Zwischen fehlender Teilhabe und Pessimismus; Kinderarmut: Eine ungerechte Realität

Fast jedes dritte Kind in Dortmund von Armut betroffen   

Publikum lauscht einer Podiumsdiskussion
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Reges Interesse und ein voller Westfalen Saal beim Vortrag zur Kinderarmut im Rathaus.

Von Silvester Schultes

Kinderarmut ist besonders in Dortmund großes Problem. Um jenes Problem zu diskutieren hat die Rathausfraktion GRÜNE & Volt zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Thema war neben Fakten und Zahlen, gegenwärtige Problempunkte und wie man aus der Vergangenheit lernen kann, wodurch Lösungsansätze wie sogenannte ,,Mentoring-Programme“ zum Einsatz kommen könnten.  

Von der Geburt bis zum Tod: Armut zieht sich durch die Biographie 

Als eine „unheimlich gute Evidenz” bezeichnet der Soziologe Aladin El-Mafaalani die Korrelation zwischen Armut und Auswirkungen auf Gesundheit, Bildung und späteres Einkommen.  Schon vor der Einschulung seien Unterschiede zwischen Kindern aus einkommensbenachteiligten und privilegierten Haushalten immens.

Zwei Personen Portrait
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Dezernentin Monika Nienaber-Willaredt und Soziologe Prof. Dr. Aladin El – Mafaalani.

Diese werden in der Grundschule zwar nicht größer zwar, blieben aber gleich, so El-Mafaalani. Spätestens beim Übergang in die weiterführende Schule wird die Kluft zwischen den Schichten größer. Das ist sichtbar, wenn auf den Schulsozialindex geblickt wird.

Jener wird als ein Instrument zur Ermittlung der sozialen Situation und Ressourcen einer Schule. „Je höher der Schulsozialindex ist, desto geringer ist der Anteil der Gymnasialempfehlungen” sagte Monika Nienaber-Willaredt, Dezernentin für Schule, Jugend und Familie.  

Nord-Süd-Gefälle: Passende Angebote statt mehr Sozialarbeiter:innen

Kinderarmut und die mit einhergehenden sozioökonomischen Probleme in Dortmund seien ungleich verteilt. Dabei sei die Verteilung sehr unterschiedlich und man müsse die Sozialräume betrachten, um ein realistisches Bild zu erhalten.  

Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Monika Nienaber-Willaredt (Dezernentin Schule,Jugend und Familie)

„Wir haben Sozialräume, in welchen über die Hälfte der Kinder von Grundsicherung leben und Sozialräume, in denen unter zehn Prozent der Kinder SGB II beziehen“, sagte Nienaber-Willaredt.  

Schnell lasse sich ein schon nahezu bekanntes Nord-Süd-Gefälle in Dortmund erkennen: Der privilegierte Süden mit Vierteln wie Hombruch und der benachteiligte Norden mit der Nordstadt.  

Die Dezernentin verteidigt die hohe Dichte an Sozialarbeiter:innen in der Nordstadt vor Kritiker:innen. Jedoch brauche es zusätzlich dazu mehr Angebote, die auf Alter, Geschlecht, Bedürfnisse und Lebenslagen der Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind. Denn soziale Zusammensetzungen und Kindheiten seien heterogener als je zuvor, weshalb man auch entsprechend handeln müsse.  

Berichte aus der Praxis: Herausforderungen und Erfolge 

Für Hiltrud Schröder, Vertreterin des Dortmunder Modellprojektes Kindercampus, gehe Kinderarmut weit über das Materielle hinaus. Armut sei auch ein Fehlen von Bildungsangeboten und Beziehungszeit, da Eltern von Familien aus prekären Verhältnissen oftmals kaum Zeit neben der Arbeit aufwenden können. 

Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Hiltrud Schröder ist Campusmanagerin am KinderCampus Westerfilde & Bodelschwingh

„Ich habe festgestellt, dass sehr viele Kinder noch nie die freie Natur gesehen haben. Wenn wir mit ihnen Ausflüge machen, zum Beispiel in einen Wildpark, ist das für viele immer sehr überwältigend“, so Schröder.

Laut Regina Grabe von der Kindertafel, bestünden Familien durch die steigenden Kosten und hohen Belastungen sehr unter Druck. Dadurch seien viele Familien resigniert. „Leider ist es oft so, dass dann bei den Kindern gespart wird, sie können dann nicht wie andere Kinder mal ins Kino oder zum Eislaufen gehen.” 

Das führe zu Ausgrenzung durch fehlende Teilhabe. „Für sie ist das nicht möglich, was für andere selbstverständlich ist und sie können am wenigsten dafür“, so Grabe. 

Da wo der Staat scheitert müssen die Bürger:innen helfen

Aladin El-Mafaalani vergleicht die Einstellung von ärmeren Milieus damals und heute. Damals sei die Armut im Vergleich zu heute drastischer gewesen, jedoch herrschte innerhalb des Milieus der Glaube an den sozialen Aufstieg.

Beamerfoto mit der Aufschrift * Kinderarmut ,Armutszeugnis unserer Gesellschaft*
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Bei der Veranstaltung waren Gäste aus Politik, Sozialem und Wirtschaft vor Ort.

Dieser „Gestaltungsoptimismus”, die rationale Überzeugung etwas ändern zu können, sei durch eine kleiner werdende soziale Mobilität nicht mehr vorhanden und von einer Resignation ersetzt worden, was sich natürlich auf die Einstellung und Ideen der Selbstwirksamkeit der Kinder auswirke, so El-Mafaalani.

Es fehle es dem Staat an Geld und den Schulen an Ressourcen, um dieser Resignation entgegenzuwirken. Da wo der Staat scheitert, müsse die Zivilgesellschaft die Aufgabe übernehmen, Kinder aus dieser Resignation herauszuhelfen. Der Staat solle dabei eine unterstützende und koordinierende Rolle einnehmen, so El-Mafaalani.

Aus der Vergangenheit lernen: Rentner:innen als Mentor:innen

Der demographische Wandel solle hierbei zum Nutzen gemacht werden und Rentner:innen als Mentor:innen für circa sechs Stunden pro Woche zunächst für sozial benachteiligte Kinder, aber irgendwann für Kinder aus allen Gesellschaftsschichten fungieren. ,,Nee, alle kriegen einen! […] [,dass] auch alle Südstadtkinder einen bekommen, aber die bekommen ihn erst sekundär.“

Zwei Personen Portrait
Foto : Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Serkan Sanitär ( Stadtteilschule) und Regina Grabe (Kindertafel)

„Jeder Mensch ab 60 müsste fast ein Schamgefühl entwickeln, wenn er sich nicht kümmert. Da muss man hin, dann hat man auch diese ganzen Barrieren und Stigmatisierungen nicht mehr“, so El-Mafaalani.

Dass so ein Konzept auch in der Praxis funktioniert, erzählt Regina Grabe anhand eines Beispiels von einem Mädchen, das sich ihr Zimmer mit vier Geschwistern teilte und lange Strecken zur Bücherei fahren musste.

„Diesem Mädchen konnten wir eine Mentorin zur Seite stellen. Mittlerweile studiert sie, wohnt nicht mehr zu Hause in dieser Enge und ist sehr glücklich“, so der Soziologe.

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