Zwischen Flächenmangel und Bürokratie: Wirtschaft macht Druck auf die Politik

Unternehmen fordern schnellere Verfahren für Gewerbeflächen

Übergabe des Positionspapiers bei Wilo (v. l.): Stefan Schreiber (IHK-Hauptgeschäftsführer), Mona Neubaur (NRW-Wirtschaftsministerin), Jörg Kemna (BMR-Geschäftsführer), Berthold Schröder (HWK-Präsident). Foto: Stephan Schuetze

Beim Wirtschaftsflächengipfel.Ruhr 2026 in Dortmund fordern jetzt Vertreter:innen aus Wirtschaft, Kommunen und Politik mehr Tempo bei der Entwicklung von Gewerbeflächen. Während die Wirtschaft vor einer akuten Flächenknappheit warnt, verweisen Kommunen auf finanzielle Grenzen –das Land signalisiert Gesprächsbereitschaft.

Der Wirtschaftsflächengipfel.Ruhr in Dortmund – Moderne Industrie als Kulisse

Der Veranstaltungsort war bewusst gewählt: Der WILO-Park in Dortmund versteht sich als moderner, internationaler und wettbewerbsfähiger Industriestandort und als Beispiel gelungener Flächenentwicklung.

Vorderseite des Networking Cube auf 5000 qm.
Der diesjährige Wirtschaftsgipfel.Ruhr wurde auf dem Gelände der WILO SE abgehalten. Foto: WILO SE

In dem weitläufigen Areal kamen mehr als 140 Vertreter:innen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung zusammen – der Saal war zu Beginn vollständig gefüllt. Zu den Gästen zählten zahlreiche kommunale Entscheidungsträger:innen, darunter Vertreter:innen aus dem Dortmunder Rat.

In den Pausen entwickelte sich ein reger Austausch zwischen den Teilnehmenden. Der Gipfel verstand sich explizit als Plattform für Dialog – und weniger als klassische Konferenz.

Kemna: „Gewerbeflächen sind seit Jahren die Jobmotoren im Ruhrgebiet“

„Ich sehe hier heute nur Gewinner“ verkündete Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Dortmund (IHK). Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Klimaschutz müssten zusammengedacht werden. Gleichzeitig warnte er davor, Klimaschutz als Hindernis wirtschaftlicher Entwicklung zu begreifen. Gezeitigt befinde sich das Ruhrgebiet in einer „Flächenfalle“ so Schreiber.

Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK Dortmund sieht NRW in einer „Flächenfalle“. Foto: Anja Cord für Nordstadtblogger.de

„Gewerbeflächen sind seit Jahren die Jobmotoren im Ruhrgebiet, hier entsteht ein Großteil der neuen Arbeitsplätze“ erklärte Jörg Kemna, Geschäftsführer der Business Metropole Ruhr GmbH. Umso dramatischer sei es, dass nur noch rund 468 Hektar zur freien Verfügung stehen würden – und das im gesamten RVR-Gebiet. ___STEADY_PAYWALL___

Laut Kemna deckt dies den Flaschenverbrauch gerade noch für zweieinhalb Jahre. Insbesondere die Politik müsse hier vorausschauend Planen. „Wenn wir heute die Weichen stellen, haben wir erst in einigen Jahren neue Flächenangebote für Unternehmen“ mahnte er.

Eine neue Willkommenskultur für Unternehmen: Kalouti will den Roten Teppich ausrollen

Für die Städte ist die Situation allerdings ein Balanceakt. „Wir haben Flächen für unsere Unternehmen“, betonte Dortmunds Oberbürgermeister Alexander Kalouti. Die Politik sei gefordert auch Dinge ermöglichen zu wollen und sich für eine neue „Willkommenskultur“ einzusetzen. Dafür müsse auch mal der „Rote Teppich“ ausgerollt werden. Als gelungenes Beispiel nannte er den WILO-Park.

Oberbürgermeister Alexander Kalouti (re.) und IHK-Dortmund Präsident Roland Klein. Foto: Finn Tayfun Wieschermann für Nordstadblogger.de

Andererseits fehlen vielerorts die finanziellen Mittel, um selbst aktiv zu werden. Thomas Kufen, Oberbürgermeister der Stadt Essen brachte die Lage auf den Punkt: „Als Bürgermeister muss man Optimist sein.“ Die Realität sei jedoch oft kompliziert – viele Kommunen befänden sich in einer schwierigen Haushaltslage.

Hinzu kommen strukturelle Probleme: So haben Städte oft nur begrenzten Zugriff auf vorhandene Flächen. Eigentümer seien nicht immer bereit zu verkaufen, Eingriffe seien teuer und rechtlich komplex. Dennoch müsse in die Zukunft investiert werden, dass sei das beste Konjunkturprogramm gegen Politikverdrossenheit und Extremismus, so Kufen. „Die Freiheit Deutschlands wird in den Rathäusern verteidigt“, erklärte er.

Wirtschaft fordert Unterstützung, Bürokratieabbau und Infrastruktur

Im Zentrum des Gipfels stand ein Forderungskatalog von IHK, Handwerkskammer und Business Metropole Ruhr. Dieser wurde in Form eines Positionspapiers an NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur übergeben. Darin formulieren die Wirtschaftsverbände drei zentrale Anliegen: mehr Fördermittel für die Aufbereitung von Brachflächen, eine bessere Anbindung von Gewerbegebieten an das Verkehrsnetz sowie eine spürbare Entbürokratisierung.

Diskutieren über die Zukunft des Ruhrgebiets (v.l. Jörg Kemna, Thomas Kufen und Moderatorin Britt Lorenz). Foto: Finn Tayfun Wieschermann für Nordstadblogger.de

So gilt insbesondere die Entwicklung brachliegender Flächen als aufwendig und teuer. Ohne staatliche Unterstützung seien viele Projekte wirtschaftlich kaum realisierbar, argumentieren die Verbände. Gleichzeitig kritisieren sie komplexe Förderstrukturen und langwierige Genehmigungsverfahren.

Auch gesetzliche Vorgaben, etwa zum Natur- und Artenschutz, werden als kostentreibend bewertet. Diese Perspektive blieb auf dem Gipfel unwidersprochen, und verdeutlicht einen grundsätzlichen Konflikt zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und anderen öffentlichen Interessen.

Land signalisiert Gesprächsbereitschaft: „Ja, wir haben verstanden“

Ministerin Neubaur zeigte sich in ihrer Rede offen für die Anliegen der Wirtschaft. Die Politik wolle in Zukunft besser zuhören: „Ja, wir haben verstanden“ betonte sie. Daher wolle man die Rahmenbedingungen für Investitionen verbessern. Eine Weiterentwicklung könne aber nur dann funktionieren, wenn beide Seiten mitziehen stellt sie klar.

Wirtschaftsministerin Mona Neubaur will die Entwicklung von Flächen weiter unterstützen. Foto: Finn Tayfun Wieschermann für Nordstadblogger.de

Zugleich verwies sie auf bestehende Förderinstrumente wie die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW), mit denen bereits heute die Entwicklung von Flächen unterstützt werde. Künftig sollten diese Instrumente weiter gestärkt und stärker auf die aktuellen Herausforderungen ausgerichtet werden.

Konkrete Zusagen und schnelle Antworten blieben jedoch aus. Vielmehr wurde deutlich, dass die Lösung der Flächenproblematik eine langfristige Aufgabe bleibt, bei der unterschiedliche Interessen miteinander in Einklang gebracht werden müssen.

Viele Projekte zur Flächennutzung im Ruhrgebiet

Im weiteren Verlauf des Gipfels wurden zahlreiche Projekte aus dem Ruhrgebiet vorgestellt, die sich mit der Umnutzung und Entwicklung von Flächen befassen. Dabei ging es unter anderem um den Umgang mit Altlasten, naturschutzrechtliche Fragen und die verkehrliche Erschließung.

Diese Beispiele machten deutlich: Erfolgreiche Flächenentwicklung ist möglich. Sie erfordert jedoch Zeit, Geld und eine Koordination zwischen vielen Akteuren. Für das Ruhrgebiet wird dies eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Zeit sein.


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