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Ein Jahr nach dem Anschlag von Halle: Kundgebung gegen Antisemitismus in der Dortmunder Innenstadt 

Ein Jahr ist seit dem Anschlag auf eine jüdische Synagoge in Halle vergangen. Die Aktivist*innen erinnerten an die Opfer Jan L. und Kevin S. und forderten mehr bürgerliches Engagement gegen Antisemitismus. Fotos: David Peters

Von David Peters

75 Menschen haben am Donnerstag vor der Reinoldikirche gegen Antisemitismus demonstriert. Anlass waren der Anschlag auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr, aber auch antisemitische Übergriffe in Hamburg und Dortmund am Wochenende zuvor. Trotz Regen und Wind versammelten sich 75 Menschen vor der Dortmunder Reinoldikirche. „Wir sind heute hier, weil sich in dieser Woche der Anschlag auf die Synagoge in Halle jährt“, erklärt eine Rednerin.

„Antisemitismus beschränkt sich nicht nur auf Neonazis, sondern ist überall in der Gesellschaft zu finden.“

Am 9. Oktober 2019 hatte ein rechtsextemistischer Täter versucht, bewaffnet in die Synagoge in Halle einzudringen. Sein Ziel war die Ermordung der Jüdinnen und Juden, die sich dort zur Feier des höchsten jüdischen Feiertages Jom Kippur eingefunden hatten. Der Täter scheiterte an den Sicherheitsmaßnahmen der Synagoge.  ___STEADY_PAYWALL___

Er konnte die Eingangstür nicht durchbrechen. Stattdessen erschoss er Jana L. auf der Straße und Kevin S. in einem Döner-Imbiss. Aber auch aktuelle antisemitische Vorfälle waren Anlass der Kundgebung.

Die Aktivist*innen in Dortmund betonten mehrfach, dass dieser antisemitische Anschlag kein Einzelfall sei. Immer wieder käme es zu Beleidigungen und Angriffen gegenüber Jüdinnen und Juden – auch in Dortmund. Am 1. Oktober wurde am Dortmunder Hauptbahnhof eine Person erst antisemitisch beleidigt und in der Folge mit einer abgebrochenen Glasflasche attackiert. 

Auch die Dortmunder Neonazis der Partei „Die Rechte“ skandieren bei ihren Demonstrationen immer wieder antisemitische Parolen oder nutzen diese auf ihren Wahlplakaten, wie bei der Europawahl 2019. „Antisemitismus beschränkt sich nicht nur auf Neonazis, sondern ist überall in der Gesellschaft zu finden – auch in der Linken“, betont eine Rednerin. 

Zuletzt sorgte eine Demonstration in Frankfurt am Main für Aufsehen: Bei einer Demo gegen die Verhältnisse im Flüchtlingslager Moria wurden immer wieder antisemitische Parolen skandiert, die das Existenzrecht Israels in Frage stellten und die Intifada verherrlichten.

Antifaschist*innen beklagen mangelndes bürgerliches Engagement gegen Antisemitismus

Eine Rednerin der Kundgebung kritisierte ein „mangelndes Engagement der bürgerlichen Gesellschaft“ gegen Antisemitismus: „Wo sind die bürgerlichen Bündnisse und Gruppen, wenn wir gegen Antisemitismus demonstrieren?“ Außerdem reiche es nicht symbolische Forderungen zu stellen, man müsse auch hinterfragen, welche Rolle die Gesellschaft bei Antisemitismus spiele. 

„Aufrufe für Vielfalt, die ohne eine Analyse der Verhältnisse sind, klingen nett – reichen aber nicht. Sie sind eher eine symbolische Selbstvergewisserung“, kritisiert eine Rednerin.

Das Ganze habe inzwischen eine Art Ritualcharakter erhalten. Zudem sei es wichtig, dass man Antisemitismus nicht als Form oder Unterform von Rassismus labele. „Natürlich müssen wir die Kämpfe gegen Antisemitismus und Rassismus verbinden. Dennoch müssen wir die Unterschiede der beiden Diskriminierungsformen bedenken.“

„Halle war kein Einzelfall. Wir haben in Deutschland eine traurige und unerträgliche Kontinuität antisemitischer Übergriffe und Gewalttaten“, schrieb Kim Schmidt, Pressesprecherin der Autonomen Antifa 170 in einer Pressemitteilung im Vorfeld der Kundgebung. Eine Kontinuität, die auch eine Rednerin aufgriff und einige antisemitische Vorfälle aus dem ganzen Bundesgebiet aufzählte. 

Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) zählte alleine im Umfeld von Synagogen 61 Vorfälle seit 2017. Diese Kontinuität hänge auch damit zusammen, dass in Deutschland keine wirkliche Entnazifizierung stattgefunden hätte und aus der Shoah keine Lehren gezogen wurden, betonte die Rednerin. 

Antisemitismus geschehe nicht im luftleeren Raum, sondern in einer Gesellschaft, die sowas zulasse. Deshalb sei es wichtig Antisemitismus nicht nur bei Demonstrationen der Neonazis, sondern auch im Alltag entgegen zu treten.

 

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