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Erkenntnis aus dem Verdauungstrakt – „Häuptling Abendwind und Die Kassierer“ im Dortmunder Schauspiel

HŠuptling Abendwind und Die Kassierer: Eine Punk-Operette

„Kassierer“-Frontmann Wolfgang „Wölfi“ Wendland mit Bierflasche, Mikrofon und Schlachterschürze. Links neben ihm: Julia Schubert als Häuptlingstochter Atala. (Foto: Theater Dortmund/Birgit Hupfeld)

Von Rolf Pfeiffer

Vorne auf der Bühne wird zwischen Unmengen vorn Bierkästen Theater gegeben, dahinter wartet eine Rockband auf ihre Einsätze. Vorne wird gespielt, was Andreas Beck von Johann Nestroys Komödie „Häuptling Abendwind“ an Erkennbarkeit übriggelassen hat, die Kombo im Hintergrund sind „Die Kassierer“ aus Bochum-Wattenscheid mit ihrem dickbäuchigen Frontmann Wölfi, die seit 30 Jahren so etwas wie Punk spielen und in deren Texten es vorwiegend um Saufen, Fressen und Sex geht. Zumal die Musik ist sehr laut (und nicht sehr anspruchsvoll), den Inszenierungsstil könnte man burlesk bis brachial nennen, und nicht wenige Menschen im Zuschauerraum fragten sich nach knapp 100 Minuten Durchlauf, was das ganze eigentlich sollte. Nicht zu übersehen waren aber auch einige Gäste, die sonst eher nicht den Weg ins Theater finden dürften und denen die Musik der „Kassierer“ größte Freude bereitete.

Was also gibt es eigentlich zu sehen?

HŠuptling Abendwind und Die Kassierer: Eine Punk-Operette

Häuptling Abendwind (Uwe Rohbeck, rechts) und Häuptling Biberhahn (Uwe Schmieder). (Foto: Theater Dortmund/Birgit Hupfeld)

Das Stück, beginnen wir einmal damit, gehört wohl zu den unbedeutenderen Werken Johann Nestroys und taucht im gerne bemühten Reclam-Schauspielführer gar nicht als Titel auf. Gleichwohl wird es im stets auch ein bißchen dekadenten Wien des 19. Jahrhunderts für Erheiterung gesorgt haben. Der Plot in Kürze: Menschenfresser-Häuptling Abendwind (Uwe Rohbeck) erwartet seinen Kollegen Biberhahn (Uwe Schmieder) zum Essen, doch die Speisekammer ist leer. So liegt es nahe, den kurz zuvor gestrandeten blonden Friseur Arthur (Ekkehard Freye), in den sich des Menschenfresserhäuptlings Töchterlein Atala (Julia Schubert) bereits verliebt hat, zu verspeisen. Er wird (hinter der Bühne) zu Frikadellen verarbeitet, die aber eigentlich eher Spaghetti mit Tomatensoße und einigen Menschenknochen sind und über die sich die Häuptlinge gierig hermachen. Die übliche Bühnensauerei. Nun, behaglich gesättigt, erzählt Häuptling Biberhahn Abendwind von seinem Sohn, der mit seinen blonden Haaren so gar nicht nach ihm komme, den er zur Ausbildung in die Zivilisation geschickt habe und den er bald zurückerwarte. Eine Taschenuhr sei das Erkennungszeichen, denn große Ähnlichkeit werde das Kind wohl nicht mehr mit ihm haben. Spätestens, als im Bauch Biberhahns eine Taschenuhr bimmelt, dämmert dem Bühnenpersonal die auch für Menschenfresser gruselige Erkenntnis, einen der ihren verspeist zu haben. Doch dann, tätäää, taucht Arthur gänzlich unversehrt aus der Kulisse auf, kriegt die Hand Atalas (nein, die ganze Tochter!) und alles wird gut. Er hatte, dieser Pfiffikus, den Koch bestochen, und in Wirklichkeit kam nicht er, sondern das Orakel in die Buletten. So weit, im Groben, der Nestroy-Plot.

HŠuptling Abendwind und Die Kassierer: Eine Punk-Operette

Häuptlingstochter Atala (Julia Schubert) und Beinahe-Opfer Arthur (Ekkehard Freye). (Foto: Theater Dortmund/Birgit Hupfeld)

Und nun ahnen wir schon, was sich ein schlauer Theatermensch gedacht haben muß: Wenn bei Nestroys Menschenfressern die Liebe buchstäblich durch den Magen (und durch die nachgeschalteten Verdauungsorgane wieder ins Freie) geht, und wenn „Die Kassierer“ ebenfalls – mit einer gewissen Bierlastigkeit – hingebungsvoll den Magen-Darm-Trakt nebst Genitalbereich besingen, dann muß das doch hervorragend zusammenpassen! Dann kann man das doch bringen!

Für sich genommen nämlich wäre die Nestroy-Komödie wohl zu angestaubt für eine aktuelle Produktion des Dortmunder Schauspielhauses, zumal die etwas unschickliche Ansiedlung im unzivilisierten Menschenfresserland bei Nestroy wenig mehr ist als ein ironischer Seitenhieb auf die gutbürgerliche, hoch zivilisierte Wiener Gesellschaft. Doch da es eigentlich auch bei Nestroy immer nur um Saufen, Fressen und F… geht, könnte man das ganze doch super zu einer „Punk-Operette“ (Untertitel) zusammenrühren. Mag sich jemand gedacht haben. Und dann ist es ihm gelungen, die Leitung des Hauses von seiner Idee zu überzeugen.

HŠuptling Abendwind und Die Kassierer: Eine Punk-Operette

„Die Kassierer“, Häuptlingstochter. (Foto: Theater Dortmund/Birgit Hupfeld)

Das Resultat jedoch, mit viel unappetitlicher fetter Männernacktheit und einer Musik, die man nicht mögen muß, hinterläßt den Betrachter ratlos. Um sich jene Zuschauer vorzustellen, die dem Haus angesichts eines solchen Krawalltheaters endgültig den Rücken kehren, braucht es wenig Phantasie. Wer aber soll davon angelockt werden? Und was, vermessen sei auch dies einmal gefragt, ist die Botschaft dieses Theaterabends aus dem Verdauungstrakt? Keinesfalls sollte man darauf hoffen, das Haus fürderhin mit „Kassierer“-Fans füllen zu können. Die werden sich auch zukünftig im Bahnhof Langendreer oder in der Wattenscheider Freilichtbühne wohler fühlen, wo die Altpunks seit 30 Jahren immer wieder einmal auftreten.

Erfreulich war an diesem Abend allein das muntere Spiel der Darsteller. Vor allem Julia Schubert als Häuptlingstochter Atala und einzige Frau auf der Bühne gab dem Affen gehörig Zucker. Übrigens machte auch „Kassierer“-Sänger Wolfgang „Wölfi“ Wendland in der (Sprech-) Rolle des Kochs keine schlechte Figur. Sein etwas depressiver Song vom Bulettenmachen war erstaunlich gut in den Handlungsgang eingeflochten worden. Und eine kurze Ahnung stellte sich ein von dem, was mit differenzierterer Inszenierung und weniger Randale auch möglich gewesen wäre auf der Theaterbühne.

Termine: 31.1., 12., 21.2., 6., 29.3., 10., 26.4., 9., 24.5.2015

www.theaterdo.de

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