
In einer Serie beleuchten wir die Lage der Jugendarbeit in Sachen Streetwork. Im 2. Teil berichtet das Team von DOCK16 von ihren Erfahrungen mit den städtischen Schließungen.
Rund 70 junge Menschen holen derzeit regelmäßig ihre Post beim Streetwork-Projekt Dock 16 von GrünBau ab. Wer hier eine postalische Erreichbarkeit hat, ist ohne festen Wohnsitz gemeldet und muss mindestens einmal pro Woche vorbeikommen. Die Zahl ist der verlässlichste Wert in einem Feld, das sich kaum in Statistiken fassen lässt. Doch die Fachkräfte beobachten mehr: Frust und Perspektivlosigkeit bei jungen Wohnungslosen wachsen spürbar – während Hilfsangebote wegbrechen, der Wohnungsmarkt sich weiter verengt und der öffentliche Raum ungemütlicher wird.
Seit 2018 begleitet Dock 16 schwer erreichbare junge Erwachsene zwischen Nordstadt und City
Das Projekt berät Wohnungslose und Menschen in prekären Lebenslagen unter 25 Jahren. Dreieinhalb sozialpädagogische Fachkräfte und eine Studentin teilen ihre Arbeitszeit etwa hälftig auf: Die eine Hälfte sind sie auf der Straße unterwegs, sprechen junge Menschen an und pflegen das Netzwerk, die andere Hälfte beraten sie in der Anlaufstelle. „Wir heißen Dock 16, weil wir andocken wollen und Leute dauerhaft wieder ins System – in Anführungsstrichen – reinbringen wollen“, erklärt Jan-Christopher Bremer, Betriebsleiter Wohnen & Quartier bei GrünBau.
Wie viele junge Menschen das Team insgesamt erreicht, lässt sich schwer beziffern. Bremer unterscheidet drei Gruppen: jene, die man bei der aufsuchenden Arbeit regelmäßig trifft, die aber teils seit einem Jahr noch nie in der Anlaufstelle waren; jene, die fest angebunden sind, Termine wahrnehmen und an einer Perspektive arbeiten; und dazwischen diejenigen, die mal auftauchen und mal nicht. ___STEADY_PAYWALL___
Hinzu kommt die verdeckte Wohnungslosigkeit. Der Großteil der Klientel schläft nicht auf der Straße, sondern auf wechselnden Sofas bei Bekannten. Zum Vergleich: Die spendenfinanzierten Offroad Kids an der Kampstraße verwalten Postadressen im dreistelligen Bereich, das Wichernhaus der Diakonie ohne Altersgrenze sogar im vierstelligen.
Inzwischen hat die Mehrheit der Klientinnen und Klienten keinen deutschen Pass
„Als Titel kann man sagen: schwer erreichbare junge Erwachsene“, beschreibt Streetworkerin Fabienne Galka die Zielgruppe – junge Menschen, die bislang von keinem Hilfesystem aufgefangen wurden. Voraussetzung für eine Betreuung ist die Leistungsberechtigung nach dem SGB II.

Wer nur eine Duldung oder Gestattung hat, wird an das Kommunale Integrationsmanagement weitervermittelt. Viele EU-Bürgerinnen und -Bürger erwerben den nötigen Arbeitnehmerstatus zunächst über einen Minijob im benachbarten Projekt JobBrücke Jobwinner.
Weil im Team auch Spanisch und Englisch gesprochen wird, hat sich die Zusammensetzung verschoben: Mittlerweile kommen mehr junge Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit als mit. „Du hast eine Community, und dann spricht sich das rum“, sagt Galka. Deutsche Jugendliche, die nach Konflikten zu Hause auf der Straße landen, gebe es ebenfalls, aber als kleineren Anteil.
Für sie passe das Angebot oft nicht ganz, erläutert Bremer: Dock 16 wird vom Jobcenter gefördert, Ziel ist die Integration in Arbeit. Wer mit 16 von zu Hause wegläuft oder ohne gelingenden Übergang aus der Jugendhilfe kommt, sei bei Jugendhilfe oder Careleaver-Netzwerken besser aufgehoben.
Warteliste statt Notbett: Für junge Erwachsene bleibt oft nur die Männerübernachtungsstelle
Als Fortschritt der vergangenen Jahre wertet Bremer das Gap Jump, das eine Lücke schließen sollte, nachdem das Sleep In keine Volljährigen mehr aufnehmen durfte. „Man muss natürlich dazu sagen: Das ist keine Notübernachtung.“

Wer dort unterkommen will, landet auf einer Warteliste – „mehrere Wochen, eher Monate“. Bis dahin bleibt nur die Männerübernachtungsstelle, deren eigener Bereich für Unter-25-Jährige zu klein und wenig attraktiv erscheint.
Bei jungen Frauen, die bei Bekannten unterkommen, habe manche Konstellation besonderen Beobachtungsbedarf, sagt Galka. Man behalte das im Blick, stecke aber in der Zwickmühle, denn die Alternative wäre die Frauenübernachtungsstelle oder die Straße. Eine weitere Lücke sieht sie bei queeren jungen Menschen: Auf nicht-binäre Personen sei bei den Übernachtungsstellen „eigentlich niemand so richtig vorbereitet“.
Seit die städtische Anlaufstelle an der Leopoldstraße fehlt, klafft eine Versorgungslücke
Seitdem das städtische Streetwork an der Leopoldstraße seine Angebote zurückgefahren hat, tauchen bei Dock 16 vermehrt Wohnungslose auf, die nach Essen oder einer Dusche fragen.

Auffangen kann das Projekt das nicht: Ein früheres Frühstücksangebot gibt es nicht mehr, Hygieneangebote gab es nie. Verweise an Einrichtungen wie das Gasthaus würden von jungen Leuten oft nicht angenommen, weil diese auf eine ganz andere Altersgruppe und andere Lebenslagen ausgerichtet seien. Gerade verdeckt Wohnungslose hätten dort Hemmungen.
Genau diese existenziellen Hilfen – Essen, Hygiene, medizinische Beratung für Menschen ohne Krankenversicherung – nennt Galka mit Blick auf die anstehenden Haushaltsberatungen als dringendsten Bedarf.
Acht von zehn Wohnungsangeboten scheitern an den verschärften Vorgaben des Jobcenters
Was Bremer über die Jahre am meisten beschäftigt, ist die wachsende Frustration. Eine mittelfristige Perspektive für junge Menschen aufzubauen, die schon einmal aus allem herausgefallen sind, sei „viel schwieriger als vor sechs, sieben Jahren“.

Die Hürden beim Jobcenter würden größer, der Wohnungsmarkt angespannter, die Hilfsangebote knapper. „Wir schreiben zehn Wohnungen an und kriegen zehnmal keine Antwort. Das sind Einzelpunkte, die sich in der Frustration aufsummieren.“ Wer dann höre, er solle eine Bewerbung schreiben, antworte: „Das bringt ja sowieso nichts.“ Gerade für junge Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte sei alles „super schwierig geworden“.
Besonders deutlich wird das beim Wohnen. Mit der neuen Grundsicherung sei die Übernahme der Unterkunftskosten schwieriger geworden, berichtet das Team: Es gelten eine Obergrenze von 12,39 Euro pro Quadratmeter, Mindestgrößen pro Person und eine strenge Prüfung der Mietpreisbremse.
Die Folge: Acht von zehn Mietangeboten, die Dock 16 einreicht, lehne das Jobcenter derzeit ab. Hinzu kämen Formulare von vier bis fünf Seiten, auf die viele Vermieterinnen und Vermieter schlicht keine Lust mehr hätten.
Kameras und tägliche Kontrollen machen den Keuningpark zum Spießrutenlauf
Über mehrere Monate habe das Team an den gewohnten Orten deutlich weniger junge Menschen angetroffen, berichtet Galka, erst allmählich werde es wieder mehr. Deutlich spürbar seien dagegen die Kontrollen: Im Keuningpark hängen seit einiger Zeit fest installierte Kameras, an der Brückstraße gebe es fast täglich Polizeikontrollen.

Teilnehmende kämen zu spät zu Terminen, weil sie auf dem Weg durch den Park kontrolliert wurden, manche nähmen bewusst Umwege zum Büro. „Ich sehe jeden Tag mindestens eine Kontrolle im vorderen Bereich, bei der Leute kontrolliert werden, die einfach nur durch den Park laufen“, sagt Bremer, dessen Büro den Blick auf die Grünfläche freigibt.
Auffällig werde man schnell: „Auffälligkeit kann ja, so mein Eindruck manchmal, schon sein, dass du nicht deutsch genug aussiehst.“ An der Ursache ändere das wenig – der Drogenhandel verlagere sich lediglich ein paar Straßen weiter.
Wenn Jugendtreffs schließen, verlieren gerade ausgegrenzte Gruppen ihren mühsam erkämpften Schutzraum

Vor dem Winter fallen mit dem Konkret und dem Stollenpark zudem Jugendtreffs weg. Die eigene Anlaufstelle von Dock 16 ist nur mittwochnachmittags und freitagvormittags geöffnet – kein Ersatz für Einrichtungen, die täglich und länger aufhaben. „Für einige unserer Teilnehmenden spielt das eine große Rolle“, sagt Galka.
Ersatz zu finden, sei schwer, weil Zugang viel mit Vertrauen zu tun habe, betont Bremer. Er verweist auf den Jugendtreff Arakasamen am Nordmarkt, der vor allem von der rumänischen Community genutzt wird. Die Jugendlichen dort sagten ganz klar, sie kämen nur, weil sie als Roma in anderen Treffs von anderen Besucherinnen und Besuchern diskriminiert würden. „Wenn man sich einmal etwas erkämpft hat und das fällt weg, ist es problematisch, Ersatz zu finden.“

Dock 16 setzt deshalb auch auf niedrigschwellige Angebote ohne festen Ort. Lange gab es zweimal pro Woche ein kostenloses Boxtraining im Keuninghaus für alle, die sich keinen Sportverein leisten können.
Aktuell bietet das Team gemeinsam zwei Künstlern vom Tonbande e.V. Rap-Workshops im Kasino an, berichtet Streetworker Dimitrij Reinhart: Wer von der Straße kommt, kann Texte schreiben, aufnehmen und am Ende mit einem eigenen Song nach Hause gehen. Dass die Stadt künftig mit drei Bullis mobil unterwegs sein will, begrüßt Bremer – für Dortmund sei das aber wenig. Entscheidend sei Regelmäßigkeit am selben Ort.
Prävention statt Mangelverwaltung: Der Weg zurück in eigenen Wohnraum muss breiter werden
Grundsätzlich habe Dortmund für Menschen in akuter Wohnungslosigkeit ein relativ breites Angebot, sagt Bremer. Zu wenig passiere jedoch davor und danach. Mit der Stadt arbeite GrünBau an einem Präventionskonzept, das Anfang kommenden Jahres fertig sein soll.
Beim Weg zurück in eigenen Wohnraum reiche das Bestehende nicht: Das Housing-First-Projekt habe das Ziel von 20 Wohnungen in zwei Jahren. „Jede beendete Wohnungslosigkeit ist gut, aber das ist halt nicht viel.“ Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden, sei ein schönes Ziel – Notlagen werde es immer geben und darauf muss man vorbereitet sein.
Die angespannte Haushaltslage der Stadt bereitet ihm deshalb Sorgen, auch wenn Dock 16 als Jobcenter-Projekt nicht direkt betroffen ist. „Alles, was wir jetzt nicht investieren oder kürzen, wird uns in ein paar Jahren noch größer auf die Füße fallen.“
Hinzu komme ein Stimmungswandel: Der jüngste Kommunalwahlkampf und das Framing rund um Wohnungslosigkeit und Drogenszene hätten den Anspruch beschädigt, dass die Stadt für alle da sei – auch für arme Menschen. „Für vieles lägen Lösungen auf dem Tisch“, sagt Bremer, „wenn man sie umsetzen wollte.“
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