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Rezension der Komödien-Premiere „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow im Schauspielhaus Dortmund

„Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow im Schauspielhaus Dortmund – Fotos (5): Birgit Hupfeld/ TheaterDO

Von Gerd Wüsthoff

„Der Kirschgarten“, inszeniert von Regisseur Sascha Hawemann und Dramaturg Dirk Baumann, im Studio des Schauspiels Dortmund – das klang mehr als spannend, denn es garantierte dem Zuschauer, fast mitten im Geschehen zu sein. Wolf Gutjahr baute die Szene zwischen an drei Seiten aufgereihten Zuschauerplätzen. Dass sich der Zuschauer im Theater befindet, bemerkte er spätestens, als der alte Diener Firs (Uwe Schmieder), Leibeigener der Familie Ranjewska, die orangefarbenen Vorhänge aufzieht. Und doch beschlich einen das Gefühl, als zöge er die Vorhänge im großen Salon des Herrenhauses mit dem Kirschgarten auf.

Große Bühne und Guckkasten-Theater ist nicht: Schauspiel hautnah und direkt im Studio

Joel Grey aus Cabaret konnte einem in den Sinn kommen, wenn man ihm bei seiner nicht ganz leicht von der Hand gehenden Arbeit zusah und hörte – sein Alter war präsent.

Das Bühnenbild von Wolf Gutjahr, spärlich, aber mit generös verteilten Stühlen, zum Teil deplatziert rau wirkend und ein üppig mit Goldelementen drapierter roter Samtstoff im Zentrum der Bühne, lassen reichlich Platz für eigene Bilder im Kopf – man muss sich nur fallen lassen. Dagegen steht krass die Rückwand, schwarz und ein desillusionierender Pressspahn-Schrank.

Große Bühne und Guckkasten-Theater ist nicht. Ungewohnt und neu, eigentlich geradezu extravagant, spartanisch, eigene Phantasie fordernd, beginnt die Komödie.

„Der Kirschgarten“: Tschechow’s Komödie mit bitteren Lachern

„Der Kirschgarten“ wird von Čechov als Komödie bezeichnet, und so von vielen gesehen und wahrgenommen, aber selten als solche inszeniert. Und Hawemann und Baumann gelingt die Komödie, die zuweilen an das Burlesque kratzt, aber nicht hinein gleitet. Auch wenn die Charaktere stark überzeichnet erscheinen mögen.

Jermolaj Alexejewitsch Lopachin (Frank Genser), herrlich lasziv, bezirzt von Dunjascha (Marlena Keil), welche während des Gespräches mit Lopachin geradezu slapstickhaft von Jepichodow (Uwe Schmieder) bedrängt wird. Er stört Dunjascha erheblich bei ihrem Bemühen, einen reichen Mann zu finden. Spätestens wenn sie Jascha (Raafat Daboul) umgarnt, wird klar, sie versucht verzweifelt, sich eine neue, geachtetere gesellschaftliche Stellung zu verschaffen. Lacher sind garantiert.

Allerdings jeder herzhafte Lacher kann einem leicht im Halse stecken bleiben; nicht eingedenk der Kenntnis des Stückes, sondern auf Grund der Bitternis der Situation.

Friederike Tiefenbacher spielt eine herrliche Ranjewskaja

Das Spiel nimmt rasante Fahrt auf, als das Ensemble – einen rasenden Zug spielend – hektisch redend um die Bühne herum saust. Dabei stolpern die Schauspieler fast über die Füße der Zuschauer. Allen voran marschiert Ljubow Andrejewka Ranjewskaja (Friederike Tiefenbacher), welche aus ihrem Pariser Exil, nach durchgebrachtem Vermögen, auf dem elterlichen Gut mit Kirschgarten ihren Frieden, ihre Jugend und Kindheit wieder gewinnen will.

Seltsam in der Zeit verloren wirkt sie, und dabei jegliche Verantwortung ablehnend. So etwas wie die banale Realität lässt sie gekonnt nicht durchblicken, außer, wenn sie sich über den Verlust ihres ertrunkenen Sohnes beklagt. Der Schmerz der Ranjewskaja wird in ihrer Hysterie greifbar.

Das Neue und das Alte treffen im Kirschgarten aufeinander

Regisseur Sascha Hawemann und Dramaturg Dirk Baumann. Foto: Leopold Achilles

Lopachins Vorschlag zu Rettung und Erhalt des elterlichen Gutes lehnt sie denn genauso realitätsscheu kategorisch ab wie ihr Bruder Leonid Andrejewitsch Gajew (Ekkehard Freye). Leonid ergeht sich dabei in vagen Finanzhilfen, die sich in seiner Formulierung schon als nichtig erweisen. Beide lassen Lopachin gekonnt seine geringe Herkunft spüren.

Er, der Sohn eines Leibeigenen, durch ehrbaren Handel zu Reichtum gekommen, wird mit brüchiger, aristokratischer Grandezza auf seinen Platz verwiesen. Enttäuscht, entsetzt wirkend, am Unwillen Realitäten erkennen zu wollen, zerknüllt Lopachin die Zukunft des alten Kirschgartens und damit die Zukunft des Gutes.

Einzig Warja, die Adoptivtochter der Ranjewskaja (Bettina Lieder), scheint sich der Lage um das Gut im Klaren zu sein, was man auch an ihrem verzweifelten, fast zwanghaften Stühle-zurecht-Rücken erkennen mag. Resolut, fast verbittert, hält sie „den Laden am Laufen“. Auch sie ist am Ende zu sehr im Standesdünkel verhaftet, als dass sie mit Lopachin zusammenkommen kann, und verschwindet in die weite Welt, in die es die Gutsbesitzerfamilie zuletzt doch zerstreut. Denn es kommt zur Versteigerung, welche sich alle erträumt, aber doch zu vermeiden hofften.

Lopachin ist es schließlich, der das Gut ersteigert und den Kirschgarten zu Kleinholz macht. Einen Kirschgarten, der längst keine Früchte mehr zu tragen in der Lage ist, wie die russische Adelsschicht jener Tage, als Čechov das Stück, sein letztes, schrieb.

Ein trauriger Abgang aus dem Karneval der Eitelkeiten

Am Ende steht das Ensemble an der nackten, schwarzen Wand und bringt, wie an einer „Klagemauer“, seine arg seltsam von den Figuren distanzierten Schlusssätze. Die verlorene Wirkung der Schauspieler spiegelt nur die Verlorenheit der Charaktere, welche scheinbar immer noch nicht begriffen haben, was die Stunde geschlagen hat.

Firs (Uwe Schneider), sonst üblicherweise auf der Bühne liegend, während die Familie sich in Welt verstreut, ohne sich eine Gedanken über das verloren Gut zu machen, wandert sinnierend über die vergangene Fruchtbarkeit des Kirschgartens und seiner Produkte, Konfetti streuend, über die leere Bühne. Traurig fast kann man den vergangenen Karneval der Eitelkeiten spüren.

„Der Kirschgarten“ und seine Bezüge zur Gegenwart

Die Kostüme von Hildegard Altmeyer sind alles andere als zeitbezogen und unterstreichen damit dramatisch den Gegenwartsbezug des Stückes. Die Parallelen zur heutigen gesellschaftlichen Situation sind mehr als deutlich. Denn auch unsere Gesellschaft ist einem Umbruch – wie die Gesellschaft der Ranjewskis.

Man kann sich selber in den Figuren des Stückes oder Akteure in unserer heutigen Gesellschaft wieder erkennen. Unterschwellig wogen die Ängste über das, was morgen kommen mag oder kann. Der aktuelle Wandel in unserer Gesellschaft ist wie im Stück, besonders dieser Inszenierung, nicht erst als leichtes Morgenrot zu erkennen, sondern wir sind mitten drin in einem Umbruch und auf dem Weg in das Ungewisse.

Besonders das Spiel der weiblichen Darsteller sticht hervor

Frank Genser mit Friederike Tiefenbacher.

Es sind besonders die weiblichen Darsteller, welche ihre Charakterzeichnungen gekonnt darstellen. Die hysterische Art von Frederike Tiefenbacher, wenn sie ihre Trauer über den ertrunken Sohn darstellt, ist beklemmend, fast schmerzend.

Bettina Lieders gespielte Warja lässt die Figur verbissen, enttäuscht vom Leben und spröde aufblitzen. Merle Wasmuth lässt die kindliche Naivität und den Lebenshunger der Figur aufblühen. Marlena Keil als Dunjascha ist grandios in ihrer üppigen Darstellung auf der Bühne.

Wenn Tiefenbacher und Wasmuth in der Schlaufe aus dem roten, zentral hängenden Vorhang schaukeln und sich kopfüber „treiben lassen“, kann man sich an den Gehängten aus den Tarot-Karten erinnert fühlen – Ändern? Was denn? Bei Wassmuth hingegen springt der Lebenshunger ihrer Figur hervor.

Weitere Informationen:

  • Aufführungen : Donnerstag, 11. Januar 2018; Donnerstag, 18. Januar 2018; Freitag, 19. Januar 2018; Samstag, 27. Januar 2018; Sonntag, 28. Januar 2018; Samstag, 17. Februar 2018; Mittwoch, 07. März 2018; Sonntag, 24. Juni 2018; Freitag, 13. Juli 2018.
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