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Der alltägliche Kampf gegen Diskriminierung von Roma in der Nordstadt: Planerladen geht mit „IRON“ neue Wege

Der sogenannte Schwarzarbeiterstrich  – sichtbarstes Zeichen der Roma-Zuwanderung. Fotos: Alex Völkel

Sie gehören zu den am stärksten diskriminierten Gruppen überhaupt – egal wo sie sich aufhalten. Ob in Deutschland, Bulgarien oder Rumänien. Überall haben die Roma zu kämpfen. „Viele verleugnen daher ihre Herkunft“, weiß Gamze Caliskan.

Bulgarische Roma mit türkischen Wurzeln geben sich lieber als Türken aus

Die Aktion Blickwechsel fordert ein Umdenken – Roma dürften nicht pauschal zu Sündenböcken gemacht werden.

So geben sich die Roma mit türkischen Wurzeln in Bulgarien lieber als Türken aus. Als Türken werden sie dort zwar auch diskriminiert. Aber als Roma sind sie noch eine größere Zielscheibe. „In Dortmund erhoffen sie sich dadurch mehr Solidarität der alteingessenen Migranten“, berichtet die Mitarbeiterin des Planerladens.

Die Türkischstämmigen machen etwa 90 Prozent der Roma aus, die aus dem bulgarischen Stolilinovo in die Nordstadt und andere Dortmunder Stadtbezirke kommen. Darauf können die christlichen Roma aus Bulgarien und Rumänien nicht hoffen. Sie haben zudem noch größere Probleme, weil Bulgarisch oder Rumänisch viel seltener gesprochen wird. Daher sind sie noch isolierter.

Neues Vorzeige-Projekt: „Integration der Roma in der Nordstadt“

Gamze Caliskan arbeitet für die Integration der Roma.

Gamze Caliskan will ihnen wie auch den türkischstämmigen Roma helfen. Seit einem Jahr arbeitet sie in dem innovativen Projekt „IRON“. Es steht für „Integration der ROma in der Nordstadt“. Angesiedelt ist es in der Integrationsagentur des Planerladens in der Schützenstraße, wo auch das Antidiskriminierungsbüro und das Konfliktmanagement angesiedelt sind.

Wichtige Aufklärungsarbeit gegen Vorurteile

Das neue Nordstadt-Projekt verfolgt drei Ziele. Punkt 1 ist die Aufklärungsarbeit. „Wir sind schwer angenervt, wie das Thema diskutiert und dargestellt wird“, gesteht Tülin Kabis-Staubach. „In der öffentlichen Wahrnehmung werden Roma nur als Kriminelle, Prostituierte und Dealer dargestellt, die Häuser vermüllen“, berichtet die Mitarbeiterin des Planerladens. „Wir wollen zum Umdenken und zur Versachlichung beitragen.“

Daher hat der Planerladen schon vor Beginn des „IRON“-Projekts Aktionen und Veranstaltungen durchgeführt. Augenfälligstes Beispiel ist die Aktion „Blickwechsel“: Die Banneraktion hat viel Anklang gefunden – positiv wie negativ. Von der Forderung, diese Banner abzuhängen, obwohl die Aktion genehmigt war, bis zu „Endlich!“-Rufen. Denn nicht wenige Menschen ärgern sich über die Diskriminierung, die die Roma erleiden müssen. „Keine Gruppe wird so diskriminiert. Und das ist auch noch gesellschaftsfähig“, kritisiert Kabis-Staubach.

Veranstaltungen ermöglichen persönliche Begegnungen

Zu einem Film mit Diskussion über ihr Leben kamen auch Roma. Foto: Planerladen/WR/Luthe

Für viele Einheimische waren die Veranstaltungen des Planerladens die ersten Begegnungen mit Roma – abgesehen von Begegnungen am Straßenrand. Im Depot hatten sie im Juli 2011 zu einem Film mit Podiumsdiskussion eingeladen, bei der auch Roma anwesend waren. So kamen die Besucher erstmals miteinander ins Gespräch – auch dank der Übersetzungsmöglichkeiten.

Aus dieser Aktion ist der „Freundeskreis nEUbürger und Roma“ entstanden: 30 Mitglieder zählt er mittlerweile: Sozialverbände und freie Träger, Arbeitsagentur, Wirtschaftsförderung, Sozialdezernat, Mieterverein, DGB, Grünbau, Bodo und Privatpersonen sind hier beteiligt.

Annäherung und Dialog als Schlüssel zum Erfolg

Daher ist „ Annäherung und Dialog“ auch der zweite Baustein des Projekts. „Wir leisten aufsuchende Arbeit, machen Hausbesuche, leisten Unterstützung und vermitteln Hilfen“, erklärt Gamze Caliskan. Dabei wird eins deutlich: Wenn die Roma eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben bekommen, nutzen sie sie auch. „Ich habe viele Wohnungen gesehen. Sie waren zwar sehr bescheiden eingerichtet, aber picobello sauber“, betont Tülin Kabis-Staubach.

Dies mache deutlich, dass die Vermüllung von Problemhäusern kein Problem der Roma, sondern der Überbelegung sei. „Wenn zehn Leute in einer 40 Quadratmeter großen Wohnung leben, fällt ja auch Müll für zehn Personen an.“ Doch die Zahl der Müllbehälter werden deswegen von den Vermietern nicht erhöht. Also landeten Müllsäcke im Hof. Apropos Müllsäcke: Sie zeigten ja, dass der Müll in den Wohnungen gesammelt und dann nur nicht abgeholt werde. „Natürlich gibt es auch schwarze Schafe, die den Müll auch so hinwerfen“, räumen die Frauen vom Planerladen ein. Allerdings sei an ein ordentliches Leben in Abbruchhäusern auch nicht zu denken.

Stadt muss sich für Zuwanderung wappnen

Viele Anwohner beklagen sich über Problemhäuser und vermüllte Areale.

„Die Stadt braucht daher bezahlbaren und menschenwürdigen Wohnraum für die Zuwanderer“, verdeutlicht Tülin Kabis-Staubach. „Sonst ziehen sie illegal in leerstehende Häuser oder werden Opfer dubioser Eigentümer.“ Denn die Vermietung von Matratzen zu horrenden Preisen ist keine Seltenheit. „Ich habe selbst erlebt, dass eine 36 Quadratmeter große Wohnung an sieben Personen vermietet wurde“, ergänzt Gamze Caliskan. Doch die Roma, selbst wenn sie den Weg zum Planerladen gefunden und Vertrauen gefasst haben, wollen über die dubiosen Vermieter nichts berichten. „Sie haben Angst, dass die Häuser dann geschlossen werden. Sie oder ihre Freunde und Verwandte leben dann im Park.“

Daher hoffen die Aktiven auf eine Gesetzesnovelle des Wohnungsaufsichtsgesetzes. Die Kommunen können zwar auch jetzt schon menschenunwürdige Wohnungen schließen. Aber das helfe den Menschen nicht. Ein Vorschlag einer Enquette-Kommission sieht deshalb vor, die Kommunen zu verpflichten, dann Ersatzwohnraum vorzuhalten. Doch frühestens zum 1. Januar 2014 würde das Gesetz novelliert. „Die meisten Menschen fliehen vor oder während einer Räumung. Doch dann hätten sie nichts mehr zu befürchten“, erklärt Kabis-Staubach. Dann könnte dubiosen Anbietern auch leichter das Handwerk gelegt werden.

Aufbau von Selbsthilfestrukturen und Lobbyarbeit

Doch für die Realisierung dieser und anderer Vorhaben bräuchte es eine bessere Lobbyarbeit. Genau da will der dritte Baustein von „IRON“ ansetzen. Das Ziel ist die Selbstorganisation der Roma. Selbsthilfeprojekte und Strukturen gibt es bislang nicht. Auch der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland fühlt sich bislang nicht so recht verantwortlich. Denn ihre Mitglieder sind deutsche Staatsbürger, teils seit Jahrhunderten in Deutschland zu Hause und meistens bestens integriert. Sie scheuen sich daher, mit den Armutszuwanderern aus Südosteuropa in einen Topf geworfen zu werden.

Bundesfinanzierung reicht nur für eine halbe Stelle

Tülin Kabis – Staubach engagiert sich für Roma in der Nordstadt.

Doch alle drei Ziele zeitnah zu erfüllen, dafür fehlen dem Planerladen die Mittel: Gerade mal eine halbe Stelle kann aus den Projektmitteln des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge finanziert werden. Daher wird Gamze Caliskan von ihren Kolleginnen und Kollegen vom Antidiskriminierungsbüro und dem Konfliktmanagement personell unterstützt. „Wir könnten gut fünf Leute sinnvoll Vollzeit in dem Projekt einsetzen“, betont Prof. Rainer Staubach, der mit seiner Frau Tülin das Projekt auf den Weg gebracht hat. „Aber wir sind ja Mangelverwaltung gewohnt.“ Sie hoffen nun, dass die angekündigte Landeshilfe auch die Nordstadt und vielleicht auch den Planerladen erreicht (nordstadtblogger.de berichtete – Links zum Thema am Ende).

Daher macht der Planerladen mit seinen begrenzten Mitteln weiter. Die ersten Erfolg sind sichtbar. So konnten die Mitarbeiter bei mehreren Familien erreichen, dass sie nun doch Kindergeld bekommen. Obwohl sie als EU-Bürger anspruchsberechtigt waren, hatte die Familienkasse die Anträge abgelehnt. Nach Intervention des Planerladens klappt dies nun relativ unbürokratisch. Rund 400 Hilfsgesuche haben den Planerladen in den vergangenen Monaten insgesamt erreicht. 300 davon aus dem Kreis der Roma. Sie brauchen Hilfe bei Unterkunft, Ausstattung, Behördengängen oder bei der medizinischen Versorgung.

Menschen aus Südosteuropa suchen dringend eine legale Arbeit

Existenzgründerberatung für Roma hatte „IRON“ im Wichernhaus angeboten. Foto: Planerladen

Mehrfach täglich kommen auch Anfragen, ob sie nicht Arbeitsgelegenheiten wie Putzstellen wüssten. „Die Roma wollen arbeiten – die Männer wie die Frauen“, betont Tülin Kabis-Staubach. Doch bisher dürfen sie es ja nicht – außer als Selbstständige. Um diesen Weg zu erleichtern, hat das Büro eine Infoveranstaltung durchgeführt, die von 40 Roma besucht wurde. Kein leichtes Unterfangen: Denn die deutsche Bürokratie ist komplex, das Bildungsniveau der Armutsflüchtlinge niedrig. „Daher ist die Selbstständigkeit eher eine Notlösung“, wissen die Expertinnen. Das könnte sich ab Januar 2014 ändern, wenn sie offiziell hier arbeiten dürfen. Doch auch dann bleiben ihnen noch viele Wege verschlossen. Zum Beispiel, weil ihnen als EU-Bürger eben keine kostenlosen Sprachkurse zustehen wie Flüchtlingen außerhalb Europas. Genau dafür sollen unter anderem die zusätzlichen Mittel des Landes genutzt werden.

Stadtplan des Freundeskreises „nEUbürger und roma“ mit Hilfsangeboten informiert in vier Sprachen

Den Stadtplan des Freundeskreises mit Hilfsangeboten gibt es in vier Sprachen.

Um überhaupt auf die Hilfsangebote aufmerksam zu machen, hat der Freundeskreis für Neubürger und Roma einen Stadtplan mit Hilfsangeboten in vier Sprachen erstellt und gedruckt. Neben Deutsch gibt es sie auch auf Türkisch, Bulgarisch und Rumänisch. Die erste Auflage war sofort vergriffen, die zweite Auflage ist im Umlauf. Für den Planerladen ist es nicht schwierig, sie in an den Mann (und die Frau) zu bringen. Sie gehen vor Ort, informieren in Kitas, Schulen (insbesondere den Auffangklassen) und auf der Straße.

Entsprechend gut frequentiert war der Infostand am Nordmarkt in der vergangenen Woche. Dort wurden auch gespendete Sachen verteilt. Rund 70 Roma nutzten das Angebot. Ziel soll es nun sein, die Hilfsangebote besser zu vernetzen. Doch das ist mitunter gar nicht so einfach: Fast acht Monate hat es gedauert, bis alle Hilfs- und Beratungsstellen ihre Informationen für den Flyer geliefert hatten. Wohl auch aus Sorge, von Hilfesuchenden überrannt zu werden. Da gibt es sie wieder, die tagtägliche Diskriminierung. Selbst unter den Menschen, deren Berufung es ist, anderen zu helfen.

 

Weitere Links zum Thema auf nordstadtblogger.de:

Großes Interesse an „Arme Roma – Böse Zigeuner: Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt

Landesregierung will Städten mit Armutseinwanderern helfen

IBB plant Exkursion für Fachkräfte in die Heimatländer der Armutsmigranten

Planerladen: „Schluss mit der Sündenbockpolitik!“

 

Weitere Links zum Thema im Internet:

Link zum „freundeskreis für nEUbürger und roma“ 

Der Flyer mit Hilfsangeboten zum DOWNLOAD

Interessanter Artikel: Osteuropäische Roma: Zwischen Balkanheimat und Hoffnung im Westen

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3 Gedanken über “Der alltägliche Kampf gegen Diskriminierung von Roma in der Nordstadt: Planerladen geht mit „IRON“ neue Wege

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