
Von Thorsten Trelenberg
Bereits 1973 erschien Stellenweise Glatteis – ein außerordentlicher Roman, der von einem authentischen Fall von Mitarbeiterbespitzelung inspiriert ist. Max von der Grün fängt mit seinen exakten Beschreibungen der Arbeitswelt die Wirklichkeiten von Produktionsbedingungen ein. Seine Stimme erhebt er entschieden für diejenigen, deren Menschenwürde in einem von wirtschaftlichen Interessen geprägten System keine Rolle spielt.
Die Gegensprechanlage im Büro
Die Handlung. Zufällig entdeckt Karl Maiwald, dass in seiner Firma die Belegschaft abgehört wird. „Ja, dachte ich, die Gegensprechanlage. In diesem Büro ist keine, aber im Sitzungszimmer, wo wir Betriebsräte unsere Sitzungen abhalten, da wurde eine eingebaut.“
Die Chefsekretärin verrät ihm, dass Protokolle über die geführten Gespräche existieren. Maiwalds Entsetzen ist groß. Gemeinsam mit einem Kollegen steigt er nachts in seine Firma ein, um an die Akten zu kommen. ___STEADY_PAYWALL___
Die Bombe platzt auf einer Weihnachtsfeier der Firma. „Da sprang ich auf und schrie: Ruhe! Herhören. Ich habe euch etwas Wichtiges zu sagen.“ Es kommt zu Tumulten. Später distanzieren sich seine Kolleg:innen von ihm.
Der Versuch, den Skandal kleinzureden
Vorerst passiert nichts weiter. Vielmehr erfolgt der Versuch, den Skandal kleinzureden. Direktor Faber wird zwar entlassen, sein Nachfolger nimmt jedoch den Kampf gegen Maiwald auf. Dessen Versuch, die Gewerkschaft gegen die Unternehmensleitung zu mobilisieren, schlägt fehl. Eines Tages erfährt er den Grund dafür. Die Aktienmehrheit der Firma hat die gewerkschaftseigene Bank übernommen.
Dazu heißt es im Roman: „Vor zwanzig Jahren hatte ich nur einen Wunsch: Heiraten, gut verdienen, mich um nichts kümmern, nach oben kommen und sonst in Ruhe gelassen werden.“
Max von der Grün, 1926 in Bayreuth geboren, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund. Er zählt zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher eine Auflagenhöhe von über vier Millionen verkauften Exemplaren. Eine Vielzahl seiner Bücher wurde verfilmt. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags in diesem Jahr erinnert der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg in Nordstadtblogger an einige der wichtigste Werke von Max von der Grün.
Auswirkungen von Lohnabhängigkeit auf den Einzelnen
Die Bedeutung. Stellenweise Glatteis ist für mich zweifellos einer der komplexesten Romane Max von der Grüns. Meisterlich gelingt es ihm, seine Leser:innen über die Figur des Dortmunder Fernfahrers und Schlossers Karl Maiwald an eine Fülle von Themen heranzuführen.
Ob etwa die Auswirkungen von Lohnabhängigkeit auf den Einzelnen, die Arbeit der Gewerkschaften oder die Umsetzung von Arbeitnehmerrechten im Betrieb, Max von der Grün spart nicht an Kritik. Ihm als politischer Autor mit Weitblick geht es ihm immer darum, die persönliche Freiheit des Einzelnen zu erhalten.
Die Auswirkungen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden am Beispiel von Maiwalds Freund Angelo, der zu Unrecht in einem Mordfall verdächtigt wird, thematisiert. Welche Auswirkungen diese Freundschaft für ihn hat, wird in seiner Kneipe klar. „Der Maiwald ist auch so einer, der hält zu den Itakern.
Das Wirtschaftswunderland und seine „Gastarbeiter“
Da sich die Handlung von Stellenweise Glatteis an realen Vorkommnissen orientiert, fassen viele Kritiker:innen den Text als Reportage auf. Schnell regt sich Widerspruch aus unterschiedlichen ideologischen Lagern. Auch von der Gewerkschaftsseite gibt es böse Kritik. Es dauert nicht lange, bis die Rezensionen in politische Kämpfe ausarten.

Mit einem ungeschminkten Blick hinter die Kulissen entlarvt Max von der Grün den Umgang mit den sogenannten Gastarbeitern im Wirtschaftswunderland. Die Schilderungen der Zustände in einer Ausländerbaracke, wo auf engstem Raum einhundertzwanzig Männer untergebracht sind, treiben einem die Tränen in die Augen.
„Ich hätte zufrieden sein müssen“
Sofort steigt vor dem inneren Auge das Bild von dubiosen Problemimmobilien auf, bei der gezielt minderwertige Unterkünfte an aus dem Ausland zugewanderte Menschen zu horrenden Preisen vermietet werden.
An vielen Stellen gewährt Max von der Grün mit viel Feingefühl Einblicke in Maiwalds Seelenleben. „Und plötzlich war mir bewusst, dass ich meine Frau in den zwanzig Jahren Ehe eigentlich immer nur hatte arbeiten sehen. (…) Das bisschen Zeit, das wir miteinander hatten, zählte kaum.“
Maiwald ist auf der Suche nach Genugtuung. Man kann ihn als einen modernen Don Quijote oder als einen Michael Kohlhaas lesen. Vielleicht verraten die letzten Sätze dieses Romans alles über ihn: „Ich hätte zufrieden sein müssen. Aber ich war es nicht.“
Zum Hintergrund
- Max von der Grün, Stellenweise Glatteis, Pendragon Verlag, 470 Seiten, ISBN 978-3-86532-123-7
- Thorsten Trelenberg ist Mitglied im PEN-Deutschland und im Verband deutscher Schriftsteller:innen in ver.di (VS.Verdi)
- Projektseite: www.100jahremaxvondergruen.de
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
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