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Eigene Ideenwerkstatt von „Garten statt ZOB“: Viel Potential, aber wie wird die Hauptbahnhof-Nordseite aussehen?

Die Ratschlag- und Entwurfswerkstatt begrüßt ihre Teilnehmenden. Foto: Angelika Steger

Von Angelika Steger

Viele Bewohner*innen sind nicht in die Parzelle im Depot, dem Tagungsort für „Garten statt ZOB“ gekommen. Im Tagungsraum sind Stühle aufgestellt, zu Beginn spricht die Kulturwissenschaftlerin Meike Spitzner vom Wuppertal-Institut, Forschungsbereich Mobilitäts- und Verkehrspolitik über das Thema Aufenthalts- und Bewegungsformen in der Stadt. Wie soll der Bahnhofsvorplatz im Norden des Hauptbahnhofs aussehen? Seit Jahren ist dieser Ort ein Streitthema.

Mobilitätsforschung: Mobilitätsbedürfnisse verschiedener Geschlechter bei der Planung des ZOB berücksichtigen

Zentraler Busbahnhof - ZOB

Der Zentrale Busbahnhof (ZOB) auf der Nordseite des Hauptbahnhofs wird mit einer Schrankenanlage bewirtschaftet. Foto: Alex Völkel

2011 war der ZOB noch auf der Südseite, am Eingang zur Innenstadt. Die Bürgerinitiative empfindet die Verlegung auf die Nordseite als Affront: Abgase und Lärm werden in die Nordstadt verlagert, damit das Fußballmuseum Platz hat.

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Das ist nur einer der vielen Kritikpunkte, die die Bürgerinitiative „Garten statt ZOB“ an den Plänen für die Neugestaltung der Hauptbahnhof-Nordsteite hat. Der Zentrale Omnibus-Bahnhof (ZOB) soll nicht komplett verschwinden, aber: die aktuelle Situation biete keine Aufenthaltsqualität, man wolle nur schnell wieder weg, wenn man aus der U-Bahn oder dem Bus ausgestiegen ist,  davon sind die Aktiven überzeugt.

Die  Tagung „Ratschlags- und Entwurfs-Werkstatt“ der Bürgerinitiative „Garten statt ZOB“ will den Bürger*innen die Möglichkeit geben, eigene Ideen zu äußern, zu diskutieren, Wünsche zu formulieren.

Mobilitätsforscherung Meike Spitzner bei ihrem Vortrag. Fotos: A. Steger

Mobilitätsforscherung Meike Spitzner bei ihrem Vortrag. Foto: Angelika Steger

Nach dem Vortrag der Forscherin vom Wuppertal-Institut steht eine Teilnehmerin entrüstet auf: „Also ich habe von dem Vortrag fast gar nichts verstanden! Das war mir zu wissenschaftlich!“

Eine Dame der Veranstalter versucht sie zu beruhigen, das würde noch erklärt, doch die Zuhörerin hat genug und verlässt die Tagung, bevor die Diskussion überhaupt los geht.

Tatsächlich ist der Vortrag von Meike Spitzner sehr wissenschaftlich geraten, es waren viele Excurse enthalten. Eine Sache sticht hervor: das Thema Geschlechtergerechtigkeit beim Thema Mobilität und Verkehr. „Für die Effizienz beim männlichen gibt es immer Anreize, während den Frauen Suffizienz zugerechnet wird.“

Es wird erwartet, dass Frauen ,funktionieren‘, sowohl bei der Reproduktion von Nachkommen wie bei der Versorgung. Dass diese Suffizienz Arbeit ist, die Anstrengung erfordert und nicht einfach vorhanden sein kann, wird dabei von Gesellschaft und Politik vernachlässigt oder schlichtweg nicht beachtet.

Versorgungswege nicht immer sichtbar und im Voraus zu planen

Ideen sammeln für den nördlichen Bahnhofsvorplatz – mit Worten und Zeichnungen. Foto: Angelika Steger

Die Versorgung würde dem Freizeitverkehr zugeordnet, nicht der (Verdienst-) Arbeit: das funktioniert laut Spitzner nicht, denn auch Einkaufen oder Angehörige zu Hause zu pflegen ist Arbeit – unbezahlt.

„Wenn ein Mensch auf dem Klo Hilfe braucht, ist das eben nicht wirtschaftlich planbar“ macht die Wissenschaftlerin klar. Daran mache sich auch die Geschlechterhierarchie und andere gesellschaftliche Machtachsen deutlich.

Auch der öffentliche Raum wie ein Bahnhofsvorplatz könne ein „diskriminatorische Raum“ sein. Städte sind oft nur von und für Männer geplant, ohne Rücksicht für die Mobilitätsbedürfnisse anderer Verkehrsteilnehmer*innen.

Die Gründe für alle Wege im öffentlichen Raum werden in der Wissenschaft einer „Wegezweckkategoriebild“ zugeordnet. Die Versorgung ist dabei nur versteckt sichtbar – und es gibt ein weiteres Problem. „Versorgungsökonomie ist immer notwendig, basal, weil jemand bedürftig ist. Ein Verzicht ist nicht möglich.“ Diese Versorgungsarbeit wird von Wirtschaft und Politik der Freizeit zugeordnet, auch wenn es eigentlich Arbeit ist. Es existieren sogar Vorlagen des Deutschen Städtetages im „Handbuch Städteplanung – Frauen in der Stadt“.

Allerdings ist dies vor dem Internetzeitalter entstanden und immer noch nicht digitalisiert. Spitzner kämpft seit Jahren dafür, dass diese Vorlagen durch Digitalisierung allen Verantwortlichen in den Stadtverwaltungen zugänglich gemacht wird. Denn Städteplanung kann nicht rein männlich konotiert sein.

Auswirkungen des ZOB auf der Hauptbahnhof-Nordseite  wurden nicht bedacht

Der Zentrale Omnibus-Bahnhof verursacht Lärm und Dreck. Ein Diskussionsteilnehmer spricht von 200 Reisebussen pro Tag. „Der Flugplatz ist auch nicht in der Stadt, der ZOB aber schon. Das Problem beim ZOB ist nicht nur verschmutzte Luft, es ist auch die Privatisierung einer öffentlichen Fläche.“

Die Fernbusse und der ZOB sind eine Belastung für die Nordstadt. Foto: Alex Völkel

Die Fernbusse und der ZOB sind eine Belastung für die Nordstadt. Foto: Alex Völkel

Zuerst sei die Nordseite des Hauptbahnhofs eine Luftschneise für die Nordstadt gewesen, auch eine Grünschneise und Bewegungsraum. Durch die Sammlung aller Verkehre ist diese nun beseitigt – zu Lasten der Bewohn*er der Nordstadt.

Die Mobilitätsforscherin Meike Spitzner gibt diesem Diskussionsteilnehmer Recht: „Der Fernbus-Reiseverkehr ist ein Versorungsverkehr, der verlagert wurde. Das ist deshalb bundeweit ein Problem, weil privater Busverkehr öffentliche Flächen nutzt, ohne dafür Miete o.ä. zu bezahlen. (Abnutzung des Straßenbelages erfolgt immer – Anmerkung der Autorin). Busse sind spottbillig im Vergleich zu Bahnfahrkarten.“

Weil viele Orte für Freizeitaktivitäten vor die Tore der Stadt verlagert wurden, entstehen neue Transportwege, die zusätzlich die Straßen belasten. „Wenn die Kinder erst zum Spaßbad gebracht werden müssen, erzeugt das unnötig eine Belastung für die Umwelt.“ Die Freizeitstätten müssten im Stadtgebiet ohne große Wege für alle erreichbar sein, um alles erreichen zu können, was der Lebensbewältigung diene. Sie selbst ist vom Platzangebot am Nordausgang überrascht. „Das ist ein Schatzkästchen, das belebt werden muss.“

Der Platz ist nicht nur für Busse: klare Wegeführung für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen gefordert

Entlang des Bahndamms soll eine neue zweispurige Straße zum Fernbusbahnhof führen.

Entlang des Bahndamms soll eine neue zweispurige Straße zum Fernbusbahnhof führen. Visualisierung: raumwerk

Cornelia Wimmer von der Bürgerinitiative hält nicht viel von den vorgestellten Plänen der Stadt Dortmund, auch nicht vom favorisierten Entwurf von „raumwerk“.

Es sei nicht überlegt worden, von wem der ZOB genutzt wurde. Eine andere Diskussionsteilnehmerin nennt die städtischen Planungen oft unrealistisch und patriarchal, was sich in der Planung eines Büroturms zeige.

Interessant sei auch, dass momentan Obdachlose noch da seien. Der Platz ist wohl noch nicht so wichtig, dass diese vertrieben werden müssten. Der Vertreter vom Planerladen fordert, dass der Platz für verschiedene Personengruppen zur Verfügung stehen soll. „Garten statt ZOB“ ist nur eine Parzelle. Öffentlicher Raum braucht eine Gestaltung, bei der Klarheit bei der Wegeführung herrscht. Willkommenskultur spürt man beim Zentralen Omnibus-Bahnhof derzeit nicht.“

Beim Bahnhofsvorplatz im Norden geht es mehr als um das Ankommen und Abfahren, es soll neue Arten von Treffen für die Freizeit und den Alltag geben. „Garten statt ZOB“ bevorzugt eine Art Tiefgarage bei der Hauptpost für die Fernreisebusse.

Die Initiative „Garten statt ZOB“ kümmert sich seit Jahren um ein kleines Beet. Foto: Alex Völkel

Die Initiative „Garten statt ZOB“ kümmert sich seit Jahren um ein kleines Beet. Foto: Alex Völkel

Außerdem fehlt immer noch ein barrierefreier Durchgang von Nord nach Süd und zurück für den Radverkehr. Dafür könnte man den existierenden Posttunnel nutzen – eine Kooperation mit der Deutschen Post AG wäre notwendig.

Der bereits nur für Fußgänger genutzte Durchgang vom Platz vor dem CineStar-Kino zur U-Bahn und den Bahngleisen der DB wäre ebenfalls breit genug, um extra Platz für Fahrgäste mit Rad zu schaffen. Momentan ist Radfahren, auch in Schrittgeschwindigkeit, dort verboten.

Auch für Menschen aus der Nordstadt, die nur in die Innenstadt gelangen wollen, wäre ein extra Durchgang für Menschen mit Fahrrädern sehr wichtig. die Deutsche Bahn AG und die Stadt Dortmund sind hier gefordert, praktikable Lösungen für den Radverkehr anzubieten, will man das „Kopenhagen von Westfalen“ werden.

Eine Stadt für Menschen und ohne Autos: Diese Vision wird am „Tag des guten Lebens“ Wirklichkeit

Rege Ideensammlung bei der Ratschlags- und Entwurfswerkstatt „Garten statt ZOB“. Foto: Angelika Steger

Ideen haben die Teilnehmer*innen der Ratschlags- und Entwurfswerkstatt viele, das zeigen die vielen Worte und Zeichnungen, die nach der Diskussionsrunde auf Plakaten erstellt wurden. Alle Ideen sollen in einer Ausstellung gezeigt werden, so der Plan der Initiative „Garten statt ZOB“.

Dass eine menschenfreundliche Stadt kein Traum bleiben muss, zeigt Davide Brocchis Vortrag zum „Tag des guten Lebens“ in Köln.

Einen Sonntag lang ist ein Stadtteil komplett autofrei. Das besondere daran: nicht nur Umweltverbände sind die Veranstalter*innen. „Das ist keine Politik von oben herab, sondern wird von den Anwohner*innen  und verschiedenen Vereinen oder Verbänden organisiert. Das heißt auch: nicht ein Umweltverband oder die Kirche will das, sondern die Vielfalt.“

Die nördliche Seite des Hauptbahnhof im Entwurf der Architekturbüros Raumwerk

Die nördliche Seite des Hauptbahnhof im Entwurf der Architekturbüros Raumwerk.

Es sollen keine neuen Herrschaftsverhältnisse entstehen, sondern ökologische und soziale Verhältnisse gestatet werden. Starke Quartiersräte prägen den Stadtteil, die Stadtverwaltung zieht sich für einen Tag zurück. Dieser Tag soll zeigen, was alles möglich ist, wenn Fahrbahnränder und Gehwege nicht zugeparkt sind.

„Wir haben nicht gesagt, dass wir gegen Autos sind, sondern sind auf die Anwohner*innen zugegangen. Bei den Supermärkten haben wir nachgefragt, ob dort am Sonntag die Autos geparkt werden können.“

Konfrontationen sollen möglichst vermieden werden, Vertrauensbildung zwischen allen Akteur*innen ist die Basis und Grundvoraussetzung, dass dieser Tag stattfinden kann. Für die Planung treffe man sich auch mal nur unter vier Augen, um Vertrauen bilden zu können.

Ein „Tag des guten Lebens“ sollte von möglichst vielen Gruppen geplant werden

Ähnlich wie beim „Parking Day“ sollen allen Teilnehmer*innen die Augen geöffnet werden, wie lebendig ihr Viertel sein kann: Auf Parkplätzen können Menschen zusammenkommen, essen, plaudern, Musik machen, jede*r kann ihre oder seine Ideen einbringen. „Es sollen auch nicht nur Akademiker*innen und Grüne-Wähler*innen beteiligt sein“, betont der Stadtplaner.

Auch ärmere Menschen sollen in die Planung und Gestaltung des „Tages des guten Lebens“ einbezogen werden, denn „Vielfalt schafft Vielfalt. Wenn die Leute sehen, dass auch ihre eigene Gruppe mit dabei ist, spricht es sie viel mehr an, als wenn Akademiker*innen für andere etwas organsieren.“ Es gehe nicht darum, andere zu belehren.

Für ein erstes Treffen brauche es einen neutralen Ort, um Vertrauen schaffen zu können, einen Ort, den die Angesprochenen kennen. Die Stadtverwaltung Köln war zuerst skeptisch gewesen, hatte dann aber erkannt, dass die Bürger*innen bei der Planung schon weiter sind. Die Vorbereitungen brachten die Nachbar*innen zusammen, ein Stück Anonymität wurde durch ein Stück Vertrauen ersetzt.

Gute Ideen für die Gestaltung des öffentlichen Raumes: Tag des guten Lebens auch für die Nordstadt Dortmund?

Stadtplaner und Soziologe Davide Brocchi bei seinem Vortrag. Fotos: A. Steger

Schwierigkeiten gibt es aber dann, wenn eine gesetzliche Vorschrift für einen Parkplatz existiert. Die Gestaltung des öffentlichen Raums obliegt in erster Linie nicht den Bürger*innen selbst.

Dennoch muss dies keine Utopie bleiben – wie der Tag des guten Lebens zeigt. Der Beginn für jede Handlung hängt von sozialen Beziehungen ab. „Man darf nicht gleich mit den Themen Verkehr und Klimaschutz kommen, sondern mit dem Ziel, ein gutes Zusammenleben organisieren zu wollen“ ist Brocchi überzeugt. Kann das auch in der Dortmunder Nordstadt funktionieren?“

Es funktioniert nicht, wenn jede*r nur sein Ding mache, seinen Müll auf die Straße werfe und die Nachbar*innen nicht kennt. Leider ist das auch oft in der Nordstadt der Fall. Eine weitere Besucherin der „Garten-statt-ZOB“-Tagung sieht eine Aktion wie den „Tag des guten Lebens“ auch kritisch, wenn alle Bewohner*innen sich beteiligen sollen: „Viele Migrant*innen haben sich in ihrer Ohnmacht eingerichtet. Sie sind der Überzeugung, dass es in diesem Leben nichts mehr wird mit der gesellschaftlichen Teilhabe.“

Tatsächlich soll aber auch im Jahr 2020 ein Tag des guten Lebens unter der Federführung von Die Urbanisten e.V. stattfinden. Man darf gespannt sein.

  • Tag des Guten Lebens, Informationen dazu:  hier.
  • Seite des Bündnisses der Agora Köln hier.
  • Kulturwissenschaftlerin Meike Spitzner, Wuppertal Institut, Informationen hier.

 

 

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