Wie ein Unglück in Novi Sad zu einem politischen Erdbeben und einem Machtwechsel wurde

Gedenken: Sechzehn Minuten Stille in Dortmunds Partnerstadt

Screenshot eines Luftbildes aus den ZDF Nachrichten
Screenshot: ZDF Heute Am zweiten Jahrestag gab es ein großes Gedenken in Novi Sad – eine Woche nach den Neuwahlen.

Sechzehn Minuten Stille: Tausende Menschen haben am Sonntag in Novi Sad an die Opfer des Bahnhofsunglücks erinnert. Zwei Jahre ist es her, dass in Dortmunds serbischer Partnerstadt das frisch renovierte Vordach des Bahnhofs einstürzte und 16 Menschen unter sich begrub. Das Gedenken fiel in diesem Jahr in eine besondere Situation. Nur eine Woche zuvor hatte die Protestbewegung, die aus der Wut über das Unglück entstanden war, die Parlamentswahl gewonnen und die Ära von Aleksandar Vučić vorerst beendet.

Aus Trauer wurde Wut und aus Wut die größte Protestbewegung seit Jahrzehnten

Um 11.52 Uhr am 1. November 2024 stürzte das Betonvordach des Bahnhofs ein. Unter den Toten war auch die sechsjährige Sara. Der Bahnhof war in den Monaten zuvor aufwändig renoviert worden. Für die damalige Regierung war das Teil eines Prestigeprojekts. Das Gebäude war zweimal feierlich neu eröffnet und für sicher erklärt worden, obwohl offenbar keine Betriebsgenehmigung vorlag. Generalunternehmer war eine chinesische Firma, viele Arbeiten übernahmen jedoch lokale Unternehmen. Nach Recherchen des Journalisten Christoph Baumgarten standen viele dieser Firmen der Regierungspartei SNS nahe.

Die Regierung bestritt zunächst, dass das Vordach überhaupt Teil der Renovierung gewesen sei. Für viele Menschen in Serbien stand trotzdem schnell fest, dass Korruption und Vetternwirtschaft das Unglück verursacht hatten. Vor allem Studierende gingen auf die Straße. Sie besetzten Universitäten, blockierten Straßen und brachten über Monate regelmäßig Hunderttausende auf die Straße. Ihre Forderungen: Aufklärung, ein Ende der Korruption, funktionierende Behörden und schließlich vorgezogene Neuwahlen. Die Staatsmacht reagierte mit Polizeigewalt, Druck auf die Justiz und Desinformationskampagnen. Die Ermittlungen zum Einsturz kamen kaum voran.

Foto: Christoph Baumgarten/ Balkan Stories Am Hauptbahnhof in Dortmunds serbischer Partnerstadt Novi Sad ereignete sich das schwere Unglück, welches gigantische politische Wellen schlug.

Auch in Dortmund war die Solidarität mit der Bewegung spürbar. Zum ersten Jahrestag hatten Die Linke Dortmund, der SDS an der TU Dortmund und die Linksjugend [’solid] eine Gedenk- und Informationsveranstaltung am Platz von Novi Sad am Schwanenwall organisiert. Die Teilnehmenden schwiegen 16 Minuten lang, ließen weiße Luftballons aufsteigen, zündeten Kerzen an und legten weiße Rosen nieder.

„Novi Sad ist eine Partnerstadt Dortmunds. Es ist eine Schande, dass es keine offizielle Gedenkveranstaltung gibt“, kritisierte damals die Dortmunder Bundestagsabgeordnete Sonja Lemke (Die Linke). Die 2. Bürgermeisterin Barbara Brunsing (Grüne) erklärte: „Unsere Gedanken sind bei den mutigen Menschen in Novi Sad, die trotz Repression für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte aufstehen.“ Auch in diesem Jahr gab es kein Gedenken.

Zwischen Erschöpfung und Angst: Der Alltag in Novi Sad blieb lange von dem Unglück geprägt

Wie sehr die Katastrophe die Stadt auch eineinhalb Jahre später noch prägte, beschrieb Christoph Baumgarten im Juni in einem Gastbeitrag für die Nordstadtblogger. Er beobachtete die Menschen vor dem Bahnhof, wo 16 rote Herzen an die Opfer erinnern, zwischen offener Trauer, Wut, Resignation und Abgestumpftheit. Die meisten hätten nicht mehr die Kraft, jeden Tag um die Toten zu trauern, schrieb er.

Vergessen hätten sie sie aber nicht. Ein Freund des Autors schilderte seine Angst vor jeder Zugfahrt: „Früher habe ich Bahnfahrten genossen. Seit dem 1. November habe ich nach wie vor jedes Mal Angst, wenn ich mit dem Zug nach Beograd fahre.“

Der Bahnhof, nach Belgrad der zweitwichtigste des Landes, war zu diesem Zeitpunkt noch immer gesperrt und nicht repariert. Bauarbeiten waren nicht zu sehen. Angeklagt worden war bis dahin niemand, weder Bauunternehmer noch Prüfer noch die Politikerinnen und Politiker, die die Aufträge vergeben hatten.

Historischer Wahlsieg der Studentenliste beendet zwölf Jahre Vučić-Herrschaft

Bei der vorgezogenen Parlamentswahl am 25. Oktober kam die „Studentenliste“ nach vorläufigen Ergebnissen auf rund 53 Prozent der Stimmen, das SNS-Bündnis auf etwa 39 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 69 Prozent und damit so hoch wie seit 1992 nicht mehr. Vučić war Ende September als Staatspräsident zurückgetreten, um als Spitzenkandidat der SNS für das Amt des Regierungschefs anzutreten. Noch am Wahlabend räumte er seine Niederlage ein.

Screenshot eines Luftbildes aus den ZDF Nachrichten
Screenshot: ZDF Heute Am zweiten Jahrestag gab es ein großes Gedenken in Novi Sad – eine Woche nach den Neuwahlen.

Auf den Wahlsieg und das Gedenken angesprochen, sagten Teilnehmende dem ZDF, sie fühlten sich nach der Wahl frei. Sie hätten hart für diesen Moment gearbeitet, auch wenn der Anlass tragisch sei. Bis das neue Parlament zusammentritt und eine Regierung steht, dürften noch Wochen vergehen. Die Studierenden machen aber schon jetzt Druck, fordern Rücktritte und Ermittlungen und haben damit ersten Erfolg.

Nach Angaben des ZDF entließ das bislang regierungstreue Staatsfernsehen leitende Redakteure, die Intendantin trat zurück. Auch die Staatsanwaltschaft will die unter Vučić ausgebremsten Ermittlungen zum Einsturz in Novi Sad wieder aufnehmen.

Politisch unerfahrene Fachleute und ein Ex-Präsident, der auf seine Rückkehr setzt

Beobachterinnen und Beobachter halten einen grundlegenden Umbruch mit systemischen Reformen für möglich. Ob der gelingt, ist offen. Wählerinnen und Wähler von links bis rechts haben der Studentenliste ihre Stimme gegeben. Wie sie sich in der Regierung politisch ausrichten wird, ist noch unklar, denn Fragen wie EU-Beitritt, Russland oder Kosovo hat die Liste im Wahlkampf bewusst offen gelassen.

Spitzenkandidat ist der Arzt Ilija Srđanović. Die Kandidierenden sind überwiegend Fachleute aus Medizin, Wissenschaft und Kultur, politische Erfahrung haben sie aber kaum. Das ist ihnen nach eigener Aussage bewusst. Sie rechnen mit Widerstand gegen die neue Regierung, glauben aber nicht, dass Vučić noch eine Chance habe.

Der ehemalige Präsident sieht das anders. Am Samstag, dem Vortag des Jahrestags, veröffentlichte er nach ZDF-Angaben ein Video mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und einer gemeinsamen Botschaft: „Wir kommen zurück.“ Das wollen auch die Menschen in Dortmunds Partnerstadt verhindern. Sie hoffen auf eine bessere Zukunft und eine neue Annäherung an die Europäische Union.


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