Nordstadtblogger

Neues Streetwork-Angebot in Hörde gestartet – Stadt Dortmund lässt sich die „Rampe II“ 570.000 Euro kosten

Die SozialarbeiterInnen von DJK und AWO suchen Jugendliche an öffentlichen Orten in Hörde auf. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Es ist bitterkalt. Die Passanten huschen zügig durch die Straßen. Wer nicht draußen sein muss, sucht sich ein warmes Plätzchen. Dennoch haben sich Jugendliche an verschiedenen öffentlichen Plätzen in Hörde niedergelassen. Einen Rückzugsraum für sie gibt es nicht. Sie verbringen ihre Zeit mehr oder weniger draußen. Sie quatschen, rauchen, trinken ein Bierchen und hören Musik. Und sie werden – je nach Ort und Uhrzeit – von Polizei und Ordnungsamt vertrieben. Sie fühlen sich ungewollt, obwohl sie eigentlich nur ihre Freizeit in Hörde verbringen möchten. Ein offenes Ohr für ihre Anliegen haben eigentlich nur die Streetworker*innen von der Deutschen Jugendkraft (DJK) und der AWO. 

Tod einer 15-Jährigen als Auslöser für die Politik, das Streetwork-Angebot erneut aufzulegen

In diesem Parkhaus in Hörde wurde eine 15-Jährige im Februar 2018 von einer Gleichaltrigen getötet.

Offiziell seit 1. November 2018 ist das Sozialarbeiter-Team in Hörde im Einsatz: Johann Christian Zenses (Teamleiter), Lena Terstegge (stellv. Teamleiterin) – beide von der DJK – und Sabine Hoffstiepel von der AWO sind die Hauptamtlichen. Doch bereits vorher waren sie im Sozialraum unterwegs.

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Dass es das Projekt „Rampe II“ gibt, hat einen traurigen Grund: Am 23. Februar 2018 ist in Hörde ein 15-jähriges Mädchen von einer gleichaltrigen Jugendlichen tödlich verletzt worden. 

Der Tod des Mädchens geht Sabine Hoffstiepel nahe: „2015 war sie noch mit der AWO in Südfrankreich. Ein aufgewecktes Mädchen, nicht auffällig und mittendrin im Leben“, betont die Sozialarbeiterin. In einer kalten Freitagnacht kam sie bei einem Messerangriff im Parkhaus am Hörder Bahnhof ums Leben. 

Schon im Vorfeld war in der Bezirksvertretung darüber diskutiert worden, dass Drogenkriminalität und Vandalismus zugenommen haben. Aufgrund des schlagzeilenträchtigen Vorfalls hatten sich Politik und Jugendamt dann dazu entschlossen, dieses Projekt der aufsuchenden Jugendarbeit, welches von 2011 bis 2014 erfolgreich betrieben wurde, erneut aufzulegen.

Das Vorgängerprojekt wurde aus Städtebaumitteln finanziert. Mit dem Auslaufen der Fördermittel wurde auch das Projekt eingestellt. Das neue Projekt wird aus Mitteln der Stadt Dortmund (570.500 Euro) für drei Jahre finanziert, betont die zuständige Dezernentin Daniela Schneckenburger. „Wir als Hörder Politik sind froh und dankbar, dass es wieder auflebt“, freut sich Bezirksbürgermeister Sascha Hillgeris.

Vertrauensbildende Maßnahmen sind zentraler Ansatz für die Arbeit der StreetworkerInnen

Das Sozialarbeiter-Team: Sabine Hoffstiepel, Lena Terstegge und Johann Christian Zenses (v.li.).

Die aufsuchende Jugendarbeit rund um den Hörder Bahnhof hatte bereits kurz nach der Bluttat begonnen. Dafür kooperiert das Jugendamt mit DJK und AWO. Die Streetworker gehen auf Jugendliche zu, die sie an Straßen, Plätzen und Grünflächen antreffen, und bewegen sich mit ihnen im Quartier. 

„Das Projekt ist eine Antwort an die Jugendlichen, die mit persönlichen Problemlagen zu tun haben. Es ist im Wesentlichen auf Streetwork organisiert und hat eine Scharnierfunktion in den Stadtteil hinein“, verdeutlicht Schneckenburger. Sie sollen die Jugendlichen aufsuchen, Vertrauen zu ihnen aufbauen und auf der anderen Seite Akteure so zusammenführen, dass sie bei Problemen Kolleg*innen aus der Jugend-, Vereins- und Beratungsarbeit aufsuchen. 

Der Tod des Mädchens habe dazu geführt, sich neu damit zu befassen, was Jugendliche beschäftige. „Es war ein massiver Einschnitt für viele Jugendliche. Das Jugendamt hat sich intensiv um Trauerbewältigung vor Ort und die Aufarbeitung gekümmert“, so die Dezernentin. Das Amt und die schulpsychologische Begleitung seien Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche gewesen. 

Seit dem Frühsommer hat es bereits darüber hinaus gehende Angebote für Jugendliche gegeben. Auch die AWO war seit dem Ferien mit ihm Boot. Gemeinsame Aktivitäten sollen es den Jugendlichen erleichtern, Vertrauen aufzubauen. 

StreetworkerInnen sind an sieben Abenden in der Woche in Dortmund-Hörde unterwegs

Jugendliche, die sonst eher mit Aggressivität und Ausgrenzung konfrontiert werden, können durch die Beziehungsarbeit und die gemeinschaftlichen Aktivitäten lernen (wenn sie denn wollen), dass man Auseinandersetzungen auch fair bewältigen kann. Kleine Erfolge sollen das Selbstbewusstsein der jungen Menschen im Alltag wachsen lassen.

Die SozialarbeiterInnen sind – orientiert am Freizeitverhalten der Jugendlichen – in der Kernzeit von 17/18 Uhr bis 23/24 Uhr sowohl unter der Woche, als auch an den Wochenenden, inklusive sonntags, tätig. Räumlicher Hauptfokus für DJK und AWO liegen auf dem Bereich um den Hörder Bahnhof. Aber auch der Phoenixsee und bei Bedarf auch Phoenix-West werden in die Runden mit einbezogen, erklärt Johann Christian Zenses. 

Der „Streetwork“-Ansatz orientiert sich dabei an der Lebenswelt der Jugendlichen. „Viele bewegen sich, auch wegen der Kälte. Wir sprechen sie offen an und sagen, wer wir sind, wenn wir noch nicht bekannt sind. Viele kommen schon von sich aus auf uns zu. Wir wollen Angebote aufzeigen und Raum für eigene Belange und Wünsche geben“, formuliert der Teamleiter das Vorgehen. 

Unterbinden von Ordnungswidrigkeiten ist nicht ihre Aufgabe – Vertrauensbildung steht im Zentrum

Sabine Hoffstiepel.wird von den Mitarbeitern Levent Taskiran und Benjamin Kirk unterstützt.

Das Entscheidende: Ihre Präsenz im öffentlichen Raum wird nicht in Frage gestellt. Trotzdem appellieren die Streetworker*innen an die Jugendlichen, auch an andere zu denken, wenn die Musik sehr laut ist oder durch laute Gespräche am späten Abend AnwohnerInnen gestört werden. Das ist aber nicht ihre Hauptaufgabe. Denn ihnen geht es um vertrauensbildende Maßnahmen, nicht um eine Unterbindung von Ordnungswidrigkeiten.

„Die Jugendlichen reagieren sehr positiv, wenn man sich auf ihre Bedürfnisse einstellt, kein Ordnungshüter ist und kein Kontrollgremium darstellt, sondern auf Augenhöhe fragt, was sie bewegt“, berichtet Lena Terstegge. Fortlaufend befindet sie sich mit ihren Kolleg*innen in Beziehungsarbeit. Sie versuchen, Probleme frühzeitig zu erkennen und mit Fingerspitzengefühl vorzugehen. 

Selbst wenn Minderjährige etwas für ihre Altersklasse Verbotenes tun, würden sie nicht gleich die Polizei rufen. „Wir dürfen ja die Beziehungen nicht gefährden.“ Das sei Teil der Beziehungsarbeit. „Wenn sie uns kennen, lassen wir sie wissen, was wir davon halten und was das auch für sie in der Zukunft bedeuten würde“, ergänzt Zenses.

Die Skepsis der Jugendlichen legte sich schnell: „Sie sind sehr offen. Wir kommen gut an die Jugendlichen ran. Uns ist noch niemand blöd gekommen“, berichtet Sabine Hoffstiepel. An diesem bitterkalten Freitagabend ist sie mit den erfahrenen Mitarbeitern Levent Taskiran und Benjamin Kirk für die AWO unterwegs.

Mitternachts-Basketball und Tonstudio als Alternativen zum „Abhängen“ auf der Straße

Bezirksbürgermeister Sascha Hillgeris, Hans-Peter Esch (DJK), Cornelius Boensmann (Jugendamt), Dezernentin Daniela Schneckenburger, Jörg Loose (AWO).

Sie wollen die Sorgen, Nöte und Wünsche der Jugendlichen erfahren. Oft suchen diese ein offenes Ohr. Der Kontrolldruck wird kritisiert und auch fehlende Angebote. Da knüpft die AWO an: Drei Jugendliche haben sie zum Jugendtreff im Hafen vermittelt, wo es ein Tonstudio gibt. Hier wollen die Jugendlichen ihre eigenen HipHop-Stücke aufnehmen.

Der „Leader“ der Gruppe ist aus polizeilicher Sicht kein unbeschriebenes Blatt, sondern eher als „Intensivtäter“ bekannt. Die Streetworker versuchen, seine Energie nun in andere Kanäle zu bündeln – in diesem Fall die Musik. 

Ein anderes Ventil ist der Sport. Benni könnte sich vorstellen für die Hörder*innen Mitternachtsbasketball anbieten, um die Jugendlichen von der Straße zu holen. Sportlich kann er den Jugendlichen einiges vermitteln – er hat früher in der Zweiten Basketball -Bundesliga gespielt.

Obwohl ein Sportverband, hätten sie nicht das Ziel, die Jugendliche in Vereine zu führen, verdeutlicht Hans-Peter Esch, Referent beim DJK Diözesanverband Paderborn. Entscheidend sei, den Jugendlichen Raum zu geben, eigene Aktivitäten zu entwickeln, bei denen die Streetworker*innen verlässliche AnsprechpartnerInnen sind. „Sie müssen das Gefühl bekommen, dass sie es selbst schaffen und ein positives Selbstkonzept entwickeln“, so Esch. 

Pädagogischer Zeigefinger hilft in Praxis nicht weiter: nicht Normen setzen, sondern Angebote bereitstellen

Sie dürften nicht Normen setzen. Der pädagogische Zeigefinger hilft da nicht. Wir müssen mit einer bestimmten Offenheit arbeiten und brauchen Räumlichkeiten. Aber es reiche mitunter, diese auch punktuell zu erschließen, zum Beispiel für Sport, Kochen oder Musik. 

„An den Räumlichkeiten wird es nicht scheitern. Doch zunächst muss der Bedarf geklärt sein. Auch Kirchengemeinden bieten Räume an und wir können die Infrastrukturen von Vereinen und Stadt nutzen“, betont Schneckenburger. „Das folgt dem Beziehungsaufbau nach.“ 

In den drei Jahren Projektlaufzeit werde auch auf die Strukturen im Streetwork geschaut. Hörde, Hauptbahnhof und Nordstadt seien Ankerpunkte. „Wir werden eine Gesamtschau entwickeln, die auf Erfahrungen gegründet ist, dann eine gesicherte Basis entwickeln“, so Schneckenburger.

Denn neben den 2,5 Stellen in Hörde gibt es sechs weitere Stellen im Dortmunder Norden. Wie und wo sie sich die Jugendlichen aufhalten und hinbewegen, ist für die Streetwork-Arbeit wichtig zu wissen.

Viel Kritik von jugendlicher Seite am geplanten „Youpoint“ – Liste der Kritikpunkte ist lang

Warum halten sich die Kids auf der Brücke am Bahnhof oder anderen belebten Orten auf? „Sie wollen gesehen werden. Und sie haben viel zu erzählen. Es gibt Redebedarf“, wissen die Streetworker*innen aus den Runden durch Hörde.

Statt in einem Jugendtreff halten sich die Jugendlichen lieber im Parkhaus oder draußen auf.

Dabei hören sie auch viel Kritik am „Youpoint“, den die Bezirksvertretung unter der Brücke am Nordufer des Phoenixsees platziert hat. 

„Das ist vielen Jugendlichen viel zu weit draußen und zu weit weg vom Hörder Zentrum“, bekommen sie zu hören. „Außerdem ist der Weg bisher unbeleuchtet. Das ist am Abend für die Mädchen ein Thema. Außerdem gibt es dort keine Toiletten.“ Die Liste der Kritikpunkte ist lang. 

Dennoch wird das Team auch dort Angebote machen. „Wir haben den Menschen zugesagt, dass wir den Platz nicht aus den Augen verlieren“, macht Schneckenburger klar. Zudem gibt es rund um den See auch bei schlechtem Wetter immer Grüppchen von Jugendlichen, die dort abhängen. „Selbst als es im Dezember Bindfäden geregnet hat, haben wir auf unserer Runde um den See 25 bis 30 Jugendliche angetroffen“, berichtet Sabine Hoffstiepel. 

Weiterer Jugendtreff für Hörde nicht Ziel der Arbeit – Jugendliche wollen nicht immer unter Kontrolle stehen

Die StreetworkerInnen bekommen die Wünsche der Jugendlichen zu hören.

Das Interessante: Viele von diesen Jugendlichen wohnen nicht in Hörde. Doch neben der City und der Nordstadt sei Hörde offenbar ein wichtiger Knotenpunkt für junge Leute nicht nur aus der südlichen Stadt. „Selbst aus Scharnhorst kämen regelmäßig Jugendliche zu informellen Treffpunkten.

Dabei gehe es explizit nicht darum, einen weitere Jugendtreff einzurichten. „Diese Jugendlichen wollen ja nicht immer unter Sozialkontrolle sein. Unsere Einrichtungen sind ja nicht unbekannt. Sie wollen sehen und gesehen werden“, verdeutlicht Cornelius Boensmann, Projektleiter für die „Rampe II“ im Jugendamt. „Und das außerhalb der Kontrolle – ein Leben ohne Aufsicht. Es fehlt ja nicht an guten Jugendfreizeitstätten oder deren Bekanntheit“, ergänzt Schneckenburger.

Die Hörder Jugendlichen treffen sich vor allem im Bahnhofsviertel. Daher wäre es auch wichtig, dort ein zentrales Ladenlokal im Hörder Zentrum zu finden, in dem Angebote gemacht werden können. „Aber eben kein klassischer Jugendtreff“ – dann wäre es nicht möglich, eine Kiste Bier mitzubringen. Die gehört zum Abhängen auf der Brücke einfach dazu. Im Zentrum gibt es deutlich mehr Probleme als am See: „Dort sind auch noch in den Abendstunden Familien mit Kindern. Da sind die Jugendlichen eher gehemmt“, wissen die Streetworker.

Kritik an unverhältnismäßigem Druck durch Ordnungspartner: Jugendliche fühlen sich ungerecht behandelt

Im Zentrum wollen sich die Jugendlichen „ihren Platz aneignen“. Das Problem: Egal, wo sie seien, würden sie von Polizei oder Ordnungsamt weggeschickt. Die Jugendlichen fühlen sich dabei zu Unrecht besonders großem Repressionsdruck ausgesetzt.

„Während ein Alki (Alkoholiker) in seiner Kotze in der C&A-Passage liegen gelassen wird, umstellen sechs Ordnungskräfte einen 16-Jährigen, weil er raucht. Das ist doch unverhältnismäßig“, beklagt sich einer der Jugendlichen. „Die machen Unterschiede zwischen uns und den Erwachsenen. Uns Kids machen sie besonders viel Druck.“

Daher hoffen viele Jugendliche, dass es bald mit dem Ladenlokal klappt. „Wir brauchen einen Spielplatz für junge Erwachsene“, erklärt einer der Jugendlichen lachend, als das AWO-Trio seine Runde über die Brücke dreht. Sie wünschen sich einen Treffpunkt, wo sie nicht behelligt werden und ein billiges Bierchen mitbringen können. 

Denn ein Getränk für 3,50 Euro in der Gastronomie am See können und wollen sie sich leisten. „Ein Ort wie das Rattenloch in Schwerte wäre spitze“, bekommen sie zu hören. Das ist ein selbstverwaltetes Zentrum, wo seit nunmehr 30 Jahren Konzerte, Lesungen, Partys und Theater stattfinden. Punks und Rockfans sind dort willkommen. 

Ziel bleibt es, einen wärmeren Raum für Rückzugsmöglichkeiten in Hörde anbieten zu können

Wie das Hörder Angebot aussehen könnte, wird sich wohl in den nächsten Monaten zeigen. „Wir hoffen, dass wir relativ bald eine Anlaufstelle bekommen – einen wärmeren Raum für Rückzugsmöglichkeiten“, so Cornelius Boensmann. Trotz Regen, Schnee oder Kälte sind Jugendliche draußen anzutreffen; es ist kein Sommerphänomen. Daher eine ganzjähriges Angebot sehr wichtig. Und deshalb werden die Streetworker*innen weiter draußen zu finden sein – bei jedem Wetter.

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