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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Die Immermannstraße war die Straße der Straßenbahner – das Depot ist heute Kulturort

Zeitungsillustration der ersten Ausbaustufe des Depots (Generalanzeiger, 12.12.1908)

Zeitungsillustration der ersten Ausbaustufe des Depots (Generalanzeiger, 12.12.1908)

Der Kulturort Depot in der Nordstadt ist ein weit über die Stadtgrenzen bekannter Ort für Kultur, Theater, Kino, Musik, Kunst, Veranstaltungen und Gastronomie. Möglich macht das ein Verein, der am Karfreitag seinen 25. Geburtstag feiern könnte. Allerdings sind die Jubiläumsaktivitäten Corona-bedingt vorerst abgesagt. Unser Heimatforscher Klaus Winter schaut dennoch genau hin und stellt die Geschichte des Hauses vor. Nicht die 25 Jahre des Vereins, sondern die Geschichte des Gebäudes. Und die reicht wesentlich länger zurück. Daher umfasst der Rückblick sogar drei Teile.

Von Klaus Winter

Seit 1881 fahren Straßenbahnen in Dortmund. In diesem Jahr wurde in der Stadt binnen weniger Monate ein einfaches Schienennetz in Form eines Kreuzes angelegt. An den Endpunkten lagen die bekannten Lokale Funkenburg (Kaiserstraße) und Kronenburg (Märkische Straße), die Dorstfelder Brücke und der Fredenbaum.

Letzterem fiel eine Sonderrolle zu. Das jedoch nicht, weil er Endstation der ersten Straßenbahnfahrt in Dortmund überhaupt und Ort des Festessens aus diesem Anlass war. Vielmehr wurde in Sichtweite des Ausflugsziels Fredenbaum, nämlich an der Einmündung des Burgwegs in die Münsterstraße, 1885 der erste Betriebshof der Straßenbahn in Betrieb genommen. Weil die Straßenbahnwagen in den ersten Jahren von Pferden gezogen wurden, handelte es sich dabei im Kern um einen Pferdestall.

Straßenbahn-Betriebshof am Burgweg (Sammlung Historischer Verein der Dortmunder Stadtwerke)

Straßenbahn-Betriebshof am Burgweg (Sammlung Historischer Verein der Dortmunder Stadtwerke)

Die Straßenbahn war von der Dortmunder Bevölkerung gut angenommen worden. Deshalb wuchs die Fahrzeugflotte beständig. Zu den Pferdebahnen kamen Straßenbahnen mit Dampfantrieb und bald erfolgte die Umstellung auf elektrisch betriebene Züge. Zur Entlastung des Betriebshofes am Burgweg wurden an der Rheinischen Straße Wagenhallen gebaut, die den Bedarf aber nur vorübergehend decken konnten. ___STEADY_PAYWALL___

An der noch unbebauten Immermannstraße sollten die Straßenbahn-Hallen entstehen

Die Stadtverordneten berieten in ihrer Sitzung Anfang November 1907 über Möglichkeiten, alle Straßenbahnfahrzeuge in den betriebslosen Nachtstunden unter Dach zu bringen. Dabei ging es nicht allein um das Parken der Wagen. Der Fuhrpark musste auch gereinigt, den erforderlichen Revisionen unterzogen und gegebenenfalls repariert werden.

Eine Verschärfung des Problems der Unterbringung stand 1907 unmittelbar bevor. Die Erweiterung der Fahrzeugflotte um 20 Motor- und 30 Anhängerwagen war bereits in die Wege geleitet. Die neuen Betriebsmittel sollten im Frühjahr 1908 geliefert werden. Bis dahin musste also eine neue, ausreichend große Wagenhalle zur Verfügung stehen. Tatsächlich hatte die Straßenbahn-Gesellschaft bereits einen Plan fertig und von verschiedenen heimischen wie auswärtigen Unternehmen Kostenvoranschläge etc. angefordert.

Lageplan zum Bau der ersten Straßenbahn-Wagenhallen an der Immermannstraße, 1908 (Stadtarchiv Dortmund)

Lageplan zum Bau der ersten Straßenbahn-Wagenhallen an der Immermannstraße, 1908 (Stadtarchiv Dortmund)

Die Stadtverordneten entschieden sich für einen Neubau. Eine neue Wagenhalle sollte an der Immermannstraße entstehen, die am Südrand des Fredenbaumwaldes verlief und die Schützen- mit der Münsterstraße verband. Die Immermannstraße war 1907 noch völlig unbebaut und die Wagenhalle somit die erste Baumaßnahme hier.

Binnen Jahresfrist wurden die erste Halle und ein Verwaltungsgebäude fertiggestellt

Am 13. Januar 1908 beantragte das städtische Hochbauamt bei der Polizeiverwaltung die Genehmigung für das Neubauprojekt, zu der außer der Wagenhalle auch ein Verwaltungsgebäude gehörte. Die Genehmigung wurde am 15. Februar erteilt, das Hochbauamt zeigte am 11. April den Beginn der Arbeiten an.

Sechs Tore führten in die erste Wagenhalle (Stadtarchiv Dortmund)

Sechs Tore führten in die erste Wagenhalle (Stadtarchiv Dortmund)

Mit einer Länge von 86 Metern und 25,65 Meter Breite entstand an der Immermannstraße mit der neuen Halle gleich ein Monumentalbau. Wegen der Maße der Halle war die Dachkonstruktion besonders anspruchsvoll und bedurfte einer gesonderten Genehmigung.

Sie sollte freitragend sein, also nicht von störenden Säulen gestützt werden. In der Mitte des Dachs war ein sich über die ganze Länge der Halle erstreckendes und zehn Meter breites Oberlicht vorgesehen, das Tageslicht einfallen lassen sollte. In den Nachtstunden sollten elektrische Lampen für Licht sorgen.

Im Mai 1908 legte das Hochbaumt die entsprechenden Pläne und Berechnungen der Polizei-Verwaltung vor. Der gewünschte Bescheid wurde Anfang Juni ausgestellt. Am 12. August erfolgte die Rohbauabnahme der neuen Wagenhalle und etwas mehr als drei Monate später wurde seitens des Hochbauamtes der Antrag auf Gebrauchsabnahme gestellt.

Die neue Wagenhalle lag nicht direkt an der Immermannstraße, sondern war etwas nach Norden versetzt gebaut worden. So war zwischen Straße und Halle ausreichend Platz für ein Verwaltungsgebäude vorhanden. Die Baugenehmigung für dieses Gebäude sowie für ein separates Pförtnerhaus wurde Mitte Juni 1908 beantragt. Die Rohbauabnahme beider Häuser erfolgte am 31. August, die Gebrauchsabnahme am 20. November.

Grundriss der Halle von 1908. Die Tore, die zur Immermannstraße führten, befinden sich an der linken Bildseite (Stadtarchiv Dortmund)

Grundriss der Halle von 1908. Die Tore, die zur Immermannstraße führten, befinden sich an der rechten Bildseite (Stadtarchiv Dortmund)

Der neue Betriebshof wurde Mitte Dezember 1908 seiner Bestimmung übergeben. Die Straßenbahnen erreichten die Wagenhalle über die Immermannstraße. In der Halle lagen sechs Straßenbahngleise, auf denen etwa 100 Straßenbahnwagen abgestellt werden konnten. In der südlich gelegenen Hälfte der Halle befanden sich unter den Gleisen lange Revisionsgruben, die es ermöglichten, die Wagen von unten leicht und gründlich zu untersuchen und gegebenenfalls zu reparieren. Die Einfahrten zur Halle ließen sich durch eiserne Rollläden verschließen.

Drei Jahre nach der ersten wurde die zweite Halle in Angriff genommen

Die Ende 1908 in Betrieb genommene große Wagenhalle der Straßenbahn-Gesellschaft an der Immermannstraße konnte den Bedarf an Unterstellmöglichkeiten nur kurzzeitig erfüllen. Tatsächlich zeigt der 1907 gefertigte Lageplan, dass die fertige Halle lediglich die östliche Hälfte einer doppelt so großen Halle sein sollte. Die bereits geplante westliche Halle musste 1911 gebaut werden. Die Angelegenheit war so dringend, dass im Sommer 1911 mit dem Bau begonnen wurde, obwohl die Bauerlaubnis noch gar nicht beantragt war. Das Hochbauamt beauftragte die Fa. Hanitzel und Schulze mit der Durchführung der Arbeiten.

Lage der Hallen von 1908 (oben) und 1911 (unten) und das Verwaltungsgebäude. Die Immermannstraße ist rechts zu denken. (Stadtarchiv Dortmund)

Lage der Hallen von 1908 (oben) und 1911 (unten) und das Verwaltungsgebäude. Die Immermannstraße ist rechts zu denken. (Stadtarchiv Dortmund)

Die Arbeiten an der zweiten Wagenhalle, die an die vorhandene angebaut wurde, verliefen zügig. Bereits Mitte August 1911 hieß es, dass die Halle am 1. Oktober fertiggestellt sein würde. Am 16. November war das dann tatsächlich der Fall.

Einfahrtsfront der zweiten Halle; die Halle von 1908 schließt rechts an (Stadtarchiv Dortmund)

Einfahrtsfront der zweiten Halle; die Halle von 1908 schließt rechts an (Stadtarchiv Dortmund)

Der rasche Baufortschritt war sicherlich darauf zurückzuführen, dass mit dem neuen Bauteil ein Zwilling der 1908 gebauten ersten Halle entstanden war – es war hier keine spezielle neue Planung notwendig gewesen und man konnte auf die bereits gesammelte Erfahrungen zurückgreifen.

Der Wagenhallen-Komplex gefiel nicht jedem. Ein Spaziergänger erinnerte sich, dass an seiner Stelle zuvor schattige Eichen gestanden hatten, in deren Kronen gefiederte Sänger ihr Waldkonzert gaben. „Die Vöglein sind davon geflogen, die Bäume niedergemäht und statt ihrer hat der elektrische Funke die Herrschaft übernommen, um den Dortmundern zu zeigen, daß wir im Zeichen des Verkehrs stehen und die edle Waldpoesie nur leerer Schall ist.“

 

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