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Poesie des Profanen: Brandstifter erstellt als Regionsschreiber fürs Ruhrgebiet eine Asphaltbibliotheque aus Fundzetteln

„Brandstifter“ ist der Regionsschreiber fürs Ruhrgebiet. Der interdisziplinäre Aktionskünstler erstellt eine Asphaltbibliotheque aus Fundzetteln und ruft die Bürger*innen zum Mitmachen auf. Foto: Sascha Fijneman

Neben einer Stadtschreiberin bekommt Dortmund jetzt auch noch einen Regionsschreiber. Doch während sich Stipendiatin Judith Kuckart auf Dortmund konzentriert, hat Regionsschreiber Brandstifter, das gesamte Ruhrgebiet im Visier. Der interdisziplinäre Aktionskünstler hat seinen ganz eigenen Weg gefunden, die Region und ihre Städte zu erkunden und zu erleben. Er zieht durch die Straßen und sammelt auf, was andere achtlos weggeworfen, bewusst aussortiert oder aber verloren haben. Anhand seiner Fundstücke erstellt er eine einzigartige Asphaltbibliotheque Ruhrgebiet, eine Collage, deren fragmentarischer Aufbau im Zusammenspiel Einblicke in Leben, Kultur, Umwelt und Gesellschaft der Region gewähren. Toll ist, dass die Bürger*innen in das Projekt miteinbezogen werden und ihre Fundzettel dem Brandstifter zukommen lassen können.

Von der Straße an die Wand: Bürger*innen sind zum Mitmachen eingeladen

Hierfür hat er Fundzetteldepots (siehe Titelfoto) in Form von Briefkästen im öffentlichen Raum errichtet. Einer hängt zum Beispiel im Eingangsbereich des Depots in der Nordstadt. Sie werden regelmäßig vom Brandstifter geleert und der Inhalt begutachtet. Der Künstler legt Wert auf Authentizität. „Die Zettel müssen schon von der Straße sein.“ ___STEADY_PAYWALL___

Einer der ersten Funde in Dortmund: ein Stapel alter Berufsschulzeugnisse – die Leistungen können sich sehen lassen.

Seit 1998 beschäftigt sich der Brandstifter mit dieser Art der Kunst und hat unter anderem schon Installationen und Ausstellungen in Berlin und New York präsentiert. „Das bewusste Aufheben, Aneignen, Archivieren und Ausstellen der herrenlosen Zettel durch den Asphaltbibliothekar stellt nicht nur einen künstlerischen Schöpfungsakt dar, sondern ist gleichzeitig öffentliche Performance, die sowohl als Anknüpfungspunkt für spontane Kommunikation mit neugierigen Passanten als auch mit Besucher einer Ausstellung dienen kann“, heißt es auf der Homepage des Künstlers.

Da es sich bei Stadt.land.text NRW um ein Literaturprojekt des Landes handelt, hätten sich auch in erster Linie Autor*innen für die Stipendien beworben, weiß Jurymitglied Nina Mühlmann zu berichten. Um so erfreulicher sei es gewesen, dass sich mit dem Brandstifter ein Künstler um das Stipendium bemüht habe. Seine Bewerbung sei direkt aus dem Rahmen gefallen, sei „anders und interessant“ gewesen.“ Brand sei ein Grenzgänger, der nicht auf das Schreiben festgelegt sei. Alle teilnehmenden Regionen des Landes seien an seiner Bewerbung interessiert gewesen.

„Natürlich werde ich auch mit Texten arbeiten und über meine Erlebnisse und Begegnungen in der Region berichten, aber im Grunde lese ich auf, sammele und verarbeite und sage am Schluss: so habe ich Eure Stadt gefunden“, erläutert der Künstler sein Experiment. Eigentlich sollte der Brandstifter für den Zeitraum des Stipendiums (vier Monate)  im Depot in der Nordstadt residieren. Aufgrund der Corona-Pandemie bleibt dieses jedoch momentan geschlossen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Brandstifter die ihm dort zur Verfügung gestellte Arbeitsumgebung nicht weiter nutzen könnte. Er kann immer noch jederzeit ins Depot, um dort seine Fundzettel zu scannen, die Unterstützung durch das Depot bleibt erhalten.

Trotz Coronakrise ist die Asphaltbibliotheque ein sehr kommunikatives Projekt

Diese Kinderzeichnung fand der Brandstifter auf dem Gehweg vor der Kneipe Missin‘ Link in der westlichen Innenstadt.

Außerdem  verfügt er über ein Wohnatelier in der Adlerstraße. Seine ersten Fundstücke hat er in Dortmund schon aufgelesen. So fiel ihm beim Einzug in der Adlerstraße ein Stapel alter Berufsschulzeugnisse in die Hand und auf dem Weg zum Supermarkt fand er vor der Kneipe Missin’ Link in der westlichen Innenstadt eine Kinderzeichnung auf einem DIN-A5-Zettel.

Oftmals und gerade zur jetzigen Jahreszeit ist das Auflesen der Fundstücke mit einigem Aufwand verbunden. So müssen vom Regen durchweichte Papiere getrocknet werden. Wenn sie oft gefaltet oder zerknüllt waren, versucht der Künstler, sie wieder zu glätten, indem er sie beispielsweise in dicken Büchern zwischenlagert. 

Aktuell wird das Brandstifter-Projekt natürlich auch durch die Coronakrise beeinflusst. So sind zunächst einmal alle Veranstaltungen wie Lesungen, Klangkunst-Konzerte, Performances und vieles mehr, die im Rahmen des Stipendiums geplant waren, auf Eis gelegt, zum Teil abgesagt worden. Die April-Veranstaltungen sollen voraussichtlich zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Näheres könne der Künstler selbst erst nach Ostern verraten.

Künstler und Projekt haben sich den Umständen der Coronakrise angepasst

Zum Selbstschutz in Coronazeiten ist der Brandstifter mit der Greifkralle unterwegs.

Und auch die tägliche Arbeit des Brandstifters hat sich den Umständen angepasst. So hat er seinen Aktionsradius momentan auf Dortmund beschränkt. Ausflüge in andere Städte wird er frühestens wieder nach Ostern unternehmen.

„Ich bin also auf meinen Einkaufs- und Spazierwegen in Dortmund unterwegs sammele und beobachte, was um mich herum geschieht. Ich habe in den ersten Wochen schon so viel erlebt, dass ich jetzt nach und nach alles durch die Coronabrille betrachtet, auswerte und für meinen Blog nach und nach aufarbeite.“ Außerdem füttere er regelmäßig sein Facebook-Profil und seine Homepage mit monatlichen Aktualisierungen (die jeweiligen Links befinden sich im Anhang des Artikels).

Um sich selbst besser zu schützen, benutzt er neuerdings eine Greifzange, um die Fundstücke einzusammeln. „Ich verwende zum Aufheben von der Straße eine Greifkralle, die ich wie ein Gewehr geschultert umhertrage und die Zettel kommen erstmal in Quarantäne, bevor ich sie sichte, fotografiere, scanne, auswerte für mein Projekt…. Über die Zettel komme ich also trotz der sogenannten Kontaktsperre mit den Menschen im Pott in Kontakt.“

Wer findet, der sucht: Brandstifter ist der Kunstwolf im Literaturpelz

Aber letztendlich gehe es ja auch nicht wirklich darum, wer den jeweiligen Zettel warum geschrieben habe. Interessant seien letztlich die Stories und Bilder, die in den Köpfen der Menschen entstünden, wenn sie die Fundzettel betrachten. „Alles ist anders – die Betrachter spiegeln sich selbst in den Fundstücken. Und eine objektive Wahrheit gibt es sowie per se nicht und ist pure Fiktion!“, so der Künstler.

Fotos (5): brand-stiftung.net

Im Rahmen der Extraschicht, die voraussichtlich am 27. Juni stattfinden soll, sind zwei Leseveranstaltungen im Depot geplant, bei denen die gesammelten Werke evtl. zusätzlich digital präsentiert werden sollen.

Der Brandstifter betont, dass er sich sehr gefreut habe, als er erfuhr, dass er für die Region Ruhrgebiet mit Residenz in Dortmund ausgewählt wurde. Schon immer habe ihn am Ruhrgebiet der Kontrast zwischen grünen Landschaften und Industrieromantik fasziniert. Bereits 1998 hatte er mit seinem Projekt Die Eigene Partei (DEP) das Atelier Kai Richter besucht. In dem Projekt, versuchte er die Menschen dazu zu animieren, ihre eigene Partei zu gründen.

Hintergrund war, die Besucher*innen anzuregen, vorhandene politische Strukturen offensiv zu hinterfragen. Ferner sollten eingefahrene Denkmuster aufgebrochen werden, um so gemeinsam in einer kommunikativen Kunstaktion neue Lösungswege aus der Politikverdrossenheit zu spinnen.

Brandstifter in der Tradition von Dada und Fluxus: DODO ist DADA

Am Ende entsteht aus den Fundzetteln eine einzigartige Collage.

2005 folgte ein weiteres Projekt in Dortmund mit dem Titel „Seelensanierung & Altlastenentsorgung“ und irgendwann in diesem Zeitraum trat er auch schon mal in der Innenstadt unter dem Titel „Brandstifter live vom Bügelbrett“ als Musiker auf und spielte laut und wild, nach eigenen Angaben, eine ganze Disco leer.

Seine experimentellen Projekte erinnern zum Teil stark an den Dadaismus, bei dem traditionelle Kunstformen bewusst übertrieben, extrem und satirisch verwendet werden. Ein Ur-Vater der Kunstform und Mitbegründer ist Richard Hülsenbeck, der auf dem Südwestfriedhof Dortmund begraben liegt. Ein weiteres Bindeglied zwischen dem Brandstifter und der Stadt Dortmund. Für den 10. Mai ist im Rahmen des Stipendiums sogar eine Veranstaltung im Geburtshaus Richard Hülsenbecks in Frankenau geplant.

Brandstifter betont jedoch, dass er sich nicht als Dadaisten bezeichnet, sondern seine Werke an die Tradition von Dada und Fluxus angelehnt seien. „Dort, wo ich herkomme, heißt „da“ „do“. Dass ich ausgerechnet in DO meine Homebase aufschlagen würde, war eine Überraschung. Dortmund? Da da war ich doch schonmal…“

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