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Fast zwölf Prozent mehr an neuen Wohneinheiten in 2018 – Stadt Dortmund wehrt sich gegen Zahlen von IT.NRW

Neue Wohnungen in Dortmund 2019: der Dogewo21-Neubau an der Schüruferstraße, nahe Phoenix-See, soll im November bezugsfertig sein. Foto: DOGEWO21

IT.NRW – das ist Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen – hat Ärger mit der Dortmunder Stadtverwaltung. Der Grund: die angebliche Anzahl der vom angeschlossenen Statistischen Landesamt angegebenen Wohnungen in Dortmund, die im Jahr 2018 neu entstanden seien, liegt fernab jeglicher Realität. Während dort lediglich 213 Wohneinheiten bezifferten wurden, sind es im letzten Jahr nach Angaben der Stadt jedoch insgesamt 1.651 Wohnungen gewesen, die fertiggestellt worden waren. Der Fehler konnte mittlerweile zumindest teilweise korrigiert werden. Anlässlich der Bekanntgabe dessen kam auch die aktuelle Lage auf dem Dortmunder Wohnungsmarkt im Vergleich zu anderen Großstädten zur Sprache.

Ludger Wilde: Zahlen vom Landesamt für Statistik hätten sich als „nicht belastbar“ erwiesen

Der Landesbetrieb Information und Technik NRW ist neben seiner Verantwortlichkeit für die IT-Infrastruktur der Landesverwaltung als Landesamt ebenso zuständig für die Statistik über Wirtschaft und Gesellschaft und veröffentlicht regelmäßig entsprechende Zahlenwerke.

Quelle: Landesamt für Statistik NRW

So beispielsweise das Statistische Jahrbuch NRW, das für 2018 über 800 Seiten umfasst. Wie verlässlich die Unmenge der dort zu findenden Angaben ist, mag im Einzelfall allerdings bezweifelt werden.

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Denn für erhebliche Irritationen hat in der Dortmunder Stadtverwaltung eine von IT.NRW am 15. Mai dieses Jahres veröffentlichte Statistik über die Anzahl fertiggestellter Wohnungen gesorgt. Danach sollte in der Stadt im Jahr 2018 gegenüber dem Vorjahr erheblich weniger Wohnraum geschaffen worden sein.

Die vom Landesamt vorgelegten Zahlen hätten sich allerdings als „nicht belastbar“ erwiesen, so Planungsdezernent Ludger Wilde. Das war noch freundlich ausgedrückt. Er hätte auch sagen können, dass sie sich zielsicher auf die Grenze zur Fiktionalität zubewegt haben.

Zwei sich der Tendenz nach widersprechende Statistiken des Landesamtes NRW

Wurden 2017 in Dortmund nämlich 1.475 Wohnungen fertiggestellt, waren es ein Jahr später insgesamt 1.651 – was einer Steigerung von 11,9 Prozent entspricht. Der Landesbetrieb hatte hingegen lediglich mit 213 neuen Wohnungen in Dortmund gerechnet (was einem Rückgang von 85,6 Prozent entsprochen hätte) und auf dieser Grundlage die Behauptung in die Welt gesetzt, in Dortmund, Herne und dem Märkischen Kreis seien die wenigsten Wohnungen in ganz NRW fertiggestellt worden.

Da der reale Zuwachs über dem Landesergebnis liegt, führt er zudem zu einer Korrektur der Zahlen für ganz NRW; die weisen nun lediglich ein Minus von 0,5 Prozent auf – gegenüber den 3,5 Prozent, die zuvor landesweit ausgewiesen worden waren. Peinlich, peinlich. Unklar ist gegenwärtig, ob die entsprechenden Bundesstatistiken analog korrigiert werden können.

Um das Chaos zu komplettierten: In einer vorherigen Statistik von IT.NRW vom 25. März 2019 wurde für den gleichen Zeitraum (2017 – 2018) die Anzahl der genehmigten Wohnungen für Dortmund mit 1.623 in 2017 gegenüber 1.642 angegeben. Hier hätte die Steigerungsrate 1,2 (statt minus gut 85) Prozent betragen. – Passt alles nicht zusammen.

Wohnung für Single-Haushalt in München teurer als in Dortmund für eine vierköpfige Familie

Wohnen in Dortmund – hier bei der Wohnungsgenossenschaft Spar- und Bau in der Albrechtstraße – für etwa 5,50 Euro pro Quadratmeter. Foto: Thomas Engel

Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Die Jahresschlussmeldung der Dortmunder fand wegen ihres Datums in der NRW-Statistik schlicht keine Berücksichtigung mehr. Ein für OB Ullrich Sierau ziemlich unverständlicher Vorgang: in dem Landesbetrieb müsse Mal für Ordnung gesorgt werden.

Doch das ist eigentlich nicht der entscheidende Punkt. Eher schon, wie Sierau sagt: „Entscheidend ist nicht in der Statistik, sondern entscheidend ist auf’m Platz.“ Und daher vor allem, dass die vielzitiert „angespannte“ Lage auf dem Wohnungsmarkt in Dortmund für den OB schon relativiert werden muss.

In diesem Zusammenhang verweist er auf eine kürzlich bekanntgewordene Untersuchung, wonach eine vierköpfige Familie in Dortmund eine Wohnung zu einem Preis bekommen könne, für den es in München für einen Ein-Personen-Haushalt nicht reiche. „Ich möchte nicht mit München, Düsseldorf, Hamburg oder Frankfurt in einen Topf geworfen werden“, macht Sierau klar.

Wenn Großstädte wie München Opfer ihres eigenen Erfolgs sind – wo landet ein erfolgreiches Dortmund?

Mietspiegel Dortmund 2019

Sicher sei der Wohnungsmarkt in Dortmund früher entspannter gewesen. Wachstum hat eben seinen Preis. Aber in Dortmund treibe der Mietpreismechanismus keine Menschen über die Stadtgrenze – insofern sei es eine Stadt des Zusammenhalts. Menschen, die hier arbeiteten, könnten auch hier wohnen. Dass das nicht überall so ist, hat er nach eigenen Angaben kürzlich erneut erfahren.

Und zwar auf dem jüngst zu Ende gegangenen Deutschen Städtetag. Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster, hätte ihm erzählt, dass sich Leute gegen Münster als Standort entschieden, weil sie dort keine vernünftige Wohnung bekämen. – Was München beträfe: nach Auffassung der SZ sei die Stadt Opfer des eigenen Erfolges geworden. Mit dem Effekt, dass jene Menschen, die eine Stadt am Laufen hielten – die in der Entsorgung arbeiteten, Krankenschwestern, PolizistInnen – keine Wohnung mehr fänden, wo sie arbeiteten.

Sein Münchener Kollege – Dieter Reiter – habe ihm gesagt, er sei froh, dass er noch über ein paar städtische und Landeswohnungen verfügen könne, ansonsten fände ein Aufwertungs- bzw. Verdrängungsprozess statt, der seinesgleichen suche. – Bleibt die naheliegende Frage: Wie soll das denn in Dortmund, wenn es erfolgreich ist, konkret verhindert werden?

Weitere Informationen:

  • Statistisches Jahrbuch NRW 2018; hier:
  • Baugenehmigungen im Wohnbau NRW 2017 und 2018; hier:

 

 

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