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Jugendarbeitslosigkeit: trotz freier Ausbildungsplätze passt es bei Betrieben und BewerberInnen häufig nicht zusammen

Eine Berufsausbildung ist der Einstieg in ein erfolgreiches Berufsleben. Foto:

Schöne heile Welt: Ausbildung als Start in ein erfolgreiches Berufsleben. Die Wirklichkeit sieht häufig anders aus.

Seitdem immer mehr Betriebe händeringend nach Fachkräften suchen, richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf deren Ausbildung. Denn hier kann der fast schon chronische Mangel präventiv bearbeitet werden. Leider gelingt vielen Jugendlichen nach der Schule kein einfacher Übergang in den Beruf, obwohl es freie Ausbildungsplätze zuhauf gibt. Wieso? – Die Halbjahresbilanz des Ausbildungsmarktes für Dortmund liefert dazu regelmäßig detaillierte Zahlen. Vorgestellt an Ort und Stelle – vor einem sich anbahnenden Speed-Dating in Malzers Backstuben an der Saarlandstraße. Dort, wo sich Schwierigkeiten exemplarisch zeigen lassen.

Ein Fazit zum Ausbildungshalbjahr 2018/19: 100 BewerberInnen rechnerisch auf 99 Stellen

Halbjahresbilanz: Ausbildungsmarkt rechnerisch ausgeglichen

Die Anzahl freier Stellen und der Gesuche sind 2018/19 nahezu ausgeglichen. Quelle (9): Arbeitsagentur

Die gute Nachricht zuerst: alle Jugendlichen, die aktuell in Dortmund einen Ausbildungsplatz suchen, können ihn prinzipiell auch finden. Weil rein rechnerisch der Ausbildungsmarkt ausgeglichen ist: es gibt in den ersten sechs Monaten des Ausbildungsjahres 2018/2019 (September bis März) nahezu so viel freie Stellen (3.263) wie BewerberInnen (3.297).

Damit verbesserte sich die Relation zu Beginn der „heißen“ Einstellungsphase“ (April bis August) gegenüber dem Vorjahr von 0,90 auf 0,99; d.h. auf 99 angebotene Stellen (insgesamt 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr) kommen 100 BewerberInnen. Angebot und Nachfrage halten sich also nahezu die Waage. Was will man mehr?

Potentielle BewerberInnen bei Beratung und Information über die Ausbildung bei Malzers

PK über der Backstube Malzers in der Saarlandstraße

„Die Zwischenbilanz zum Beginn der heißen Phase ist allerdings nur ein erster Eindruck der aktuellen Situation auf dem Ausbildungsmarkt in Dortmund“, so die scheidende Chefin der Agentur für Arbeit, Martina Würker, vorsichtig bei Vorstellung der Halbjahresbilanz in der Backstube Malzers. Da kann sich noch einiges tun.

Doch bereits jetzt stimmt ein zweiter Blick auf die vorliegenden Daten der ersten sechs Monate im Dortmunder Ausbildungsjahr nicht nur fröhlich. Abzüglich jener BewerberInnen, die sich einen Ausbildungsplatz haben sichern können oder „versorgt“ wurden, verbleiben nämlich weiterhin 1.784 junge Leute im Agenturbezirk auf Ausbildungssuche, immerhin 54 Prozent der Gesamtheit.

Aber: fast dreiviertel aller Jugendlichen findet über sechs Monate keine Ausbildungsstelle

Zahlreiche Ausbildungsstellen noch unbesetzt, Zahl der Bewerber ohne Ausbildungsalternative rückläufig

Zahlreiche Ausbildungsstellen sind noch unbesetzt; die Zahl der Bewerber ohne Ausbildungsalternative ist rechnerisch rückläufig.

Das sind zwar 218 weniger als im Vorjahr; ihnen stehen 2.430 unbesetzte Ausbildungsstellen gegenüber. Diese Zahl kommt deshalb zustande, weil zu den „versorgten“ Bewerbern auch junge Erwachsene zählen, für die „die Einmündung in eine Berufsausbildung, ein weiterer Schulbesuch, eine Teilnahme an einer Fördermaßnahme oder eine andere Alternative zum 30. September bekannt ist“, heißt es nach Definition der Arbeitsagentur.

Sie tauchen mithin nicht mehr als einen Ausbildungsplatz suchend auf, haben aber auch keinen belegt. Deshalb bleibt die Zahl der unbesetzten Stellen von ihnen unberührt. Diesen Daten zufolge hat sich dann gegenüber 2017/18 die Relation unversorgter BewerberInnen zu offenen Stellen von 1:1,18 auf 1:1,36 (2018/19) verschoben. Dieses Missverhältnis wir durch die Schulabgänge im Frühsommer aber wieder zusammenschrumpfen, gleichzeitig werden mit dem Ende des ersten Lehrjahres weitere Ausbildungsplätze frei werden.

Fast 1.800 Bewerberinnen und Bewerber suchen noch nach der „richtigen“ Ausbildungsstelle

Fakt ist: fast 1.800 BewerberInnen suchen noch
nach der „richtigen“ Ausbildungsstelle.

Wie sich dies im Insgesamt der Jahresbilanz niederschlägt, wird sich dann konkretisieren. Die Herausforderungen zeigen sich aber schon jetzt.

Denn von den knapp 3.300 Jugendlichen, die mit Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September 2018 einen Ausbildungsplatz gesucht haben, waren lediglich 867 Personen darin erfolgreich.

Werden jene hinzugezählt, die nun doch weiterhin die Schule besuchen oder in Fördermaßnahmen gebunden, also irgendwie „versorgt“ sind, liegt der Anteil immer noch unter 50 Prozent. Das ist eher mager, aber auch dem Erhebungszeitraum geschuldet.

Die Agentur-Chefin bestätigt die Vermutung: bei diese Kohorte handelt es sich um eine problematischere Gruppe. Und in der Tat: über 50 Prozent der BewerberInnen stammen aus Schulentlassungen des Vorjahres oder aus noch früheren Jahren, suchen also seit längerem bereits erfolglos nach einem Ausbildungsplatz. Sie werden sozusagen von Jahr zu Jahr mitgeschleppt und tauchen immer wieder im ersten Berichtshalbjahr bis zum März in der Statistik stärker auf, während in der Gesamtjahresbilanz sich das düstere Zahlenwerk durch die eher „gradlinigen“ Schulabgänge im Frühsommer, die schnell einen Ausbildungsplatz finden, erhellt.

Staatliche Unterstützungssysteme lösen bislang Passungsprobleme nicht ausreichend

Gemeldete BewerberInnen zu Ausbildungsstellen seit 2017

Gemeldete BewerberInnen zu Ausbildungsstellen seit 2017: sieht vordergründig gut aus.

Dass dieses Verhältnis erfolgreicher zu den weniger erfolgreichen BewerberInnen in sechs Monaten zum Ende des Ausbildungsjahres hin daher wahrscheinlich etwas günstiger aussehen wird, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass offenbar ein erheblicher Teil junger Menschen großer Schwierigkeiten hat, eine Lehrstelle zu finden.

Was auch immer Erklärungen dafür im Einzelnen sein mögen, dass ein beträchtlicher Teil eines Schulabgangsjahrgangs keine Ausbildungsstelle findet. Tatsache ist: Es gibt offenbar ein erhebliches Passungsproblem: jene, die eine Ausbildungsstelle suchen, kommen nicht mit den Betrieben zusammen, die ausbilden wollen, um ihren Fachkräftebedarf von morgen zu sichern.

Feierliche Unterzeichnung des Ausbildungspaktes „Starke Nordstadt“

Feierliche Unterzeichnung des Ausbildungspakts „Starke Nordstadt“ –  ein Tropfen auf den heißen Stein?

Verschärfend kommt hinzu, dass dieses chronische Matching-Defizit trotz der beträchtlichen Anstrengungen und Maßnahmen der Akteure auf dem kommunalen Arbeitsmarkt Realität ist.

Zu den Bemühungen gehören etwa die Ausbildungspakte wie an der Anne-Frank-Gesamtschule oder in Westerfilde; die vielfältigen Angebote und Hilfen, um drohenden Ausbildungsabbrüchen in den Betrieben entgegenzuwirken.

Und besonders die modularen Unterstützungssysteme, organisiert über die Netzwerkinitiative „Jugendberufshaus“, um junge Menschen mit (multiplen) Vermittlungshindernissen ausbildungsfähiger zu machen und sie so langsam an den Lehrstellenmarkt heranzuführen.

Weniger Schulnoten, sondern die Mischung besonderer individueller Fähigkeiten fällt mehr ins Gewicht

Das Jugendberufshaus vereint Jugendamt, Jobcenter und Arbeitsagentur.

Modularsystem Jugendberufshaus: vereint sind hier Jugendamt, Jobcenter und Arbeitsagentur. Foto: Alex Völkel

Wo hakt es? Es sind häufig auch die wegen der rapiden Veränderung von Arbeitsprozessen – Stichwort: Digitalisierung – veränderten Anforderungsprofile von Unternehmen, die nicht zu individuellen Qualifikationen passen. Erwartet wird Flexibilität und vor allem Vielseitigkeit; die aber lässt sich kaum auf einen formalen Nenner bringen, der für den Lehrstoff während einer Berufsausbildung steht.

Die zielgerichtete Steuerung staatlicher Hilfen zur effektiven Vorbereitung auf eine Lehre oder Ausbildung wird schwieriger. Daher sei ein modularer Ansatz unabdingbar, bestätigt auch Martina Würker auf Nachfrage.

Indem gleichsam wie aus einem Baukasten auf spezielle Probleme fokussierte, fachkompetente Hilfsangebote an „schwierige“ Jugendliche gemacht werden, deren Startbedingungen ins Leben weniger günstig waren.

Je nach Bedarf individuell zugeschnitten und aufeinander abgestimmt, in einem interdisziplinär arbeitenden Team. Das Gießkannenprinzip funktioniere da nicht mehr, so Würker. – Zugleich und aus diesem Grund treten Noten auf Zeugnissen stärker in den Hintergrund: die je individuelle Qualitäten junger Erwachsener werden wichtiger.

Mit anderen Worten: Qualifikationsnachweise auf Papier erhöhen in einem geringer werdenden Umfang die Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Es kommt stärker als früher auf das persönliche System von Fähigkeiten und Fertigkeiten an und dessen Eignung für die besonderen Anforderungsprofile von Betrieben.

Trotz eines Überangebots an Stellen: 54 Prozent der Jugendlichen blieben bislang „unversorgt“

In vielen Fällen genügt es deshalb nicht mehr, gut in der Schule gewesen zu sein; genauso wie umgekehrt schlechtere Noten oder Abschlüsse keinen zwingenden Ausschlussgrund darstellen, wenn es ansonsten passt.

Der Übergang von Schule in Ausbildung stellt eine große Herausforderung dar. Foto: Arbeitsagentur

Da ist keine Straße mehr: der Übergang von Schule in eine Ausbildung ist gepflastert mit Stolpersteinen und heißt oft Unsicherheit.

Das schafft neue Unsicherheiten: die Übergänge von der Schule in den Beruf werden komplexer, unberechenbarer. Die Vorstellung einer vorgezeichneten Karriere, wenn ich nur die Eingangsvoraussetzungen bewältige, mutet für jene, die zeitlebens von ihrer Arbeitskraft werden leben müssen, mittlerweile als vollständig antiquiert an.

An den Eingangsvoraussetzungen in Sachen Schulbildung hat sich bei den BewerberInnen – wenig überraschend – kaum etwas verändert: 1.071 Personen oder 32,5 Prozent verfügen aktuell über die Fachhochschulreife oder die allgemeine Hochschulreife, 1.249 über einen Realschulabschluss. Nur bei den BewerberInnen mit einem Hauptschulabschluss waren es mit 4,1 Prozent (= 745 Personen) weniger; dies entspricht der Tendenz, dass diese Schulform bedeutungsloser wird.

Rückgang der Bewerberinnen und Bewerber aus allgemeinbildenden Schulen

Mehr Jugendliche sind ohne Schulabschluss.

Bezeichnend: 2.320 der insgesamt 3.297 eine Lehrstelle suchenden Heranwachsenden oder über 70 Prozent hatten mindestens die Mittlere Reife; dennoch fanden bis heute, also nach sechs Monaten nur erwähnte 867 von ihnen, also gut 26 Prozent einen Ausbildungsplatz bzw. kamen knapp 46 Prozent überhaupt irgendwie „unter“, während die restlichen 54 Prozent gänzlich „unversorgt“ blieben.

Das sind dann junge Leute unter 25, die offiziell – nichts machen. Keine Ausbildung, keine weiterführende Schule, sich in keinen vorbereitenden Fördermaßnahmen befinden – nichts. Die bereits in jungen Jahren zumeist dem SGB II zugeordnet sind, ohne dass für sie aktuell etwas geschähe, da raus zu kommen. Deren Strukturierung des Alltags und ihres Leben entweder gar nicht vorhanden ist oder mit erhöhter Wahrscheinlichkeit von Schieflagen geprägt ist, die nicht gut enden könnten.

Verschärfung des Fachkräftemangels durch Rentenabgänge der geburtenstarken Jahrgänge

Die Ursachen oder Gründe, weshalb jährlich eine signifikante Anzahl junger Leute dem Ausbildungsmarkt zwangsweise oder gewollt fernbleibt, sind das Eine. Die kommunal- und volkswirtschaftlichen Konsequenzen ist aber auch nicht ohne; Stichwort: der jetzt schon spürbare Fachkräftemangel.

Städte als Einpendler-Magneten für Auszubildende

Städte als attraktiver Wirtschaftsstandort sind Einpendler-Magneten für Auszubildende.

Denn in den nächsten Jahren werden die sog. Baby-Boomer, die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1966 in Rente gehen. Dadurch werden dem Arbeitsmarkt in einem noch stärkeren Maße Fachkräfte entzogen werden, als dies heute schon der Fall ist.

Sollte sich an dem chronischen Fachkräfteengpass wegen des demographischen Wandels mit einer steigenden Zahl von Rentenabgängen nichts ändern, wird die Bundesrepublik im Übrigen kaum um ein Einwanderungsgesetz herumkommen, mit dem der dringend benötigte Zugang von Expertise gesteuert werden kann.

Aber diese Musik spielt in Berlin und was dabei herauskommt, ist heute abstrakt. In Dortmund hingegen müssen lokale Arbeitsmarktakteure konkrete Lösungen finden. Und mit ihren vorhandenen Mitteln. Wie sieht das in den Unternehmen aus, die so dringend Nachwuchs benötigen?

Weniger vakante Ausbildungsstellen als nachgefragt: darf der Fachverkauf von morgen sorgenfrei sein?

Ausbildungsmarkt nach Berufen – nur geringfügige Änderungen zu den Vorjahren

Ausbildungsmarkt nach Berufen – gegenüber den Vorjahren nur geringfügige Änderungen.

Von den nachgefragten Ausbildungsberufen entfallen gegenwärtig allein an die 250 auf die Zweige Kaufmann/frau im Einzelhandel und für Büromanagement; die Zahl der unbesetzten Stellen liegt nur geringfügig niedriger – es liegt scheinbar wieder ein Passungsproblem vor.

Eine erhöhte Nachfrage gibt es beim Nachwuchs an Fachkräften für Lagerlogistik – ein Effekt, der nicht zuletzt dem neuen Logistikzentrum von Amazon auf dem Gelände der ehemaligen Westfalenhütte geschuldet ist. Das scheint sich hingegen noch nicht rumgesprochen zu haben – die Nachfrage ist gering. Wenig überraschend vielleicht auch deshalb, weil der Ruf des Internet-Konzerns unter GewerkschafterInnen bekanntlich und sicher nicht ohne ganz Grund zu wünschen übrig lässt.

Ausbildungsmarkt nach Berufen – nur geringfügige Änderungen zu den Vorjahren

Unbesetzte Ausbildungsstellungen vs. unversorgte Gesuche

Asymmetrisch in die gegenteilige Richtung verhält es sich beim Nachwuchs für VerkäuferInnen: 75 vakanten Ausbildungsstellen stehen 100 unversorgte BewerberInnen gegenüber. Wie können die Beteiligten zueinander kommen? – Ein Beispiel ist das Bäckereigewerbe, in dem zumeist ein ausgesprochener Mangel an FachverkäuferInnen vorherrscht – wo es aber vielleicht genügend BewerberInnen für eine Ausbildung gibt? Was unternehmen die Betriebe, um gegenzusteuern?

Das Pressegespräch über die Halbjahresbilanz am Dortmunder Ausbildungsmarkt führt in die Büros der Backstube Malzers über der Filiale an der Saarlandstraße. Später ist ein Speed-Dating mit künftigen Auszubildenden als BäckereifachverkäuferIn angesagt, bei dem das Traditionsunternehmen mit Hauptsitz in Gelsenkirchen hofft, neues Personal für die Zukunft zu rekrutieren. Zumindest die ein oder andere potentielle Fachkraft.

Bäckereigewerbe muss um seinen qualifizierten Nachwuchs immer stärker kämpfen

Denn die Geschäftsführung des 1901 gegründeten, jetzt in der vierten Generation aufgestellten Familienbetriebs beklagt einen dünner werdenden Zustrom an BewerberInnen, die sich für einen Beruf im Gewerbe erwärmen können. Arbeitsagentur-Chefin Martina Würker weiß, warum: es gäbe eine andere Wertschätzung für bestimmte Berufe; heutzutage strebten junge Leute eher in den Verkauf – von „Kosmetik oder Klamotten“.

(v.l.:) die Ausbildungsbeauftragten Andrea van Dillen und Heiko Nasse sowie Personalleiterin Sandra Nicole Eichhorn

(v.l.:) die Ausbildungsbeauftragten Andrea van Dillen und Heiko Nasse sowie Personalleiterin Sandra Nicole Eichhorn

Der Umgang mit Grundnahrungsmitteln scheint dort an Attraktivität zu verlieren, wo es dem überwiegenden Teil der Bevölkerung nicht mehr daran mangelt. In Vergessenheit gerät die Symbolkraft des Brotes; es ist heilig, dort, wo Menschen darben – und sein Entzug sehr dünnhäutig besetzt. Willst Du einen Aufstand provozieren, erhöhe in armen Ländern die Brotpreise: die Chancen stehen gut.

Sandra Nicole Eichhorn, Personalleiterin bei Malzers Backstube GmbH, bekommt die veränderten Einstellungen gegenüber dem Brot und dem Backen sowie dessen Verkauf in unseren Breitengraden zu spüren. Was der Fall sei: „Die Anzahl der Bewerber sinkt, unsere Bemühungen steigen.“ Bei den Bemühungen um die Azubis führe mittlerweile der doppelte Aufwand zum gleichen Ergebnis.

Doch es ist nicht nur die fehlende Anziehungskraft des Berufsstandes heute, sondern, was leicht verkannt wird: es braucht auch auf Seiten der FachverkäuferInnen Fähigkeiten, die nicht wenigen Menschen abgeht. Da ginge es nicht nur um das Sprachverhalten, sondern genauso wichtig sei es, auf andere zugehen zu können, erklärt die Personalleiterin des Bäckerei-Unternehmens mit mehr als 140 Filialen im Ruhrgebiet – davon 40 in Dortmund – und rund 2.400 MitarbeiterInnen, dazu etwa 100 Auszubildende.

Sinkende Zahl von MigrantInnen bewirbt sich in Dortmund um vakante Ausbildungsplätze

Deutlicher Rückgang bei der Zahl der ausländischen Bewerberinnen und Bewerber

Deutlicher Rückgang bei BewerberInnen mit Migrationshintergrund ohne deutschen Pass

Und speziell jene aus dem Kreis der Geflüchteten? Andrea van Dillen, Ausbildungsbeauftragte bei Malzers, weist auf eine Schwierigkeit hin: Es ginge eben auch um die Schriftsprache, ums Lesen-Können. Bei einer dualen Ausbildung unabdingbare Voraussetzungen fürs Berufskolleg. Und, um später die Prüfungen bestehen zu können. – Bemühungen, hier bei den Kammern Gehör zu finden, waren allerdings bis jetzt wenig fruchtbar.

Im Ausbildungsjahr 2018/19 ging die Zahl der „ausländischen“ BewerberInnen auf einen Ausbildungsstelle jedenfalls deutlich zurück: um gut 14 Prozent auf 709 junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass Europa seine Burgtore vollständig hochgezogen hat, andererseits muss aus dem Rückgang das Insgesamt des BewerberInnen-Minus (= 6,8 Prozent) rausgerechnet werden.

Potentielle BewerberInnen bei Beratung und Information über die Ausbildung bei Malzers

Potentielle BewerberInnen beim Speed-Dating

Den Jugendlichen, die sich während des Gesprächs nach und nach zum Speed-Dating eingefunden haben, da sei die erste Frage immer: „In welchem Stadtteil wohnen Sie?“, erklärt Andrea van Dillen. Es geht der Ausbilderin nicht nur um kurze Anfahrtswege ihrer Azubinen und Azubis, damit alle ausgeschlafen ankommen. Sondern da ist auch ein Leitbild des Bäckereibetriebs: nicht nur bezogen auf das Arbeitsklima, sondern auch auf die Atmosphäre, in der KundInnen sich einfinden – etwas wie: „Wir sind alle von hier!“

Vielleicht kann die Verlockung des Von-Mensch-zu-Mensch, wo es echt schon schlimmere gegeben hat, den Beruf vor der digitalisierten Brötchenausgabe qua Service-Robo noch retten. Geht aber nur, wenn, wie in so vielen anderen Berufen, junge Menschen dabei sind.

 

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