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Auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen – Mehr Inklusion auf dem Arbeitsmarkt kann eine Bereicherung für alle sein

Jeronimo Schöber ist von Geburt an blind. Er arbeitet als Masseur in der Physiopraxis von Meinolf Wiese und hat weitere Ziele, die er mit Selbstvertrauen, Ehrgeiz und Eigeninitiative verfolgt. Foto: Arbeitsagentur Dortmund

Der 3. Dezember ist der „Internationale Tag für Menschen mit Behinderung“. Trotz der großflächigen Zunahme inklusiver Maßnahmen, die Menschen besser in die Gesellschaft integrieren und ihnen ein Netz sozialer Sicherheit und Akzeptanz bieten sollen, haben Menschen mit „Handicap“ im Alltag immer noch mit Vorbehalten und Skepsis zu kämpfen, besonders im Bereich Beruf und Arbeit. Jeronimo Schöber, von Geburt an blind, appelliert an andere Betroffene, sich nicht immer in die Hilfehaltung drängen zu lassen und klein beizugeben, sondern an die eigenen Fähigkeiten zu glauben, Initiative zu ergreifen und sich so den Weg zur persönlichen Erfüllung zu bahnen.

Jerome ist überzeugt, dass der Glaube an sich selbst den Weg zum Erfolg ebnen kann

Der Werdegang des 36-jährigen Jeronimo Schöber ist ein Beispiel, das vielen Betroffenen Mut macht. „Als Mensch mit einer Behinderung wirst du schnell in eine Ecke gedrängt. Viele machen das nicht extra, doch aus Unwissenheit gehen viele Menschen davon aus, man könne Dinge schlechter, beziehungsweise gar nicht, nur weil man nicht sehen kann. Hiergegen müssen wir uns wehren – indem wir selbstbewusst auftreten und uns nicht stets in diese Rolle drängen lassen“, sagt der 36-Jährige. 

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So hat sich Jeronimo Schöber auch bewusst für einen Schulabschluss an einer herkömmlichen Schule entschieden, machte daraufhin seine Ausbildung zum Masseur und medizinischem Bademeister und ist nun seit Januar 2019 – nachdem er sich zunächst um die Erziehung seiner Kinder kümmerte – als Masseur in der Physiopraxis Wiese tätig.

Für seinen neuen Chef war schnell klar, dass der dreifache Familienvater hervorragend ins Team passt. „Jeronimo hat sich hier super eingelebt und wurde vom Team aktiv aufgenommen“, berichtet der Physiotherapeut. Die zur Ausübung der Beschäftigung nötigen technischen Arbeitshilfen beantragte Schöbers neuer Chef bei der Agentur für Arbeit Dortmund und sie wurden ihm bewilligt. 

Nächstes Ziel des dreifachen, ambitionierten Familienvaters ist die Ausbildung zum Physiotherapeuten

Die Betroffenen verfügen meist über gute Qualifikationen und lange Berufserfahrung.

Die Blindheit seines Angestellten bewertet der Therapeut eher als Vorteil denn als Handicap. „Wenn man täglich mit und am Menschen arbeitet, dann wirst du schnell feststellen, dass Behinderungen und Beeinträchtigungen von Menschen zum Leben einfach mit dazugehören“, sagt der Therapeut. 

Über Scheuklappen, die in unserer Gesellschaft leider immer noch zu oft vorherrschen, könne er nur lächeln. „Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass sich Jeronimo Schöber aufgrund seiner Behinderung in unserer Branche gewissermaßen in der Pole-Position befindet. Denn er hat früh lernen müssen, sich auf seinen Tastsinn zu verlassen. Andere angehende Masseure müssen dies erst einmal erlernen“, so Wiese. 

Das kann Schöber bestätigen: „Ich denke, ich kann sagen, dass ich meine Arbeit gut mache. Viele Kunden haben ein besonderes Vertrauen zu mir, kommen auf mich zu und geben mir positives Feedback.“ Seine nächste Herausforderung hat der Dortmunder Masseur bereits in Angriff genommen – seit Herbst 2019 büffelt er nun für die Ausbildung zum Physiotherapeuten. 

Chefin der Arbeitsagentur Dortmund appelliert an Arbeitgeber, Potentiale zu nutzen

Heike Bettermann appelliert an Arbeitgeber, den Menschen Chancen zu bieten und ihre Potentiale zu fördern und zu nutzen. Foto: Alex Völkel

Auch hier konnten es einige Personen kaum fassen, dass er diese Ausbildung nicht an einer speziellen Schule für Blinde absolviere, erzählt Schöber. „Aber wie gesagt, wir dürfen uns nicht in die Hilfehaltung drängen lassen. Vieles können wir, das müssen wir nur deutlich machen“, appelliert Schöber auch an weitere Betroffene.

Dennoch profitieren Menschen mit Behinderung im Jahr 2019 noch nicht gleichermaßen von den positiven Entwicklungen am Arbeitsmarkt wie Menschen ohne Behinderung. Vorbehalte von Unternehmen sind spürbar. Es besteht noch zu oft Skepsis vieler Arbeitgeber.

„Wenn wir als verantwortungsbewusste Gesellschaft agieren wollen, müssen wir viel mehr aus dem Potenzial der Menschen mit Behinderung schöpfen“, sagt Heike Bettermann, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Dortmund. So ist die Beschäftigung Schwerbehinderter zwischen 2013 und 2017 zwar um 216 Personen auf 10.612 Beschäftigte gestiegen, konnte allerdings nicht der wesentlich stärkeren Zunahme der Gesamtbeschäftigung folgen. 

Betroffene sind meist gut qualifiziert und verfügen über viel Berufserfahrung

Auch wenn der Trend positiv ist, bleibt viel Luft nach oben. Grafik: Arbeitsagentur Dortmund

Entgegen der allzu häufigen Annahme sind arbeitslose Menschen mit Behinderung meist gut qualifiziert. In Dortmund verfügen rund 53,8 Prozent der arbeitslos gemeldeten schwerbehinderten Menschen mindestens über einen Fachkraftabschluss in einer dualen Berufsausbildung. Hinzu kommt, dass viele von ihnen langjährige Berufserfahrungen sammeln konnten.

Trotzdem verringert sich der Vorteil der guten Qualifikation von schwerbehinderten Arbeitslosen bei genauerer Betrachtung der Zahlen. Durchschnittlich liegt die Dauer der Arbeitslosigkeit deutlich über der von Nicht-Schwerbehinderten. Diese sind im Schnitt 252 Tage kürzer arbeitslos.

Im Vergleich sind  Männer mit einem Anteil von 60 Prozent stärker von der Arbeitslosigkeit betroffen als Frauen. Die Beschäftigung der gemeldeten schwerbehinderten Menschen in Dortmund stieg im Zeitraum zwischen 2013 und 2017 von 10.396 auf 10.612 Personen leicht an. Dennoch konnte sie nicht der wesentlich stärkeren Zunahme der Gesamtbeschäftigung folgen. 

In Dortmund gibt es anteilig mehr schwerbehinderte Menschen als in NRW

Die Grafik zeigt Anteil und Zunahme schwerbehinderter Menschen in der Bevölkerung von Dortmund.

Von den Personen im erwerbsfähigem Alter zwischen 15 und unter 65 Jahren zählen in Dortmund 7,6 Prozent zu den schwerbehinderten Menschen. In ganz Nordrhein-Westfalen sind es 6,5 Prozent. 

Laut dem statistischen Landesamt IT.NRW besaßen in Dortmund Ende 2017 rund 72.737 Menschen einen anerkannten Grad der Behinderung von mindestens 50. Dies entspricht einem Anteil von 12,4 Prozent an allen EinwohnerInnen Dortmunds. Schwerbehinderungen entstehen zu 94 Prozent durch Krankheit, nur ca. 4 Prozent sind angeboren. 

Der Anteil schwerbehinderter Menschen nimmt mit fortgeschrittenem Alter zu. So liegt der 55- bis 65- Jährigen bei 19,7 Prozent, der Anteil der 65-Jährigen und mehr bei 35,1 Prozent. Die Öffentliche Verwaltung beschäftigt mit 59.152 die meisten schwerbehinderten Menschen in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von der Verwaltung und Führung von Unternehmen mit 47.506 Personen. Im nordrhein-westfälischem Gesundheitswesen sind insgesamt 15.083 schwerbehinderte Menschen beschäftigt. 

Die Agentur für Arbeit bietet Arbeitgebern Unterstützung durch

  • Umfassende Information und Beratung
  • Unterstützung bei der Rekrutierung
  • Behinderungsgerechte Einrichtung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen
  • Finanzielle Förderung zur Schaffung neuer Arbeits- und Ausbildungs-
    plätze für schwerbehinderte Menschen
  • Finanzielle Förderung bei der Beschäftigung schwerbehinderter Men-
    schen.

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