Das Buch von Werner Boschmann widmet sich „den kleinen Leuten“

„Ruhrbesetzung 1923. Ein Jahr spricht für sich.“

Mit gefälltem Bajonett gegen einen Greis.Diese Aufnahme wurde im Jahre 1923 also "mitten im Frieden" in einer Stadt an der Ruhr gemacht. Mit brutalster Gewalt gingen damals die Franzosen gegen die wehr- und waffenlose Zivilbevölkerung vor. Sie schonten niemanden, der ihnen nicht zu Willen war.
Mit gefälltem Bajonett gegen einen Greis. Diese Aufnahme wurde im Jahre 1923 also „mitten im Frieden“ in einer Stadt an der Ruhr gemacht. Mit brutalster Gewalt gingen damals die Franzosen gegen die wehr- und waffenlose Zivilbevölkerung vor. Sie schonten niemanden, der ihnen nicht zu Willen war. Von Bundesarchiv, Bild 183-R09876 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

In diesem Jahr jährt sich der Beginn der Ruhrbesetzung – auch „Ruhrkrise”, „Ruhreinmarsch” oder „Ruhrinvasion” genannt – zum 100. Mal. Ab dem 11. Januar 1923 wurden die bis dahin unbesetzten Teile des Ruhrgebiets durch Besatzungstruppen Frankreichs sowie Belgiens ab Anfang 1923 bis 1925 besetzt. Diesem bewegten Kapitel widmet sich ein von Werner Boschmann herausgegebenes Buch: „Ruhrbesetzung 1923. Ein Jahr spricht für sich.“

Höhepunkt des politisch-militärischen Konfliktes nach Versailles

Die Krise in der Zeit der Weimarer Republik markiert den Höhepunkt des politisch-militärischen Konfliktes um die Erfüllung der alliierten Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und den Siegermächten, besonders Frankreich.

Im nationalistischen Kontext wurden die Ruhrbesetzung und der primär zivile, aber auch teils militante deutsche Widerstand gegen die Besatzer häufig „Ruhrkampf“ genannt. Verlauf und Ausgang des Konflikts besaßen sowohl für die internationalen Beziehungen mit und zwischen den Siegermächten wie auch für die innenpolitischen Entwicklungen Deutschlands weitreichende Bedeutung.

Bis zu 100.000 Soldaten besetzten das Ruhrgebiet

Was war passiert? Ab dem 11. Januar 1923 besetzen französische und belgische Truppen, zunächst 60.000, später 100.000 Mann, große Teile des Ruhrgebiets, um die dortige Kohle- und Koksproduktion als „produktive Pfänder” zur Erfüllung der Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag zu sichern. Woraufhin die Reichsregierung am 13. Januar die Bevölkerung zum „passiven Widerstand” auffordert. Die französische Regierung reagiert hierauf mit dem Ausruf des „verschärften Belagerungszustandes“. Es kommt in der Folge zu Streiks, zu Anschlägen und zu Dienstverweigerungen, besonders innerhalb der Reichsbahn; auf Seiten der Besetzer kommt es zu mitunter tödlichen Übergriffen, zu Bestrafungen und zu Ausweisungen.

Die endgültige Räumung Dortmunds - Vorbeimarsch der abfahrenden Truppen vor dem Hauptbahnhof in Dortmund im Oktober 1924.
Die endgültige Räumung Dortmunds –
Vorbeimarsch der abfahrenden Truppen vor dem Hauptbahnhof in Dortmund im Oktober 1924 Bundesarchiv, Bild 102-00772 / CC-BY-SA 3.0

Während des passiven Widerstands werden die Löhne von etwa zwei Millionen Arbeitern im Ruhrgebiet vom Staat übernommen, was die Wirtschaftskrise verstärkt und zur Hyperinflation führt; es droht eine Hungersnot. Am 26. September 1923 wird von der Reichsregierung der Abbruch des passiven Widerstands verkündet, eine Währungsreform eingeleitet und am 15. November 1923 die Rentenmark als neues Zahlungsmittel ausgegeben.

Ab dem 23. November 1923 schließen große Unternehmen der Ruhrindustrie mit den Besetzern Lieferverträge. Mit dem „Dawes-Plan” im April 1924, der von einer Einheit des deutschen Wirtschaftsraums ausgeht, beginnt die offizielle Lösung der „Ruhrkrise”. Die letzten französischen und belgischen Soldaten verlassen im August 1925 das Ruhrgebiet.

Das neue Buch richtet den Blickwinkel auf „die kleinen Leute“

Das von Werner Boschmann herausgegebene Buch widmet sich dieser Periode – aber aus einem anderen Blickwinkel: Vorrangig handelt es von dem, was den „kleinen Leuten“ in diesem Jahr widerfahren ist. Von der Erschießung des Lokomotivführers Fritz von der Höh und dem Verschwinden seiner Gedenktafel.

Von Hausmeister Liesenfeld, dem es gelang, deutsche Kriminalbeamte als Schüler zu deklarieren und ihnen hierdurch eine Verhaftung zu ersparen. Vom „Essener Blutsonntag“, der „Dortmunder Bartholomäus-Nacht“ und dem versöhnlichen „Dattelner Abendmahl“.

Diverse zeitgenössische Reiseberichte lassen erahnen, dass sich die Einschätzung der Region und ihrer Menschen in den letzten hundert Jahren wenig verändert hat. „Spielplatz der Gewalten zu sein, ist das Schicksal des Ruhrgebietes.“ (Journalist Kurt Lachmann, 1923) Als Kontrast zeigen 56 Postkarten – alle 1923 gelaufen – mit Abbildungen von Altenessen bis Zweckel eine wunderhübsche, farbenfrohe Region.

Weitere Informationen mit einer ausführlichen „Buch-Führung“ gibt es hier.

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Reaktionen

  1. Lo

    Hätte man uns früher in der Schule Geschichte so lebhaft und verständlich vermittelt, wie man sie in diesem Buch nachlesen kann, erst recht Geschichte, die doch hier bei uns im Ruhrgebiet „umme Ecke“ stattgefunden hat, wäre das Fach sicher mehr geliebt worden.
    Klare Leseempfehlung!
    Lo.

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