
Sie backen Brot, pflegen den Garten, kümmern sich um die Kinder und stellen den Mann als Familienoberhaupt dar: Tradwives inszenieren auf Social Media ein Leben wie aus einer anderen Zeit. Doch hinter der Ästhetik von Sauerteig und Slow Living stecken Fragen nach Geschlechterrollen, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Überforderung. Wie viel mehr hinter dieser perfekt inszenierten Hausfrauenwelt steckt, wurde jetzt bei einem Vortrag im Dortmunder Rathaus deutlich. Die Soziologin Viktoria Rösch ordnete dort das Phänomen der sogenannten Tradwives gesellschaftlich und politisch ein.
Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Tradwife“?
Ein frisch gebackener Kuchen steht auf dem Tisch. Daneben ein Kind, das gemeinsam mit seiner Mutter Teig knetet. Im Hintergrund läuft ruhige Musik. Die Küche ist aufgeräumt, das Licht weich, die Kleidung sorgfältig gewählt. Nichts wirkt zufällig. Willkommen in der Welt der sogenannten Tradwives.

Der Begriff setzt sich aus „traditional“ und „housewife“ zusammen. Gemeint sind Social-Media-Figuren, die einen vermeintlich traditionellen Lebensstil präsentieren: Frauen kümmern sich um Haushalt, Kinder und Familie, Männer um Erwerbsarbeit und Einkommen. Tradwives wollen ein Leben darstellen, das sich stark auf das Private konzentriert. Gleichzeitig machen sie genau dieses Privatleben öffentlich.
Das unterscheidet sie grundlegend von der klassischen Hausfrau, auf die sie sich beziehen. Denn ein Social-Media-Video entsteht nicht nebenbei. Die Kamera muss positioniert, die Szene geplant und häufig mehrfach aufgenommen werden. Das Kind muss im richtigen Moment mitmachen, das Licht stimmen und das Bild am Ende möglichst mühelos aussehen. „Da steckt Arbeit dahinter“, sagt die Soziologin Viktoria Rösch. Das vermeintliche Leben abseits der Öffentlichkeit wird damit selbst zur öffentlichen Performance. Und teilweise auch zum Geschäftsmodell.
Das Phänomen entstand Mitte der 2010er-Jahre in den USA und verbreitete sich anschließend international. Besonders während der Corona-Pandemie gewann es an Sichtbarkeit. Vor allem in den USA gibt es Tradwives, die mit ihrem Content Geld verdienen und damit teilweise sogar zum Haushaltseinkommen beitragen. In Deutschland ist der Markt laut Vortrag noch kleiner, es gibt aber bereits Kooperationen und Werbung.
Die „gute alte Zeit“ als Social-Media-Projektion
Vor allem die 1950er-Jahre dienen den Tradwives als Vorlage. Zu sehen sind klassische Familienbilder, Frauen in der Küche und Männer als Ernährer. Das zeigt sich besonders beim sogenannten „From scratch“-Trend. Brot, Kuchen oder andere Lebensmittel werden vollständig selbst hergestellt, teilweise vom Mahlen des Mehls bis zum fertigen Produkt. Tätigkeiten, die früher aus Notwendigkeit erledigt wurden, erscheinen heute als bewusste Entscheidung für ein entschleunigtes Leben.

Die Kehrseite dieses Bildes verschwindet aus dem Feed. „Was aber total vergessen wird, sind beispielsweise die Kriegstraumata, […] andere gewaltvolle Momente.“ Auch die Tatsache, dass Frauen bereits damals gearbeitet haben oder arbeiten mussten, passe nicht in das nostalgische Bild.
Die weniger idyllischen Seiten dieser Zeit verschwinden dagegen aus der Inszenierung: Die Vergangenheit wird damit nicht einfach abgebildet, sondern ästhetisch neu zusammengesetzt.
„Mein Mann führt nicht, weil ich es nicht könnte, sondern weil ich ihm vertraue“
Das Tradwife-Modell bleibt allerdings nicht immer bei der Frage stehen, wer kocht und wer arbeitet. Teilweise wird daraus eine Hierarchie. In einem im Vortrag gezeigten Social-Media-Beitrag heißt es: „Traditionelle Geschlechterrollen bedeuten keine Unterdrückung, sondern Umsorgung. Mein Mann führt nicht, weil ich es nicht könnte, sondern weil ich ihm vertraue.“

Die Aussage beschreibt einen zentralen Widerspruch des Phänomens: Die Unterordnung wird nicht als Zwang dargestellt, sondern als selbstbestimmte Entscheidung. Die Soziologin spricht hier von einer „selbstgewählten weiblichen Hingabe“ beziehungsweise „selbstgewählten weiblichen Unterwerfung“ unter den männlichen Partner.
Gerade die Freiwilligkeit sei für viele Tradwives entscheidend. Sie wollen nicht als unmündige Frauen wahrgenommen werden, sondern als Frauen, die sich bewusst für dieses Rollenmodell entschieden haben. Problematisch kann es dort werden, wo aus der Rollenverteilung konkrete Verhaltensregeln für Beziehungen werden. Ein Beispiel aus dem Vortrag: Eine Creatorin erklärt, sie schicke ihrem Mann selbstverständlich ihren Live-Standort, sobald sie das Haus verlässt.
Die Botschaft dahinter lautet: Es gehe nicht darum, völlig unabhängig voneinander zu leben, sondern um Vertrauen und Verbundenheit. Doch ständige Standortkontrolle kann auch etwas anderes bedeuten: Kontrolle. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Geld. Wenn der Mann selbstverständlich die Kontrolle über die Finanzen übernimmt, ist die Frage nicht mehr nur, wer das Einkommen verdient. Es geht auch darum, wer innerhalb einer Beziehung Entscheidungsmacht besitzt.
Wenn aus Tradition Ideologie wird
Der Tradwife-Trend hat auch eine politische Seite. Denn manche Inhalte bleiben nicht bei Sauerteigbrot und Hausarbeit stehen, sondern verbinden das traditionelle Familienbild mit rechtsextremen oder rechtskonservativen Vorstellungen.

Die Soziologin warnt allerdings davor, alle Tradwives pauschal in die rechte oder rechtsextreme Ecke zu stellen. Entscheidend sei vielmehr, welche politischen Botschaften mit dem Rollenbild verbunden werden. In Teilen der Szene wird die klassische Familie als Grundlage einer vermeintlich „natürlichen“ Gesellschaftsordnung dargestellt: Der Mann als Versorger und Entscheider, die Frau als Mutter und Hausfrau.
Teilweise geht damit die Vorstellung einher, dass genau dieses Familienbild vor einem angeblichen gesellschaftlichen Verfall schützen müsse. In rechtsextremen Milieus können traditionelle Vorstellungen von Familie zudem mit politischen Vorstellungen von Nation, „Volk“ und Abstammung verknüpft werden. Familie wird dann nicht mehr nur als private Lebensentscheidung verstanden, sondern als Teil einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung.
Gerade Social Media kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Politische Botschaften müssen nicht mit offenen rechtsextremen Parolen beginnen. Sie können auch über scheinbar unpolitische Bilder von Familie, Mutterschaft und einem „traditionellen“ Leben vermittelt werden. Aus dem idyllischen Küchenvideo kann so eine politische Vorstellung von Geschlechterrollen entstehen, in der Gleichberechtigung, Feminismus oder gesellschaftliche Vielfalt abgelehnt oder als Bedrohung dargestellt werden.
Gender-Care-Gap: Die Arbeit, die niemand sieht
Ist der Tradwife-Trend also eine neue Form der Retraditionalisierung? Nicht unbedingt, sagt Viktoria Rösch. Denn so traditionell, wie die Bilder wirken, ist das Leben der Tradwives gerade nicht. Sie entscheiden sich bewusst für dieses Rollenmodell, produzieren öffentlich Inhalte und können mit ihrem vermeintlich privaten Alltag sogar Geld verdienen. Möglich ist diese „freiwillige Unterordnung“ überhaupt erst durch die Freiheiten, die Frauen durch emanzipatorische Bewegungen gewonnen haben.

Gleichzeitig knüpft der Trend an ein reales gesellschaftliches Problem an: die Überforderung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Frauen sollen arbeiten, Karriere machen, Mütter sein und gleichzeitig den Familienalltag organisieren. Wie ungleich Haus- und Sorgearbeit noch immer verteilt ist, zeigt der sogenannte Gender Care Gap.
Er beschreibt den Unterschied zwischen der Zeit, die Frauen und Männer im Durchschnitt für unbezahlte Sorgearbeit aufwenden, also etwa für Kinderbetreuung, Kochen, Putzen oder die Pflege von Angehörigen. In Deutschland liegt dieser Unterschied laut den im Vortrag genannten Zahlen bei 44,3 Prozent. Frauen übernehmen damit deutlich mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer.
Das ist auch eine politische Frage. Denn wer sich zu Hause um Kinder und Haushalt kümmert, arbeitet zwar, verdient damit aber in der Regel kein eigenes Einkommen und zahlt dadurch weniger in die eigene soziale Absicherung ein. Gleichzeitig können politische Rahmenbedingungen beeinflussen, wie leicht sich Erwerbsarbeit und Familie miteinander verbinden lassen, etwa durch die Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen, Arbeitszeitmodelle, Elterngeld oder die steuerliche Behandlung von Ehepaaren.
Der Trend lässt sich deshalb nicht allein als gesellschaftlicher Rückschritt verstehen: Er reagiert auch auf die Frage, warum Gleichberechtigung im Alltag noch immer nicht selbstverständlich funktioniert.
Mehr Informationen:
- Die Veranstaltung gehört zum Projekt „DEMOKRATIE FÜR ALLE!“.
- Organisiert wurde der Abend gemeinsam mit der Integrationsagentur der AWO UB Dortmund und dem Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund.
- Gefördert wurde
- die Veranstaltung durch das Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

