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Sind auch „die Guten“ anfällig für Rassismus? Fachtagung zu Perspektiven in der pädagogischen und Sozialen Arbeit

Rund 120 Multiplikator*innen und Fachkräfte aus Institutionen, Vereinen, Verbänden und Verwaltungen nahmen teil.

„Wir sind die Guten“. In der Sozialen Arbeit ist das eine gängige und zumeist auch richtige Einschätzung. Doch sind alle Einstellungen gut und richtig oder muss ich mich und meine Arbeit hinterfragen? Gebe ich noch die richtigen Antworten auf drängende Herausforderungen? Darum ging es bei der Fachtagung „Rassismuskritische Perspektiven in der pädagogischen und Sozialen Arbeit“, zu der die Intgrationsagentur der AWO Dortmund in Kooperation mit zahlreichen Partnern ins Dietrich-Keuning-Haus eingeladen hatte. Rund 120 MultiplikatorInnen aus Institutionen, Vereinen, Verbänden und Verwaltungen, aber auch Fachkräfte waren der Einladung gefolgt.

Ausbau von diskriminierungs- und rassismuskritischen Standards

In der Migrationsgesellschaft stellt der Umgang mit Heterogenität keine vorübergehende Herausforderung dar, sondern erfordert nachhaltige Ansätze, die gleichberechtigte Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe ermöglichen. Insbesondere die pädagogische und Soziale Arbeit stehen vor der Aufgabe, zugleich differenzsensibel und differenzkritisch zu agieren, adäquat mit kulturalisierenden Zuschreibungen umzugehen und eine stetige Reflexion über strukturelle Diskriminierung und sogenannte „Othering“-Prozesse zu ermöglichen. 

Der Begriff Othering (engl. other „andersartig“) bezeichnet dabei die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt (Eigengruppe), von anderen Gruppen. In sozialen Institutionen ist die Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung eine Querschnittsaufgabe, die eine reflektierte und machtkritische Perspektive auf Diversität erfordert.

Die Fachtagung bot dabei die Möglichkeit, Anregungen für den Ausbau von diskriminierungs- und rassismuskritischen Standards in den eigenen Einrichtungen zu sammeln, in Austausch mit anderen Akteuren der pädagogischen und Sozialen Arbeit zu treten sowie eine Reflexion und Veränderung bestehender Strukturen voranzutreiben. Im Mittelpunkt standen Vorträge von Dr. Mark Terkessidis und Prof. Dr. Susanne Spindler von der Hochschule Düsseldorf sowie fünf interessante und praxisorientierte Workshops.

Normalität, die für viele Menschen nicht als alltagsrassistisch erkennbar ist

AWO-Geschäftsführer Andreas Gora

Die Begrüßung übernahm AWO-Geschäftsführer Andreas Gora, der als polnisches Zuwandererkind auch viele rassistische Nadelstiche durch mehr oder weniger unbedachte Äußerungen auch von LehrerInnen gespürt hatte. 

Alltägliches kann da ein Thema sein: Ich nehme meine Tasche zur Seite, weil sich in der Bahn jemand neben mich setzen will. Doch ist es eine ältere deutsche Frau oder ein Schwarzafrikaner? Nehme ich die Tasche weg, weil ich höflich bin oder weil ich mich um mein Eigentum sorge? 

„Wer sensibel ist, erkennt die Reaktion. Es gibt Formen der Normalität, die für viele Menschen nicht als alltagsrassistische Maßnahmen erkennbar sind“, verdeutlicht Gora. „Sie haben häufig mit Menschen zu tun, die haben Leid genug erlebt, die brauchen von ihnen zugefügtes Leid nicht auch noch, sondern ihre Hilfe“, appellierte der AWO-Geschäftsführer an die teilnehmenden Fachkräfte. Sie seien auf dem richtigen Weg – schließlich hinterfragten sie sich ja schon durch ihre Teilnahme an der Fachtagung.

Gesellschaft mit einer Vielfalt von Lebensentwürfen und Kulturen

Dortmunds Stadtdirektor Jörg Stüdemann hatte das „Große Ganze“ im Blick: „Rassismus ist wieder eine bestimmende Größe für die Politik. Das war für viele Jahre undenkbar“, sagte Stüdemann über Rechtspopulismus und „besorgte Bürger“. In der Großwetterlage der Politik sei es Mainstream gewesen, nicht rassistisch sein zu wollen – mit Ausnahme der NPD.

„In den letzten zehn bis 15 Jahren gab es einen Trend, mit Heterogenität umzugehen. Es gab eine Diskursgemeinschaft. Das Dietrich-Keuning-Haus als Ort der Vielfalt ist ein solches Produkt der 80er und 90er Jahre“, so der Stadtdirektor. „Recht optimistisch konnten wir annehmen, dass sich dieser Trend fortsetzt und die Gesellschaft mit der Vielfalt von Lebensentwürfen und Kulturen klar kommt.“ 

Doch die Realität ist eine andere. Mittlerweile könne nicht mehr von einem rassistischen Bodensatz gesprochen werden. „Ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung sind rassistisch formatiert – nicht nur in Deutschland. Von Skandinavien bis zu den USA gibt es eine ähnliche Entwicklung“, zeigt er die Ausgangslage auf.

Nicht nur Deutsche haben rassistische Vorurteile, sondern auch MigrantInnen 

Stadtdirektor Jörg Stüdemann

Wesensmerkmal des Rassismus ist die Entmenschlichung: „Der Andere“ ist immer die Negativprojektion des eigenen Ich. Bei rassistischen Entwürfen dient sie dazu, Macht auszuüben, gerade in der Hierarchisierung von gesellschaftlichen Diskursen, zeigte Stüdemann auf. 

„Ich bin oben, ihr seid unten. Und das Gefühl und die Haltung, ich muss mich gegen irgendetwas wehren, auch handgreiflich. Die Feinde sind eigentlich keine Menschen“, charakterisiert er vorherrschende Einstellungen. 

„Das Schlimme für unsere gemeinsame Arbeit ist, dass es in heterogenen Gesellschaften viel komplizierter ist. Es gibt nicht nur die Mehrheitsgesellschaft und eine Einwanderer-Minderheit. Es gibt viele Gruppen. Und nicht nur die Deutschen pflegen ihr gerüttelt Maß Rassismus, sondern auch Menschen anderer Nationalitäten, die hier leben“, so Stüdemann weiter.

Droht eine „Gemeinschaft von Fremden“ ohne gemeinsame Werte?

Die Gefahr sei, dass wir eine „Gemeinschaft von Fremden“ werden. Es gebe mehr Lebensentwürfe mit unterschiedlichen ethnischen und moralischen Entwürfen, aber wenige Gemeinsamkeiten. Zudem brächten einige Christdemokraten wieder das „Leitkultur“-Thema auf den Tisch – eine „christlich-jüdische Leitkultur“. Schon das sei nach dem durch Deutsche organisierten Mord an sechs Millionen Juden fragwürdig. 

„Das Manöver dient nur dazu zu sagen, dass Muslime nicht dazu gehören. In Dortmund wären das 70.000 Menschen, die nicht dazu gehören – und 35 bis 40 Prozent der Kinder. Die wären außen vor“, warnte Stüdemann: „Man kann mit der Leitkulturdebatte nichts anfangen, außer Vorbote einer rassistischen Bewegung zu sein. Der Ansatz ist grundsätzlich verkehrt“, so Stüdemann.

Die Stadt versuche seit vielen Jahren zu sagen, dass Internationalität zur Stadt gehöre. „Wir tun viel dafür, gemeinsam mit vielen Partnern. Wir sind eine Gemeinschaft, die das positiv besetzt.“ Stüdemann zeigte sich daher dankbar für die von der AWO organisierte Fachtagung: „Es nutzt für die Reflexion der eigenen Arbeit, das im Blick zu haben. Genauso notwendig ist es, positive Gegenentwürfe zu liefern. Denn ein ,Anti’ ist zwar notwendig, reicht aber nicht, dass Menschen mitgehen. Gemeinsam müssen wir die Gesellschaft gestalten für unsere Kinder.“

Ausgrenzung im Alltag und die Selbstimmunisierung der „Guten“

Dr. Mark Terkessidis

Rassismus hat es in Deutschland immer gegeben. In Hinterzimmern und an Stammtischen. Kinder migrantischer Eltern haben viel Rassismus ertragen müssen, so auch Dr. Mark Terkessidis, der mit seinen „ Bemerkungen über Ausgrenzung im Alltag und die Selbstimmunisierung der ,Guten’“ einen der beiden Hauptvorträge hielt.

Er erinnerte daran, dass es mehrere Anschläge gegen Muslime gab und eine Atmosphäre, wo der damalige Bundeskanzler Kohl keinen „Beileidstourismus“ in Solingen machen wollte. Es gab erheblichen Widerstand, bei den Anschlägen von Rassismus zu sprechen. Die Debatte kreiste nur über allgemeine oder Jugendgewalt.

Geändert hat sich: Über Jahrzehnte gab es eine Staatsräson, in der die Parteien CDU/CSU den rechten Rand integriert haben. „Das hat mit Merkel aufgehört. Sie hat ihre Partei in die Mitte geführt und auf dem rechten Rand Platz gemacht“, so Terkessidis. „Die CSU tut das nicht. Sie macht weiter mit Rassismus.“ 

Als Belege führt der Referent Aussagen wie „die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein größeres Sicherheitsproblem als die RAF“ (Stoiber) oder die Ansage, das Sozialsystem „bis zur letzten Patrone verteidigen“ zu wollen (Seehofer) ins Feld. Eine Wortwahl, die auf den Führerbefehl zurückgeht.

Hat der Rassismus zugenommen oder sind wir nur anders sensibilisiert?

Seit mehr als zehn Jahren waren wir auf dem Weg der Ankernennung von Vielheit und nehmen Rassismus daher ganz anders war. Die Frage nun: Hat der Rassismus zugenommen oder sind wir nur anders sensibilisiert? Allerdings zeigt die Debatte über Thilo Sarrazin, dass wir uns schwer tun, den Begriff „Rassist“ zu benutzen. In einem Interview sagte die türkischstämmige Journalistin: „Wir wissen ja, dass sie kein Rassist sind…“. „Was muss man noch tun, um sich als Rassist zu qualifizieren? Wir tun uns auch weiterhin wahnsinnig schwer, den Begriff zu benutzen“, so Terkessidis. 

Benutzt würden stattdessen immer Sonderkonstruktionen, auch in der Forschung, zum Beispiel „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Migrantenfeindlichkeit“. Alternativ auch „Ausländerfeindlichkeit“. Das bedeute, dass es also Ausländer gebe und diese dann wohl nicht zu Deutschland gehörten. 

„Doch wir haben einen unumkehrbaren Prozess der Zuwanderung, ein Wechsel vom Bluts- zum Wohnrecht. Es gibt nicht mehr nur die Deutschen und die Ausländer. Deutsche haben heute unterschiedliche Herkünfte und Aufenthaltsstati. Es ist eine sehr fluide Gesellschaft. Wenn wir von Rassismus reden, reden wir von anderen Phänomen als bei Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit“, verdeutlicht Terkessidis. 

Es gehe um die Differenzen bei Werten. Aber könne man Wertepluralität anhand von Zuwanderung thematisieren? Sind die Werte da wirklich so unterschiedlich? Einen Konflikt gebe es auf anderen Feldern, zum Beispiel bei Abtreibung. „Da gibt es zwei Meinungen – diese Positionen sind beide moralisch vertretbar aber unvereinbar. Das ist ein Wertekonflikt“, so Terkessidis. „Aber im Zusammenhang mit Migration sind die Konflikte nicht so schwerwiegend. Das sieht man in deutschen Kindergärten. Der Umgang ist dort anders und einfacher.“

Eine Mehrheit hat Vorurteile – bis zu 15 Prozent ein rechtsextremes Weltbild

Rund 120 MultiplikatorInnen und Fachkräfte aus Institutionen, Vereinen, Verbänden und Verwaltungen nahmen teil.

Repräsentative Untersuchungen zeigen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung Vorurteile hat. Sie sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Manche sind in rechtsextreme Haltungen eingebaut – zehn bis 15 Prozent haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. „Der Begriff Vorurteil trifft da nicht mehr und dient nur noch als Krücke. Das kommt aus Psychologie. Die Selbstimmunisierung der Guten ist ein perfektes Beispiel“, so der Referent.

Doch es gebe rassistisch geprägte Wissensstände in der Gesellschaft. Diese Art von Wissensständen seien in der ganzen Gesellschaft zu finden. „Es gibt auch Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, sie artikulieren sich nur anders. Niemand sagt von sich, dass er ein Rassist ist. Selbst die AfD nicht. Sie redet selbst davon, dass sie als Minderheit diskriminiert werden“, so Terkessidis. 

Es gibt neue Schauplätze: Die „Neue Rechte“ – sie gibt es eigentlich schon seit 40 oder 50 Jahren – thematisiert den großen Bevölkerungsaustausch. Multikulturelle Eliten würden bewusst dafür sorgen, dass die Bevölkerung ausgetauscht werde durch die Ansiedlung von AusländerInnen in Europa. 

„Es geht in deren Ideologie darum, einen Völkermord zu verhindern, der an uns begangen wird. Da sind die Messermigranten-Mobs die passende Illustration“, zeigte Terkessidis auf. „Niemand sagt da: ,Ich bin Rassist’, sondern: ,Ich bin bedroht und ich muss mich verteidigen.’ Das ist eine neue Argumentation.“

Ausgrenzungspraxis in Deutschland durch Arbeitsmarkt und Bildungszugänge

Es gibt auch in Deutschland eine konkrete Ausgrenzungspraxis, zum Beispiel die systematische Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund. Bei ihnen liegt das Armutsrisiko bei 27,3 Prozent, ohne Migrationshintergrund bei zwölf Prozent. Bei Bildungsabschlüssen sieht man das. 

Das geschah bei der Einwanderung „nicht einfach so“, sondern war geplant. „Sie fand in dem Kontext statt, dass für ungelernte Industriearbeit angeworben wurde. Selbst wenn die ,Gastarbeiter’ Qualifikationen hatten, wurden die faktisch weggenommen, um anschließend ungelernte Arbeit zu machen“, erklärt Terkessidis.

„Das ist eine Unterschichtung auf dem Arbeitsmarkt. Nicht alle Segmente standen für alle Menschen offen. Es gab spezielle Arbeit und sogenannte ,Ausländerjobs’. Das ist eigentlich mit einer demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar. Alles müsste dort Allen offenstehen“, verdeutlicht der Referent.

Doch Ausgrenzung brauche Legitimationsstrategien. „Zumeist wird dann argumentiert, dass sie das machen müssen, weil sie ja nichts anderes können“, so Terkessidis. Es gebe daher auch spezielle Zuschreibungen für unterschiedliche Herkünfte, deren Menschen faul, langsam oder nicht schlau genug seien, um etwas besseres zu machen. Das diene der Legitimation des eigenen Handelns.

„Blinde Flecken“ in der Sozialen Arbeit führen zu verzerrten Wahrnehmungen

Dr. Mark Terkessidis

Rassismus gibt es auch in der Jugendhilfe, zeigte Terkessidis auf. In Doppelinterviews mit SozialarbeiterInnen und Jugendlichen habe Forscher Claus Melter zwei extrem blinde Flecken auf Seite der BetreuerInnen entdeckt. 

Rassismus-Erlebnisse werden von BetreuerInnen immer schnell entwertet – sie durften nicht erzählt werden, wurden abgestritten oder betont, dass das nichts mit der aktuellen Lebenssituation zu tun hat. BetreuerInnen wollten zudem nicht über die rechtliche Aufenthaltssituation und die Auswirkung auf das Verhalten sprechen. Eine Duldung durfte nicht in Zusammenhang mit dem Verhalten stehen, obwohl das sehr verhaltensprägend ist.  

Die Sensibilität gegenüber Rassismus ist gestiegen. Aber auch in der Begrifflichkeit steckt ein Problem: „Bezeichne ich jemanden als Rassisten – das ist eine moralische Zuschreibung. Oder mache ich deutlich, dass jemand rassistische Argumentationsweisen benutzt? Das ist etwas anderes“, verdeutlicht Terkessidis. „Moralische Zuschreibungen sind nicht zielführend. Moralische Empörung hält nicht lange an. Sie verschwindet schon, während strukturelle Ursachen bleiben und betont werden.“

Migrantenkinder leiden unter Stereotypen und kulturellen Zuschreibungen

Viele der rassistischen Erfahrungen hätten Kinder und Jugendliche übrigens im Schul- bzw. Bildungssystem erlebt. „Junge Menschen werden von Stereotypen bedroht und deren mögliche Lebensleistungen verhindert – dann nämlich, wenn man ihnen auf Grund der Herkunft nichts zutraut“, so der Bildungsexperte. Das werde leicht zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

„Ganz schnell kommt bei Kindern und Jugendlichen der Moment, wo man nicht mehr richtig Deutsch sein kann. Man kann noch nicht mal seine Herkunft richtig, weil einem Defizite eingeredet werden. Beispiel: „Ajshe, komm doch mal nach vorne und erkläre uns den Islam.“ Viele Lehrer hätten eine naive Interkulturalität, benutzten Stereotype und hätten rassistisch aufgeladene Wissensbestände, die ganz leicht abgerufen würden.

„Mein Sohn kommt jeden Tag türkischer aus der Schule, als er reingeht, weil er immer als Türke identifiziert wird“, habe ein Vater geklagt. „Weil ein Kind hier aufgewachsen ist, aber eine andere Herkunft hat, macht das es so schmerzhaft. Das führt zu Entfremdung“, warnt der Bildungsexperte. „Du denkst eigentlich, dass man ganz normal ist. Dann merkt man, dass etwas falsch läuft. Wo kommst Du her? Aus Bielefeld? Oder doch aus der Türkei? Es sind die kleinen Erlebnisse – es fehlt oft an Sensibilität.“ 

Selbst unter AkademikerInnen: Bei MigrantInnen werden immer Defizite unterstellt

Im Anschluss an die Vorträge fanden fünf Workshops statt. Fotos: Alex Völkel

So funktioniert der Alltag: „Sie sprechen aber gut deutsch“, oder: „Sie sind aber gut integriert“. „Wer kann das beurteilen? Das kommt oft von Leuten, die keinen grammatikalisch korrekten Satz rausbekommen, aber durch deren Adern Goethes Blut fließt. Defizitdiskussionen sind daher schwer zu korrigieren, weil eine Person damit auch die Norm festlegt und selbst darüber richtet“, so der Bildungsexperte. 

Das kann noch subtiler vonstatten gehen, zum Beispiel bei Lehrenden mit Migrationshintergrund. „Oft werden sie über den grünen Klee gelobt. Denn es wird vorausgesetzt, dass diese Person ja eigentlich defizitär ist und ich als deutscher Kollege das beurteilen kann und das auch aussprechen und beurteilen darf“, sagt Terkessidis. „Doch wenn diese Mechanismen schon in Kollegium greifen, wie ist es dann erst um die Kinder bestellt?“

Übrigens: Stereotype gibt es auch gegenüber Deutschen, zum Beispiel bei klischeehaften Vornamen: Kevin ist der Name, der gleich mit Verhaltensauffälligkeit assoziiert wird. Auch Lehrer haben die Assoziation, bestreiten aber, dass das eine Auswirkung auf Kevin haben könnte. „Doch warum sollte es denn keine Folge haben? Ist hier eine Supervision nötig?“, hinterfragt der Referent. 

„Soziale Arbeit und Rassismuskritik in Zeiten des Heimatministeriums“

Die Selbstreflexion rassistischen Handelns und Denkens stand bei Prof. Dr. Susanne Spindler von der Fachhochschule Düsseldorf im Fokus. Ihr Thema: „Soziale Arbeit und Rassismuskritik in Zeiten des Heimatministeriums“. 

Im Migrationsdiskurs könne man nicht von einem Kurswechsel sprechen, auch nicht von einer völligen Neuausrichtung. Auch nicht beim Heimatministerium. Dies ist für sie eine Chiffre für die Normalisierung des Nationalismus und eine Abkehr von der Migration.

„Es gibt eine erhebliche Diskursverschärfung. Migration wird entnormalisiert und der Begriff zur Kampfarena gemacht, ein sogenannter Volkswille deklariert und die Enttabuisierung von Rassismus stellt eine erfolgreiche Strategie dar“, betont Spindler. Sie verzeichnet eine Verschiebung des Sagbaren. Dafür stehe auch das Heimatministerium. „Es geht um Deutungshoheiten und Hegemonie. Das muss mitgedacht werden. Wie funktionieren die Mechanismen? Diese Tendenzen müssen wir kritisch beobachten. Denn es gibt eine zunehmende Normalisierung von Rassismus.“

Dies zeigte sie an Hand von vielen Politiker-Zitaten auf. Nicht solche, die einen Aufschrei auslösen. Sondern jene, die eine gewisse Normalität aufzeigen. Sie betrachtete sie im Kontext der Folgen politischer Repression und innerer Grenzziehungen. Im Diskurs sieht sie die Verwendung eines unterwerfenden, kulturalistischen und undifferenzierten Integrationsbegriffs. 

Heimat definiere den Ein- und Ausschluss. Die Diskussion um die Rückkehr in Heimatländer setze voraus, dass die Menschen hier in Deutschland nicht zu Hause seien und geht davon aus, dass es woanders eine andere Heimat für sie gebe. „Doch Heimat ist nicht selbstverständlich, sie kann zerstört sein oder die Menschen können dort verfolgt werden“, kritisiert sie Expertin. Sie sieht eine Abkehr von der Normalisierung von Migration. „Sicherheit wird zum überragenden Thema und Migration zur Bedrohung der Heimat.“

Versuche einer Vereinnahmung von Sozialer Arbeit durch Nationalismus

Prof. Dr. Susanne Spindler

Was hat das mit Bildung und Sozialer Arbeit zu tun? „Die Zugehörigkeit zur imaginären Gemeinschaft verpflichtet im Binnenverhältnis und entpflichtet im Außenverhältnis“, hatte der Soziologe Albert Scherr betont. 

In der Logik von Konservativen setzt gelingende Integration Begrenzung der Zuwanderung voraus. „Denken sie nur an die Wohnungen, die man zur Verfügung stellen muss, an die Kitas und die Schulen, an die Lehrer und Sozialarbeiter. Und wir müssen vermeiden, dass es jemals wieder zu einer Situation wie im Herbst 2015 kommt“, hatte Seehofer betont.

In Bayern könne man jetzt schon sehen, wie sich die CSU Soziale Arbeit zukünftig vorstelle. So wurden Asylverfahrensberatungen in Bayern bereits im März 2017 schriftlich mit der Entziehung der Förderung gedroht, wenn weiter Hinweise des Bayrischen Flüchtlingsrates verbreitet würden. 

Es ging konkret um Hinweise auf die rechtlichen Möglichkeiten, wie und welche Rechtsmittel eingelegt werden können. „Sie sollen rechtswidrig beraten und nicht alle Möglichkeiten darstellen, sondern auf eine schnellere Abschiebung hinarbeiten“, verdeutlicht Spindler die Rolle der Sozialarbeiter*innen.

Soziale Arbeit hilft in Bayern beim Vorenthalten grundlegender Rechte

Die Frage: „Will man diese Mechanismen in der eigenen Arbeit reproduzieren und Heimat einbinden. Sie sind verstrickt und Rezipienten des Diskurses. Es geht um Wissen, Legitimation und Nützlichkeitserwägungen. Wie wirkt sich das auf Reflexionsfähigkeit aus“, hielt die Expertin den Teilnehmenden den Spiegel vor.

„Die Differenzkonstruktion des Einteilens in ,Die Deutschen’ und ,Die Anderen’ wird systematisch im Handeln deutlich. Es kommt zu selektiven Logiken: Wen halten Sozialarbeiter*innen für legitim und anspruchsberechtigt? Spielen Fluchtgründe und Anerkennung eine Rolle und wem würden sie bei knappen Ressourcen den Schulplatz geben“, verdeutlicht die Wissenschaftlerin mögliche Fragestellungen. „Kritische Soziale Arbeit braucht Transparenz gegenüber dieser Funktion und Beteiligung an der Reflexion.“

Sie sollte sensibilisieren und Widersprüchlichkeiten sowie Abhängigkeiten von mandatsgerechter Arbeit aufzeigen. Es ging um Orientierung an Berufsethik und darum, Strategien zur politisch-rechtlichen Einflussnahme zu entwickeln.

Kritische Auseinandersetzung mit dem neuen Integrationsbegriff

An der Steinstraße in der Nordstadt ist der gemeinsame „Integration Point“ von Jobcenter und Arbeitsagentur.

„Sie müssen Spielräume nutzen, um eine möglichst hilfreiche Ressource darzustellen und mit Politikern und gesellschaftlicher Lobbyarbeit gegen das Streiten, was Soziale Arbeit erschwert oder dem Mandat widerspricht“, betont Prof. Dr. Susanne Spindler.

Sie forderte auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Integrationsbegriff. „Er muss Teilhabe ermöglichen, statt Phantomen des Kulturalismus nachzujagen.“ Die kritische Reflexion sei bei der Produktion und Reproduktion von Ein- und Ausschlüssen durch Soziale Arbeit wichtig. Die zentrale Aufgabe müsse die Nicht-Diskriminierung sein.

Was passiert mit Rassismuserfahrungen im Kontext von Institutionen/Einrichtungen? Gibt es Beschwerdesysteme? „Sie müssen Erfahrungen und die Artikulation diskriminierender Gruppen zum Zentrum der Arbeit machen. Suchen sie die Kooperation mit den Adressat*innen.“

Die Leitlinie: Es gebe das „Recht auf Rechte – und die, die es brauchen und denen es verwehrt wird. Der Primat der Sozialen Arbeit geht vor“, erläutert sie die Stoßrichtung. Und die gab zum Abschluss eine Definition mit auf den Weg, was Rassismuskritik sei: „Die kunstvolle, kreative, notwendig reflexive, beständig zu entwickelnde und unabschließbare, gleichwohl entschiedene Praxis, die ist, sich nicht ,dermaßen’ von rassistischen Handlungs-, Erfahrungs- und Denkformen regieren zu lassen.“

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