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Keine Lappalie: Interaktive Ausstellung „Echt Krass“ über Formen und Folgen von sexueller/sexualisierter Gewalt

An vier Stationen klärt die Ausstellung die Schüler*innen über das Thema sexuelle/sexualisierte Gewalt auf. Ein Fokus liegt auf der Sensibilierung der jungen Menschen für Übergrifflichkeiten im Netz. Fotos: PETZE-Institut

von Angelika Steger

Der Raum wirkt ungewöhnlich. Dort, wo eigentlich ein Klassenzimmer sein soll, stehen vier ‚Kabinen‘, bunt angemalt, beschriftet. An einer Kabinenwand sind Kopfhörer mit Kabel, an einem anderen Gucklöcher. Aus einer Kabine ist eine Stimme zu hören, leicht unheimlich. Die vier Kabinen sind vier Stationen, die aufzeigen sollen, wo und wie sexuelle/sexualisierte Gewalt stattfindet. An ihnen will die Ausstellung „Echt Krass“ des Petze e.V./Kiel auf sexuelle/sexualisierte Gewalt und deren furchtbare Folgen aufmerksam machen. Sie ist bis zum 5. März 2020 im Heinrich-Schmitz-Bildungszentrum in der Langen Straße 43 zu sehen. Der Eintritt ist kostenfrei.

Durch die neuen Medien haben sich den Täter*innen neue Möglichkeiten eröffnet

Die Ausstellung richtet sich an Jugendliche ab der achten Klasse. Der Eintritt ist frei. Foto: PETZE-Institut

Es sei viel Arbeit gewesen und sie sei allen dankbar, die zum Gelingen beigetragen hätten, sagt Verena Fernandes dos Santos von der Koordinierungsstelle „Hilfen bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“. Die Ausstellung ist für Jugendliche ab etwa der achten Klasse konzipiert.

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In NRW gibt es keine Verharmlosung, weil vieles aus der Tabuzone herausgetreten ist. Die Notwendigkeit, über sexuelle/sexualisierte Gewalt aufzuklären, sei erkannt worden. „NRW erlebt keine Verharmlosung. „Echt Krass“ ist neben dem Theaterstück „Mein Körper gehört mir“ ein Pilotprojekt von der Theaterwerkstatt Osnabrück.

An vielen Grundschulen ist dieses Theaterstück schon gezeigt worden. Und aufgrund moderner Medien würden die Vorgehensweisen von Täter*innen, die  junge Menschen sexuell zu belästigen oder gar zu missbrauchen und ihnen Gewalt anzutun versuchen, immer perfider, da sind sich alle Austellungsmacher*innen einig.

Sexuelle Gewalt geht selten von fremden Personen aus – und andere Mythen

Victim Blaming: Oftmals haben die Opfer mit massiven Schuldgefühlen zu kämpfen oder diese werden ihnen suggeriert. Foto: Angelika Steger

Wie sieht nun sexuelle/sexualisierte Gewalt aus? Ist es immer der böse Unbekannte, der vergewaltigt oder beleidigt? Können nur Frauen vergewaltigt werden und sind Jungs triebgesteuert? Viele Mythen und Vorurteile existieren über das menschliche Zusammenleben.

Die Realität ist komplizierter: hinter scheinbar flapsigen Bemerkungen „die ist selber schuld, die hat einen kurzen Rock getragen“ oder „Mädchen sagen immer nein und meinen ja“, „Mädchen, die viel Sex haben, sind Schlampen“, steckt starke Verachtung für Frauen oder bei gegen Männer gerichteten Vorurteilen eben gegen diese. „Victimg Blaming“ bezeichnet die Verhöhnung der Opfer, denen die Schuld z. b. an einer Vergewaltigung zugesprochen wird.

Es soll klar gemacht werden, dass Täter*innen sich nicht sicher fühlen können und dürfen. Jugendliche müssen frühzeitig geschützt werden und therapeutische Hilfe angeboten bekommen. Denn Grenzverletzungen in Sachen Sexualität sind Teil des Alltags, verbal, körperlich.

Sex sells: Wie die alltägliche mediale Pornografie das Frauenbild beeinflusst?

Im Netz sind pornografische Inhalte einfach zugänglich. Foto: Angelika Steger

Durch das mediale Angebot existiert eine entgrenzte Wahrnehmung, über die Eltern keinen Überblick haben. Es ist normal geworden und auch einfach, sich selbst als Jugendliche*r Pornofilme zu besorgen.

„Echt Krass“ spricht kein Verbot der Pornos aus, will aber für eine Reflexion sorgen: Was passiert hier wirklich? Meist geht es nur um die Befriedigung der männlichen Sexualität, Frauen sind in der unterdrückten und benachteiligten Position.

Mit den fünf präventiven Interventionsparcours sollen die Jugendlichen kognitiv und emotional erreicht werden. Außerdem führe der Austausch über die Ausstellung „Echt Krass“ zu einem schärferen Blick für sexualisierte Gewalt im Alltag.

Schüler*innen sollen Blick für sexuelle/sexualisierte Gewalt bekommen und damit umgehen lernen

Welche Grenzen dürfen nicht überschritten werden? Foto: Angelika Steger

Für Schuldezernentin Daniela Schneckenburger ist die Ausstellung ein wichtiger Teil in der langen Geschichte der Präventionsarbeit von öffentlichen und freien Trägern in Dortmund.

„Schon mit dem Theaterstück „Mein Körper gehört mir“ wurden Grundschüler*innen angesprochen, jetzt gibt es die Ausstellung „Echt Krass“ für die Jugendlichen. „Verschiedene Zielgruppen sollen erreicht werden, auch an die Eltern und Lehrer*innen ist diese Ausstellung adressiert“, betont Schneckenburger.

Es stelle sich immer wieder die Frage, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen. In den letzten zwei Jahren sei die Gesellschaft wach gerüttelt worden. „Denn wenn es nicht genug Aufmerksamkeit gibt, ist das Problem sexuelle Gewalt nicht sichtbar.“

Schüler*innen müssten Schutzkonzepte entwickeln, denn „die Schule ist ein Lebensraum, in dem viel passiert und Kontakte zu Gleichaltrigen erfolgen.“ Lehrer*innen müssten sich zwingend mit diesen Fragen sexueller/sexualisierter Gewalt befassen, auch wenn dies nicht Teil ihrer Ausbildung gewesen ist, macht die Schuldezernentin klar.

Angesprochen sind vor allem Jugendliche: Besuch vorher anmelden

Die Ausstellung ist interaktiv und bindet die Schüler*innen aktiv mit ein. Foto: Angelika Steger

Die Ausstellung will soziale Kompetenz uns Sensibilisierung bei den Jugendlichen bewirken. Die wichtige Botschaft lautet: Du bist nicht allein! So werden nicht nur die Erscheinungsformen, sondern auch Handlungsalternativen und Auswege aus der sexuellen/sexualisierten Gewalt aufgezeigt.

Die jungen Besucher*innen werden von geschulten Lehrkräften und Schulsozialarbeiter*innen begleitet, denn es sei nie ausgeschlossen, dass jemand durch die Ausstellung getriggert werde, bemerkt Verena Fernades dos Santos.

Sie ist die Ansprechpartnerin für die Ausstellung und Leiterin der Koordinierungsstelle Hilfen bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Jugendamt der Stadt Dortmund. Ab der achten Klasse können sich Schüler*innen anmelden, 650 stehen schon als Ausstellungsbesucher*innen fest. Der Besuch ist nur über eine Voranmeldung möglich und ist kostenlos. Zur Ausstellung wurde ein kurzer Informationsfilm gedreht, der im Anhang des Artikels verlinkt ist.

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Weitere Informationen:

  • Rund 650 Schüler*innen haben sich bisher angemeldet. Interessierte Schulklassen melden sich vorher per Email bei der Koordinierungsstelle „Hilfen bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ im Jugendamt unter vfernandesdossantos@stadtdo.de. Bei Bedarf gibt es über PETZE e.V. begleitende Materialien zur Nachbereitung im Unterricht unter 
  • Zum Film geht’s hier.

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