Nordstadtblogger

„Raus aus dem Euro? Die Plan-B-Diskussion und die Frage nach einer sozialverträglichen Auflösung der Euro-Zone“

Geldscheine und Münzen der Euro-Zone

Geldscheine und Münzen der Euro-Zone – ein auslaufendes Zahlungsmittel? Bilder: Wikipedia

Von Claus Stille

In der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund gab es unter dem Titel „… raus aus dem Euro? – Die Plan-B-Diskussion und die Frage nach einer sozialverträglichen Auflösung der Euro-Zone“ ein Streitgespräch mit Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup (Diplom-Ökonom) und Prof. Dr. Martin Höpner (Politikwissenschaftler und Germanist) statt. Veranstalter des Streitgesprächs waren DGB, Attac und der Nachdenktreff, vertreten durch Peter Rath-Sanghakorn.

Höpner: Belebung des früher unbeliebten Europäischen Währungssystems als Lösung?

Martin Höpker (rechts) mit Moderator Peter Rath-Sangkhakorn.

Martin Höpker (rechts) mit Moderator Peter Rath-Sangkhakorn. Foto: Claus Stille

Martin Höpner ging der Frage nach, ob es wohl gelingen könne, die Euro-Krise zu lösen ohne den Euro zu verlassen. Diese definierte Höpner als eine private und öffentliche Verschuldungskrise.  Aus Sicht der südeuropäischen EU-Länder als Konjunktur- und Stagnations- bzw. gar Schrumpfungskrise.

Wären das die einzigen Symptome der Eurokrise, dann hätten (progressive Kräfte keine Schwierigkeiten „eine stimmige Antwort zu formulieren“. Schulden würden garantiert und mithilfe transnationale Transfers könnten im Süden Investitionen finanziert werden.

Dazu müsste das Europäische Parlament mehr Rechte erhalten. Vielleicht in Richtung des Mottos „Europa neu begründen“ nach den Vorstellungen des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufkakis.

Wettbewerbs- und Leistungsbilanzkrise in der Eurozone

Alles stelle sich jedoch viel komplexer und schlimmer dar – und zwar in Gestalt einer Wettbewerbs- und Leistungsbilanzkrise. Eine Währungsunion funktioniere nur, „wenn sich die Teilnehmer in die Lage versetzen ihre  Lohn- und Preisauftriebe zu synchronisieren.“

Ganz einfach, weil in einer Währungsunion keine nationalen Währungen existieren, die man auf- und abwerten könne. Höpner: „Diese notwendige Sychronisation hat nicht stattgefunden.“

Nominallöhne und Preise seien in Südeuropa „übergeschossen“, während der Norden der Eurozone „mit Deutschland als Speerspitze“ (Stichwort „Exportweltmeister“) gezielt dahinter zurückgeblieben ist.

Eine Wirtschaft wird bei fallenden Preisen nicht wachsen

Die EurozoneEin Dilemma: „Eine Wirtschaft wird bei fallenden Preisen nicht wachsen. Und wenn sie doch wächst, werden garantiert die Preise nicht fallen.“

Eine Lösung könnte die Verhandlung der Euroländer unter Einbeziehung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Brüssel eines „transnationalen Pakts“, eines „imaginären Sozialpakts“, sein.

Die Nord- könnten den Südländern Transfers und Investitionshilfen gewähren. Niemand müsste den Euro verlassen. Eine Verwirklichung steht jedoch nicht erwarten.

Die Europäische Zentralbank (EZB)  ist für Höpner nicht das Problem. Vielmehr ist es Deutschlands „radikalisierte Überexportorientierung“. Eine Inflationierung Deutschlands sei jedoch nicht einmal mit Gewerkschaften wie der IG Metall zu machen.

Griechenland „als beispielloses zynisches Experiment“ der EU kritisiert

Was im Gegenzug bedeute, dass Deutschland seine europäischen Partner mit diesem Problem alleine lasse. Wie die sogenannten Institutionen mit Griechenland umspringen, dass sei ein „beispielloses zynisches Experiment“ mit den Folgen Verarmung, Deindustrialisierung, Entdemokratisierung und Zerstörung  von Tarifautonomie. Damit müsse Schluss sein.

Höpner, bei der Einführung des Euro noch enthusiastischer Befürworter des Euro,  heute: „Die Einführung des Euro war eine grausige Fehlentscheidung“.  Ein besser auf Europa passendes, flexibles Währungsregime favorisiert Höpner. Die Finanzmärkte müssten außen vor bleiben.

Das aber werde „nie mit dem merkantilistischen Deutschland in dieser Währungsunion klappen“, meint Höpner. Er zieht  das einst unbeliebte Europäische Währungssystem (EWS) – aktiv zwischen 1979 und 1998 – für heute als eine Lösung in Betracht.

Bontrup: Verfehlte Austeritäts- und neoliberale Wirtschaftspolitik beenden

Heinz-J. Bontrup mit Moderator Peter Rath-Sangkhakorn.

Heinz-J. Bontrup mit Moderator Peter Rath-Sangkhakorn. Foto: Claus Stille

Für Heinz-J. Bontrup  ist der  Euro  eine Erfolgsgeschichte. Dass der eine Weichwährung würde, hätten Viele befürchtet. Es sei nicht eingetreten: „Der Euro ist stabil“. Bontrup gefallen allerdings die enormen deutschen Exportüberschüsse ebenfalls nicht.

Dass es jedoch so sei, liegt für ihn „an der deutschen wirtschaftlichen Performance“. „Wir sind eben so gut und so stark“. Bontrup zeigte sich froh darüber, dass wir nun einmal kein Griechenland sind. Für ihn hängt das mit der menschlichen Arbeit zusammen: „Da ist der deutsche Michel nun einmal verdammt gut.“

Eine Währungs- und Eurokrise gibt es für ihn nicht. Jedoch eine „massive, tiefe europäische Wirtschaftskrise“. Die EU als Wirtschaft befände sich „in der Tat in Auflösung und im Verfall“. Die Ursache läge in dem  Kapitalismus immanenten widersprüchlichen System zwischen Kapital und Arbeit sowie auch innerhalb der Klassen.

„Riesenverwerfungen“ in der Gesellschaft durch neoliberale Politik

EuroSymbolNeoliberale Politik habe „Riesenverwerfungen“ in der Gesellschaft gezeitigt. Die wahre Ursache für die Krise in der EU sieht Bontrup in der verfehlten neoliberalen Wirtschaftspolitik.

Von Beginn des Euro an sei es bis dato nicht gelungen, die tiefe Dichotomie zwischen Geld- und Fiskalpolitik aufzuheben. Mit der „unsäglichen Austeritäts-“ und neoliberalen Wirtschaftspolitik  müsse gebrochen werden.

Dass das Schuldner-Gläubiger-Verhältnis aus den Fugen gekommen sei – darin stimmte er mit seinem Kollegen Höpner überein. Heinz Bontrup kritisierte die nicht demokratisch legitimierte EU-Kommission.  Die fahre eine Politik, welche den EU-Verfall beschleunigt.

Alternativen hingegen gebe es immer. Nötig sind seiner Meinung nach im Sinne eines  „Linkskeynesianismus“ eine expansive Lohnpolitik, eine Arbeitszeitverkürzung und „ein gezielter Kapitalschnitt bei den Reichen und Vermögenden“.

Zusätzlich fordert Heinz Bontrup eine Demokratisierung der Wirtschaft. Die Rückkehr zu nationalen Währungen hält er für katastrophal. Ohnehin würde wieder D-Mark dominieren. Schwere Verwerfungen wären die Folge.

Streit und kluge Fragen aus dem Publikum

Die EurozoneIm Anschluss an die Eingangsbeiträge entspann sich eine rege Diskussion mit dem Publikum, das kluge  Fragen zu stellen wusste. Und die Professoren gerieten in einigen Punkten tatsächlich in Streit.

So zweifelte Höpner Bontrups Narrativ heftig an, wonach der deutsche Leistungsbilanzüberschuss daherkomme, weil deutsche Arbeiter tüchtiger seien als ihre europäischen Kollegen.

Bontrup ließ der Kritik ein dreifaches trotziges „Doch!“ folgen. Die enormen Ungleichgewichte zwischen den Ländern, konterte Martin Höpner wiederum, schüfen enorme Probleme. Kontrovers vorgetragene  Argumente flogen hin und her. Bontrup mahnte ein solidarisches anstelle eines „neoliberal verkommenen Europa“ an. Höpke ging damit d’accord.

„Eine Euro-Auflösung ist keine Lösung“, so Bontrup:  Sie brächte allein schon für Griechenland, das Europa eiskalt habe über die Klinge springen lassen, riesige Aufwendungen wegen der Ablösung der Euro-Verbindlichkeiten (die letztlich nicht zu stemmen sein würden) mit sich und zögen weitere schmerzhafte Entbehrungen mit sich.

Große Sorgen bereitet ihm die derzeit destabile Verfassung Europas. Auch politisch – vor dem Hintergrund der Flüchtlingstragödie – bis in die einzelnen Länder seien enorme rechtsradikale Verwerfungen vorauszusehen.

Die AfD ist für ihn nur eine Erscheinung in diesem Zusammenhang. Wer glaube die Rechtspopulisten zögen 2017 nicht in den Bundestag ein, so Heinz Bontrup, sei naiv. Eine Euro-Auflösung dürfte die Lage zusätzlich politisch destabilisieren, von der rechte Kräfte wohl profitieren würden. „Das wäre das endgültige politische Ende Europas.“

Bontrup klagte über eine in weiten Teilen schmutzig und borniert zu nennende Politik und das grausame  ökonomischen Nichtwissen vieler „sogenannter“ Volksvertreter.  Die glaubten tatsächlich daran, dass ein staatlicher Haushalt einem privaten gleichzusetzen sei. Schuldenbremse im Grundgesetz und schwarze Null seien fürchterliche Ergebnisse dessen.

Fazit: Spannendes Streitgespräch ohne akademische Allüren

Ein spannendes Streitgespräch, gar nicht arg professoraler Art, war das zwischen Heinz-J. Bontrup und Martin Höpke in der Auslandsgesellschaft ausgetragene.

Und wie vom Publikum angemerk,t waren die beiden sich zivilisiert die Klingen kreuzenden Herren auf dem Podium im Kern gar nicht einmal so weit auseinander. Festgestellt wurde ebenso deutlich: Die von Vielen gewünschten einfachen Lösungen gibt es nicht.

Der Vorhang zu und alle Fragen offen, also? Nicht ganz, so der Eindruck. Aber Aufmerken, dass brachten die Professoren herüber, ist dringend angesagt. Vielleicht steht es für Europa schon nach zwölf?

Wir haben sinngemäß mit Nietzsche gesprochen schon zu lange in den Abgrund hineingeschaut. Längst schaut er in uns zurück. Raus aus dem Euro ist aber gewiss keine Lösung.

Mehr zu den Diskutanten:

Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz-J._Bontrup

Prof. Dr. Martin Höpner http://www.mpifg.de/people/mh/vita_de.asp

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