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DIASHOW „Bye Bye Bottrop“: Der Geierabend feiert auf der Zeche Zollern in Dortmund den Ruhrpott-Karneval

Auf der Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen findet der Ruhrpott-Karneval statt.

Von Roland Klecker (Text und Fotos)

„Bye Bye Bottrop“: Mit dem Abschied von der Kohleförderung im Revier 2018 thematisiert der Geierabend sein neues Programm auf Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen. Aufgrund der kurzen Karnevalssaison fand die Premiere des alternativen Ruhrpott-Karnevals bereits in diesem Jahr statt.

Aktuelles Polit-Kabarett – lokal, national und international

Damit sind auch die grundlegenden Änderungen gegenüber den Vorjahren schon zusammengefasst, ansonsten hält der Geierabend an Altbewährtem fest. Die Klassiker wechseln sich ab mit aktuellem Polit-Kabarett, lokal sowie national und international.

Großartig die Szene, in der Kim Jong-un mit seinem Widersacher Donald Trump zum Ballett antritt. „Dirty Dancing“ ist dabei nicht nur Thema, sondern auch die passende Musikuntermalung, samt Kuschelszene und Hebefigur.

Murat Kayı und Martin F. Risse zeigen mit vollem Körpereinsatz, wie man denn wohl aufeinander zugehen könnte und der Weltfrieden zu bewahren sei. Erst mit Haue, dann mit Liebe, einfach herrlich.

Franziska Mense-Moritz kämpft sich mit Wadenbeinbruch durchs Programm

Das größte Lob des Tages gebührt allerdings Franziska Mense-Moritz, die trotz Wadenbeinbruchs mit Laufgips und Unterarmstütze durchs Programm humpelt. Das mag sie in ihrer Mobilität einschränken, allerdings nicht in ihrer unglaublichen Wandlungsfähigkeit.

In nicht weniger als neun Szenen und Kostümen begeistert sie das Publikum: Mit Sandra Schmitz spielt sie als Brautjungfer ohne Braut („Brautjungfern – der dümmste Trend seit Macarena und Gangnam Style“) und als Nordstadtbrüder Wemser und Mißgeburt („Hömma Wemser, bring mich nich auf Störung!“), die ihrer Mutter unfreiwillig Hannibal-Asyl gewähren müssen.

Als Angela Merkel besingt sie mit dem sturzbetrunkenen Bundesadler den eisgekühlten Bommerlunder und wirft Fragen auf: Was liegt am Boden und kann trotzdem noch umfallen? Als Wappenvogel in Höchstform glänzt Sandra Schmitz, Erinnerungen an die großartige Rede der Freiheitsstatue im letztjährigen Programm werden wach.

In der Zeche Prosper Haniel wird Facebook-Hatespeech endgelagert

In „Dortmunder Kunstschwund“ klärt Menze-Moritz mit Martin F. Risse auf, wo die vermissten städtischen Kunstwerke verblieben sind (beim verstorbenen Nachbarn ausm Katasteramt im Keller). In „Bananen in Bottrop“ besingt sie als strahlende Sonne den Klimaschwund, der zwar Veränderungen bringt, aber die sind ja nicht alle schlecht.

Als ähnlich gülden strahlende Heilige Barbara, Schutzpatronin des Bergbaus, wacht sie über Zeche Prosper Haniel. Die Zeche wird nämlich in Wirklichkeit gar nicht stillgelegt, sondern dient zukünftig als Lagerort für die Hass-Castoren, in denen die Fake-News, Beleidigungen und Hass-Kommentare aus Facebook endgelagert werden. Denn das Internet vergisst bekanntlich nie, und irgendwo muss das Zeug ja hin wenn es dann doch mal gelöscht wird.

Eine furiose Szene, in der dann auch fast das ganze Ensemble mithilft einen erneuten Ausbruch des Hasses (Präsident Roman Henry Marczewski in einer -wörtlich- noch kleineren Rolle als sonst) zu verhindern.

Aber es gab bis zur Pause – man glaubt es kaum – auch noch Highlights ohne die fleißige Menke-Moritz.

Zwischen saalweiter Gruppenhypnose und Öko-Pinkel-Diesel

„Jetzt ist Feierabend! Der Drops ist gelutscht, der Schacht ist abgeteuft! Schicht im Schacht, Zeche zu!“ schallt eine hohle Stimme durch den Saal. Nein, das ist nicht das Ende. Auch nicht für Arthur Koboschinski (gewitzt: Hans-Peter Krüger), den gerade der Tod in Person von Sandra Schmitz holen kommt.

Bei „Tod im Karnickelstall“ zeigt sich, dass ein Ruhri einfach nicht tot zu kriegen ist, wenn man denn den Leibhaftigen richtig zu nehmen weiß. Was für Nebukadnezar, den alten Rammler, allerdings nicht gilt…

Die saalweite Gruppenhypnose durch Hypno Holger (Murat Kayı) war genauso unterhaltsam und kurzweilig wie der Stimmungskracher der Hossa Boys (Henri Marczewski, Martin F. Risse). Beide Nummern bringen das Publikum mit ins Spiel und damit ein wenig echte Karnevalsatmosphäre in den Saal. Andere Nummern liefen leider nicht so gut.

So war das Lustigste an der Nummer „Öko-Diesel – Wer pieselt wenn es dieselt“, in der zwei Automobil-Bonzen ein Harnstoff-Gerät zur Abgasverbesserung vorstellen, dass man sich in der Pause auf den WCs tatsächlich aussuchen konnte, welchem Autohersteller man seine „Harnstoffspende“ zukommen lassen konnte. Immerhin konsequent, der Gag. Zugegeben, der Asthma-Hase dabei war zwar ziemlich niedlich, aber eigentlich überflüssig.

Osmans und Yüksels „Vetternwirtschaft“ glänzte vielleicht durch Wortwitz, in dem der dicke Feta-Vetter und der dünne Feta-Vatter Feta futtern (okay, sag das erstmal drei Mal schnell hintereinander, vor Publikum!), aber die anderen Gags zündeten dann nicht. Schade, hat diese Szene doch Potential für mehr: Ehestreit mit Kamasutra, Erdogan-Referendum ohne ja und nein, Opel Tantra mit Sonderausstattung, da war wohl einfach zu viel in zu kurzer Zeit unrund zusammengefügt.

Präsident Roman Henri Marczewski würdigt Fats Domino

Nach der Pause für das Publikum hat auch Menke-Moritz eine lange, verdiente Auszeit und kommt erst zum Ende wieder auf die Bühne. Der zweite Teil beginnt mit einer hochkarätigen Blues-Nummer von Präsident Roman Henri Marczewski, der mit seinem Tribut an den erst kürzlich verstorbenen Fats Domino seinen wohl stärksten Auftritt hat.

Die Hälfte des Premierenpublikums hat ihn leider verpasst, zu wichtig waren wohl einigen die Händeschüttler und Schulterklopfer bei Mettbrötchen und Currywurst. Man wünscht ihm und sich selbst eine etwas prominentere Platzierung im Programm, mehr als nur die Funktion eines Pausengongs. An dieser Stelle sei auch die konsequent tolle Leistung der Band genannt, bestehend aus Andreas Ruhnke, Matthias Dornhege, Oleg Bordo, Bettina Hagemann und Gilda Razani.

In „Kabale und Tiere“ wuseln alle möglichen Garteninsekten durch gewaltige Grashalme und verabreden sich gegen den gemeinsamen Feind, den Insektizid-sprühenden Gärtner. Wunderbare Kostüme, wuselige Künstler, viel Spaß und Emotionen bei der Planung des Angriffs auf den Störenfried. Dumm nur dass die Eintagsfliege nicht mitspielen darf, da der Angriff erst morgen stattfindet…

Der Geierabend beantwortet Fragen, die noch niemand gestellt hat

„Morgen“ ist ein Zeitraum, der auch für die beiden AWO-Oppas (Hans Martin Eickmann, Martin Kaysh) eine andere Bedeutung hat als für die meisten von uns. Wenn im Heim täglich einer geht und der Platz sofort neu besetzt wird, ist es schwierig mit dem Wahlkampf für den Heimbeirat. Wie sie es schaffen auf legale Art mehr Stimmen als Wahlberechtigte zu bekommen ist dann eine Geschichte für sich. Und für Knut, den Bufti.

Es werden dann noch viele Fragen beantwortet, die eigentlich keiner gestellt hat: Warum wird die Hallig Gallig durch die Schotten heimgesucht? Wie faltet man einen richtigen Aluhut, und warum ist die Antenne so wichtig? Was kann der Kölner Karneval zur Weltherrschaft beitragen? Wieso setzen die schwedischen Buddelschweine Smøre, Brød und Rømpømpømpøm ganz Deusen unter Wasser?

Warum fliegen Kühe aus Schnöttentrop zum Deutschland-Achter? In welche Richtung entwickelt sich das deutsche Schulwesen in Zeiten von Ghettoslang und ADHS? Was ist eine Hawaii-Koalition, und seit wann gehört Hawaii zu den kanarischen Inseln? Was passiert genau, wenn man offline genau so einkaufen ginge wie online?

Pannekopp-Orden soll an lit.cologne oder Armin Laschet gehen

Und auch der Pannekopp-Orden als schwerster Karnevalsorden der Welt soll wieder vergeben werden, wie immer stehen zwei Kandidaten zur Auswahl.

Das Publikum darf entscheiden ob die lit.cologne für ihren Versuch der Alphabetisierung des Ruhrgebiets den Vorzug erhält. Oder doch unser Ministerpräsident Armin Laschet als „Herr der Ringe“, für seinen Vorstoß die Olympischen Spiele in den Pott zu holen.

Präsentiert wird der Pannekopp-Orden vom ewig scheidenden Steiger (Martin Kaysh), der den manchmal sehr weit hergeholten Bezug zu Bottrop erklärt und auch sonst zwischen den einzelnen Nummern gewohnt launig und bissig den Abend moderiert. Was dann auch manchmal der Polit-Prominenz in den ersten Reihen so einige Lacher im Hals umgedreht haben dürfte.

Letzte Saison für Hans Martin Eickmann – „Boah ey, Borussia“

Einer scheidet aber wirklich aus nach dieser Saison, und das ist nicht ohne. Mit Hans Martin Eickmann verlässt ein Mitglied das Ensemble, das wohl wie nur noch Franziska Mense-Moritz dem Geierabend ein Gesicht gegeben hat.

So sind die Zuschauer ungewohnt still, als es „Schalker hier?“ durch den Saal schallt. Spätestens aber als Mense-Moritz die Bierflasche nach „Nehm wa no ein? Ja sicha!“ gekonnt an ihrer Gehhilfe aufstemmt, es ploppt und zischt, tobt das Publikum, es hält niemanden mehr auf den ohnehin unbequemen Bierzeltbänken.

Es wird philosophiert, über Kommartz und die Erdumlaufbahn, die Verlängerung der Woche auf neun Tage (jeden Tag ein Spiel) und natürlich über Borussia und Schalke. Es gibt Szenenapplaus in Form stehender Ovationen, Mitgesang und -geschunkel zu „Boah ey, Borussia“, es wird ziemlich laut im Saal und etwas feucht um die Augen. Wie sagten die beiden großen Philosophen doch so schön im Chor? „Alkohol hilft gegen akute Realität“. Solch eine Show hilft aber auch dagegen, bestimmt.

Da hat es doch was von böser Ironie des Schicksals, dass im Vorraum ein Aufsteller steht mit den gesichtslosen Zwei von der Südtribüne, wo man den eigenen Kopf hinhalten kann. Was wird nun aus diesem Klassiker, wie geht es weiter?  Diese Frage, die bleibt allerdings unbeantwortet.

Mehr Informationen:

  • Der Geierabend 2018 läuft mehrmals wöchentlich noch bis zum 13. Februar.
  • Einlass ab 18.30 Uhr (Sonntags ab 17.30 Uhr), Showtime 19.30 Uhr (Sonntags 18.30 Uhr)
  • Freitags und Samstags anschl. Aftershow-Party
  • Preis: € 37,00, ermäßigt: € 20,90 inkl. VVK-Gebühr (ermäßigt: Schüler, Studenten, Arbeitslose, DO-Pass-Inhaber = Sozialpass, Schwerbehinderte mit B, Begleitperson Schwerbehinderte)
  • Die genauen Termine und Tickets unter http://www.geierabend.de/tickets/
  • Die meisten Wochenend-Termine sind ausverkauft, es gibt nur noch wenige Restkarten. Veranstaltungen unter der Woche sind noch buchbar, auch für Gruppen. 
  • LWL Industriemuseum Zeche Zollern, Grubenweg 5, 44388 Dortmund – Bövinghausen
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