
Das psychosoziale Zentrum Dortmund (PSZ) der AWO Dortmund hat im Oktober 2025 ein neues Präventionsprojekt zum Thema weibliche Genitalverstümmlung ins Leben gerufen. Es richtete sich an Frauen und Mädchen, die von Genitalverstümmelung betroffen oder gefährdet sind und Hilfe benötigen. Das Projekt beinhaltet Präventions- und Aufklärungsarbeit sowie psychologische Betreuung und Beratung.
Die Weibliche Genitalverstümmelung hat schwerwiegende Folgen
Weibliche Genitalverstümmelung oder -beschneidung bezeichnet laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) jegliche nicht medizinisch notwendige Praktiken, bei denen die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane partiell bis vollständig entfernt oder verletzt werden.

Die Folgen reichen von Infektionen und starken Schmerzen bis hin zu psychischen Erkrankungen, wie Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. In Deutschland sind schätzungsweise 135.000 Frauen und Mädchen betroffen oder gefährdet.
Nach deutschem Recht handelt es sich um eine Körperverletzung, die mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu 15 Jahren geahndet wird. Das Verbot umfasst auch Verstümmelungen, die im Ausland begangen wurden.
Die Entstehung des neuen Projektes gegen Genitalverstümmelung
Das neue Präventionsprojekt zielt besonders auf die Aufklärung ab und richtete sich an betroffene und gefährdete Mädchen und Frauen. In Dortmund gibt es eine große Community an Menschen aus Gambia, Somalia und Guinea. Besonders in diesen Ländern sei die Genitalverstümmelung weit verbreitet.

Die Thematik ist dem psychosozialen Zentrum Dortmund (PSZ) seit Jahren vertraut. Immer wieder sprechen es Frauen in Beratungen an. Dennoch gibt es in ganz Nordrhein-Westfalen nur vier Beratungsstellen, nämlich in Düsseldorf, Köln, Herford und seit kurzem auch in Dortmund.
Damit ist das PSZ Dortmund derzeit die einzige Anlaufstelle für Betroffene und Gefährdete im Ruhrgebiet. „Uns ist bewusst, dass wir die Nachfrage nicht decken können, aber wir möchten mit unserem Projekt erste Schritte in die richtige Richtung lenken und einen Anfang machen“, betont die Projektleiterin Verena Jenter-Singhateh.
Die Präventionsarbeit fängt bereits bei den Kleinsten an
„Prävention fängt im Kindesalter an. Kindergärten und Schulen können dabei eine große Rolle spielen“, erläutert die Projektleiterin. Das Lehrpersonal müsse anderes geschult werden, denn vielen sei die Gefahr für die Kinder nicht bewusst. Der illegale Eingriff erfolge oft bei einer Reise ins Heimatland der Familie. Zusätzliche herrsche eine große Unsicherheit zu der Thematik, denn viele hätten Angst, dass ein von ihnen geäußerter Verdacht als rassistisch aufgefasst werden könne.

Eine zentrale Rolle spielt bei der Prävention die Arbeit innerhalb der Communities. Denn laut der Projektleiterin kann Aufklärung durch Außenstehende, insbesondere weiß-gelesene Personen, oft als Angriff auf die eigene Kultur empfunden werden. Daher hat das PSZ zwei Mitarbeitende in dem Projekt eingestellt, die selbst Wurzeln in Somalia und Guinea haben, in den Communities vernetzt sind und die Sprachen sprechen. So soll Vertrauen gefördert und ein niederschwelliger Zugang gewährleistet werden.
Obwohl Männer eine wichtige Rolle in der Prävention von Genitalverstümmelung übernehmen könnten, sind sie bislang kaum beteiligt. Laut Verena Jenter-Singhateh vertreten viele Männer die Ansicht, dass die Genitalverstümmelung notwendig sei, um die „Reinheit“ der Frau vor der Ehe zu sichern und Untreue zu verhindern.
Besonders deshalb müsse in den Communities aufgeklärt werden, damit Genitalverstümmelung nicht mehr als kulturelle Praxis, sondern als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen wird. „Wenn immer mehr Frauen in den Communities sagen, dass sie es nicht mehr wollen, wird damit die nächste Generation geschützt“, betont Jenter-Singhateh.
Das Projekt bietet zusätzlich die psychologische Beratungsarbeit an
Neben der Präventionsarbeit bietet das Projekt Beratung und psychologische Unterstützung an. Dort soll den Frauen ermöglicht werden, schamfrei von ihrer Beschneidungsgeschichte sprechen zu können. „Die betroffenen Frauen brauchen häufig niederschwellige und schnelle Hilfe“, betont Jenter-Singhateh. Dafür sind in dem Projekt zusätzliche psychotherapeutische Stunden jenseits der Wartelisten des PSZ verankert. Die Stelle bietet den Frauen aber auch Beratungen zu den Themen Asylverfahren, Anhörungen und Schwangerschaft an.

Ein häufiges Problem bei der Beratung von den betroffenen Frauen sei, dass viele ihren eigenen Beschneidungstyp nicht kennen. Das fehlende Wissen erschwert es den Betroffenen, ihre gesundheitlichen Beschwerden richtig einzuordnen und gezielt Hilfe zu suchen.
Ein genähtes Vulva-Modell, das sogenannte PAOMI, soll dabei helfen. Mithilfe des Modells können die Frauen die verschiedenen Beschneidungsarten erkennen und erhalten so ein besseres Verständnis für die Ursachen ihrer gesundheitlichen Probleme.
Die medizinische Vermittlung soll Versorgungslücken schließen
Auch die medizinische Versorgung von Betroffenen ist oft problematisch. Genitalverstümmelung ist erst seit 2020 verpflichtender Teil des Medizinstudiums im Fach Gynäkologie. Dadurch fehlen vielen Gynäkolog:innen Fachwissen und ein sensibler Umgang, was zu fehlerhaften Typklassifizierungen und Attesten führen kann. Solche Fehler können gravierende Folgen für Asylverfahren haben, denn Genitalverstümmelung kann ein Asylgrund sein.

Zusätzlich erschweren Sprachbarrieren die Behandlung. Sprachmittlung zwischen Ärzt:innen und Patient:innen ist nur bei operativen Eingriffen verpflichtend, nicht jedoch bei Routine-Terminen. Dadurch kommt es häufig zu Missverständnissen bei der Anamnese und weiteren Fehlern in Attesten. „Eine angemessene Übersetzung würde dieses Fehler deutlich reduzieren“, hebt die Projektleiterin hervor.
Der Mangel an Aus- sowie Fortbildung von medizinischem Personal, führe ebenfalls zu erschwerten Bedingungen rund um Rekonstruktionsoperationen. Diese dienen nicht nur der Rekonstruktion des äußeren Geschlechtsorgans, sondern sollen auch die Sexualfunktion und andere beeinträchtigte Funktionen wieder herstellen.
Das Projekt soll langfristig ausgebaut werden
Die Finanzierung des Projekts durch das Land Nordrhein-Westfalen zunächst zwei Jahre gesichert. Weitere Unterstützung kommt von der Ausbüttel-Stiftung sowie der Werner-Richard-Dr.-Carl-Dörken-Stiftung. Ohne diese Mittel wären psychologische Betreuung und Community-Arbeit, nach Angaben des PSZ, nicht möglich. Eine nachhaltige Sicherung und Ausweitung der Förderung bleibe daher ein zentrales Anliegen für die Zukunft.

Der Fokus soll weitgehend auf Betroffenen von Genitalverstümmelung blieben, allerdings möchten das PSZ jenseits davon ebenfalls Frauen betreuen, die von Sexualisierter Gewalt betroffen sind. Geplant seien Workshops und Schulungen für Fachkräfte sowie Präventionsarbeit mit Männern, aber auch Angebote wie Yoga, Meditation und Selbstverteidigungskurse.
Ab Juli sollen es Gruppen-Angebote für die Frauen geben, die den Austausch zwischen den Betroffenen und Gefährdeten ermöglichen soll. „Unsere Hoffnung ist es, die Frauen zu empowern“, erläutert Jenter-Singhateh. Die Projektleitung hofft, dass das Projekt an Bekanntheit gewinnt, damit mehr Betroffene die Hilfe bekommen können, die sie benötigen.
Die reguläre Anmeldung am PSZ erfolgt über die telefonische Anmeldesprechstunde, montags von 9- 12 Uhr, über die Nummer 0231 88088114. Wenn es um Genitalverstümmelung geht, unbedingt benennen.
Weitere Informationen:
Die WHO unterscheidet vier Formen der weiblichen Genitalbeschneidung. Eine explizite Erklärung zu den verschiedenen Formen ist bei Terre des Femmes zu lesen.
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