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Werde, die du bist! Ruth Baumgarte im MKK – Dokumentatorin und selbstbewusste Künstlerin des 20. Jahrhunderts

Kurator Dr. Eckhart Gillen in der Ausstellung. Fotos (2): Torsten Tullius

Kurator Dr. Eckhart Gillen in der Ruth Baumgarte-Ausstellung im MKK Dortmund. Foto: Torsten Tullius

Von Angelika Steger

Die Bilder hängen längst, der Ausstellungskatalog ist im Museum erhältlich, die Ausstellungseröffnung wäre bereits am 15. November 2020 gewesen – aber kein*e Besucher*in ist da. Die Coronakrise zerstört auch die Erfahrung mit der Kunst – dabei sei sie gerade jetzt so wichtig. Darin sind sich alle, der Leiter des Museums für Kunst und Kulturgeschichte, Dr. jens Stöcker mit dem Kurator Eckart J. Gillen und der Vorsitzende der Kunststiftung Ruth Baumgarte, Alexander Baumgarte, einig.

Kunst in der Corona-Pandemie: MKK macht nach Kräften die Ausstellung für Besucher*innen zugänglich

Zählt nicht uns, zählt Eure Tage, 1987 Aquarell und Kohle auf Papier, 149 x 99,3 cm © Kunststiftung Ruth Baumgarte, Foto: Ulrich Helweg

Zählt nicht uns, zählt Eure Tage, 1987, Aquarell und Kohle auf Papier, 149 x 99,3 cm, © Kunststiftung Ruth Baumgarte, Foto: Ulrich Helweg

Es ist kein einheitlicher Stil, den die Künstlerin Ruth Baumgarte (1923-2013) in ihren Werken hätte. Vielmehr reagiert sie auf alle politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und reflektiert sich dabei immer auch selbst. So sieht man auf mehreren Bildern neben der oder den dargestellten Szenen auch immer ein Portait von ihr – im Hintergrund, die aufmerksame Beobachterin von Zeitgeschichte.

Das mache sie auch so faszinierend, sagt die Projektleiterin Dr. Nassrin Sadeghi. „Zu Weihnachten werden wir einen virutellen Rundgang durch die Ausstellung frei schalten, weil im Dezember keine Museumsöffnung möglich ist. Auch an eine Öffnung im Januar mag kaum jemand glauben. Der Vorsitzende der Kunststiftung und Sohn der Künstlerin ergänzt: „Die Museumswelt befindet sich seit Monaten in einer Krise. Als Organisation haben wir die Ausstellung mit über 100.000 Euro unterstützt, auch Sponosring war dieses Jahr noch möglich.“

Er hofft trotz hoher Infektionszahlen, dass das MKK „Werde, die du bist!“ bald zeigen kann, um dem hohen Niveau gerecht werden zu können. Es wird auch einen Film über die Ausstellung geben, aber: „so viel kann man virtuell gar nicht sehen. Kunst muss man ERLEBEN. „Kunst kann man nur im Museum rezipieren, nur dort ist eine Sichtachse zu den Werken vorhanden, durch das physische Erleben entsteht Emotionaliät.“ Prof. Dr. Beate Reifenscheid, ebenfalls Mitglied der Kunststiftung und Direktorin des Ludwig-Mueseums Koblenz spricht damit sicher nicht wenigen verhinderten Museumsbesucher*innen aus der Seele.

Vier Themenkomplexe in den Werken von Ruth Baumgarte zeigen ihre Schaffensphasen

Frühes Selbstbildnis, um 1947 Öl auf Hartfaser, 45 x 37 cm © Kunststiftung Ruth Baumgarte, Foto: Ulrich Helweg

Frühes Selbstbildnis, um 1947, Öl auf Hartfaser, 45 x 37 cm, © Kunststiftung Ruth Baumgarte, Foto: Ulrich Helweg

Denn Ruth Baumgart hat jedes Jahrzehnt intensiv erlebt. Geboren im Jahr der Inflation, hat sie die Weimarer Republik, die NS-Zeit, die Nachkriegszeit und die Krisen der 1970er und 1980er Jahre erlebt. Verschiedene Farben machen die vier Schaffensphasen Ruth Baumgartes deutlich: 1.) den Werdegang, 2.) die Fabrikwelten, 3. die Zukunftsängste in den 1970er und 1980er Jahren und 4.) ihre Afrika-Reisen.

„Sie wollte immer eine Sprache für das schwierige Leben finden“ erklärt Kurator Gillen. Auffällig ist, dass sie während ihres Studiums auch Außenseiter*innen der Gesellschaft in ihrer Kunst zeigt (Zigeuner im Regen 1943, Kreide auf Papier). Wohl weil sie „nur“ eine Kunststudentin war, ist dies der NS-Regierung nicht weiter aufgefallen und sie konnte weitgehend unbehelligt malen.

In dieser Zeit entstehen viele Selbstportraits. Damit reflektiert sie sich immer wieder selbst. Trotz eigener Familie mit fünf Kindern hat sie durchgehalten, auch als ihr Mann sie einschränken hatte wollen. In den 1950er Jahren bestimmte laut Gesetz der Ehemann über die berufliche Tätigkeit einer Frau.

Reaktionen der Menschen und sich selbst im Blick: Themen Fabrik- und Theaterwelten

Der Zweifel, 1985 Aquarell auf Papier, 62 x 49,5 cm (Sichtmaß) © Kunststiftung Ruth Baumgarte, Foto: Ulrich Helweg

Der Zweifel, 1985, Aquarell auf Papier, 62 x 49,5 cm (Sichtmaß), © Kunststiftung Ruth Baumgarte, Foto: Ulrich Helweg

In den 1950er Jahren lernt sie bei einer Kunstausstellung ihren zweiten Mann kennen. Sie malt die Fabrikwelten, die Arbeit ist ihr Thema. Heroische Darstellungen, wie sie oft in der DDR-Kunst zu sehen sind, sucht man bei Baumgart aber vergebens: ihr geht es um die dokumentation der Zeit, in der sie lebt, welchen Bezug sie dazu hat. In den 1960ern wendet sie sich vom Thema Arbeit ab und zeigt Künstler*innen im Theater. Wie ein Spot mit einer Momentaufnahme sieht man Szenen, als ob die Zeit auf der Bühne angehalten wäre.

Spätere Katastrophen wie Umweltzerstörung (Tschernobyl-Katastrophe 1986, Waldsterben) widmet sie sich wie Arbeitern in den Fabriken der 1950er und 1960er Jahre. Aber: die Bilder sind dunkler, die Gesichter besorgt, dunkel. Kein zerstörter Wald ist zu sehen, sondern die Reaktion der Menschen. In ihrer letzten Schaffensphase dokumentiert sie ihre 40 Afrikareisen. Dies sind die buntesten und intensivsten Bilder der Ausstellung. Landschaft und Menschen, Gegenstände gehen ineinander über, Konturen verschwimmen.

Afrika war für sie auch ein Sehnsuchtsort, angesichts der vielen Katastrophen zu Ende des 20. jahrhunderts. Eindimensional ist ihr Afrika-Bild deshalb jedoch nicht. Die Vielfalt ihrer Stile und Arbeitsweisen machen ihre Werke abwechslungsreich und spannend: nie hat man das Gefühl, etwas schon einmal gesehen zu haben.


Ruth Baumgarte – eine weitgehend unbekannte Künstlerin, eine der wenigen Frauen in der Kunst. Keinem bestimmten Stil oder Genre zuzuordnen, ist sie für den Kunstmarkt nicht so einfach einzordnen. Die Ausstellung „Werde, wie du bist!“ im MKK lädt dazu ein, diese außergewöhnliche Dokumentation des 20. Jahrhunderts jenseits bekannter großer Künstler (nur Männer) und Geschichtsbücher kennenzulernen. Hoffen wir auf eine baldige Eröffnung.

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