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Integration als Lebensmotto: Nahid Farshi vom politischen Flüchtling zur „Botschafterin für Demokratie und Toleranz“

Die gebürtige Iranerin Nahid Farshi im Gespräch mit nordstadtblogger.de. Fotos (2): Gabriel Bünte

Nahid Farshi ist vor Jahren selbst als Geflüchtete aus Iran nach Deutschland gekommen.  Für ihr Engagement als Mitgründerin und Vorsitzende von „Projekt Ankommen e.V“ in Dortmund  wurde sie im Mai 2018 von der Bundeszentrale für politische Bildung als „Botschafterin für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet. Die Fachfrau zum Thema Netzwerken ist heute Gesamtkoordinatorin von „Lokal Willkommen“. Nordstadtblogger Ole Corneliussen hat sie für ein Porträt in ihrer aktuellen Wirkstätte besucht.

Die Themen Migration und Integration bestimmen ihr Leben

Die heute 54-jährige Iranerin hatte schon in ihrer Kindheit in Teheran, der Hauptstadt ihres Heimatlandes Iran, viel Kontakt zu Geflüchteten: „Es waren viele Menschen aus Afghanistan da, und meine Eltern haben sich sehr für sie eingesetzt.“

Nach der islamischen Revolution von 1979 musste sie selbst ihr Land verlassen. „Ich war mit der islamischen Regierung nicht einverstanden. Sie haben meine Wohnung gestürmt. Ich konnte nicht zu meinen Verwandten, musste untertauchen, und es hat drei Monate gedauert, bis ich das Land verlassen konnte. Da hatte ich wirklich Todesangst. Dann bin ich schwanger nach Deutschland gekommen und war auf einmal selber Flüchtling.“

In Deutschland dauerte es nicht lange, bis sie wieder in der Rolle der Helferin war. „Nach vier, fünf Monaten habe ich angefangen, Geflüchtete zu Behörden zu begleiten, übersetzt und Arbeit oder Weiterbildungen vermittelt.“

„Projekt Ankommen e.V.“ hilft Geflüchteten in Deutschland anzukommen

Nahid Farshi gehört zu den engagiertesten NetzwerkerInnen der Flüchtlingshilfe in Dortmund. Foto: Stephan Schuetze/VKK

Nachdem die ehemals freiberufliche Diplom-Informatikerin ein Projekt 2014 beendet hatte, wollte sie sich erstmal eine Auszeit nehmen. Doch dann kamen viele MigrantInnen nach Deutschland und sie widmete ihre Zeit ganz für die Flüchtlingsarbeit.

„Wir waren am Anfang nur zehn Personen. Ab Januar 2015 haben wir die Flüchtenden in eigenen Wohnungen untergebracht, Möbel organisiert, Arbeitsmöglichkeiten gefunden und für die Kinder der Familien einen Schul- bzw. Kindergartenplatz vermittelt.“

„Im April haben wir dann einen Verein gegründet, um Spenden entgegen nehmen zu können. Ich habe angefangen, mich mit Strukturen zu beschäftigen.“ Dabei sind sieben Säulen entstanden: Sport, Arbeit und Weiterbildung, Deutschkurse, Umzugshilfe, Patenschaft-Vermittlung, Veranstaltungen und Gesundheit. Zeitweise haben sich mehr als 700 DortmunderInnen in dem Projekt engagiert, dessen Vorsitz sie von der Gründung bis vor einigen Monaten inne hatte. Aktuell ist sie „nur noch“ Beisitzerin im Vorstand des von ihr mitinitiierten Vereins.

Das Pilotprojekt „Lokal Willkommen“ ist mittlerweile in Regelarbeit übergegangen

Die erste Einrichtung von „lokal willkommen“ befindet sich am Brackeler Hellweg 146. Archivbild: Alex Völkel

Seit September 2016 arbeitet sie hauptamtlich für das Projekt „Lokal Willkommen“, um die Integration von Flüchtlingen in den Stadtbezirken voranzubringen.

Das Programm ist angelehnt an das Konzept der Seniorenbüros und dem Sozialamt zugeordnet. Dabei kooperiert die Stadt mit verschiedenen Trägern und Verbänden in den Stadtbezirken.

„Das läuft wunderbar. Wir sind inzwischen vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb übergegangen.“ Nach dem ersten Pilot-Büro für Brackel und Aplerbeck sind auch die Anlaufstellen für  Mengede und Huckarde sowie für Hörde und Hombruch in Betrieb gegangen. „Als nächstes wollen wir auch in die Innenstädte, sodass alle Bezirke abgedeckt sind“, betont Farshi

„Es war schon sehr, sehr anstrengend. Ich hatte nie Zeit für was Privates.“

Das macht die Stadt nicht alleine, sondern immer mit Trägern aus der Wohlfahrtspflege: „Wir haben die Diakonie mit an Bord, die Awo, Caritas, und bald auch das Deutsche Rote Kreuz“, erklärt sie.

Ihre Aufgabe Bein „Lokal Willkommen“ ist die Gesamtkoordination – vor allem für die fachlichen Themen: „Wenn zwischen zwei Ämtern etwas nicht funktioniert, kann ich die an einen Tisch bringen, und Verbesserungen herbeiführen.“

Deshalb möchte sie auch „ein Gremium schaffen, in dem Ehrenamtliche und Hauptamtliche zusammenkommen, um häufige auftauchende Problematiken zu besprechen und Prozesse zu ändern.“

Noch immer bleibt viel für sie zu tun. Ihr hoher Einsatz in der Integrationsarbeit hat zwischenzeitlich viel Kraft gekostet. „Es war schon sehr, sehr anstrengend. Ich hatte nie Zeit für was Privates.“ Aber mittlerweile hat Nahid auch wieder Zeit für persönliche Interessen: „Jetzt habe ich zwei, drei Abende in der Woche für mich allein, an denen ich Musik machen oder Malen kann.“ Die eigentlich geplante Auszeit vor vier Jahren konnte sie inzwischen auch nachholen. „Ich habe sogar Zeit für eine Reise nach Indien gehabt, einen ganzen Monat lang.“

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