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#dobombe: Zwei Blindgänger hielten die Stadt Dortmund in Atem – die Bomben wurden erfolgreich entschärft

Nach der Evakuierung entschärften die Teams des Kampfmittelräumdienstes Arnsberg die zwei Bombenfunde im Klinikviertel innerhalb weniger Stunden. Ihnen gebührt der Dank der Dortmunder Bürger*innen.

Wenn in anderen Städten Fliegerbomben entschärft werden, sorgt das für große Aufregung. In Dortmund – mit #dobombe gibt es sogar einen eigenen Hashtag für die sozialen Netzwerke – ist das eigentlich Alltag. Allein im vergangenen Jahr mussten 30 Bomben entschärft werden – eine Folge der zahlreichen Bau- und Investitionsprojekte in der Stadt. Daher verlaufen diese zumeist unaufgeregt und – außer von direkt Betroffenen – fast unbeachtet. Doch beim ersten Einsatz 2020 war dies anders: Schließlich wohnen 14.000 Menschen im zu evakuierenden Bereich – dazu liegen drei Krankenhäuser und drei Altenheime sowie zentrale Bereiche der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur im Bereich. Hier eine Zusammenfassung – viel mehr Fakten gibt es im Live-Ticker unter dem Artikel.


Von Angelika Steger

Es ist noch ruhig an diesem Sonntag (12. Januar 2020) in Dortmunds Klinikviertel. Sehr ruhig, auch für einen Sonntagmorgen. Ein paar parkende Autos am Straßenrand, nur vereinzelt laufen Passant*innen durch die Straßen. Ein kalter Wind pfeift um die Hausecke. Auffällig sind allein die vielen Einsatzkräfte vom Ordnungsamt in neongelben Warnwesten. Heute soll die Bombenentschärfung stattfinden, die dafür notwendige Evakuierung läuft seit acht Uhr morgens. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Bewohner* aufgefordert worden, ihre Wohnungen zu verlassen.

Bewohner*innen werden zum Verlassen ihrer Wohnungen aufgefordert

Mitarbeiter*innen des Ordnungsamtes suchen nach Anwohner*innen und weisen sie an, die Wohnung zu verlassen. Foto: Karsten Wickern

„Das Ordnungsamt muss auf den guten Willen und die Vernunft der Anwohner*innen zählen,“ erläutert André Lüddecke von der Feuerwehr Dortmund.

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Um sicher zu gehen, dass auch wirklich alle Menschen die Häuser verlassen, machen Mitarbeiter*innen einen Rundgang durch die Straßen, klopfen und klingeln an den Türen. An den meisten Häusern meldet sich niemand.

Plötzlich öffnet sich dennoch eine Tür, ein verschlafenes Gesicht ist zu sehen. Der Anwohner ist überrascht von den Kameras, die auf ihn gerichtet sind. „Ich habe verschlafen“, sagt er überrascht. Trotz der ernsten allgemeinen Lage eine amüsante Begebenheit.

Die Einsatzkräfte für den Krankentransport sind gut gerüstet und vorbereitet

Um 10.30 Uhr ist die Stimmung am Friedensplatz (noch) gelöst. Neben mehreren Feuerwehrfahrzeugen und der mobilen Einsatzzentrale stehen Fahrzeuge des Ordnungsamtes und viele Rettungsfahrzeuge sowie Kleinbusse für Krankentransporte bereit, Einsatzkräfte stehen herum, besprechen die Lage und geben Pressevertreter*innen Auskunft.

Die Einsatzfahrzeuge und mobile Einsatzzentrale am Friedensplatz. Foto: Karsten Wickern

Am Sonntagvormittag laufen diese speziellen Evakuierungen noch. Im Vorfeld mussten die Krankentransporte angemeldet werden, ganz gleich ob Menschen bettlägerig sind oder auf den Rollstuhl angewiesen sind. „Die brauchen ja alle ein extra Fahrzeug, können nicht einfach in den Bus einsteigen“, macht Lüddecke klar.

Die Patient*innen der Krankenhäuser wurden bereits am Freitag und Samstag in andere Krankenhäuser verlegt. Von den Feuerwehren aus Bonn und Hamburg sind extra Auszubildende angereist, um die Arbeit einer solch großen Evakuierung kennenzulernen. „Insgesamt wird das Gebiet von der Größe einer Kleinstadt evakuiert“, sagt Oberbürgermeister Ullrich Sierau im Interview. 13.000 bis 14.000 Menschen sind das. „Es ist die größte Aktion in der Menge, die wir jemals hatten.“

Die besondere Herausforderung sei die Evakuierung von zwei Kliniken und drei Seniorenheimen gewesen. Alles sei aber gut vorbereitet und die Arbeit klappe gut. Der Kampfmittelräumdienst habe bisher immer einen guten Job gemacht.

Bewohner*innen des Evakuierungsgebietes werden tagsüber in sicheren Vorort gebracht

Busse, bringen die betroffenen Anwohner*innen ins Ausweichquartier nach Scharnhorst. Foto: Karsten Wickern

Busse der DSW21 bringen die Anwohner*innen in ein Ausweichquartier. Zeitweise wussten die Betroffenen aber nicht, wo diese Busse abfahren. Mitarbeiter*innen des Ordnungsamtes stehen an den Absperrungen bereit und geben den Bürger*innen Auskunft.

Vereinzelt fahren noch Privat-Autos über die Möllerbrücke oder entlang des Hauptbahnhofs. Ab 12 Uhr ist aber damit Schluss. In einem Radius von 500 Metern um jeden möglichen Verdachtspunkt herum muss alles menschenleer sein, damit um 14 Uhr die Entschärfung starten kann – so der Plan der Behörden. Ab 12 Uhr fährt auch keine S-Bahn mehr.

Anwohner*innen im Ausweichquartier Gesamtschule Scharnhorst. 

Während der gesamten Zeit, die die Bombenentschärfung benötigt, werden die Menschen in der Gesamtschule Scharnhorst untergebracht. Eine den Umständen entsprechende – vergleichsweise komfortable – Unterkunft mit guter Versorgung.

Anwohner*innen des Evakuierungsgebietes werden dort von den Johannitern mit Essen und Trinken versorgt, es gibt auch ein Fußballquiz, bei dem man Preise u.a. für Eintrittskarten zum Fußballmuseum gewinnen kann. Haustiere sollen ausdrücklich mit nach Scharnhorst genommen werden, also Kleintiere wie Hamster, auch Katzen und Hunde.

Ob Katzen sich jedoch so einfach an die fremde Umgebung gewöhnen können, bleibt fraglich, bei Hunden ist dies einfacher, weil sie an der Leine geführt werden und nicht in Transportkörben untergebracht werden müssen. Gegen 14 Uhr ist die Evakuierung abgeschlossen. Die Kampfmittelräumer der Bezirksregierung können sich ans Werk machen.

Suche nach Verdachtspunkten für Bomben erfordert besonderes Fachwissen und Sorgfalt

Warten auf den Einsatz: An zwei Verdachtspunkten wurden Bomben gefunden. Foto: Karsten Wickern

Doch wie wurden die Bombenverdachtspunkte überhaupt festgestellt? André Lüddecke von der Feuerwehr Dortmund erklärt: „Das geschieht aufgrund von Fotos, die damals von den Alliierten gemacht wurden. Jeder Ort eines Bombenabwurfs wurde dokumentiert. Die Bundesrepublik hat diese Fotos gekauft.“

Experten analysieren dann diese Fotos, denn die Einschlagpunkte von damals lassen Rückschlüsse auf mögliche Blindgänger zu. Laut dem Kampfmittelräumdienst kann es sich um 250- oder 500-Kilogrammbomben handeln, die z.B. die Sprengstoffe TNT, Amoniumnitrat oder Hexogen enthalten.

Die Bomben können mit Aufschlag- oder Langzeitzünder versehen sein. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, dass Kampfmittel so lange in der Erde lagern, ohne zu zünden und eine Detonation auszulösen.

Erfolgreiche Entschärfung von zwei Blindgängern innerhalb weniger Stunden

Evakuierung Klinikviertel

Splitterschutz im Klinikviertel – die mit Containern versperrte Luisenstraße. Foto: Klaus Hartmann

Seecontainer sind wie eine haushohe Wand um den Bombenverdachtspunkt aufgestellt, um bei einer Detonation die Druckwelle abzuwehren, ebenso den Splitterflug. Man könne sich das vorstellen wie eine Kanonenkugel: zuerst gibt es einen Feuerblitz, dann kommt die Kugel.

Die Bombe selbst brennt nicht, aber die Umgebung. Bei Brennbomben verhält sich dies gemäß der Wortbedeutung anders.

Insgesamt vier Verdachtspunkte gab es. Diese wurden heute aufgegraben, um dort zu entschärfen, wo es notwendig ist. Bei zwei Orten ist dies der Fall – der Kampfmittelräumdienst ist gefragt und muss entschärfen. Erfolgreich. Um 16.03 Uhr bzw. um 17.05 Uhr gibt es Entwarnung – die Entschärfung ist geglückt. Die Bomben werden stolz präsentiert.

Verkehrsregelungen im Bereich der Kliniken bleiben noch bis Montag bestehen

Das Team vom Kampfmittelräumdienst Arnsberg kurz nach der Entschärfung. Foto: Karsten Wickern

Derweil können die Anwohner*innen wieder nach Hause zurück. Die Sperrungen werden weitestgehend aufgehoben. Nur im direkten Klinikbereich bleiben die Sperren zum geordneten Abbau der Container sowie zum Rücktransport der Patient*innen am Montag bestehen.

Spätestens am Dienstag werden sich die Autos alle Straßen zurückerobert haben. Schade eigentlich. Der Samstag war ein eindrucksvolles Plädoyer für eine autofreie Innenstadt – so lesen sich zumindest viele Kommentare im Netz.

Zu den Kosten wollte Oberbürgermeister Ullrich Sierau noch nichts sagen. Erst wenn alle Arbeiten abgeschlossen seien, würde man einen Überblick haben und die Verrechnungsmodalitäten klären können. Zur Sicherheit wurden mehr als zwei Millionen Euro im städtischen Haushalt dafür reserviert.

 

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2 Gedanken über “#dobombe: Zwei Blindgänger hielten die Stadt Dortmund in Atem – die Bomben wurden erfolgreich entschärft

  1. Klaus Winter

    Ab mit den beiden Bombenrelikten ins Museum und zwar in das Foyer, damit jeder sofort sieht, was der Zweite Weltkrieg auch Jahrzehnte nach seinem Ende in der Stadt noch anrichten kann! (Und wegen des peinlichen Rechtschreibfehlers noch ein Stück vom Absperrband dazu nehmen …)

  2. SPD-Fraktion Dortmund (Pressemitteilung)

    SPD-Ratsfraktion bedankt sich bei den Einsatzkräften der Evakuierung und Entschärfung im Klinikviertel

    Die groß angelegte Evakuierung und Entschärfung am vergangenen Wochenende war eine in dieser Größenordnung bislang noch nicht dagewesene Herausforderung. Diese Ausnahmesituation für die gesamte Stadt konnte glücklicherweise schnell und unproblematisch beendet werden. Dirk Goosmann, ordnungspolitischer Sprecher, bedankt sich im Namen der SPD-Ratsfraktion bei allen Beteiligten für einen außergewöhnlichen Einsatz.

    „Wir sind sehr froh, dass alles gut gegangen ist. Die akribische und von langer Hand erfolgte Vorbereitung der Entschärfung der beiden 250-kg Bomben aus dem 2. Weltkrieg hat sich bewährt. Alle Beteiligten haben professionelle Arbeit geleistet und gezeigt, dass sich die Dortmunder Bürger*innen auf ihre Einsatzkräfte verlassen können. Unser Dank gilt allen eingesetzten Kräften, die wir gar nicht einzeln aufzählen können. Auch die unzähligen freiwilligen und ehrenamtlichen Helfer*innen haben dazu beigetragen, dass ein reibungsloser Ablauf sichergestellt werden konnte. Wir danken nicht zuletzt auch den betroffenen Bürger*innen für das Verständnis und die Geduld beim Warten, die mit dazu beigetragen hat, dass diese ungewöhnliche, aber unumgängliche Maßnahme schneller als geplant ein Ende gefunden hat.“

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