dazu weiterlaufende Abschiebepraxis der deutschen Behörden für rechtswidrig, da das Asylrecht auch die Freiheit, den eigenen Glauben öffentlich zu leben, schütze.

Dies ließ die „Ahmadiyya“ – die „Gemeinschaft der Ahmadis“ – in diesem Land anwachsen, auf eine gegenwärtig rund 45.000 aktive Gläubige umfassende Diaspora, organisiert in 225 Gemeinden. Bemerkenswert und kaum bekannt: ihre Wurzeln in Deutschland reichen zurück bis in die Weimarer Republik – 1925 wurde die älteste erhaltene Moschee Deutschlands, die Wilmersdorfer Moschee zu Berlin, von Ahmadis eröffnet.

Terror im Namen des Islam hat im Westen ein verzerrtes Bild von der Religion erzeugt

Materialien für die Kampagne „Wir sind alle Deutschland“

Die Glaubensgemeinschaft aus Asien, entstanden vor etwa 120 Jahren in Pandschabi, Nord-Indien, hat sich in der Bundesrepublik nie sonderlich um Politik bekümmert.

Hier zählt eher das innere Leben, geistig-seelisches Erleben, eine Mystik der Verschmelzung, vor allem aber der Glaube. Und der versteht sich nach Auskunft von Muhammad Ahmad Qamar Din, dem stellv. Pressesprecher, ausdrücklich als tolerant, weltoffen, freundlich.

Womit die Problemkonstellation und das Motiv der AMJ umrissen wäre, dieser Tage flächendeckend in der Republik eine Art Aufklärungskampagne über den – ihrer Auffassung nach – wahren Charakter des Islam zu starten. Denn das öffentliche Bild der großen Religion hat in letzter Zeit ein wenig gelitten – Stichwort: Terrorismus in ihrem Namen.

Dagegen möchte man seitens der friedliebenden Gemeinde etwas setzen, gibt Muhmmad Din den versammelten PressevertreterInnen in einem kleinen Büro an der B1 zu verstehen. Es geht den Ahmadis sichtlich um die Auflösung von Wahrnehmungsverzerrungen hierzulande, die durch einen medial gepuderten Blick auf den Islam entstanden sind.

Dieser hatte sich auf die menschenverachtende Brutalität von selbsternannten Gotteskriegern fokussiert, die für sich in Anspruch nahmen, mit einer Art Interpretationsmonopol auf die vom Propheten offenbarten Worte ausgestattet zu sein, um ihr Morden zu rechtfertigen.

Das Gegenbild: Trennung von Staat und Religion, Gleichstellung, Bildungsauftrag

Muhammed Din spricht strukturiert, erläutert anfangs die inhaltliche Abfolge seiner Stellungnahme, ist bemüht um Klarheit. Kernpunkt: Haltung seines Glaubens zu Streitpunkten innerhalb der aktuellen, politischen Debatten um „den“ Islam, einschließlich Korrektur der daraus entstandenen Phantasmagorien infolge von Terrorismus, Krieg, Flüchtlingsbewegungen, Rechtspopulismus.

Jedes Wort soll am Nerv des Problems, soll zu den Grundsatzfragen positive Gegenbilder erzeugen: „Glaube“ (nicht nur religiös, sondern theologisch verstanden) könne nicht durch Zwang erwirkt werden; alle Menschen sollten ihm frei nachgehen dürfen oder sich auch entscheiden können, nicht zu glauben, so Din. Daher: Trennung von Staat und Religion. Die Frau im Islam sei selbstverständlich gleichgestellt, das Tragen eines Kopftuchs Privatangelegenheit und außerdem Bildung für beide Geschlechter Pflicht.

Konkret waren beim Pressegespräch zur Ankündigung der Kampagne zwar keine Frauen sichtbar, aber dafür gab es in diesem Zusammenhang Informationen zum Bildungsniveau: 45 Prozent der Jugendlichen in den Gemeinden hätten eine Hochschulreife. – Kann sich sehen lassen. Und die Aussagen zur Stellung bei Grundrechtsfragen natürlich auch.

Aber worum geht es hier eigentlich? Darum, dass eine (sicherlich gut) integrierte Community als angepasst erscheinen möchte? Oder als noch besser angepasst: „Wir sind alle Deutschland“ – lautet der Titel der Kampagne. Dann der Verweis, als Körperschaft des Öffentlichen Rechts seit 2013 in Hessen anerkannt worden zu sein, danach auch in Hamburg. – Es scheint fast, als gäbe es Befürchtungen.

Haben MuslimInnen in säkularen Staatsordnungen ein potentielles Loyalitätsdefizit?

Das Maß an Loyalität von MuslimInnen gegenüber einem säkularen oder nicht-islamisch geprägten Staat, in dem sie leben, hängt im Prinzip zwar stark mit der Qurʾān-Auslegung ihrer jeweiligen religiösen Gemeinschaft zusammen.

Die dürfte aber beim überwiegenden Teil der gegenwärtig im westeuropäischen Kulturraum situierten Islam-Gemeinden zumindest so weit liberalisiert und/oder depolitisiert sein, dass sie kaum als Feinde der staatlichen Ordnung betrachtet werden können.

Dass es dennoch an der ein oder anderen Stelle hakt, wie etwa die unselige Kopftuchdebatte zeigt/e, hat vermutlich viel stärker mit gesellschaftlichen Abwehrbewegungen gegenüber angeblichen Gefahren der Überfremdung bzw. entsprechend diffusen Ängsten zu tun, die von Rechtspopulisten und denen, die es noch werden möchten, geschürt werden.

Indem etwa aus dem Süden der Republik von Teilen der politischen Elite und anderswo mit einem beträchtlichen Maß an demagogischer Energie behauptet wird, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Stieße derlei Unfug – vor allem bei bildungsfernen Bevölkerungsschichten und solchen, die „Ausländer“ in der Regel nur aus der Ferne kennen – nicht auf eine gewisse Resonanz, könnten derartige, bewusst ausgrenzenden, diskriminierenden Wortmeldungen ihrem Gehalt nach getrost als intellektueller Müll ad acta gelegt werden. Bekanntlich ist dem leider nicht so.

Ahmadis suchten in der Bundesrepublik schon früh den interreligiösen Dialog

Daher also der ganze Aufwand? – Auf Nachfrage, ob jemand der anwesenden Herren schon einmal in der Bundesrepublik als Muslim Diskriminierung erfahren hätte – Kopfschütteln. Sicher, marodierende Islamisten, die Bücher und Menschen verbrennen, verqueres Islambild als Reflex im Westen, Korrekturbedarf etc. – Aber auch hier die eher abstrakt gehaltene Antwort: man wolle Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen, miteinander sprechen.

Das hat bei den Ahmadis Tradition. Sie waren die ersten Muslime in der jungen Bundesrepublik, die sich als Gemeinde mit der (katholischen) Kirche in den 50er Jahren zu interreligiösen Gesprächen trafen; in derselben Zeit entstand eine eigens vom AMJ produzierte deutsch-arabische Ausgabe des Qurʾān.

Später wurden sie durch die Einwanderungswellen von MigrantInnen türkischer Herkunft verdrängt – denn mit ihnen kamen Teile des Mehrheitsislam in die Bundesrepublik, für den die Ahmadis letztendlich Abtrünnige darstellten. Denn der zum Weltende in weiten Teilen des Islam erwartete Mahdi wird, anders als bei den Schiiten, von den Ahmadis nicht nur als Jesus vorgestellt, sondern dem Glauben des AMJ zufolge gibt/gab es ihn bereits – eine auch für Sunniten nicht hinnehmbare Vorstellung.

Heterodoxie gilt für weite Teile des Islam als abtrünnig und ihre Anhänger werden verfolgt

„Wir sind alle Deutschland“

Zudem gilt ihnen das zur Endzeit ordnende Wirken des Mahdis als eher sanft, spirituell. Zum Verhängnis wurde ihnen aber vor allem die islamische Orthodoxie in Pakistan, die ihre Sicht der Dinge 1974 in die Verfassung schreiben ließ.

Seither wird in Pakistan ein Muslim nach dem „Siegel des Propheten“ definiert (Sure 33:40), wonach Muhammed mit dem Qurʾān das finale und vollständige Buch Gottes offenbarte und daher der letzte Prophet in der Menschheitsgeschichte ist. Damit können die Ahmadis für hinreichend orthodoxe Muslims weltweit als Häretiker und als nicht mehr dem Islam zugehörig diffamiert werden.

Das hatte selbstverständlich Konsequenzen: Durch die staatliche Aufwertung einer bestimmten religiösen Sichtweise zur letzten Wahrheit konnte der Qurʾān bei entsprechend dogmatischer Auslegung nicht nur gegen jedwede alternative Interpretation immunisiert werden. Sondern die in Verfassungsrang gegossene Orthodoxie schließt zugleich alle andersgläubigen Muslime aus dem Islam wie aus der Legalität aus.

Und im Weiteren: Einmal wegen ihrer Heterodoxie als Abtrünnige stigmatisiert, reichen einigermaßen profunde soziale Spannungen aus – und der fromme Mob tobt, denn die Schuldigen sind schnell gefunden. Das mussten die Ahmadis über viele Jahrzehnte leidvoll erfahren, nicht nur in Pakistan. Deswegen mögen sie gegenüber den Gefahren populistischer Agitation (gegen das Fremde als Sündenbock) besonders sensibilisiert sein.

Dortmunder Gemeinde plant vielfältige Info-Aktionen zu ihrem Islamverständnis

Was wiederum in die Gegenwart der Bundesrepublik zurückführt, zu den Gemeindevertretern in Dortmund. 125 Seelen zählt ihre Sektion in dieser Stadt; gegründet wurde sie Mitte der 70er Jahre, augenblicklich wird ein Gebetsraum gesucht.

An die 2.000 Flyer sollen durch aktive Mitglieder demnächst in allen Stadtbezirken verteilt werden; es wird Infostände, Diskussionsveranstaltungen, einen Spendenlauf am Phoenix-See für einen wohltätigen Zweck geben. Es sei nicht die erste Kampagne dieser Art, betonen die Dortmunder Ahmadis; diese sei allerdings erstmalig bundeseinheitlich.

Auch wolle man mit MuslimInnen sprechen. Das sei vor Ort bislang noch nicht gelungen, während es auf Bundesebene anders aussieht: dort nehme man jetzt an der Deutschen Islam-Konferenz teil. Bleibt zu hoffen, dass die relevanten Akteure nicht nur miteinander ins Gespräch kommen, sondern sich daraus ein Dialog verstetigt, auch in Dortmund.

Weitere Informationen:

  • Webseite „Ahmadiyya Muslim Jamaat“, hier:

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