
Nach einem erfolgreichen juristischen Tauziehen um die Nutzung des Rathauses inszenierte die AfD ihren Neujahrsempfang in Dortmund als Plattform für eine fundamentale Systemkritik. Vor rund 250 Gästen beschworen prominente Sprecher wie Björn Höcke, Matthias Helferich und Heiner Garbe den Widerstand gegen die politische „Brandmauer“ und den aus ihrer Sicht fortschreitenden demokratischen Verfall. Die Rhetorik des Abends war geprägt von einer scharfen Ablehnung der Massenmigration sowie der Forderung nach einer offensiven rechten Kulturpolitik zur Rückgewinnung nationaler Identität.
Björn Höcke: Zwischen Heimat-Nostalgie und dem „preußischen Dienstethos“
Draußen von den Protestierenden verdammt, in der Bürgerhalle regelrecht vergöttert: Björn Höcke, der thüringische AfD-Fraktionschef und Ehrengast des Abends, nutzte seinen Auftritt im Dortmunder Rathaus für eine weitreichende Abrechnung mit dem politischen System, die er in eine persönliche Biografie einbettete.

Den Auftakt bildete eine scharfe Kritik am Versuch der Stadtverwaltung, die Veranstaltung zu verhindern. Höcke bezeichnete das versuchte Redeverbot durch Oberbürgermeister Kalouti als „kleines Parteiverbot durch die Hintertür“ und einen „tiefen Eingriff in fundamentale Grundrechte“.
Er zog Parallelen zu ähnlichen Versuchen in Bayern und betonte, man müsse Gott dankbar sein, dass Gerichte in höheren Instanzen meist noch auf der Seite des Rechtsstaates stünden.
Provokant bot er dem amtierenden Oberbürgermeister Kalouti ein Vieraugengespräch in einer „gemütlichen Trinkhalle“ an, um das mediale Bild vom „Teufel der Nation“ zu dekonstruieren.
Zwischen nostalgischen Heimatgefühlen und aktuellen Verlustängsten
Emotional wurde Höcke, als er seine Verbindung zur Region thematisierte. Geboren 1972 in Lünen, verbrachte er dort seine ersten drei Lebensjahre und erinnerte sich mit Nostalgie an die Gärtnerei seiner Großeltern. Er schilderte, wie er als Kind seinen Großvater auf die Märkte in Dortmund begleitete – namentlich den Hansaplatz und den Nordmarkt, um Freilandrosen zu verkaufen.

Diese Erinnerung nutzte er für einen harten Kontrast zur Gegenwart: Während Dortmund früher eine Stadt der Brauereien und ohne Angsträume gewesen sei, sei dies heute umgekehrt. Er zeichnete das Bild eines Landes auf einer „Schussfahrt ins Tal“, geprägt von Verfallssymptomen wie Messermorden, No-go-Areas und einem „aus dem Ruder laufenden Sozialhaushalt“.
Ein zentraler Pfeiler seiner Rede war die Fundamentalkritik am „gewucherten Parteienstaat“. Höcke warf den Altparteien einen „historisch einzigartigen Raubzug“ durch den Staat vor, den die AfD rückabwickeln müsse. Besonders das System der parteinahen Stiftungen, das jährlich 600 Millionen Euro verschlinge, müsse beendet werden.
Der Kampf gegen „roten Filz“ in NRW und den Verlust eigener Integrität
Er kritisierte zudem den „roten Filz“ in Nordrhein-Westfalen und prangerte die im Vergleich zu Thüringen hohen Aufwandsentscheidungen für kommunale Mandatsträger an, die er angesichts der Verarmung weiter Bevölkerungskreise als unanständig bezeichnete. In Thüringen sieht er seinen Kontrahenten Mario Voigt als machtkranken „Prototyp eines Kartellparteipolitikers“ und „Lügner“, insbesondere im Kontext von Plagiatsvorwürfen und unrechtmäßigen Zahlungen aus dem MDR-Rundfunkrat.

Zum Abschluss mahnte Höcke die eigene Partei zur moralischen Integrität und einem „preußischen Dienstethos“. Die AfD müsse „110 Prozent korrekt sein“, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verspielen. Er forderte die Rückbesinnung auf das Motto: „Selten auftreten, viel leisten, mehr sein als Schein“.
In Anlehnung an den Publizisten Gert-Klaus Kaltenbrunner forderte er eine „Regeneration der Elite“ durch „schöpferische Minderheiten“, die bereit seien, asketische Tugenden vorbildhaft zu verwirklichen. „Glück auf Dortmund, Glück auf Deutschland!“, rief er den Anwesenden zu, bevor er sich nach stehenden Ovationen für hunderte Selfies zur Verfügung stellte.
Heiner Garbe: Der Kampf gegen das „Herzen der Finsternis“
Der Dortmunder Fraktionschef Heiner Garbe eröffnete den Empfang mit einer Mischung aus Triumphgeheul und bitterer Klage über die parlamentarischen Zustände im Rathaus. Die kurzfristige Absage des Ratssaals durch die Stadtverwaltung, die erst durch das Verwaltungsgericht gekippt wurde, bezeichnete Garbe als den Versuch, die „freie Rede mit Füßen zu treten“.

Er schilderte den enormen logistischen Aufwand, innerhalb eines Tages alles selbst organisieren zu müssen, und spottete über Oberbürgermeister Kalouti, den er als „Lame Duck“ titulierte, die unter dem Druck „bunter Ideologen“ eingeknickt sei. Für Garbe war der juristische Erfolg eine Bestätigung, dass die Brandmauer der Altparteien im Kern antidemokratisch sei.
Garbe blickte auf eine fast zwölfjährige Geschichte der Ratsfraktion zurück, die 2014 mit drei Mitgliedern startete und 2025 auf 18 Personen anwuchs. Trotz dieser gestiegenen parlamentarischen Kraft beklagte er, dass „seit 2014 kein einziger Antrag der AfD eine Mehrheit gefunden“ habe, da sich alle anderen Parteien dazu „verschworen“ hätten.
AfD als Bollwerk gegen die „kulturzerstörerische Form der Massenmigration“
Er berichtete detailliert von den angeblichen Schikanen im Dortmunder Stadtrat: Redezeitbegrenzungen auf drei Minuten, das systematische Abbrechen von Rednerlisten und „geheime Verabredungen“, um die AfD aus Ausschussmandaten zu drängen. Diese Taktiken bezeichnete er als „nachgelagerten Wahlbetrug“.

Ein Schwerpunkt seiner Rede war die Sicherheitslage in Dortmund, die er als katastrophal skizzierte. Er nannte explizit eine Schießerei in Wambel und eine Messerattacke in Hagen als Belege dafür, dass „nichts mehr im Lot“ sei. Die Ursache sieht er in der „kulturzerstörerischen Form der Massenmigration“. Um dieser aus seiner Sicht verzerrten öffentlichen Wahrnehmung entgegenzuwirken, setzt Garbe auf massive Öffentlichkeitsarbeit.
Die Fraktion stelle die meisten Anfragen im Rat und erreiche mit ihrem „Wjournal“ regelmäßig 18.000 Haushalte. Dortmund bezeichnete er provokant als das „zwar geschwächte, aber immer noch rote ‚Herzen der Finsternis‘“. Sein Abschluss war ein donnerndes Versprechen an die Basis: Er glaube nicht nur an ein Bröckeln der Brandmauer, sondern an eine „absolute Mehrheit im Stadtrat“ als mittelfristig erreichbare Realität.
Matthias Helferich: Der kompromisslose Kulturkampf in der Nordstadt
Schärfer als Höcke formulierte es nur Matthias Helferich: Der Dortmunder Ratsherr und AfD-Bundestagsabgeordnete lieferte eine Rede, die an rhetorischer Schärfe kaum zu überbieten war. Er stilisierte den Empfang im Rathaus als Eroberung der „Herzkammer der Sozialdemokratie“ und dankte den ehrenamtlichen Wahlkämpfern, die er als das „Immunsystem gegen die Parteiwerdung“ und gegen Patronagesysteme bezeichnete.

Helferich forderte eine Abkehr von jeder Form der Mäßigung: Die Wähler wollten keine Brandmauern im Inneren und niemanden, der die Verursacher der Zustände imitiert. Sein zentrales Thema war der „linke Kulturkampf“. Helferich beklagte, dass „Fremde unsere Straßen dominieren“ und die Nordstadt, ein einst „stolzes Arbeiterviertel“, durch Schüsse und Machetengewalt geprägt sei.
Er warf der politischen Linken vor, mittels „kultureller Hegemonie“ das „moralische Rückgrat“ der Deutschen gebrochen und ihnen den Selbstbehauptungswillen geraubt zu haben. „Wenn man einen Kulturkampf nicht führt, hat man ihn bereits verloren“, zitierte er den Publizisten Alexander Kistler und forderte eine „rechte Kulturpolitik“. Diese dürfe nicht vor NGOs oder einer Erinnerungspolitik, die „nur Sünde und Schuld kennt“, niederknien.
Das „freundliche Gesicht des NS“ geißelt den Verlust des „moralischen Rückgrats“
Helferichs Forderung nach einer „rechten Kulturpolitik“ erhält durch die begleitenden Ausführungen von Sven W. Tritschler eine zusätzliche, scharfe Note gegen die lokale Förderpraxis in Dortmund. Tritschler kritisierte in seiner Rede beispielhaft Projekte wie das „Dortmunder Forum Jugend“, das aus Landesmitteln gefördert wurde und in seiner Projektbeschreibung eine Beliebigkeit zwischen „Dortmund oder Istanbul“ sowie „Nordrhein-Westfalen oder Marokko“ suggeriere.

Für Helferich – der als das „freundliche Gesicht des NS“ vielfach Schlagzeilen machte – ist dies der Inbegriff dessen, was er als Verlust des „moralischen Rückgrats“ und als Aufgabe des „Selbstbehauptungswillens“ geißelt.
Er forderte die Rückbesinnung auf „Heldengeschichten unseres Volkes“ und sieht er in der CDU lediglich „bürgerliche Feiglinge“, die vor der „linken Kulturszene“ und staatlich finanzierten NGOs niederknien. Diese Organisationen würden Heimat nur noch als „inklusives Konzept“ begreifen, in dem sich die eigenen Wurzeln auflösen.
„Wir werden dafür sorgen, dass das Kaiserdenkmal an der Hohensyburg von den linken Schmierereien befreit und erhalten wird. Wir werden wieder unserer eigenen Opfer gedenken, den Opfern der Bartholomäusnacht und den Opfern der Dortmunder Bombennächte. Unsere Denkmäler werden eben nicht mehr verrotten; sie werden den Respekt erfahren, den sie verdienen“, ereiferte sich Helferich.
Helferich fordert eine unbedingte Prinzipienfestigkeit im „Kulturkampf“
Darüber hinaus verknüpft Helferich seinen Anspruch an das „Ehrenamt als Immunsystem“ mit einer Warnung vor innerparteilicher Korruption und Postenschacherei, die in der Bewegung keinen Platz haben dürfe. Diese Haltung korrespondiert mit Tritschlers Mahnung, dass „Pension und Dienstwagen“ niemals der Wesenskern der Partei werden dürften und die AfD nicht in die Hände von „Falschspielern und Glücksrittern“ fallen dürfe.

Beide Redner beziehen sich dabei auf das von Björn Höcke geprägte Diktum der AfD als „letzter evolutionärer Chance“ für das Land – ein Zitat, das laut Tritschler als ständige Mahnung vor Nachlässigkeit und als Verpflichtung für alle Mandatsträger dienen muss.
In diesem Sinne fordert Helferich eine unbedingte Prinzipienfestigkeit im „Kulturkampf“: Man dürfe sich nicht von „milliardenschweren Propagandaapparaten“ oder der Beobachtung durch den Verfassungsschutz einschüchtern lassen.
Für Helferich ist klar, dass eine echte Wende nur durch Authentizität und den Willen zur Remigration erreicht werden kann, wobei er sich einig mit Tritschler zeigt, dass Mäßigung im Streben nach Gerechtigkeit keine Tugend darstellt.
„Besuchen wir in diesem Jahr die Wirkungsstätten unserer Ahnen. Lesen wir ihre Bücher, schauen wir ihre Stücke. Lesen wir unseren Kindern aus den Heldengeschichten unseres Volkes vor. Lassen wir die Mythen wiederleben: Heiliger Reinoldus, die stolze Hanse, die trotzigen Dortmunder. Kämpfen wir für das Eigene, für uns, für die Zukunft von all jenem, was immer war, immer sein wird und was uns keine Regierung nehmen kann“, so Helferich weiter.
Christian Zaum: Der Kampf gegen die „Sozialindustrie“
Der Bundestagsabgeordnete Christian Zaum, der sich als „zweitgefährlichster Geschichtslehrer Deutschlands“ nach Björn Höcke einführte, legte den Fokus auf die Kommunalfinanzen und die aus seiner Sicht fehlgeleitete Integrationspolitik. Er kritisierte, dass Kommunen durch Pflichtaufgaben wie Jugendämter und Infrastruktur unterfinanziert seien, während gleichzeitig Millionen in das „Kommunale Integrationszentrum“ flößen.

Er spottete über Projekte der „Sozialindustrie“, in denen „Roma-Frauen Fahrradfahren lernen“ oder afghanische Flüchtlinge über Hexenverfolgung belehrt würden, finanziert durch Steuergelder. Zaum griff den „Moloch EU“ scharf an, der durch offene Grenzen die Kommunen mit Flüchtlingen fluten würde. In Siegen-Wittgenstein würden von 600 unberechtigt anwesenden Personen jährlich nur etwa zehn abgeschoben.
Er forderte eine „Generation Deutschland“, um junge Menschen nicht durch „60-jährige Boomer“, sondern über Identität und Heimatverbundenheit anzusprechen. Er warnte davor, sich der CDU als Juniorpartner anzubiedern, da diese „völlig schmerzfrei“ mit Grün-Links koaliere. Eine Zusammenarbeit könne es nur aus einer Position der Stärke geben, getragen von einer klaren Forderung nach Remigration.
Sven W. Tritschler: Heimat als exklusives Konzept
Sven W. Tritschler, Sprecher für Heimat und Kommunales, lieferte eine scharfe Definition von Heimatpolitik, die er als „exklusives Konzept“ gegen die „inklusive“ Lesart der CDU abgrenzte.

Er kritisierte die „Heimatschecks“ der Landesregierung als lächerliche Rückgabe von Steuergeldern und listete Projekte auf, die er als absurd empfindet, wie „Decolonize Wuppertal“ oder feministische Tanzdemos. Für Tritschler ist Heimat dort, „wo man sich nicht erklären muss“ und wo die eigenen Bräuche nicht durch fremde Sprachen oder Sitten verdrängt werden.
Tritschler warnte eindringlich vor innerparteilichen Fehlentwicklungen. Die AfD dürfe nicht in die Hände von „Glücksrittern“ fallen, denen „Pension und Dienstwagen“ wichtiger seien als der Erneuerungsauftrag. Er mahnte, das „Feuer“ müsse brennen, und forderte absolute Prinzipienfestigkeit gegenüber „bürgerlichen Feiglingen“ der CDU. Mit Blick auf den Verfassungsschutz betonte er, dass Mäßigung keine Tugend sei, wenn es um Gerechtigkeit gehe. Er schloss mit dem Zitat: „Extremismus in der Verteidigung der Freiheit ist kein Laster“.

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
Mehr dazu auf Nordstadtblogger:
LIVEBLOG: Der Jahresempfang der AfD-Fraktion Dortmund und der demokratische Gegenprotest
„Wir hier draußen sind Dortmund“ und deutliche Kritik am Vorgehen von CDU-OB Alexander Kalouti
UPDATE: OB untersagt Neujahrsempfang der AfD-Fraktion im Rathaus – Gericht gibt der AfD Recht
Protest gegen AfD-Jahresempfang im Rathaus wächst – Kundgebung auf dem Friedensplatz
Der Stadtrat in Dortmund hat sich konstituiert: Mit Stickern und ohne „Brandmauer“-Beschluss
CDU und SPD fällen Entscheidung zu Aufklebern im Rat – Neue Regelung kommt direkt zum Zug
Dortmunder „Omas gegen Rechts“ unterstützen NRW-Unterschriftenaktion für AfD-Verbot
Stresstest: Neue Zahlen zu Rechtsextremismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit

