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Integration: Kennenlernen geht durch den Magen – Ein Abend mit Reibeplätzchen und arabischem Hühnchen in Dortmund

Gemeinsam wird gekocht und redet - Integration geht halt durch den Magen. Fotos: Alex Völkel

Gemeinsam wird gekocht und geredet – Integration geht nicht nur in Kirchderne durch den Magen. Fotos: Alex Völkel

Von Susanne Schulte

Was auf die Teller kommt, erfahren die Gäste des Kochtreffens in Dortmund immer erst am selben Abend. Sicher ist nur: Vorspeise und Nachtisch sind in traditionellen deutschen Kochbüchern zu finden, das Hauptgericht stammt aus der arabischen Küche. So reibt Ulrich Kirchhoff die rohen Kartoffeln für die Reibeplätzchen, während in der Küche im Bonifatius-Gemeindehaus syrische Frauen die Hähnchenbollen garen und den Reis vorbereiten. Seit zwei Jahren hält man es so. Alle lernen dabei: Die Frauen und Männer, die aus Syrien, Irak und anderen Ländern geflüchtet sind, werden gewandter in der deutschen Sprache, die Kirchhoffs und ihre MitstreiterInnen schmecken, was man in arabischen Ländern gerne isst. „Dass man ganze Salate aus Petersilie machen kann“, war für Irmgard Kirchhoff ungewohnt, aber es schmeckte ihr.

Praktische Hilfe am Herd und für die Behördengänge – Zwei Ehepaare sind besonders aktiv

In der Küche des Bonifatius-Gemeindehauses in Kirchderne kommt man sich näher.

In der Küche des Bonifatius-Gemeindehauses in Kirchderne kommt man sich näher.

Das Ehepaar Kirchhoff kümmert sich mit anderen Aktiven aus der katholischen Gemeinde, wie dem Ehepaar Gisela und Rolf Wedekin, von Anfang an um die Familien und Einzelpersonen, die in den Flüchtlingsunterkünften in Derne und Kirchderne lebten. Die beiden Frauen luden zum Deutschunterricht ein. Sie können das. Beide arbeiteten jahrzehntelang als Lehrerinnen.

Sie und ihre Männer halfen, wenn notwendige Dinge besorgt und transportiert werden mussten, organisierten später die Umzüge aus den Heimen in Wohnungen, halfen und helfen heute immer noch bei Behördengängen und dem Ausfüllen von Formularen. „Haben Sie schon mal Kindergeld beantragt?“, fragt Gisela Wedekin, während sie Weintrauben für den Nachtisch schneidet. „Das können Sie auch mit Studium nicht einfach so.“

In der Küche des Bonifatius-Gemeindehauses in Kirchderne kommt man sich näher. Das liegt nicht nur an der Größe des Raumes: Wer zusammen Salat schnibbelt, ein Auge auf den Kochtopf hat und das Essen abschmeckt, redet auch ungezwungener über dies und das, und redet auch ungezwungener Deutsch.

Zu jedem Treffen kommen andere Gäste – „Wer essen will, muss auch mithelfen“

Wer essen will, muss auch mithelfen.

Wer hat einen Job, wer eine neue Wohnung, wer Familienzuwachs?

Die Idee zu diesen Kochabenden hatten die Kirchhoffs. Da viele der einst in den Heimen untergebrachten Menschen nun in Wohnungen quer über Dortmund verteilt leben, dient der Abend auch dem Wiedersehen, dem Quatschen und dem Austausch von Neuigkeiten. Wer hat einen Job, wer eine neue Wohnung, wer Familienzuwachs? Jeder und jede lädt Gäste ein.

Der ausgebildete Elektriker aus Syrien trainiert Hobby-VolleyballerInnen, die die Einladung gerne angenommen haben und sich später den bunten Reis mit Mandeln genauso schmecken lassen wie die Anwältin, die von ihrem Mandanten mitgebracht wurde. Und alle müssen mithelfen. „Wer essen will, muss auch mithelfen“, sagt Irmgard Kirchhoff bestimmt, aber mit einem Augenzwinkern.

Denn heute Abend sind so viele da, dass man die Arbeit suchen muss. Ausnahmsweise dominieren die Frauen in der Küche. Der zum Chefkoch avancierte Mann ist nicht da. Er büffelt Deutsch in einem Sprachkurs. In zwei Pfannen auf einem mobilen Kochfeld brutzeln die Reibeplätzchen, von der geschälten Kartoffel bis zum exakt auf den Punkt gewürzten Teig von Ulrich Kirchhoff vorbereitet.

Früchtequark mit albanischem Honig – und die Geschichte dazu

Wer essen will, muss auch mithelfen.

Wer essen will, muss auch mithelfen.

„Das ist albanischer Honig“, weist er auf das Glas hin, dessen Inhalt für den Nachtisch, den Früchtequark, bestimmt ist. Und erzählt von der Reise in das Land eines Mannes, der einst auch in einem Flüchtlingsheim untergebracht war. „Die Albaner werden hier nicht als Flüchtlinge anerkannt. Er musste wieder zurück und hat uns eingeladen.“

Vor ein paar Monaten flog Ulrich Kirchhoff mit seiner Frau zum Besuch nach Albanien. „Der Vater unseres Bekannten hat 80 Bienenvölker auf dem Dach seines Hauses und hat uns eine Wabe mitgegeben.“ Der Honig süßt den Quark und die Erinnerung.

Die Reibeplätzchen kommen sehr gut an in der großen Runde von fast 30 Erwachsenen und Kindern. Alle sitzen an zwei langen Tischen, stilvoll gedeckt mit Tellern, Servietten, Gläsern und Besteck. Doch dann kommen die Hähnchenschenkel und der bunte Reis. Ohs und Ahs sind von allen Seiten zu hören. Bis man den ersten Bissen im Mund hat.

Für den echten Geschmack musste ein Gewürz in München bestellt werden

Dann sagt niemand mehr etwas – für einen Moment. Alle genießen. Eines der Gewürze sei extra in München bestellt worden, hört man vom anderen Ende des Tischs. In Dortmund gebe es das nicht. Knapp ist das Essen nicht. Alle können einen üppigen Nachschlag bekommen und nehmen den gerne. Nach dem Essen wird aufgeräumt und gespült.

Das ist noch einmal viel Arbeit, die nicht so viel Spaß macht wie das Kochen und Schnibbeln. Und dann rechnet Irmgard Kirchhoff ab. 1000 Euro bekommt sie im Jahr vom Bistum Paderborn für die zwölf Kochabende. Jeden Beleg muss sie einreichen.

Gäste sind an diesen Abenden stets willkommen. Das nächste Treffen ist am Freitag, 23. November, um 16 Uhr im Gemeindehaus St. Bonifatius an der Derner Straße 393.

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