Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa

Eine bemerkenswerte Ausstellung weiterer Fotografien von Erich Grisar auf Zeche Zollern

Blick in die Ausstellung: Grisar fotografierte auf seinen Reisen Menschen in ihrer jeweiligen Lebens- und Arbeitssituationen. Foto: Christian de Vries

Ein Gastbeitrag von Christian de Vries

Der Betrachter staunt: Kaum eins der mehr als 250 ausgewählten Fotos ist gestellt. Die abgebildeten Menschen fühlen sich entweder unbeobachtet oder sind sogar selbstvergessen, manchmal in Gedanken versunken. Neben Kriegsopfern auch Diamantenhändler, dann wieder Arbeiter am Hafen, Frauen und Kinder, die auf einem Schotterberg arbeiten. Marktstände, die neben Kartoffeln auch Schallplatten anbieten. Die Abbildungen sind schwarz-weiß. Entstanden sind sie in den Jahren 1928 bis 1933 in mehreren europäischen Ländern. Der Fotograf: Erich Grisar.

Neben den Fotografien sind auch Grisars Kamera und seine Reiseschreibmaschine zu sehen

Dr. Andrea Zupancic mit der Schreibmaschine von Erich Grisar.
Kuratorin Dr. Andrea Zupancic mit der Schreibmaschine von Erich Grisar. Foto: Christian de Vries

In einer beeindruckenden Sonder-Ausstellung präsentiert das LWL-Museum Zeche Zollern eine weitere große Ausstellung des tatsächlich außergewöhnlichen Fotografen, besser: des fotografierenden Autodidakten und Dokumentars.

Nach den durchaus spektakulären Fotos des Ruhrgebiets, die im Jahr 2017 ebenfalls auf Zeche Zollern der Öffentlichkeit präsentiert wurden, nun einige Fotografien seiner Reisen durch Europa. Beeindruckend: Ebenfalls zu sehen sind Grisars Kamera und seine Reiseschreibmaschine, mit denen er in den Ländern als Reporter unterwegs war.

Aktuell ist die Ausstellung mehr als je, weil Erich Grisar ein Europa im Friedenszustand fotografiert, gleichzeitig den ersten Weltkrieg verarbeitet, während heute Europa einen fürchterlichen Krieg erlebt.

Fotograf zeichnet sich durch authentischen emphatischen Blick auf seine Mitmenschen aus

Grisars Blick für die Details und für die Stimmung der Menschen ist beachtlich. Holland, England, Belgien, Polen und Spanien. Er entdeckt viele Parallelen zu seiner Heimatstadt Dortmund, und lichtet sie ab, oft die Menschen im Sucher, aber er hat auch einen genauen Blick auf viele Details am Rande.

Blick in die Ausstellung.
Blick in die Ausstellung. Foto: Christian de Vries

Die Blicke der Menschen auf den Fotografen sind nahezu alle freundlich, nichts ist gestellt. „Es war zu dieser Zeit eine ganz neue Art der Fotografie”, erklärt Dr. Andrea Zupancic vom Dortmunder Stadtarchiv, gleichzeitig Kuratorin der Ausstellung. Mehr als 4.200 Glas- und Papiernegative aus dem Nachlass des Dortmunder Fotografen konnten in den vergangenen Jahren hier digitalisiert werden.

Der gelernte Vorzeichner blitzt in den Fotografien immer mal wieder durch, denn Erich Grisar lichtet auch gern Brückenbauwerke ab. Gleichzeitig wird an vielen Fotos deutlich, wie er als Pazifist seine Erfahrungen des ersten Weltkriegs mit diesen Fotos verarbeitet.

Kriegsversehrte, Armut, Arbeit; authentisch und empathisch wirft er einen Blick direkt auf die Menschen, ist ihnen nah, ohne ihnen aufdringlich zu nah zu kommen. Grisar muss ein freundlicher Mensch gewesen sein.

Zur Person: Der Dortmunder Fotograf Erich Grisar (1898 – 1955)

Fotograf, 1928 – 1933
Fotograf Erich Grisar in Aktion. Archivfoto: Stadtarchiv Dortmund

Geboren wurde er 1898 in Dortmund, arbeitete zunächst als Vorzeichner in einer Maschinenfabrik, um später mit Gedichten, unterschiedlichen Textwerken und Bildreportagen in vielen Zeitungen und Magazinen zu veröffentlichen.

Obgleich er über viele Jahre eher den Sozialdemokraten nahe stand, schaffte Grisar auch in den Jahren des Nationalsozialismus Veröffentlichungen, ohne den Antisemitismus und den Nationalsozialismus zu verherrlichen.

Grisar starb 1955 im Alter von 57 Jahren. Sein Schatz wird noch heute gehoben. Dr. Andrea Zupancic erwähnt eine Reihe von Deutschland-Fotos von Erich Grisar. Es könnte in den nächsten Jahren die nächste sehr sehenswerte Ausstellung sein.

Weitere Ausstellung thematisiert den Blick der Nordstadt auf Europa

Im Partizipationsprojekt "Mein Europa" beschäftigten sich die Mitwirkenden u.a. mit kreativen Textilbildern.
Im Partizipationsprojekt “Mein Europa” beschäftigten sich die Mitwirkenden u.a. mit kreativen Textilbildern. Foto: Christian de Vries

Ebenfalls sehenswert in dieser Ausstellung ist ein Projekt des Fritz-Hüser-Instituts, dass sich dem Wanderbuch von Erich Grisar widmet. Hineinschreiben ließ Grisar andere, und so finden sich dort von Erich Kästner und Martin Andersen und vielen anderen europäischen Künstlerinnen sehenswerte Notizen, Skizzen und Bemerkungen. Das Web-Projekt (Link im Anhang des Artikels) des Instituts widmet sich der Idee von Erich Grisar in bemerkenswerter Weise.

Besonders sehenswert in diesem Zusammenhang ist eine weitere Ausstellung, für die sich nicht weniger als fast 60 Menschen der Dortmunder Nordstadt aus 23 Ländern im Alter von acht bis 85 Jahren mit dem fotografischen Werk von Erich Grisar auseinandergesetzt haben.

Besonders beeindruckend dabei sind beispielsweise die “genähten Bilder” der Näherei “Amen Juvlja Mundial” wie auch die Fotografien der Jugendlichen vom “Jugendforum Nordstadt”. Der Blick der Protagonistinnen auf Europa ist bemerkenswert, gleichwohl klug und passend als Ausstellung in die Präsentation der Grisar-Bilder integriert. Zusammengestellt und betreut wurde diese Präsentation von der Museumspädagogin Annette Kritzler.

Erich Grisar – Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa
5. März – 16. Oktober 2022
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Grubenweg 5, 44388 Dortmund
Geöffnet Di – So 10 – 18 Uhr
zeche-zollern.lwl.org

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