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Kronen-Turm als Standort fürs historische Gedächtnis der Stadt? – Machbarkeitsstudie befindet sich auf der Zielgeraden

Kronen-Turm und Wenker-Bereich (l.): die Stadt Dortmund plant eine Radikalverjüngung. Fotos: Alexander Völkel

Kronen-Turm und Wenker-Bereich (l.): die Stadt Dortmund plant eine Radikalverjüngung, vor allem zugunsten des Stadtarchivs. Ob’s und wie es machbar ist, soll in Kürze eine Studie darlegen. Archivfoto (6): Alexander Völkel

Es ist ein großes städtebauliches Projekt und ein markantes Gebäude. Das Stadtarchiv soll in den ehemaligen Brauerei-Turm in der südlichen Innenstadt ziehen. Doch am Turm tut sich zumindest äußerlich nichts. Im November 2018 wurde die Idee vorgestellt und bis Ende 2019 sollte eigentlich die vom Rat beauftragte Machbarkeitsstudie vorliegen. Daraus wurde zunächst nichts. Doch jetzt gibt es scheinbar Licht am Ende des Tunnels: ab Mai gehen die Untersuchungsergebnisse in die politischen Gremien und abschließend in den Stadtrat, so der Plan.

Ein Raum, der von interessierter Seite händeringend gesucht wird: vom Dortmunder Stadtarchiv

Gegenwärtig fällt der Dortmunder Kronen-Turm sinnfällig unter die Kategorie Lost Places. Ragt verwaist und unwirtlich auf dem ehemaligen Gelände der Traditionsbrauerei am Rande der südlichen Innenstadt in den Himmel. Von 1729 bis 1996 in Familienbesitz, lag hier einst das Aktionszentrum der ältesten und zugleich größten Privatbrauerei Deutschlands, die damals den Ruf Dortmunds als „die Bierstadt“ maßgeblich mitprägte.

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Lang ist’s her: unter Beibehaltung der Markennamen wurde das Unternehmen vor gut 20 Jahren – zusammen mit den vier bzw. neun Jahren zuvor akquirierten Stifts- und Thier-Brauereien – an die Dortmunder Actien-Brauerei (DAB) verkauft, die ihrerseits 2002 von der Frankfurter Radeberger Gruppe geschluckt und damit Teil des Oetker-Imperiums wurde. Und das Bier wird natürlich woanders gebraut.

Passend zum derzeitigen Leerstand des Objekts: das kommunale Stadtarchiv sucht händeringend zureichende Räumlichkeiten, um den eigenen Bestand zentral zu sichern und seinem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Es geht immerhin einerseits um das verschriftlichte, bebilderte oder sonst wie repräsentierte kulturelle Erbe Dortmunds, andererseits darum, diese Stadtgeschichte der Bevölkerung zu vermitteln.

Bestände des Stadtarchivs sind gegenwärtig noch auf verschiedene Standorte verteilt

Auf drei Standorte verteilt sich das Stadtarchiv gegenwärtig. Während sich jeweils Magazinflächen in den beiden angemieteten Gebäuden – dem kleineren an der Löwenstraße und der Zentrale des Stadtarchivs mit Lesesaal und Büros an der Märkischen Straße – befinden, sind Restaurierungswerkstatt, Zwischenarchiv und weitere Archivalien wie Karten und Pläne im stadteigenen Gebäude an der Küpferstraße untergebracht.

Die Nachteile dieser unbefriedigenden Situation liegen auf der Hand: eine dergestaltige Unterbringung von Archivalien ist personalintensiv, unwirtschaftlich und wegen der logistisch erforderlichen Transporte unter Inkaufnahme von Witterung und anderen Unwägsamkeiten risikobehaftet. Hinzukommt, dass sich die verfügbaren Lagerkapazitäten an den erwähnten Standorten faktisch auf ihre Stauraumgrenzen zubewegen.

Diese Lage gilt eher als „Provisorium“, keinesfalls als dauerhafter Zustand, Abhilfe tut Not. Aus diesem Grund war die Stadtverwaltung seitens des Stadtrates zunächst damit beauftragt worden, Möglichkeiten zu eruieren, die vorhandenen Bestände an einem zentralen Standort im Innenstadtbereich zusammenzuführen. Nur wo?

Ergebnisse der Machbarkeitsstudie sollen im Mai in die politischen Gremien eingebracht werden

Und hier kommt der Kronen-Turm wieder ins Spiel. Mit ihm könnten gleichsam zwei missliche Lagen zu einer guten Lösung vereint werden, indem das Stadtarchiv insgesamt an Ort und Stelle einzieht. Ob das überhaupt funktioniert, soll eine Machbarkeitsstudie zeigen, die bereits Ende letzten Jahres hätte vorliegen müssen. Doch ihre Erstellung hat sich in die Länge gezogen. Jetzt ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

„Die verschiedenen Bausteine der Machbarkeitsstudie liegen inzwischen vor und werden von der Verwaltung einer abschließenden Bewertung unterzogen. Im Mai soll das Ergebnis in die politischen Gremien bzw. in den Rat eingebracht werden“, teilte Stadtsprecherin Katrin Pinetzki auf Nachfrage der Nordstadtblogger mit.

Mit der Studie sollen verschiedene, qualitative Optionen (Arten der Nutzung, Umfeldgestaltung, Modernisierungstypen usf.) aus einer Stadtentwicklungsperspektive beschrieben werden. Die seinerzeit für die Untersuchung veranschlagten Kosten beliefen auf etwa 200.000 Euro. Gründlichkeit hat halt ihren Preis.

Stadtentwicklung muss neuen Anforderungen an Infrastruktur durch steigende Einwohnerzahlen genügen

Mit der eingenommen Stadtentwicklungsperspektive und durch die Vorentscheidung für das ehemalige Gelände der Kronen-Brauerei transzendiert die Kommune freilich den begrenzten, durch die als Ad-hoc-Bedürfnislage der Dortmunder Archivar*innen angezeigten Handlungshorizont und bringt strategische Kriterien in das Planvorhaben mit ein.

Dieses Motiv war insofern schon bei der konkreten Objektwahl relevant, als die vorhandenen Baubestände des vormaligen Kronen-Areals die Größe der vom Stadtarchiv augenblicklich benötigten Nutzflächen um gut 50 Prozent übersteigen werden.

Gegenüber ungefähr 11.000 Quadratmetern, die jetzt an den drei Standorten des Stadtarchivs benötigt würden, stünden auf dem alten Kronen-Gelände brutto an die 17.000 Quadratmeter zur Verfügung, hatte Dr. Stefan Mühlhofer, Leiter des Stadtarchivs und Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe Dortmund, bei einer Besichtigung des Objekts bereits im November 2018 vorgerechnet.

Mit anderen Worten: die zunächst frei bleibenden Kapazitäten in den ehemaligen Kronen-Immobilien könnten anderweitig, beispielsweise zur Bürovermietung genutzt werden. Die spezifische Belegungsweise aber zeitigt definitiv korrelierende Auswirkungen auf das soziale Umfeld am Standort; ebenso, wie die Dauer von Fremdnutzungen eine Rolle spielen dürfte, aber nicht eindeutig bestimmbar ist. Alles Faktoren, die in der Machbarkeitsstudie zu bedenken sind.

Vergleich der Projektkosten mit denen für alternative Handlungsoptionen

Zumal Richtung wie Ausmaß zukünftiger Veränderungen beim mittel- bis langfristigen Flächenbedarf eines vereinten Dortmunder Stadtarchivs nicht wirklich klar sind: Einerseits ist hier von etwa 16.000 Quadratmetern die Rede, andererseits figurieren solche Werte ersichtlich relativ zu Entscheidungen darüber, welche und wie viele der vorhandenen materiellen Archivbestände durch Digitalisierung verkleinert werden können oder sollen.

Stefan Mühlofer und Thomas Ellerkamp

Dr. Stefan Mühlofer (l.) und Thomas Ellerkamp im November 2018 bei Vorstellung der ambitionierten Pläne für einen Umzug des Stadtarchivs in den Kronen-Turm.

Zum Baubestand auf dem Gelände unweit der B1 gehört neben dem 62 Meter hohen Kronen-Turm zudem der Richtung stadtauswärts hinter ihm, entlang der Markischen Straße gelegene sogenannte Wenker-Bereich. Geplant ist eine städtische Übernahme des Grundstücks bzw. des darauf befindlichen Immobilienbestands im Einvernehmen mit dem Eigentümer. Das Resultat der Zielverhandlungen wird Aufschluss über die Höhe der Aufwendungen für eine Übernahme des Grundstücks rund um die vormalige Kronen-Brauerei geben.

Dann soll verglichen werden: die Gesamtkosten bei Realisierung des Projekts in der jetzt angestrebten Form gegenüber einer weiteren Mietlösung und der Option „grüne Wiese“, das heißt: Kosten für den Neubau eines Archivs mit Büroflächen, Vortragsräumen und Präsenzbeständen. Nach Schätzungen der Stadt müsste der Kämmerer in diesem Fall ca. 30 Millionen Euro locker machen.

Wenn die vergleichbaren Zahlen mit Veröffentlichung der Studie vorliegen, wird der Stadtrat das letzte Wort haben. Geschätzt, könnte das Projekt 2023 abgeschlossen werden, hieß es ursprünglich. Natürlich müsse das Vorhaben wirtschaftlich darstellbar sein, hatte Thomas Ellerkamp, Leiter des Fachbereichs Liegenschaften der Stadt Dortmund, seinerzeit gesagt. Und war optimistisch: Die Stadt ginge gegenwärtig nicht davon aus, dass die Kosten jene überstiegen, die woanders auf einer grünen Wiese entstünden, da beim präferierten Vorhaben eigentlich nur ein gründlicher Innenausbau der angeschlagenen Gebäude zur Debatte stünde.

 

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