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Initiative „VerA“ will Ausbildungsabbrüche früh verhindern – Senior-ExpertInnen sollen durch ihre Erfahrung helfen

Nicht nur der Übergang, sondern die Ausbildung selbst stellt eine große Herausforderung dar. Foto: Arbeitsagentur

Viele junge Menschen finden keinen Ausbildungsplatz. Oder sie schmeißen später, weil es Probleme gibt: im Betrieb, in der Berufsschule. Und landen vielleicht im Nirwana. – Dies zu verhindern, dafür engagiert sich eine Reihe gesellschaftlicher Akteure. Denn es mangelt an Fachkräften. „VerA“ – eine Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen ist hier mit einer einzigartigen Konzeption seit nunmehr einem Jahrzehnt aktiv. Auch der DGB unterstützt deren Bemühungen, mit erfahrenen AusbildungsbegleiterInnen Jugendlichen persönlich beizustehen.

Jugendliche vor Einschnitt in ihrem Leben: Ausbildungsplatz finden, Ausbildung beenden

Ausbildungsstellen: Es muss nicht nur anfangs, sondern während der gesamten Ausbildung passen.

Das Ausbildungsjahr nähert sich dem Ende, ein neues steht vor der Tür. Viele junge Menschen suchen noch einen Ausbildungsplatz – 1.400 sind es augenblicklich in Dortmund. Zugleich gibt es freie Stellen zuhauf – und offenbar ein Matching-Problem: Wie zueinander finden?

Die Antwort ist für die Jugendlichen wichtig, die eine Stelle suchen, und für die Betriebe, denen es an Fachkräften für die Zukunft fehlt. Von gesamtgesellschaftlichen Interessen ganz zu schweigen. Aber das ist nur ein Problem unter mehreren.

Wer nämlich glücklicherweise eine Ausbildungsstelle gefunden hat, könnte nach kurzer Zeit oder jedenfalls irgendwann feststellen, dass nicht alles als Gold rüberkommt, was dort glänzte, als der Vertrag unterschrieben wurde. Weil es irgendwo während der dualen Ausbildung hakt: in der Berufsschule, im Betrieb oder, weil sowieso alles „doof“ ist.

Ein Viertel an Abbrüchen bei Ausbildungen – Weg ohne Umkehr für die Hälfte

Dass der Konjunktiv in der Umschreibung „könnte feststellen“ nicht nur Spekulation ist, sondern dem Vorgang ein manifester Umstand zugrunde liegt, belegt eine einfache Zahl: jeder vierte Auszubildende bricht in der Bundesrepublik gegenwärtig eine Lehre vorzeitig ab. Und: Von den AbbrecherInnen findet nur etwa die Hälfte einen neuen Ausbildungsberuf bzw. -betrieb.

Um die angedeuteten Probleme in den Griff zu bekommen, gab es irgendwann auf Bundesebene die Idee eines „Ausbildungspakts“. Der hat viele Aspekte und ist politisch auch nicht unumstritten. Aber das tut hier nichts zur Sache. Wichtig ist: Unter anderem – Stichwort: Fachkräftemangel – sollen Ausbildungsabbrüche vermieden oder Umorientierungshilfen dort angeboten werden, wo ein junger Mensch merkt, dass er/sie sich in der Berufswahl vertan hat.

Initiativen und Projekte zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen gibt es von verschiedener Seite: Das Arbeitsamt Dortmund etwa bietet Ausbildungsbegleitende Hilfen an oder – mit eher persönlicher Begleitung – eine direkte Assistenz bei der Ausbildung. Letzteres bedeutet in einem stärkerem Umfang Einzelfallbetreuung. Wo es vielleicht nicht anders geht?

Senior Experten Service: berufserfahrene ExpertInnen engagieren sich für junge Menschen

Angela Hövelmann von „VerA“ (l.) mit Jutta Reiter (DGB)

Nein, das stärker Persönliche kann auch Paradigma sein: Die individuell zugeschnittene Begleitung von jungen Menschen bei Problemen in der Ausbildung, um deren Abbruch zu verhindern oder, wo nötig, Reorientierung zu fördern, ist die exklusive Handlungsstrategie von – „VerA“.

Seit einem Jahrzehnt engagiert sich die bundesweite Initiative als Akteur zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen. Aufgelegt wurde sie 2008 vom Senior Experten Service (SES) der Deutschen Wirtschaft. Hierbei handelt es sich um eine Stiftung des BDI (Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände), dem DIHK (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) und dem ZHD (Zentralverband des Deutschen Handwerks).

Weiterhin ist der Bundesverband der Freien Berufe mit von der Partie. Möglich macht es eine Förderung seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Initiative „Bildungsketten“. Bis 2022 sei die Finanzierung dergestalt gesichert, macht die regionale Ansprechpartnerin von „VerA“, Angela Hövelmann, klar und ist zugleich zuversichtlich, dass eine Anschlussfinanzierung kein Problem darstellen dürfte.

ExpertInnen sollen für Jugendliche in einer Ausbildung Vertrauenspersonen sein

Die zentrale Idee von „VerA“ ist das Tandem-Modell: Alle Auszubildenden werden von Senior-ExpertInnen aus der Umgebung, dort wo der Betrieb steht, sie zur Berufsschule gehen, individuell und persönlich betreut. Diese AusbildungsbegleiterInnen sind nicht irgendwer, sondern ausgewiesene Fachleute im Ruhestand mit Lebens- und Berufserfahrung, die in Seminaren auf ihre Tätigkeit vorbereitet werden. Wobei das Gewicht offenbar auf „Leben“ liegt.

Sie sind den jungen Menschen nicht nur nah, weil sie deren Ausbildungsberuf kennen, die besonderen Schwierigkeiten, Hindernisse, die da lauern mögen. Sondern in ihrem Leben vielleicht auch jene „Unbillen“ erfahren haben, die einem jeden Jugendlichen irgendwann einmal begegnen werden. Und zuhören. Insofern sind sie idealtypisch Vertrauenspersonen, die ganzheitlich Halt und Orientierung vermitteln können.

„VerA“ kann sowohl bei Konflikten im Ausbildungsbetrieb, Problemen in der Berufsschule, bei Prüfungsvorbereiten oder der Suche nach einem alternativen Ausbildungsplatz unterstützend tätig werden. In NRW stehen derzeit etwa 500 ExpertInnen zur Verfügung, 35 davon in der Region Dortmund. Aktiv sind gegenwärtig 17 Tandems – was soviel bedeutet wie: Es sind bei Bedarf noch Kapazitäten frei.

Förderung sozialer Kompetenzen durch Anerkennung steht im Vordergrund

Ziel der vom DGB ausdrücklich unterstützten Initiative ist unter anderem und vor allem die Stärkung der sozialen Kompetenzen eines jungen Menschen: einen Ausgleich zwischen sich, den eigenen Bedürfnissen, und den legitimen Erwartungen einer Gesellschaft zu finden – die zwar ebenfalls aus Individuen besteht, aber in der Summe leider etwas mehr ist, weil sie einem mit ziemlich vielen, nervenden Regeln gegenübertritt.

Hinzukommt der Ausgleich fachlicher Defizite, wenn es in der Berufsschule nicht klappt; dazu Selbstorganisation: Wie krieg‘ ich es eigentlich montagmorgens hin? – Wie lerne ich sinnvoll für eine Prüfung? – Um schlussendlich zertifiziert zu bekommen: Hey, Du kannst was! Du bist verlässlich, mit Dir geht Arbeit.

Über 90 Prozent von befragten Jugendlichen aus dem Programm sagen später: Mein/e AusbildungsbegleiterIn hat sich Zeit für mich genommen, hat mich ernst genommen, war für mich da, hatte ein offenes Ohr usf. – Sie waren nicht allein und bekamen Vertrauen, das sie zurückgeben konnten. Sie durften schwach sein, ohne sofort Härte zu erzeugen.

Für alle Beteiligten ist Teilnahme kostenlos – gefördert wird bei bestehendem Ausbildungsvertrag

Gefördert werden von VerA nicht nur Auszubildende, sondern auch TeilnehmerInnen an einem Einstiegsqualifizierungsjahr, das Jugendliche belegen können, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Die Initiative soll wie eine Art Netz fungieren – bevor es zu spät ist, vielleicht das Nirwana winkt.

Die Förderung ist unabhängig vom Alter, der Herkunft oder beruflicher Vorentscheidungen; es muss lediglich ein Ausbildungsverhältnis existieren. Begleitet wird, wo die Beteiligten es wollen: von Azubis über Betrieb/Schule bis zu den Eltern.

Die Begleitung durch die berufserfahrenen ExpertInnen ist für die Auszubildenden, Betriebe oder Berufsschulen mit keinerlei Kosten verbunden. Die AusbildungsbegleiterInnen arbeiten ehrenamtlich, erhalten lediglich eine Aufwandsentschädigung.

Wie beim Ausbildungspakt andernorts, wird auch hier von allen Beteiligten selbstverständlich signiert; ein Vertragswerk mit Verpflichtungen und Privilegien/Rechten, schriftlich festgehalten. Und vor allem gilt: pacta sunt servanda – Verträge sind einzuhalten; sonst könnte man sich den ganzen Aufwand sparen. Nur Spaßveranstaltung ist das nicht; soll es, kann es nicht sein.

80 Prozent der TeilnehmerInnen schließen ihre Ausbildung erfolgreich ab

Die individuelle Betreuung sei auch eine Antwort auf die veränderte Ausbildungsstruktur in der Republik, analysiert Jutta Reiter, Vorsitzende des DGB Region Dortmund-Hellweg. Die durchorganisierten, großen Ausbildungsstätten gäbe es eben so nicht mehr. Wo die kleinen Zipperlein von angestellten Sozial-Fachkräften eher erkannt wurden? – Vielleicht. Oder es ist die Antwort auf die Vereinsamung einer ersten Smartphone-Generation, wie auch immer.

Apropos Digitalisierung/Vernetzung: Es gäbe Links von der Freiwilligenzentrale zum SES; bei AbsolventInnen der TU Dortmund sei wegen eines möglichen Engagements angefragt worden, sagt die Regionalkoordinatorin von „VerA“ und ehemalige Direktorin eines Berufskollegs in Hamm, Angela Hövelmann. Ebenso wäre eine digitale Bibliothek für die AusbildungsbegleiterInnen beim SES im Aufbau.

Und: Bislang kann die Initiative auf eine erfolgreiche Arbeit zurückblicken: 80 Prozent der von Senior-ExpertInnen betreuten Auszubildenden haben ihr Ziel eines Berufsabschlusses erreicht; neulich wurde der 10.000ste Abschluss gefeiert. Beeindruckende Zahlen, wenn man berücksichtigt, dass es ja gerade Jugendliche mit expliziten Schwierigkeiten waren, die an dem Programm teilgenommen haben.

Weitere Informationen:

  • Website der Initiative „VerA“, hier:

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